Die Ilias mit etwas Sex. Madeline Millers „Das Lied des Achill“

Nach „Ich bin Circe“ erscheint nun auch der frühere Roman „Das Lied des Achill“ auf Deutsch. Der Roman macht einiges besser als der Nachfolger und wirkt im Ganzen doch schwächer, findet Literaturkolumnist Sören Heim.


Madeline Millers Das Lied des Achill ist wieder so ein Roman, bei dem man die häufigsten Kritiken am besten gleich im Vorfeld entkräftet. Denn diese Kritiker lesen wahrscheinlich sowieso nicht bis zum Schluss. Der Roman hat im Großen und Ganzen nicht nur in den Feuilletons hervorragende Besprechungen eingesammelt, steht vielleicht sogar, wir kommen dazu, etwas zu gut da. Aber: Besonders im englischen Sprachraum ist der hauptsächliche Einwand, es sei unerträglich, dass Miller der großen Heldengeschichte eine homosexuelle Liebesbeziehung aufgepflanzt habe.

Zu Beschwerden über die Homosexualität der Helden

Dazu zweierlei: Erstens: Diese Beziehung ist nicht Erfindung der Autorin. Über eine entsprechende Liebe zwischen Achilles und Patroklos spekuliert haben bereits Aischylos und Platon. Nicht so sehr das „Ob“ war Thema, sondern vor allem die Frage, wer in der Beziehung der Ältere war und wer der Knabe. Millers Erfindung ist dann, wenn überhaupt, allein die Tatsache, dass die beiden in etwa gleichen Alters sind und sich tatsächlich mehr bedeuten als eine Form der Sexualität, die später dann doch wieder zwingend in ein Mann-/Frau-Verhältnis übergehen wird.
Zweitens: Erfindung oder nicht, eigentlich ist das auch egal. Ob ein Leser, persönlich Lust hat über einen homosexuellen Achilles zu lesen, ist genau das: Persönliche Vorliebe. Mit literarischer Kritik hat das nichts zu tun. Dafür ist allein entscheidend, ob die Geschichte glaubhaft entwickelt und in ästhetisch überzeugender Weise präsentiert wird.

In aller Kürze: A) Definitiv. B) Im Fall der Liebesszenen kann ich den Vorwurf verstehen, das Ganze lese sich ein wenig wie “Fan Fiction”. Wem Sexszenen, bei denen die Haut wie Seide ist, Haare nach Blumen duften und Münder wie Honig schmecken, zu viel sind, der dürfte durchaus ein paar mal mit den Augen rollen. Aber: Davon gibt es im Buch genau eineinhalb. Wer deshalb aus dem Text aussteigt, hat ein ganz eigenes Problem.

Konsequenter gestaltet als der Nachfolger

Alles in allem macht Das Lied des Achill vieles richtig, was beim später erschienenen Ich bin Circe nicht ganz so gelungen war. Trat Circe etwa wie eine Lehrerin vor Leser, von denen die Autorin offenkundig nicht erwartete, die Grundzüge griechischer Mythologie noch zu kennen, was den Effekt hatte, dass diese Göttin über Götter sprach, als sei sie nicht unter Göttern aufgewachsen sondern schreibe ein Schulbuch für moderne Fünftklässler, weist Patroklos genau den richtigen Wissenshintergrund auf, um einerseits organisch aus seiner Welt zu erzählen, andererseits den Lesern dennoch viele Informationen zu stecken, von denen glaubhaft ausgegangen werden kann, dass sie in diesem Kontext tatsächlich enthüllt werden würden. So wird etwa in der anfänglichen Brautwerbungsszene um Helena (Patroklos ist 9), die Identität eines besonders gewitzten Gastes vor der Gesellschaft zuerst nur als „Sohn des Laertes“ enthüllt. Dass es sich um Odysseus handeln muss, weiß, wer Ilias und Odyssee kennt, doch Patroklos und der weniger informierte Leser erfahren es erst viele Seiten später. An anderer Stelle frischt die Autorin unsere Erinnerung darüber auf, welche Könige alle an der Schlacht um Troja teilnahmen. Auch das geschieht organisch, indem die Truppen rund um Achilles, die ganz ohne Telefon und Facebook das bei ihrer Ankunft natürlich nicht wissen können, von den bereits Anwesenden die Namen der Anführer heruntergebetet bekommen. Im Gegensatz zu Circe wirkt Patroklos immer, als erzähle er die Geschichte unter seinesgleichen, und trotzdem gelingt es Miller, für Uninformierte alle wichtigen Informationen im Text unterzubringen. So wird es gemacht.

Das Problem mit Patroklos Tod

Allerdings steht Das Lied des Achill vor der Schwierigkeit, dass Erzähler Patroklos vor seinem Helden Achilles stirbt. Von sämtlichen nur schlechten denkbaren Lösungen (Erzählerwechsel, Wechsel in auktoriale Perspektive, jäher Schluss) wählt Miller die schlechteste, und lässt einfach Patroklos Geist weiter erzählen.

Überraschenderweise ist Ich bin Circe, offenkundiger Schwächen zum Trotz, im Großen und Ganzen allerdings doch das etwas bessere Buch. Die Ilias als Vorlage schnürt die Entwicklung der Geschichte deutlich ein, Das Lied des Achill ist tatsächlich vor allem eine Nacherzählung des großen Epos plus Liebesgeschichte. Dadurch, dass Miller einerseits Figuren eine Psyche verleiht, die nie als Figuren mit Psyche gedacht waren, andererseits aber die antipsychologische epische Handlung beibehalten muss, müssen Entscheidungen der Figuren innerlich motiviert werden, was geradezu absurd wirkt, wenn etwa Achilles erst alles tut, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen und sich dann doch überzeugen lässt von Gründen, die für Figuren Sinn ergeben mögen, die eben Figuren sind im Spiel der Götter, aber nicht für einen, der gerade noch den Krieg im Großen und Ganzen wie ein moderner Pazifist für einen ziemlichen Unsinn zu halten schien. Überhaupt dient, noch mehr als Achilles, der zumindest weiß, dass er für den Kampf geboren ist, besonders Patroklos allzu sehr als Platzhalter für modern-liberal-linksbürgerliche Vorstellungen. Hier fuhr Miller mit Circe definitiv besser, deren Mythos stückhaft übermittelt ist und mehr Freiraum für Charaktertiefe lässt, auch wenn es auf den ersten Blick noch absurder wirken mag, Göttern eine Psyche zu verleihen, wie sie Movens des bürgerlichen Romans und nicht des Epos ist. Ansonsten gilt auch hier wieder: Das Lied des Achill lässt sich gut lesen, die Sprache ist flüssig und trägt durch das Buch, ohne dass es Sätze gäbe, die man sich wird heraus schreiben wollen. Manch einer wird sich begeistert zeigen von den bilderreich-zärtlichen Ausmalungen der Sexualität von Achilles und Patroklos, manch einer wird das für etwas zu süßlich beschrieben halten. Wer Circe mochte, wird auch mit Das Lied des Achill Spaß haben. Wer hingegen eine moderne Nacherzählung der Illias sucht… naja, der sollte damit aufhören und verdammt nochmal die Ilias lesen.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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