Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

Billiges Fleisch stellt kein Grundrecht dar, sagt Kolumnist Henning Hirsch. Die Menge muss runter und der Preis rauf

(c) Alicja auf: pixabay

Jedes Volk hat seine heiligen Sitten und Gebräuche, von denen es nur ungern lassen möchte. So pochen die Amerikaner auf den zweiten Verfassungszusatz, der ihnen zugesteht, jeden, der in ihren Vorgarten uriniert, ungestraft erschießen zu können. Die Briten wiederum mögen sich eine Welt ohne 24/7 Dart-Turniere im TV nicht vorstellen. Die Italiener liefen Amok, falls man ihrer geliebten Pasta Eigelb beimischte. In Spanien läge Revolution in der Luft, wenn eine Regierung es wagen sollte, die Stierkämpfe zwischen Granada und Bilbao zu verbieten. Die Japaner sind ganz verrückt auf irgendwas, was mir aber im Moment gerade nicht einfällt. So hat eben jedes Volk seine speziellen Eigenheiten, die es widerstandslos auf gar keinen Fall hergibt.

Grillen: ne deutsche Passion

Was dem Amerikaner das halbautomatische Sturmgewehr ist uns Deutschen der Grill. Ein besonders edles Gerät muss es sein. Ich kenne Haushalte, die investieren in die Anschaffung eines Weber Smokefire mehr Kohle als in die Bildung ihrer Kinder. Und damit sich diese Anlage amortisiert, muss das Teil ständig unter Pellets bzw. Gas gehalten werden. Gibt Tage, an denen in unserem Stadtviertel Weber-Smokefire-bedingt mehr Smog herrscht als auf dem Autobahnring in Los Angeles zur Rush Hour. Von den Gerüchen ganz zu schweigen. Eine empfindliche Nase darf man bei uns im Sommer nicht haben.
Und auf den Grill kommt was drauf?
Richtig: (Billig-) Fleisch.

Ich will Sie jetzt gar nicht damit langweilen, dass bei meinen Großeltern Fleisch bloß am Wochenende auf den Tisch kam: der sagenumwobene Sonntagsbraten. Und auch meinen Eltern war täglicher Fleischkonsum fremd. Der Verzicht gründete nicht auf esoterischen Essgewohnheiten oder Mitleid mit dem Schwein, das im Schlachthof sein Leben für unser Schnitzel lassen muss, sondern basierte rein auf Sparsame-Hausfrau- Erwägungen: Fleisch galt bis weit in die 70er Jahre hinein als Luxusgut.

Das änderte sich im darauf folgenden Jahrzehnt, und wir Deutsche gewöhnten uns an die Dauerzufuhr von Kotelett, Bratwurst, Sahnegulasch und doppellagig Schinken auf der Frühstückssemmel. Gab’s plötzlich alles niedrigpreisig im Discounter und noch dazu ständig im Sonderangebot. Ein wahrer Fleischrun setzte ein. Das Volk war auf Billigfleisch. Ganz egal, wo es herkam, welche Wälder dafür gerodet werden mussten, unter was für grausamen Bedingungen die Transporte abliefen, ob die Schlachtmethoden halbwegs „human“ über die Bolzenschussrampe gingen. Ein Tag ohne Doppel-Whopper und ne 30er Packung Chicken Nuggets war mit einem Mal unvorstellbar geworden. Und wie das mit schlechten Gewohnheiten so ist: man hält sie so lange für normal, bis einem der Arzt die Blutwerte erklärt und hinzufügt: „Wenn Sie Ihre Ernährung nicht sofort ändern, erleben Sie Ihren nächsten Geburtstag nicht mehr“.

Teures Gerät und billige Bestückung

Wir bestücken unsere Grillroste mit Schweinereien, deren Preis in einem eklatanten Missverhältnis zu den Anschaffungskosten des oben genannten Weber Smokefire EX6 steht. Bei einem Streifzug durch einen x-beliebigen Supermarkt schnappen wir uns aus dessen Kühltheke das Giant-Grillpaket Popeye de luxe: Würste, Spieße, Ministeaks nebeneinander aufgereiht. Alles sauber eingeschweißt und in einer fettigen roten Soße schwimmend. Zeug, von dem niemand so genau weiß, was sich unter der klebrigen Paprika-Zwiebel-Marinade wirklich verbirgt. Zeug, das oft schmeckt wie leicht erhitzter Pressspan mit ner Portion Curryketchup verfeinert. Zeug, von dem wir ahnen, dass es niemals unter gesunden Bedingungen hergestellt worden sein kann. Zeug, das wir aber trotzdem hunderttausendtonnenweise kaufen und auf unsere Kleinwagen-großen Edelstahlgrills schmeißen.

Man muss kein promovierter Ernährungswissenschaftler sein, um zu begreifen, dass die tägliche Zufuhr von grillkohle-geschwärztem Billigfleisch in etwa so bekömmlich ist, wie sich jeden Abend einen gepflegten 2.5-Promille-Rausch anzutrinken. Vom Gedanken daran, dass Jahr für Jahr zig Millionen arme Kreaturen betäubt und gekeult werden, damit wir ungestört unseren Barbecue-Angewohnheiten frönen können, mal ganz abgesehen.

Grüne wollen Fleisch teurer machen

Hin und wieder macht mal ein Politiker auf den Billigfleisch-Wahnsinn aufmerksam. So zuletzt Grünenchef Robert Habeck, der in einem Interview forderte:

Im Lebensmitteleinzelhandel darf ein Mindestpreis für tierische Produkte nicht mehr unterschritten werden.

Was Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung am darauffolgenden Morgen zu dieser Schlagzeile animierte:

GRÜNE WOLLEN FLEISCH TEURER MACHEN!

Losgelöst vom Aspekt, dass Playboy, Penthouse und der Hustler in Punkto Berichterstattung seriöser recherchieren als die BILD, wollen wir uns kurz mit der Kernbotschaft der Headline beschäftigen. Die da lautet: Fleisch MUSS billig bleiben!

Und nun frage ich mich: Weshalb muss ausgerechnet Fleisch billig sein? Warum nicht Kino- und Museumsbesuche, die Monatskarte für den ÖPNV, das neue Sakko von Hugo Boss, die Nacht im Vorstadtpuff, belgische Pralinen? Weil’s ein Grundrecht auf stets verfügbares, preisreduziertes Schnitzel gibt, sagen Sie? Nein, gibt es nicht, antworte ich. Genauso wenig wie ein Grundrecht auf All-inclusive-Urlaub am Ballermann oder in Ischgl existiert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns Fleisch und Pauschalreisen zu Spottpreisen angeboten werden. Aber eine schlechte Gewohnheit bedingt noch kein Menschenrecht.

Sollen sich in Zukunft nur noch die Reichen ne Grillwurst leisten können, schieben Sie jetzt hinterher? Was ist mit den Hartz4ern: Werden die ab sofort von der Fleischtheke ausgeschlossen? Gebt den ALG2-Beziehern mehr Geld, damit die sich gesundes Essen leisten können, erwidere ich. Mehr Geld für die Hartz4er lachen Sie, träumen Sie weiter, Herr Kolumnist. Wer soll das denn finanzieren? Als ob wir hart arbeitenden Steuerzahler nicht schon genug von Vater Staat zur Kasse gebeten werden. Nun also auch noch teureres Fleisch und eine Anhebung der Hartz-Regelsätze. Und was droht als nächstes: die Ökodiktatur?

An dieser Stelle breche ich ab, weil wir heute argumentativ eh nicht mehr zusammenkommen, und ich gleich zu einem Vatertag-Nachbarschaft-Grillevent eingeladen bin. Um meinen guten Willen zu beweisen, habe ich mir dafür mal Maiskolben statt Schaschlikspieße puszta art besorgt.

Menge runter und Preis rauf

Wer möchte, dass Fleisch nicht zehntausend Kilometer weit rangekarrt und der Amazonas nicht komplett abgeholzt, dass die Verhältnisse in unseren Schlachtbetrieben von moderner Sklaverei zu normalen Arbeitsbedingungen verbessert und der explodierende Antibiotika-Verbrauch gesenkt werden, kommt um eine Reduktion der Menge bei gleichzeitiger Erhöhung der Preise nicht herum.

Fazit 1: Ein überaus vernünftiger Vorstoß der Grünen.
Fazit 2: Niemand muss täglich (Billig-) Fleisch essen.
Fazit 3: Die BILD bewegt sich jenseits des Sportteils (der ist mitunter ganz informativ) mittlerweile auf dem Niveau der Sankt-Pauli-Nachrichten.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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