Die Entdeckerin – Andrea Chudak unternimmt Streifzüge durch sieben Epochen mit „68 Ave Maria“

Die Sopranistin Andrea Chudak legt bei der Edition Antes eine 5-CD-Box mit 68 unterschiedlichen Ave-Maria-Vertonungen vor. Enthalten sind Werke aus 1000 Jahren Musikgeschichte. Der Komponist Max Doehlemann hört sich durch das beeindruckende Kompendium.


Mit „Ave Maria“ verbindet der Klassik-Freund vor allem zwei Werke aus dem 19. Jahrhundert: die von Schubert und von Bach-Gounod. Beide Vokal-Kantilenen sind echte Schlager der neueren Musikgeschichte und gehören zum Inventar jeder „Best of Classics“-Compilation. Tatsächlich gibt es vom Mittelalter bis heute eine riesige Anzahl von Ave-Maria-Vertonungen. Das ist kein Wunder, gehört die Anrufung der jungfräulichen Mutter Jesu doch zu den zentralen und bekanntesten Texten christlicher Kulturüberlieferung. Nachgerade erstaunlich, dass bislang noch keine vergleichbare Ave-Maria-Sammlung auf Tonträger erschien.

Entdeckerin verschollener Kompositionen

Mit „68 Ave Maria“ schließt die Brandenburger Sopranistin Andrea Chudak nun diese Lücke und legt bei der Edition Antes eine beeindruckende Repertoire-Sammlung vor. Enthalten sind Ave-Maria-Kompositionen aus sieben Epochen und 1000 Jahren Musikgeschichte, vertreten sind neben den oben bereits erwähnten Platzhirschen Schubert und Bach-Gounod zahlreiche Kompositionen vor allem aus der klassisch-romantischen Epoche. Daneben sind auch Werke der alten Musik sowie zahlreiche Kompositionen aus dem 20. und 21. Jahrhundert versammelt. Einige der Stücke entstanden eigens als Auftragskomposition für die Produktion. Die Ave Marias sind besetzungsmäßig alle „für ein bis drei Solostimmen mit verschiedenen Instrumenten oder a capella“ gehalten, wie es im Untertitel der hübsch gestalteten 5-CD-Box (Zeichnungen: Doris Kollmann) heißt. Andrea Chudak übernimmt alle Sopran-Partien, ihr zur Seite stehen der lyrische Tenor Julian Rohde und der Bariton Matthias Jahrmärker. Die Aufnahmen fanden im Herbst 2019 in der Friedenskirche Potsdam statt.

Welcher Typ Künstler stellt sich so einem Mammut-Projekt und einem solchen Aufnahme-Marathon? Initiatorin und Kopf ist die Sopranistin Andrea Chudak – die Brandenburgerin entwickelte, organisierte, finanzierte das Projekt im Alleingang, der Vorlauf bis zur Verwirklichung betrug zehn Jahre. Andrea Chudak darf geradezu als Spürnase für Repertoire gelten. Ihre Spezialität ist unter anderem, vergessene oder gar als verschollen geltende Kompositionen in CD-Erstaufnahmen zugänglich zu machen. Besonderes Augenmerk widmete sie dabei dem deutsch-jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer: Bereits 2014 brachte sie das Album „Giacomo Meyerbeer-Lieder“ heraus, was von der Musikkritikerin Eleonore Büning damals als „Pioniertat“ gewürdigt wurde. 2019 erschien bei Naxos „Meyerbeer – Sacred Works“, ein faszinierendes Album, das ich seinerzeit bei hagalil.com besprochen habe. Im selben Jahr erschien bei der Antes Edition ein weiteres Meyerbeer- Album (Romanzen, Lieder, Balladen). Bemerkenswert, dass Andrea Chudak damit etwas gelang, was tonangebende Musikwissenschaftler über 100 Jahre offensichtlich nicht vermochten. Die Rekonstruktion dieser „verschollenen“ Werke des großen Komponisten sollte aus meiner Sicht als musikalische Großtat gelten.

Eines kleinen Nachtrags auf einige Presse-Reaktionen zu Andrea Chudaks Meyerbeer-Veröffentlichungen 2019 kann ich mich nicht enthalten: Mancherorts blieb für mich der Endruck stehen, dass den Rezensenten die Bedeutung der Meyerbeer-Wiederentdeckungen nicht hinreichend klargeworden ist, ja, dass sie dem Umstand selbst nicht allzu viel Bedeutung beigemessen haben. Ich finde das merkwürdig – und verweise zu dem Thema nochmals auf meinen Artikel.

Bild: Alex Adler

Umfangreiche Begleitlektüre

Doch nun zur aktuellen Ave-Maria-Box, die in Rekordgeschwindigkeit nach den Meyerbeer-CDs herauskam. Bei erster Ansicht fällt auf, dass die 5-CD-Box ein ausgesprochen kenntnisreich und gut geschriebenem Booklet mit einem Einführungstext von Michael Pauser beinhaltet, auch ins Englische übertragen von Walter Rothschild. Es lohnt sich, sich damit etwas einzulesen, um die teils originelle Entstehungsgeschichte und die große Bandbreite der vorgestellten Werke zu erfassen. Ich habe dann alle fünf CDs mit großem Interesse durchgehört und bin von Qualität und Farbigkeit sowohl der Werke als auch deren Interpretationen insgesamt begeistert. Besonders gefällt mir die gänzlich unprätentiöse Interpretations-Haltung, die Andrea Chudak und ihre Mitstreiter auszeichnet – eine Haltung, die sich gänzlich in den Dienst der jeweiligen Werke stellt und von Neugier sowie uneitler Hingabe an die Musik gekennzeichnet ist. Haupt-Begleitinstrument ist die Orgel (Jakub Sawicki, Matthias Jacob, Robert Knappe), dabei kommt die Woehl-Orgel der Potsdamer Friedenskirche mit reichem Klang vorteilhaft zur Geltung. Daneben bilden Klavier (Andreas Schulz), Gitarre (Lidiya Naumova), Erzlaute (Olaf Neun) und Streichquartett (Susanne Walter, Michael Schepp, Stefan R. Kelber, Ekaterina Gorynina) den musikalischen Hintergrund. Auch instrumentale Komplementärstimmen zum Gesang kommen vor (Violine, Cello, Oboe/Englischhorn, letzteres gespielt von Almute Zwiener). Nur bei einigen wenigen der 68 enthaltenen Werke – soviel sei vorweggenommen – empfinde ich die Interpretationen als etwas uninspiriert oder „still stehend“, die weitaus größte Anzahl der Werke kommen dagegen hervorragend zur Geltung und sind auf sympathische Art musikalisch auserzählt.

Eröffnet wird der Reigen mit einem Auftragswerk von Arnold Fritzsch (geb. 1951, Sopran und Klavier). Fritzsch, der unter anderem die Filmmusik zur ARD-Fernsehserie „Um Himmels willen“ komponierte, schafft hier eine Ave-Maria-Variante, der man innerhalb klassischer Machart den Filmmusik- oder Pop-Hintergrund in Spurenelementen durchaus anhört, eine apartes Eröffnungsstück. Es folgen nun Ave Marias gänzlich unterschiedlicher Machart, die man grob in verschiedene Gruppen einteilen könnte:

Die Ave Marias in Gruppen

Da wären zunächst einmal die „Alten“ zumeist in Form von kontemplativen A-capella-Gesängen, dazu gehören Gregorianik, Hildegard von Bingen, aber auch Adam Gumpelzhaimer. Besonders bei von Hildegard von Bingen besticht Andrea Chudak mit bezaubernden und langen Melismen, ein gänzlich ungekünstelter und natürlicher Zugang zeichnet die Interpretation aus. Zu den „Alten“ würde auch das ebenso enthaltene Ave Maria des franko-flämischen Komponisten Jakob Arcadelt zählen, allerdings ist das Werk in der Form eine Fälschung. Auch das chronologisch nächste Stück zwischen Spätrenaissance und Frühbarock ist nicht ganz „koscher“: Das Giulio Caccini zugeschriebene Werk stammt in Wirklichkeit vom sowjetischen Gitarristen und Komponisten Wladimir Fjodorowitsch Wawilow. J. S. Bach ist mit zwei Ave Marias vertreten, beide sind aber ebenfalls keine Originalkompositionen. Bei einem wurde der Air aus der Streichersuite BWV 1068 der Ave-Maria -Text unterlegt, das andere ist das Präludium C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier, dem Charles Gounod während des Studiums eine Kantilene als musikalische Improvisations-Übung unterlegte, was – erst später mit Text versehen – zum weltberühmten „Ave Maria“ wurde. Die Ave Marias der alten Meister überzeugen mich weitgehend in der Interpretation, das „berühmte“ von Bach-Gounod empfinde ich in der Musizier-Haltung als ein wenig blass.

Die weitaus größte Zahl der enthaltenen Ave Marias stammt aus der klassisch-romantischen Zeit. Gewaltig angelegt im Kleinen ist das Ave Maria von Anton Bruckner, geradezu süffig und fast salon-mäßig das von César Franck für Tenor und Orgel (Franck ist in der Box mit zwei unterschiedlichen Ave Marias vertreten). Camille Saint-Saëns (auch zwei Ave Marias) pflegt einen freundlich-historisierenden und geistreichen Stil, während Giuseppe Verdi größte Dramatik entwickelt – ausgehend von einem Ton zeigt Andrea Chudak hier faszinierende Facetten ihrer Stimme. Gabriel Fauré ist auch zweimal vertreten, als Duett mit Orgel und Sopran mit Orgel. Letztere Aufnahme gefällt mir besser, bildet sie doch den milden Fauré-Stil stimmiger ab als die Duett-Version, die ich von der Interpretationshaltung ein wenig unruhig finde. Gioachino Rossini überrascht mit einer schalkhaften Version, bei der das ganze Ave Maria als Wechselspiel von zwei Tönen stattfindet, während Leoš Janáček mit seinem Werk für Tenor, Violine und Orgel einen wahren Schmachtfetzen hinlegt. Antonín Dvořák zeigt – wie öfter in seinem späteren Stil – pentatonische Anwandlungen, gut gefällt mir die etwas zurückhaltende Umsetzung durch die Interpreten. Fanny Hensel zeigt Leichtigkeit und Dynamik im 6-8-Takt, während Gaetano Donizetti eine elegante Opernszene vorlegt. Luigi Cherubini erklingt mit einem wunderschönen Terzett von Sopran, Englischhorn und Klavier. Höchst ungewöhnlich ist das Ave Maria von Karl May, es entstand als Ergänzung zu den Winnetou-Romanen: Als der berühmte Indianer schließlich tödlich verletzt ist, zeigt sich, dass er zum Christenmensch bekehrt ist und haucht sein Leben mit einem Ave Maria aus. Die Musik für diese melodramatische Literatur-Passage hat der vielseitig begabte sächsische Autor auch gleich dazu komponiert. Die Ave Marias von W. A. Mozart und Charles Bizet stammen aus Opernszenen, denen nachträglich der religiöse Text unterlegt wurde und müssen daher als musikalische Travestien gelten. Das beeindruckende Repertoire-Kompendium beinhaltet noch zahlreiche hörenswerte weitere Komponisten, die ich nicht einzeln aufzähle.

Dann gibt es eine größere Gruppe von Ave Marias aus dem 20. Jahrhundert. Die meisten sind dabei stilistisch in einer Art freundlich-tonaler bis diatonisch-milder Machart gestaltet. Eigenwillig Marcel Dupré, bei dessen Interpretation die Woehl-Orgel in aparten Orgelfarben schwelgt. Hanns Soler zeigt einen Stil in Richard-Strauss-Nachfolge, mit leicht alpenländischem Akzent, der fast an Jodeln erinnert. Heitor Villa-Lobos, der mit zwei Werken vertreten ist, wirkt überraschend klassisch-konventionell. Klangschön-moderne und milde Kirchenmusik hört man von Max Eham, Jehan Alain und Anton Heiller. Eine spannende rhythmische Steigerung, ausgehend von einem archaisierend-gregorianischen Ausgangspunkt, bietet Komponist José Bragato. Interessant das Ave Maria von Stefan Georg Winkler, ein schönes und breit aufgestelltes Wechselspiel, wobei die enthaltenen Melismen und Höhen von Andrea Chudak bewundernswert bewältigt werden. Ein originelles Werk für zwei Stimmen a capella stammt von Daniel Pinkham, nach meiner Empfindung stark angelehnt an den Fauxbourdon-Stil des Mittelalters. Regina Wittemeiers Ave Maria bewegt sich in der Tradition Hindemith/ Genzmer und bringt eine hübsche mehrteilige Erzählung, während Stefan Antweiler mit Sopran und Streichquartett aparte und sanfte Farben hinzufügt. Weitere spannende Versionen sind von Alexandre Schubert, Lembit Avesson und manchen anderen.

Zu den „Exoten“ dabei gehört auch ein überraschend altmeisterlich gehaltenes Stück vom Operetten- und Schlagerkomponisten Robert Stolz, zu dessen Komposition ihn Arturo Toscanini bewegt haben soll.

Was in der Sammlung allerdings wenig vertreten ist, ist eine zeitgenössische Moderne etwas experimentellerer Art. Hier fallen nur zwei Werke auf: zum einen das von Rainer Kilius, der eine collagen-artige, geheimnisvoll klingende Arbeit ausgehend von der Gregorianik vorlegt. Ein sehr geistreiches und auffälliges Werk ist das von Bo Wiget, ein ganz eigener Weg in seiner geradezu persiflierenden Haltung – ein Duktus, der mich ein wenig an die Messe von Strawinsky erinnert.

Insgesamt halte ich diese Ave Maria – Zusammenstellung für eine außergewöhnlich interessante Repertoire – Sammlung mit weitestgehend stimmigen Interpretationen. Kleine Abstriche, die ich bei einigen Titeln an der Qualität der Interpretationen mache, fallen insgesamt kaum ins Gewicht und bestätigen als Ausnahme die Regel, dass das Ganze hochgradig stimmig und gelungen ist. Spannend hätte ich gefunden, wenn neben den Stücken von Rainer Kilius und Bo Wiget noch mehr experimentelle Ansätze zeitgenössischer Musik vertreten gewesen wären. Aber Andrea Chudak ist ja, wie schon oben beschrieben, eine musikalische Spürnase und wer weiß, was die Zukunft bringt?

Edition Antes: 68 Ave Maria
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