Der älteste Roman der Welt? Nicht unbedingt. Doch es lohnt, „Die Geschichte von Genji“ zu lesen.

Über „Die Geschichte von Genji“ kursieren viele Gerüchte und Superlative. Man sollte ich davon nicht abhalten lassen, den japanischen Klassiker zu lesen, findet Literaturkolumnist Sören Heim.


Mein Interesse an Die Geschichte von Genji (Genji Monogatari) wurde bald geweckt, nachdem ich den chinesischen Klassiker Der Traum der roten Kammer abgeschlossen hatte. Dabei haben die Bücher so viel miteinander gar nicht zu tun. Beide zählen knapp beziehungsweise über 2000 Seiten, beide stammen ganz grob gesprochen aus dem ostasiatischen Raum, und das war es eigentlich schon. Die Werke stehen sich formal oder inhaltlich nicht näher als sagen wir Das Lied von Eis und Feuer und The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Nein, selbst das stimmt nicht. Es gibt in Europa und den ehemaligen Kolonialstaaten wahrscheinlich keine zwei Prosawerke, zwischen denen so viel Zeit steht, und die sich dennoch irgendwie vergleichen lassen. Die Geschichte von Genji wurde um das Jahr 1000 von der Hofdame Murasaki in Japan verfasst, Der Traum der roten Kammer ist dagegen schon beinahe ein frühmoderner Roman, er stammt aus dem 18. Jahrhundert. Beide Staaten, Japan wie China, pflegten dazwischen eine fast ungebrochene Literatur-Tradition. Deshalb macht wiederum auch ein Vergleich mit dem Verhältnis von etwa Alexanderroman (Spätantike) und Goethe wenig Sinn – hier gab es einen großen literaturhistorischen Bruch. Trotz all dem ist es auch wiederum recht naheliegend, dass die beiden Werke oft in einem Atemzug genannt werden. Alleine schon, weil es sich um zwei ganz große Romane der Weltliteratur handelt, mit denen man selbst auf europäischen Universitäten, und selbst in einem so breit aufgestellten Fach wie „Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft“ kaum in Kontakt kommt. Der Traum der roten Kammer wird bei weitem der Roman bleiben, den ich von beiden vorziehe und eher noch als Die Geschichte von Genji werde ich Das Kopfkissenbuch noch einmal lesen. Dennoch, wenigstens ein oder zwei Mal sollte man sich durch die 2000 Seiten gearbeitet haben. Meiner Besprechung liegt die bei Manesse neu aufgelegte Übersetzung aus dem Altjapanischen von Wolfgang Benl zugrunde, nicht die Zweitübersetzung von Herberth E. Herlitschka nach Arthur Waley, die bei Insel erschienen ist.

Nicht so kompliziert, wie behauptet

Über Die Geschichte von Genji las ich, es handele sich um einen Text, in dem der moderne Leser aufgrund wechselnder Namen der Figuren (die oft nach ihren Titeln benannt werden) leicht die Übersicht verliere. Es sei ein ungeheuer vielschichtiger, vielleicht der erste psychologische, Roman. Und was nicht noch alles an Superlativen. Auch vom „ersten Roman überhaupt“ wird gesprochen.

Ich möchte hier ein wenig auf die Bremse drücken, auch um Lesern den Einstieg nicht zu erschweren. Im Großen und Ganzen ist Die Geschichte von Genji eine sehr lineare Erzählung, in deren Mittelpunkt immer der adelige Genji steht. Er hat einige Liebschaften, und die Tochter einer früh verstorbenen Liebschaft, die besonders schön ist, nimmt er zu sich. Viel Zeit wird damit verbracht, klarzumachen, dass es sich um eine andere Art von Liebe, eine keusche, handele, aber das hätte der Roman besser verkauft, stiege Genji nicht, sobald das Mädchen halbwegs das richtige Alter erreicht (nach den Standards der damaligen Oberschicht, nicht nach unseren) doch zu ihr aufs Lager. Auch die Leben einer Handvoll weiterer Figuren werden bis ins hohe Alter verfolgt, oft steht am Ende eine buddhistische Abkehr von der Welt und die Entscheidung, ins Kloster zu gehen. Aber ich sehe wirklich nicht, wie man in diesem Buch den Faden verlieren kann. Genji ist der Faden, und bis zu seinem Tod nach etwa 1500 von 2000 Seiten ist Genji immer da. Auch die Psychologie, die vermittelt wird, ist relativ einfach: Männer wollen vor allem das eine, und Frauen auch, doch für Frauen ist es relativ wichtig, dass der Hauptpartner von gehobenem Rang ist. Dann kann man sich auch einmal nebenbei vergnügen. Die Beschreibung der Sexualität deckt sich stark mit dem Kopfkissenbuch; auch darin, dass Menschen außerhalb der obersten Gesellschaftsschichten praktisch nicht vorkommen, nicht mal als Nebenfiguren, ähneln sich die beiden Bücher. Trotzdem ist es natürlich faszinierend, da einzutauchen: Wie die japanische Oberschicht vor gut tausend Jahren geliebt und gefeiert hat, welche Ängste man ausstand, die hohe Bedeutung der Literatur und besonders der Dichtkunst, der Einfluss der Religion(en), besonders des Buddhismus, und die Tricks, die man auch damals anwandte, um sich gläubig zu fühlen, sich aber doch nicht zu stark vom Glauben im alltäglichen Leben einschränken zu lassen. Literarisch begeistern immer wieder melancholische Betrachtungen zu Frühling und Herbst (der Streit, welches die „bessere“ Jahreszeit sei, ist ein Leitmotiv), in denen jahreszeitliche Phänomene und Gefühle zu dichten Bildern verwoben werden.

Durchweg ein Genuß wie Der Traum der roten Kammer, um auf den schiefen Vergleich zurückzukommen, ist die Geschichte von Genji allerdings nicht. Jener Roman bringt ein gleichberechtigtes Set zahlreicher runder Figuren in immer neue nachvollziehbare Beziehungen zueinander, ist in der Übersetzung von Rainer Schwarz und Martin Woesler durchgängig auf einem sprachlichen Niveau, das Die Geschichte von Genji nur in den melancholischen Naturszenen erreicht (Genji liest sich doch oft auch einfach wie ein faktenorientiertes Geschichtsbuch), und ist einfach in allen Belangen berührender, mitreißender, oft auch überraschender. Wer nur Zeit hat für einen 2000-Seiter, greife in jedem Fall zu Der Traum der roten Kammer.

Welche Übersetzung lesen?

Zur Neuübersetzung fand ich einen interessanten Kommentar auf Amazon, den man im ersten Moment beiseite wischen möchte, der aber doch bedenkenswert sein könnte. Da wird moniert, die Insel-Übersetzung aus dem Englischen sei deutlich detailreicher, Benl dagegen lasse unglaublich viel weg. Wie genau es dazu kommt, ob Herlitschka oder sein Vorbild Waley einfach unglaublich viel erfunden haben, kann ich natürlich nicht sagen. Während die älteste japanische Literatur noch auf chinesisch geschrieben wurde, und das Literaturchinesisch notorisch verdichtend wirkt, sodass jede Lektüre eigentlich eine Interpretation in einem viel weiteren Sinne als etwa bei einem Roman in deutscher Sprache ist, was die Unterschiede leicht erklären würde, weiß ich nicht, ob das für das Altjapanische noch gilt. Auch wundert mich, dass das „ausführlichere“ Buch von Herlitschka im Ganzen dann wiederum so deutlich kürzer ist als die direkt Übersetzung (Es fehlen „nur“ ca. 10 Kapitel). Es mag aber sogar durchaus sein, dass die freie Interpretation von Herlitschka, die den Originaltext gar nicht kennt, am Ende das schönere Buch in deutscher Sprache ist. Es wäre dann eben ein anderer Roman, auf Basis der Geschichte von Genji. Bis zu einem gewissen Grad wird man das sogar von der Direkt-Übersetzung sagen müssen, wo doch zwischen Text und Bearbeitung 1000 Jahre und große kulturelle Unterschiede stehen. Ich werde im Detail nicht prüfen, welche Version sich genussvoller liest. Dafür hat mich Die Geschichte von Genji dann doch zu wenig fasziniert. Intuitiv empfehle ich aber die vollständige Neuübersetzung. Etwas sperrt sich einfach in mir, einen Text zu lesen, von dem ich weiß, dass Kapitel, der intendierte Schluss und weitere Passagen fehlen. Zumindest, wenn ich weiß, dass diese eigentlich vorliegen. Aber wer nicht so viel Geld ausgeben möchte, kann sicher auch mal bei Insel schauen.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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