„Russland aus den Angeln heben!“ – Zum 150. Geburtstag Lenins

Der gedankliche Prolog der bolschewistischen Revolution von 1917 wurde 15 Jahre zuvor verfasst: Lenins Schrift: Was tun? Sie steht am Beginn des totalitären Zeitalters.


Die bolschewistische Revolution vom Oktober 1917, die das „totalitäre Zeitalter“ einleitete, hatte einen gedanklichen Prolog, der 15 Jahre vor ihrem Ausbruch verfasst wurde. Es handelte sich hierbei um die 1902 entstandene programmatische Schrift Lenins „Was tun?“, die für die Entwicklung der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung eine ähnlich einschneidende Bedeutung besaß wie das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels. Dieser theoretischen Grundlage der Umwälzung vom Oktober 1917 ist die folgende Kolumne gewidmet.

Der Revisionismusstreit

Als Lenin seine Schrift „Was tun?“ verfasste, befand sich die gesamte II. Internationale mitten im Revisionismusstreit, der zeigte, dass die utopischen Energien, über welche die marxistische Bewegung in den früheren Jahrzehnten noch verfügt hatte, allmählich versiegten. Die sozialdemokratischen Parteien des Westens befassten sich immer stärker mit den parlamentarischen, gewerkschaftlichen oder kommunalpolitischen Fragen und keineswegs mit revolutionären Endzielen. Dieses Versinken in Alltag und Routine empörte viele Sozialdemokraten, die sich dem Vermächtnis des „Kommunistischen Manifestes“ noch verpflichtet fühlten. Dennoch gerieten sie innerhalb ihrer jeweiligen Parteien in eine immer größere Isolation. Besonders deutlich spiegelte sich dieser Sachverhalt am politischen Schicksal Rosa Luxemburgs und Alexander Helphands (Parvus) wider, die zu den originellsten sozialdemokratischen Theoretikern der Jahrhundertwende zählten. Beide wiesen mit einer besonderen Schärfe die „revisionistischen“ Thesen Eduard Bernsteins zurück. Die Revision der Parteigrundsätze sei nur nach links, nicht nach rechts möglich, schrieb Parvus im SPD-Organ „Die Neue Zeit“. Für Rosa Luxemburg wiederum bedeutete der Verzicht der Industriearbeiter auf den revolutionären Klassenkampf eine Hinnahme der bestehenden Herrschaftsverhältnisse, eine Kapitulation vor ihnen. Zugleich warf sie Bernstein Folgendes vor:

Bernstein hatte damit angefangen, das Endziel um der Bewegung willen aufzugeben. Da es aber tatsächlich keine sozialdemokratische Bewegung ohne das sozialistische Endziel geben kann, so endet er notwendig damit, dass er auch die Bewegung selbst aufgibt.

Die Schärfe, die Rosa Luxemburg und Parvus in die innerparteiliche Polemik einbrachten, galt manchen westlichen Sozialdemokraten als Zeichen der „russischen Unduldsamkeit“ (Rosa Luxemburg stammte aus dem russischen Teil Polens, Parvus wurde in der Nähe von Minsk geboren). Beide galten innerhalb der SPD als exzentrisch und konnten sich mit ihren Standpunkten nicht durchsetzen. So wurde Rosa Luxemburg mehrmals von der SPD-Führung für ihre allzu radikale Haltung gerügt. Parvus seinerseits verließ 1910 resigniert Deutschland und ließ sich in der Türkei nieder, um eine völlig neue Seite seiner Biographie aufzuschlagen.

Die Visionen des „Kommunistischen Manifestes“ von der Abschaffung des Privateigentums und von der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft inspirierten etwa 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, lediglich radikale Ränder der Arbeiterbewegung. Drei Jahre später wurden indes Vertreter dieser Richtung zu Alleinherrschern in einem der größten Reiche der Erde.

„Das Privileg der Rückständigkeit?“

„Die Utopie gelangte an die Macht“. Ich paraphrasiere hier den Titel des Buches der russischen Exilhistoriker Alexander Nekritsch und Michail Heller über die Geschichte der Sowjetunion. Warum wurde ausgerechnet Russland zum Experimentierfeld der marxistischen Utopisten? Aus der Sicht der Klassiker des Marxismus war dieses Land für eine Verwirklichung der Visionen des „Kommunistischen Manifestes“ denkbar ungeeignet. Um die Jahrhundertwende war es im Wesentlichen noch ein Agrarland, in dem die Industriearbeiterschaft nur eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung darstellte. Abgesehen davon war Russland zu Lebzeiten von Marx und Engels noch eine autokratische Monarchie, die das Prinzip der Gewaltenteilung, wenn man von der unabhängigen Gerichtsbarkeit (seit 1864) absieht, nicht kannte. So fehlten Russland alle Voraussetzungen für die Entwicklung einer erfolgreichen sozialdemokratischen Bewegung nach westlichem Muster. Russland stehe am Vorabend einer Revolution, meinte 1875 Friedrich Engels, aber es werde keine sozialistische Revolution sein, weil das russische Bürgertum und das Industrieproletariat sich auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe befänden. Die Umwälzung, die sich in Russland anbahne, sei eine Revolte gegen „die letzte bisher intakte Reserve der gesamteuropäischen Reaktion“. Während der Revolution von 1848 riefen Marx und Engels in ihrem Blatt „Neue Rheinische Zeitung“ die westlichen Völker zu einem revolutionären Kreuzzug gegen das Zarenreich auf. Engels erinnert sich:

Die auswärtige Politik (der „Neuen Rheinischen Zeitung“ – L.L.) war einfach: Eintreten für jedes revolutionäre Volk, Aufruf zum allgemeinen Krieg des revolutionären Europas gegen den großen Rückhalt der europäischen Reaktion – Russland.

Die Ironie der Geschichte, von der Marx und Engels so oft gesprochen hatten, sollte sich an ihnen rächen. Denn ausgerechnet in diesem Land, das aus ihrer Sicht für eine proletarische Revolution völlig ungeeignet war, sollte zum ersten Mal in der Geschichte eine marxistische Partei an die Macht kommen.

Die ersten marxistischen Gruppierungen entstanden in Russland in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Sie befanden sich von Anfang an in einer paradoxen Situation. Als unerbittliche Kritiker des kapitalistischen Systems mussten sie zugleich für die Entwicklung des Kapitalismus in Russland eintreten. Denn nur auf diese Weise war das notwendige Fundament für die Schaffung der späteren sozialistischen Gesellschaft zu errichten. Als kompromisslose Gegner der Bourgeoisie mussten sie zugleich für den Sieg einer bürgerlichen Revolution in Russland kämpfen, denn nach den klassischen Lehrbüchern des Marxismus mussten bürgerliche Revolutionen den proletarischen vorausgehen. In dieser bürgerlichen Revolution sollte aber das Industrieproletariat paradoxerweise eine maßgebliche Rolle spielen. 1891 sagte der Ahnherr des russischen Marxismus, Georgij Plechanow, das russische Industrieproletariat stelle die erste revolutionäre Kraft in der russischen Geschichte dar, die imstande sei, die Autokratie zu stürzen.

Die Hoffnungen, die die russischen Marxisten mit dem Industrieproletariat verknüpften, waren nicht unbegründet. Die entwurzelten Industriearbeiter waren viel beweglicher und für die revolutionäre Propaganda wesentlich empfänglicher als die Bauern, welche traditionellen Weltbildern verhaftet waren. Die Verbreitung der revolutionären Propaganda unter den russischen Industriearbeitern wurde auch dadurch begünstigt, dass es sich bei den russischen Industriebetrieben oft um gigantische Unternehmen mit Tausenden von Beschäftigten handelte. So konnten sich revolutionäre Parolen hier wie ein Lauffeuer verbreiten. Dass die Industriegiganten die russische industrielle Landschaft derart stark prägten, hatte mit der verspäteten Industrialisierung Russlands zu tun. Man spricht in diesem Zusammenhang sogar vom Privileg der Rückständigkeit. So müssen Nationen, die sich später als andere modernisieren, nicht unbedingt den gesamten Entwicklungsweg ihrer Vorgänger wiederholen. Sie stützen sich von Anfang an auf die Ergebnisse des Modernisierungsprozesses der hochentwickelten Staaten, übernehmen sofort die letzten technologischen Errungenschaften. Und die Produktionskonzerne stellten im Westen zur Zeit der Industrialisierung Russlands – also um die Jahrhundertwende – das letzte technologische Wort dar. So übernahm das Zarenreich die modernsten technologischen Strukturen des Westens, lehnte aber eine Modernisierung seiner gesellschaftlichen und politischen Strukturen ab. Auch dies trug zur Radikalisierung der Lage im Lande bei.

Bis zur Revolution von 1905 existierten in Russland keine unabhängigen Gewerkschaften, kein Streikrecht. Deshalb war eine Kanalisierung bzw. Institutionalisierung des gesellschaftlichen Protestes nicht möglich. Beinahe jede Arbeiterdemonstration führte zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei. Nicht zuletzt deshalb zeichnete sich die russische Industriearbeiterschaft durch eine außerordentliche Militanz aus. Auf diese radikal eingestellten Industriearbeiter stützte sich auch die 1898 entstandene Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands. Nach dem Abflauen der revolutionären Woge im Westen nach 1849 verlagerte sich das revolutionäre Zentrum des Kontinents nach Russland. Hier fand eine ununterbrochene Verschärfung der politischen Konflikte und eine Polarisierung der Gesellschaft statt, so wie Marx und Engels dies für den Westen vorausgesagt hatten. Dessen ungeachtet schien der gigantische zarische Machtapparat zu Beginn des 20. Jahrhunderts beinahe allmächtig und den revolutionären Gruppierungen unterschiedlichster Couleur erdrückend überlegen zu sein. In dieser Konstellation entstand die Schrift Lenins „Was tun?“, die für die Geschichte der marxistischen Bewegung eine nicht weniger prägende Bedeutung haben sollte als das „Kommunistische Manifest“. Ähnlich wie Marx glaubte auch Lenin an die Gesetzmäßigkeit der geschichtlichen Entwicklung, wollte aber zugleich die spontanen historischen Prozesse voluntaristisch beschleunigen.

„Die Partei neuen Typs“

Evolutionäre Lösungen der Arbeiterfrage für die sich  westliche „Revisionisten“ und ihre russischen Gesinnungsgenossen einsetzten und die in erster Linie für eine allmähliche Verbesserung der wirtschaftliche Lage der Proletarier kämpften, lehnte Lenin rundweg ab. Dies lenke vom eigentlichen Ziel, der Zerstörung des bestehenden Systems, nur ab. Lenins Heilserwartungen waren denjenigen von Marx und Engels, die sich im „Kommunistischen Manifestes“ spiegelten, nicht unähnlich. Auch er schien in einer beinahe frühchristlichen Manier zu verkünden: Die Erlösung ist nah. Wer aber ist der Erlöser? Für Marx und Engels verkörperte das Proletariat, das von der Ursünde der Menschheit – der Ausbeutung anderer Menschen – frei war, den neuen Heiland. Beide erwiesen sich aber als falsche Propheten. Denn das Ziel der überwältigenden Mehrheit der Industriearbeiter war keineswegs die Errichtung eines „Reiches der Freiheit“ anstelle einer Klassengesellschaft, sondern ein bescheidener Wohlstand innerhalb der bestehenden Gesellschaft, den sie um die Jahrhundertwende, zumindest im Westen, auch erreichten. Sie waren für utopistische Entwürfe weltfremder Intellektueller kaum zu gewinnen.

Diese „Erosion des Utopischen“ konnte Lenin, der die Jahre 1900-1917, mit kurzer Unterbrechung, im westlichen Exil verbrachte, aus nächster Nähe beobachten. Die Enttäuschung über den Marxschen „Heiland“ stellt den roten Faden der Schrift „Was tun?“ dar. Spontan, aus eigener Kraft, gelangten die proletarischen Massen nur zu einem „trade-unionistischen“ Bewusstsein, führt Lenin aus. Das sozialistische Bewusstsein, das Streben nach der Erschaffung einer neuen, nie dagewesenen Welt, könne ihnen nur eine Avantgarde vermitteln:

(Die) Arbeiter konnten ein sozialdemokratisches Bewußtsein gar nicht haben. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden.

Um diese Avantgarde-Theorie vom Geruch des Ketzerischen zu befreien, berief sich Lenin auf eine der wichtigsten theoretischen Instanzen in der damaligen marxistischen Bewegung – auf Karl Kautsky –, der, in der „Neuen Zeit“ von 1901/02 Folgendes sagte:

Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur entstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht … Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz; in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden….. Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineintragendes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes.

So war Lenins Skepsis in Bezug auf die Fähigkeit des Proletariats zum eigenständigen, spontanen Handeln auch anderen marxistischen Theoretikern eigen. Diese Skepsis und die Hervorhebung der Rolle der Avantgarde allein hätten die bahnbrechende Bedeutung von „Was tun?“ kaum begründen können. Dazu trugen in erster Linie andere Thesen Lenins, so vor allem diejenigen über die revolutionäre Taktik, bei. Denn im Gegensatz zum „Kommunistischen Manifest“ stellten nicht ideologische, sondern taktische Fragen den Kern von „Was tun?“ dar. Dabei führte Lenin eine Art „Zweifrontenkrieg“: sowohl gegen die ideologische Unbeholfenheit der Massen als auch gegen die organisatorische Unbeholfenheit der marxistischen Intellektuellen in Russland. Die letzteren haben es nicht vermocht, eine Organisation zu gründen, die imstande gewesen wäre, sowohl die Massen zu führen, als auch die zarische Autokratie herauszufordern. Deshalb träumte Lenin von einer straf disziplinierten, zentral geführten Verschwörerorganisation von Berufsrevolutionären:

Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden Russland aus den  Angeln heben!

Auf den ersten Blick schien Lenins Vorhaben völlig utopisch zu sein. Wie konnte die soeben entstandene sozialdemokratische Bewegung Russlands, die aufgrund des autokratischen Charakters der Zarenmonarchie so gut wie keine Möglichkeit besaß, öffentlich zu agieren, den damals als übermächtig geltenden zarischen Militär-, Polizei- und Staatsapparat herausfordern? Lenin räumt selbst ein, dass die Sozialistengesetze Bismarcks im Vergleich zum Unterdrückungssystem des Zarenregimes lächerlich anmuteten:

Dem russischen Proletariat … steht der Kampf gegen ein Ungeheuer bevor, mit dem verglichen das Sozialistengesetz in einem konstitutionellen Lande als wahrer Zwerg erscheint.

Dessen ungeachtet hielt Lenin die Lage der russischen Marxisten keineswegs für aussichtslos. Denn es gab in der russischen Geschichte bereits einen Präzedenzfall, als eine kleine, aber straff organisierte Verschwörergruppe imstande war, den mächtigen russischen Staat in Atem zu halten und ihn in seinen Grundfesten zu erschüttern. Dies war die Bewegung der Narodniki, nicht zuletzt die 1879 gegründete Terrororganisation „Narodnaja Wolja“ (Volkswille), die 1881 den Zaren Alexander II., der in die russische Geschichte als „Zar-Befreier“ einging, ermordete. Lenin bewunderte die Taktik der „Narodnaja wolja“ und prangerte lediglich deren „falsche“ Ideologie an. Sie waren eben keine Marxisten. Die dagegen in „Was tun?“ konzipierte Organisation von Berufsrevolutionären – die „Partei neuen Typs“ – sollte den revolutionären Impetus, der die „Narodnaja Wolja“ ausgezeichnet hatte, mit dem marxistischen Programm verbinden. Dies werde sie unbesiegbar machen.

Lenins Voraussage sollte sich auch erfüllen. Denn die Verbindung der chiliastischen Träume der russischen Intelligenzija mit dem marxistischen Utopismus unter dem Dach einer Organisation von Berufsrevolutionären, die Lenin ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Was tun?“ gründen sollte, stellte einen Wendepunkt in der Geschichte Russlands wie auch der gesamten Arbeiterbewegung dar.

Der Paradigmenwechsel in der Geschichte der Arbeiterbewegung nach der Gründung der bolschewistischen Partei

Bis dahin galt die SPD als Vorbild für alle marxistischen Parteien Europas. Ihre organisatorische Stärke, ihre Effizienz machte sie zu einem ebenbürtigen Kontrahenten des preußischen Staates, an dessen Aufbaustrukturen sie sich, wie der Münchner Historiker Thomas Nipperdey hervorhebt, in mancher Hinsicht anlehnte. Preußen bzw. das Deutsche Reich war allerdings, trotz der Sozialistengesetze Bismarcks, ein Rechtsstaat, der den politischen Parteien unzählige Möglichkeiten bot, sich legal zu betätigen. Alle diese Möglichkeiten existierten in Russland bis 1905 (bis zum Oktobermanifest des Zaren, das den Untertanen die Grundrechte versprach) nicht. So konnte die von Lenin 1902 konzipierte „Partei neuen Typs“ sich nicht an die legal agierende SPD anlehnen. Dies war allerdings nicht der einzige Grund, warum die SPD für Lenin als Vorbild nicht in Frage kam. Als er die Sozialistengesetze Bismarcks, die den Höhepunkt der Unterdrückung der deutschen Arbeiterbewegung verkörperten, der Lächerlichkeit preisgab, wollte er quasi sagen, dass die SPD sich unter „Treibhausbedingungen“ entwickele. Der deutsche Staat erzeuge also keinen ausreichenden Druck, um die SPD zu einem entsprechenden revolutionären Gegendruck zu zwingen. Ein derartiger Gegendruck könne im Grunde nur in Russland entstehen, denn nur hier nehme die Repression für europäische Verhältnisse beispiellose Ausmaße an. Diese Ausnahmesituation verleihe dem russischen Proletariat eine Sonderfunktion. Sollte das russische Proletariat seiner Aufgabe gewachsen sein, werde es eine führende Rolle in der internationalen Arbeiterbewegung übernehmen, werde zu ihrer Avantgarde, schreibt Lenin:

 Die Geschichte hat uns jetzt die nächste Aufgabe gestellt, welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes ist. Die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern … auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen.

Diese 1902 ausgesprochenen Worte Lenins klangen ketzerisch. Für die traditionsbewussten Arbeiterparteien des Westens waren die damaligen Entwicklungen im vormodernen, autokratischen Russland auf die hochentwickelten Industrieländer des Westens nicht übertragbar und daher im Grunde irrelevant.

Lenin selbst schien die These vom russischen Proletariat als Avantgarde nur en passant formuliert zu haben. Er hat sie nicht weiter vertieft und äußerte immer wieder seine Bewunderung für die SPD und träumte davon, dass die russischen Sozialdemokraten eines Tages auch ihre Bebels und Liebknechts haben würden. Handelte es sich also bei Lenins Traum von der führenden Rolle des russischen Proletariats lediglich um einen kurzen emotionalen Ausbruch ohne Folgen? Wohl kaum. Seine beißende Kritik am britischen trade-unionismus und am deutschen Revisionismus zeigt, dass er am revolutionären Temperament der westlichen Marxisten immer stärker zu zweifeln begann. Und diese Zweifel waren nicht unbegründet. Um die Jahrhundertwende schien der Marxismus in einem immer stärkeren Ausmaß den Charakter einer behäbigen Wirtschaftslehre anzunehmen. Immer weniger klang er nach einer revolutionären Anleitung zum Handeln. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatten die zarischen Behörden zunächst keine allzu großen Einwände gegen die Verbreitung des Marxismus in Russland, der im Vergleich zu manchen anderen revolutionären Strömungen im Lande, gemäßigter schien. Ohne Lenin und dessen 1903 gegründete bolschewistische Partei – „Partei neuen Typs“ – hätte der russische Marxismus wahrscheinlich in der Tat einen ähnlich reformistischen Charakter wie im Westen angenommen. Lenins Kontrahenten auf dem 2. Kongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (1903), der mit der Spaltung der Partei endete – die  „Menschewiki“ -, wollten sich buchstabengetreu an die auf den Westen zugeschnittenen marxistischen Modelle anlehnen. Sie, und nicht Lenin, waren die eigentlichen orthodoxen Marxisten. Lenin hingegen, der revisionistische Strömungen im Marxismus in Bausch und Bogen verdammte, war in Wirklichkeit ein „Revisionist“. Dies zuzugeben, kam aber für ihn nicht in Frage. Trotz umwälzender Veränderung mancher Grundsätze des klassischen Marxismus, hielt er sich selbst für einen orthodoxen Marxisten, gelegentlich sogar „für den einzigen orthodoxen Marxisten auf Erden“, wie der amerikanische Sowjetologe Bertram Wolfe dies formulierte. Den Versuchen der Menschewiki, sich an den eher gemäßigten westlichen Marxismus anzupassen, sagten Lenin und die Bolschewiki einen unversöhnlichen Kampf an. Und gerade wegen ihrer Unversöhnlichkeit übte diese, zunächst winzige Partei, eine beinahe unwiderstehliche Kraft auf diejenigen Gruppen in Russland aus, die die bestehende wirtschaftliche, politische und soziale Ordnung gänzlich zertrümmern wollten. Lenin profitierte davon, dass das Zarenreich seit etwa dem gescheiteren Dekabristenaufstand von 1825 von einer immer radikaler werdenden revolutionären Gärung erfasst wurde. Kein Wunder, dass die aus dem Westen importierten Lehren in Russland eine besonders radikale Interpretation erfuhren. Gemäßigte Kräfte im oppositionellen Lager, die vor den gefährlichen Folgen der Verklärung der Revolution warnten, konnten eine zunehmende Polarisierung im Lande nicht verhindern. Russland steuerte, wenn auch nach einigen Umwegen, auf eine totale Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Oben und Unten zu. Lenin fühlte sich in seinem Element. Trotz der weitgehenden Isolierung der Bolschewiki innerhalb der politischen Klasse Russlands gelang es ihnen, insbesondere nach dem Sturz des Zaren im Februar/März 1917, das Land in die von Lenin gedanklich vorweggenommene Richtung zu drängen. Den Gipfel der Exzentrik schien Lenin im April 1917 erreicht zu haben, als er zur sofortigen Ablösung der soeben errichteten Provisorischen Regierung – der ersten demokratischen Regierung in Geschichte  Russlands – durch die basisdemokratischen Sowjets aufrief. Wegen solcher Thesen wurde er nicht nur von seinen politischen Gegnern, sondern auch von vielen Bolschewiki der Weltfremdheit bezichtigt. Ein halbes Jahr später befand sich indes dieser „weltfremde Exzentriker“ bereits an der Macht und leitete damit eine der tiefsten Zäsuren in der russischen und nicht nur in der russischen Geschichte, ein. Dies geschah nicht zuletzt deshalb, weil Lenins radikale Kampfansage an das Bestehende, zumindest so wie er sie 1917 formulierte, den Wünschen großer Teile der russischen Unterschichten durchaus entsprach. Der russische Philosoph und Akteur der damaligen Ereignisse, Fjodor Stepun, schreibt: Lenin habe 1917 verstanden, dass ein Führer sich in gewissen Situationen dem Willen der Massen beugen müsse, um zu siegen. Obwohl er ein Mensch von ungewöhnlicher Willenskraft gewesen sei, sei er gehorsam in die von den Massen gewählte Richtung gegangen.

Dieses Bündnis Lenins mit den von ihm so skeptisch betrachteten Massen war allerdings nur vorübergehender Natur. Sofort nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution strebte nun die „Partei neuen Typs“ danach, ihre „Verbündeten“ zu entpolitisieren und lediglich in ein Rädchen des totalitären Mechanismus zu verwandeln. Da der Freiheitsrausch des Jahres 1917 noch sehr lange nachwirkte, stießen die Bolschewiki bei ihrem Versuch, die störrische russische Wirklichkeit an die marxistische Utopie anzupassen, auf erhebliche Widerstände. Die Antwort der Partei hieß: Terror, der, mit kurzen Unterbrechungen, bis 1953 (bis zum Tode Stalins) zu einer der wichtigsten Grundlagen des neuen Regimes werden sollte.

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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