?!Ausgangssperre jetzt!?

Nach einer Woche im Homeoffice fällt Kolumnist Henning Hirsch so langsam die Decke auf den Kopf

KELLEPICS auf: pixabay

Bayern und das Saarland haben sie, der Rest der Republik überlegt noch, ob sie tatsächlich notwendig ist: die Ausgangssperre, etwas weniger dramatisch klingend auch als Ausgangsbeschränkung bezeichnet. In der aktuellen Praxis bedeutet das: Zu Hause bleiben, auf die Straße bloß noch zum Einkaufen und für einen Spaziergang. Den Zweitgenannten aber bitte möglichst alleine und nicht unnötig in die Länge ziehen. Schulen, Kitas, Universitäten geschlossen: Eltern mit Kindern auf mitunter kleinstem Raum kaserniert. Soziale Kontaktpflege erfolgt via Facebook, Twitter, WhatsApp und Instagram. Polizei und Ordnungsamt kontrollieren, ob wir unseren Stubenarrest auch brav einhalten, bei Grüppchenbildung drohen drakonische Bußgelder. Über die Notwendigkeit von Militärpatrouillen wird nachgedacht. Die Bürger hamstern, obwohl hamstern erstmal gar nicht notwendig ist; aber wer weiß schon so genau, ob Klopapier, Nudeln und Dosenravioli in den kommenden Monaten nicht doch knapp und nur noch gegen Bezugsscheine verteilt werden? Klingt wie Resident Evil, Teil 2 oder chinesische Hardcore-Umerziehungspädagogik. Bei uns im freien Westen alles bis vor kurzem noch undenkbar. Aber Corona verändert uns und unseren Alltag rasanter, als sich die Zombies in R.E, Folge 3 vermehren.

#staythefuckhome!

Der kollektive Schlachtruf lautet: #staythefuckhome! Und wie das mit kollektiven Schlachtrufen so ist – man wird rasch als Realitäts- und Exponentialkurvenverweigerer abgestempelt, wenn man (a) Fragen stellt und (b) von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme nicht zu hundert Prozent überzeugt ist, zu bedenken gibt, dass Söders Vorpreschen entgegen vorher getroffener Absprache mit dem Kanzleramt wenig kollegial anmutet. Da schallt einem in Facebook auch mal ein herzliches, „Du bist so asozial!“, entgegen.

Eine grundlegende Frage müsste beispielsweise lauten: Weshalb wurde die von Corona ausgehende Gefahr noch im Februar mit gering eingestuft? Dass Pandemien die unangenehme Eigenschaft besitzen, sich rasend schnell weltweit zu verbreiten und sich dabei einen Scheiß um nationale Grenzen scheren, ist ja nun keine brandneue Erkenntnis. Warum keine frühe Warnung vor Großveranstaltungen wie Karneval, Konzerten und Sportevents? Weshalb wiegten wir uns noch viele Wochen nach den aus Wuhan zu uns gesendeten Bildern in trügerischer Sicherheit? Warum wurden die Experten und in der Folge die Politik erst nervös, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war bzw. das Virus in Norditalien wütete wie weiland der Schwarze Tod? Wäre, wäre … Fahrradkette? Stimmt. Aber zumindest die Frage darf ja noch erlaubt sein. Wenn man Prävention ernst nimmt, dann muss diese viel früher greifen, als bei Sars-CoV-2 geschehen. Mit Szenarien wie dem Aktuellen beschäftigt sich seit Jahrzehnten unser Katastrophenschutz in seinen Planspielen. Und bei biologischer Kriegsführung gilt die Regel, dass man erstmal das betroffene Gebiet – das wäre im vorliegenden Fall der Landkreis Heinsberg gewesen – abriegelt, bevor man die Durchseuchung einer Region oder gar eines Landes riskiert. An dieser Stelle aber auch schon wieder Schluss mit der Fahrradkette.

#flatenthecurve

Was bringt eine Ausgangssperre, die durchlöchert ist wie ein Emmentaler, nachdem ihn Dirty Harry für eine Schießübung benutzt hat? Nach wie vor pendeln Massen an Berufstätigen täglich zur Arbeit, wo sie auf andere eventuell infizierte Berufstätige treffen. Wir gehen weiterhin in den Supermarkt und stürzen uns dort in den Nahkampf um die letzte Dose Thunfisch und die finale 4er-Packung Zewa. Wir setzen uns in Busse und Bahnen, in denen der Passagier hinter uns sich gerade die Lunge aus dem Hals hustet und seinen Rotz dabei fahrlässig über den Haltegriff verteilt. Wer die Frage nach Sinn und Nutzen stellt, der wird auf die Notwendigkeit von #flatenthecurve verwiesen kombiniert mit Schaubildern für Dummies à la: Wie überlistet man eine Exponentialfunktion? Und es erfolgt natürlich der Hinweis auf Hubei, wo die chinesischen Behörden das Virus aufgrund der Zwangsquarantäne nun unter Kontrolle gebracht haben. Allerdings fielen die in Wuhan ergriffenen Maßnahmen sehr viel drastischer aus als bei uns. Es gab einen kompletten Lockdown und die Kasernierung der Bevölkerung dauerte deutlich länger als zwei Wochen. Und ob die bösen Geister nun tatsächlich dauerhaft aus Zentralchina vertrieben wurden, oder die Epidemie alsbald zurückkehrt, wird man mit Gewissheit erst in ein paar Monaten beurteilen können. Weshalb wir uns also in dem Glauben wähnen, wir Europäer bleiben jetzt alle ein paar Tage zu Hause, und danach kann alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, erschließt sich mir selbst bei optimistischster Betrachtung des nun verordneten kollektiven Stubenarrests nicht. Auch die oben genannte Kurve wird sich binnen Zwei-Wochen-Frist nicht derart abflachen, dass unsere Krankenhäuser mit ihrer bestehenden Bettenkapazität die zu erwartende Masse der Neu-Erkrankten auffangen können werden. „Ihnen gehen sämtliche Kenntnisse der Exponentialrechnung ab, Herr Kolumnist. In 14 Tagen sind wir aus dem Gröbsten raus“, sagen Sie? „Hoffentlich behalten Sie Recht und nicht ich“, erwidere ich.

Von der eklatanten Aushebelung unserer Grundrechte auf Bewegung, Pflege von Sozialkontakten und ungehinderter Berufsausübung mittels schwammiger Generalklauseln wie § 28 Infektionsschutzgesetz will ich hier gar nicht erst anfangen. Sonst werde ich in meinem seit einer Woche währenden Hausarrest noch deprimierter, als ich es als freiheitsliebender Mensch im Moment ohnehin schon bin. „Was nützen Ihnen diese Rechte, wenn wir demnächst alle tot sind?“, fragen Sie mich? „Stimmt natürlich auch wieder“, antworte ich Ihnen. Wobei wir die Fälle zunehmender häuslicher Gewalt und verzweifelter Sprünge vom Balkon, die ab Monat 2 in Quarantäne drohen, hier mal außen vor lassen wollen. Darüber reden wir, wenn es soweit ist.

Aus der Krise lernen!?

Sobald der Corona-Tsunami irgendwann abgeflaut sein wird – gibt Experten, die ein Abebben allerdings erst im kommenden Jahr prognostizieren –, dann stehen wir vor zwei Scherbenhaufen: (1) vielen Toten und (2) jeder Menge bankrotter Freiberufler, insolventer Mittelständler und ein paar Hunderttausend (vielleicht sogar Millionen) zusätzlicher Arbeitsloser. Ob man Lehren aus dieser Megakrise ziehen kann? Klar kann man das: Drohenden Seuchen wirkungsvoller begegnen, indem Warnstufen deutlich früher ausgerufen werden, Intensivkapazitäten der Kliniken aufstocken, medizinisches Personal besser bezahlen, sattelfeste rechtliche Grundlagen für solch einen Katastrophenfall schaffen, SCHNELLE finanzielle Hilfen für die Epidemie-Verlierer anbieten: z.B. ein zeitlich begrenztes (bedingungsloses) Grundeinkommen und/ oder Barschecks, wie sie in den USA verteilt werden sollen, Konjunkturprogramme nicht nur für die Großindustrie, sondern ebenfalls für den kleinen Mittelstand und die vielen freiberuflichen Einzelkämpfer etc. etc. Ob’s das alles nach Corona geben wird? Der Optimist in mir sagt: Ja. Der Pessimist in meiner linken Hirnhälfte meint hingegen: Die Wahrscheinlichkeit, dass die versprochenen Hilfen zügig und unbürokratisch ausgezahlt werden, liegt in etwa so hoch wie die, von Tante Mitzi zum Geburtstag ein Buch geschenkt zu bekommen, das man wirklich lesen mag. Beides im kleinen einstelligen Prozentbereich anzusiedeln. Ja ja, der Pessimist in meiner linken Hirnhälfte schweigt jetzt sofort wieder.

Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, bleiben wir alle erstmal ein paar Wochen lang zu Hause, beten täglich darum, dass Instagram und Netflix störungsfrei funktionieren mögen, lesen endlich Tante Mitzis Bücher, lernen per Babbel Serbokroatisch und Finnisch, posten minütlich Kommentare in Facebook und überlegen, während wir mit streng rationiertem Toilettenpapier auf dem Klo sitzen, worüber wir uns heute Abend mit unserem Partner, den wir jetzt 24/7 an der Backe haben, unterhalten werden, denn so langsam gehen uns die Gesprächsthemen aus; ja, wir reagieren sogar schon leicht gereizt auf die pure Präsenz des anderen. Spätestens ab Woche 4 im Stubenarrest wird ein Run auf Psychopharmaka und Sedativa einsetzen. Hoffe, dass die Apotheken entsprechend vorbereitet sind.

Am Ende dieser Kolumne wünsche ich uns allen, dass wir in Zeiten von Corona zumindest unseren (Galgen-) Humor nicht verlieren. Kommen wieder bessere Zeiten, allerdings auch neue Pandemien. Bleiben Sie gesund!

#keepyoursenseofhumor

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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