Taser für alle! (und zwar umsonst)

Kolumnist Sören Heim erklärt, wie man mit der Coronakrise eigenverantwortlich umgehen kann und löst nebenbei noch die anderen drängenden politischen Probleme unserer Zeit.


Eigenverantwortung brauchts. Vor allem mehr Eigenverantwortung! Dann wird schon alles gut. So etwa schallte es allenthalben denen entgegen, die für kollektive Probleme kollektive Lösungen forderten. Ach was, kollektive Probleme. Die gibt es doch gar nicht. Große Probleme sind zusammengesetzt aus vielen Einzelproblemen. Oder nicht? Eigenverantwortung wird hier und da auch noch als Königsweg durch die Corona-Krise angepriesen. Aber so richtig hat sich diese Idee nicht durchsetzen können.

Das Ende des eigenverantwortlichen Zeitalters? Mitnichten. Die Sache wurde einfach noch nicht weit genug gedacht. Was es jetzt braucht, sind Taser für alle.

„Taser für alle?“, werden Sie sagen. „Das fordert der Heim doch bei jeder Gelegenheit. Der ist doch nicht mehr ganz knusper. Das hält der doch für die Lösung aller politischen Probleme.“

So ist es, verdammt . Wir brauchen mehr Ellenbogen. Also: Elektrische Ellenbogen. Ist doch klar: Wenn „in Corona“ jeder selbst bestimmen soll, was er sich an Risiko zumutet, muss ich auch das Risiko gegenüber meinen Nächsten kontrollieren können . Und das heißt: Abstand sicherstellen. Wer zu nah kommt, wird getasert.

Und solche universellen Taser lösen eben auch noch ganz andere Probleme. Die Wohnungskrise z.B. Sehen Sie, es ist ja so, dass manche Menschen keine Wohnung haben. Und andere haben eine. Und wer eine Wohnung hat, hat wahrscheinlich auch Geld. Z.B. für einen Taser. Wenn ich nun also so eine günstige Wohnung entdecke, und so ein Bonze ist wieder mal schneller, welche Chance habe ich dann? Nun, wenn ich auch einen Taser hätte, käme das ganz auf unsere Reflexe an. Das Problem ist einfach, dass die Armen keine Taser haben.

Oder: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie unhöflich die Leute heute zueinander sind? Jugendliche, die einem auf der Straße nachschreien, Bekannte, die einfach nicht grüßen. Postboten, die zerbrechliche Lieferungen auf den Balkon schmeißen. Ich glaube, die Menschen würden sich sehr genau überlegen, wen sie ärgern, wenn jeder einen Taser hätte. Und Postboten mit Taser? Vielleicht würden die dann endlich mal vernünftig bezahlt werden.

Nein, sagen sie, das gäbe doch nur Mord und Totschlag? Die Menschheit hätte bald nichts anderes mehr zu tun, als sich gegenseitig zu tasern, nichts würde mehr erledigt, nur noch zuckende Gliedmaßen in den Straßen? Wunderbar! So bekämpfen wir mit unseren Tasern für alle auch noch den Klimawandel und bringen die Loveparade in zeitgemäßer Form zurück.

Der Liberalismus sei tot heißt es, und dann und wann werden lächerliche Wiederbelebungsversuche gestartet, die den gesellschaftlichen Grundsatz des Kampfes aller gegen alle nicht antasten sollen, aber die Startbedingungen angleichen, als sei das Leben eine einzige große Sportveranstaltung. Da werden dann verrückte Dinge in den Raum geworfen: die eine Erbschaft für alle oder gleich die Abschaffung des Erbens, was ja grundsätzlich in Aporien führt. Denn natürlich sollte konsequenter Liberalismus ebenso einschließen, dass im Spiel des Lebens, im ewigen Hauen und Stechen, alle die gleichen Startbedingungen haben, wie auch dass Verträge unbedingt zu respektieren sind, wozu natürlich auch testamentarische Verfügungen zählen.

Aber selbst wenn man sich wischiwaschi-sozialliberal auf so eine Lebenserbschaft (und keinesfalls auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, das würde uns Kämpfer ja verweichlichen, vielleicht würden einige gar nicht mehr arbeiten wollen) einigte: Wer sollte das denn bezahlen?

Nein, vergesst den ganzen Unsinn gleich wieder. Taser für alle. Das ist klar, das ist eindeutig, und es kann alle anderen politischen Forderungen ersetzen. Der Staat wird vor allem zum gigantischen Taser-Ausgabe-Apparat und kann sich ansonsten weitgehend zurückzuziehen. Nur zum aus dem Verkehr ziehen möglichst aller Schusswaffen wird es noch staatliche Institutionen brauchen, die dann absterben können. Wenn am Ende alle nur noch Taser haben, kann auch das Verbrechen legalisiert werden, womit die Kriminalitätsrate auf Null gesenkt wird. Selbst schuld, wer einen Taser besitzt und sich dann trotzdem ausrauben lässt.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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