Kolumnenschreiben in Zeiten von Corona

Wie er sich von einem anfänglichen Corona-Nichtversteher zu einem mittlerweile überzeugten Homeoffice-Kolumnisten wandelte, schildert Henning Hirsch

Tumisu auf: pixabay

Ich geb’s zu: ich habe das Virus einige Wochen lang unterschätzt. Am Anfang wütete es in einer zentralchinesischen Provinz, bei der ich erstmal in meinem alten Diercke-Atlas nachschauen musste, wo genau die sich überhaupt befindet. Irgendwas ist in China mit seiner 1 Fantastilliarde Einwohnern krankheitsmäßig ja immer los, dachte ich, wenn darüber in der Tagesschau berichtet wurde und zappte im Anschluss weiter zu Netflix, um mir Resident Evil, Teil 5 anzugucken. Die Lage in Wuhan verschlechterte sich, die Behörden verordneten Zwangsquarantäne und Ausgangssperren, und ich überlegte: Die armen Menschen, ICH würde einen Lagerkoller bekommen, wenn ich meine eigenen vier Wände tagelang nicht verlassen dürfte. Der Erreger erreichte derweil Südkorea und Singapur, und mir ging durch den Kopf: WEIT weg von Zentraleuropa. Kein Grund zur Panik. Israel schloss seine Grenzen und setzte Flüge aus. Fand ich übertrieben. Zumal: Was interessieren ein Virus schon nationale Grenzen? Die ersten Menschen starben, und ich dachte: Das tun sie bei Grippe, Malaria und HIV ebenfalls, ohne dass darüber stündlich berichtet wird. Weiterhin kein Grund zu Panik und Hamsterkäufen. Das Leben muss trotz Todesfällen schließlich irgendwie weitergehen.

Wer will schon Geisterspiele sehen?

Mittlerweile ertappte ich mich allerdings dabei, dass ich mir die Hände häufiger und penibler wusch als sonst üblich und in der Schlange vor der Supermarktkasse misstrauisch darauf achtete, ob der Kunde vor oder hinter mir verdächtig hustete. Jetzt verfällst du selbst in Panik, seufzte ich und passte dennoch auf, ob die hübsche Bäckereifachverkäuferin Handschuhe überstreifte, bevor sie meine Brötchen in die Tüte packte. Halt so kleine Vorsichtsmaßnahmen, die den Alltag nicht allzu sehr einschränken. Hauptsache, die Bundesliga läuft weiter. Ein Wochenende ohne den Effzeh ist ein vergeudetes Wochenende.

Dann drei zeitlich eng getaktete Paukenschläge: Italien schaltet in den Komplett-Krisenmodus, Veranstaltungen über 1000 Besucher sollen abgesagt werden, die Eishockeyliga stellt den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung ein. Oha, denke ich, jetzt fehlen bloß noch Geisterspiele, aber wer will sowas ernsthaft erleben? Und es kam tatsächlich zu Geisterspielen. Zwar bloß ein Dutzend an der Zahl; allerdings waren die wie erwartet alle grausam anzuschauen. Wenn ich Friedhofsruhe haben möchte, gehe ich auf den Friedhof, aber setze mich nicht in eine Skybar, um den FC ohne Fans in Gladbach absaufen zu sehen. „Macht es wie die vom Eishockey oder verlängert die Saison in den Sommer hinein. Aber erspart uns Spiele ohne Zuschauer. Das ist wie Sex ohne Partner im Bett“, dachte ich und ging kopfschüttelnd zurück nach Hause. So langsam fing das Virus an, mir gehörig auf die Nerven zu gehen.

Sich informieren hilft

Da regelmäßiges Zeitunglesen und TV-Nachrichtengucken durchaus hilfreich sein können, den eigenen begrenzten Horizont zu erweitern, wurde mir peu à peu bewusst, dass sich die Gefahrenlage doch dramatischer darstellt, als ich mir das mit meinem Grippewellen-haben-wir-jedes-Jahr-ist-jetzt-nichts-besonderes-Latein laienhaft zurechtgebogen hatte. Vor allem geht’s ja bloß zur Hälfte darum, ob ich selbst aufgrund SARS-CoV-2 früher als geplant das Zeitliche segne, sondern es stellt sich ebenfalls die Frage, ob ich als eventuell von der Infektion nichts außer leichtem Fieber bemerkender Glückspilz dann als unbewusster Virenverteiler für mein Umfeld agiere und andere, weniger Glückliche mit schwächerem Immunsystem ins Grab befördere. Okay, leuchtet mir ein.

Im Folgenden wechselte ich in meinen persönlichen Krisenmodus: Homeoffice, keine Restaurants & Café-Besuche, Skybar meiden (Fußball pausiert eh), Einkäufe im Supermarkt auf 2x/ Woche beschränken, alle bevorstehenden Geburtstagspartys abgesagt (u.a. meine eigene. Ganz praktisch. Erspart mir die Vorbereitungsarbeit und das lästige Aufräumen am Morgen danach), Hand leicht zum Gruß erheben anstatt andere evtl. infizierte zu schütteln, eine Armlänge Abstand einhalten und all so kleine Sachen, um dem Erreger das Überspringen auf mich nicht so leicht zu machen. Ob’s tatsächlich was nützt? Wer weiß das schon mit 100%iger Sicherheit?

Und auch, wenn ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass sich Covid-19 zur bis dato schlimmsten Geißel der Menschheitsgeschichte entwickeln wird, so halte ich dieses Virus doch für einen guten Anlass, um zum einen unser Organisationstalent und zum anderen unsere Befähigung zur Solidarität in einer Krisensituation zu testen. Eine globale Seuche lässt sich nur durch konzertierte internationale Zusammenarbeit in den Griff bekommen. Nationale Alleingänge bringen wenig, wenn der Nachbar nicht ebenfalls zu gleichgelagerten Maßnahmen greift.

Obwohl Skeptiker nun vor unnötig geschürter Panik warnen – von Panik kann ich in dem regionalen Umfeld, in dem ich mich bewege, nach wie vor nichts bemerken. Es sei denn, man bezeichnet bereits Homeoffice und reduzierte Nutzung des ÖPNV als Panik. Von dem, was den Verschwörungstheoretikern alles zu Corona einfällt, will ich hier gar nichts schreiben. Ansonsten verlöre sich die Kolumne im Uferlosen, dermaßen viel fällt den Verschwörungstheoretikern an Quark zu dieser Pandemie ein. Aber so sind diese Menschen halt, sonst wären sie ja keine Verschwörungstheoretiker.

Bisherige Maßnahmen sind zu lasch

Wenn man den Gedanken der Verzögerung der Ausbreitung wirklich ernst nimmt, dann reichen die bisher getroffenen Maßnahmen allerdings bei Weitem nicht aus. Dann muss der ÖPNV (die schlimmste Virenschleuder überhaupt) stark gedrosselt, müssen on top zu Schulen und Kindergärten weitere Begegnungsorte (Universitäten, Schwimmbäder, Fitnessstudios, Gaststätten, Clubs etc.) geschlossen, muss Homeoffice, wann immer möglich, verpflichtend und muss der nicht-lebensnotwendige Einzelhandel dicht gemacht werden. Notfalls sind Ausgangssperren zu verhängen. Ein paar Tage auf dem heimischen Sofa werden wir doch aushalten. Oder nicht?

Jetzt verfallen Sie aber richtig in Panik, Herr Kolumnist, sagen Sie? Geht so. Ich sitze zu Hause mit einer Tasse Kaffee neben mir, während ich mit Puls im Normalbereich diese Zeilen tippe. Noch nicht mal einen Coronatest habe ich bisher absolviert. Ich meide eben eine Zeit lang Kontakt mit Menschen, wo er nicht unbedingt notwendig ist, und halte mich an die Häufig-Hände-waschen-Regel. Finde ich jetzt beides weder schwierig, noch gar dramatisch.

Und die Wirtschaft, was ist mit der Wirtschaft? Wir schlittern wegen der Covid-Panik in eine riesige Rezession, gegen die die Finanzkrise 2008 wie ein unschuldiges Kinderspiel anmutet, geben Sie nun zu bedenken? Wer weiß das schon so genau, antworte ich. Vielleicht kommt’s so, vielleicht auch nicht. Aber lieber zwei, drei Wochen ökonomischer Stillstand als viele Jahre tot.

Obwohl ich als Rheinländer bis zu einem gewissen Grad zum Fatalismus neige – Et kütt, wie et kütt. Da mähste eh nix –, bin ich mittlerweile doch zu der Überzeugung gelangt, dass bei einer Seuche konsequentes Durchgreifen wie in China und Italien erfolgversprechender ist als bloße Appelle an die Vernunft des Einzelnen oder unser Kölner Mantra „Et hätt noch emmer joot jejange“. Manche Dinge gehen eben nicht gut, wenn man nicht rechtzeitig rigorose Gegenmaßnahmen ergreift. Vorsicht ist in Zeiten einer weltweiten Pandemie eine Tugend.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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