Die Schwierigkeit, Epos und Psychologie zu vereinbaren. „Ich bin Circe“ von Madeline Miller

„Ich bin Circe“ von Madeline Miller bleibt beeindruckend eng am Quellenmaterial rund um die Göttin, die Odysseus band. Doch der Roman kämpft mit der Schwierigkeit, mythische Figuren psychologisch zu gestalten.


Wenn Sätzen wie dieser Ihnen nicht aufstoßen:

„Zu Füßen meines Vaters bestand die ganze Welt aus Gold. Das Licht erstrahlte auf einmal von überall her, seine hellgelbe Haut, seine funkelnden Augen, der lodernde Bronzeton seines Haars. Sein Körper glühte heißer als eine Feuerschale, und ich rückte so nah an ihn heran, wie er es zuließ, als wäre ich eine Eidechse, die sich in der Mittagshitze auf einem Felsen wärmt. Meine Tante hatte erzählt, dass einige der niederen Götter seinen Anblick kaum aushielten, aber ich war seine Tochter, sein Fleisch und Blut, und ich starrte sein Gesicht so lange an, dass es in meiner Fantasie weiterlebte, auch wenn ich längst weggesehen hatte. Es erstrahlte im Glanz des Bodens, der blanken Wände und der Intarsien der Tische. Ja, sogar auf meiner eigenen Haut.“

Dann dürfte Ich bin Circe von Madeline Miller für sie ein lesenswerter Roman werden. Aber warum um Himmels Willen sollte man mit diesem Satz ein Problem haben? Nun, es hat tatsächlich mit dem Himmel zu tun. Ich bin Circe ist ein in der Ich-Perspektive verfasster biografischer Roman über die berühmte Nymphe, die Odysseus liebte. Das ist an sich schon ein schwieriges Unterfangen. Haben Götter das denn, eine Biografie in diesem typisch bürgerlichen Sinne, die man von Geburt bis Ende erzählen kann? Eine Psyche, all diese sterblichen Kinkerlitzchen? Es ist verdammt schwer das zu verkaufen. Und Autorin Miller ist keine Dekonstruktivistin, keine Euphemistin oder ähnliches. Sie erkundet nicht, wie Götterbilder zu Stande kommen, beschäftigt sich nicht mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen bestimmter Formen des Glaubens: Ihre Götter sind tatsächlich Götter. Sie sind unsterblich, sie können fliegen, sie können „zaubern“ usw.

Ein unmöglicher Balanceakt

Das sorgt dann eben immer wieder für solche Passagen, in denen göttliches Wirken sehr direkt beschrieben wird, um noch einmal deutlich klarzumachen: Hier handeln Götter. Das wirkt oft dick aufgetragen, und manövriert vor allem Circe in eine sehr zwiespältige Erzählerposition: Einerseits müsste sie von ihren Verwandten erzählen, so wie wir von unseren Verwandten erzählen. Andererseits aber erzählt durch sie die Autoren die Geschichte den sterblichen Lesern. Und deshalb lässt sie Circe sprechen, als müsste sie den ganzen Götterkram erst einmal sterblichen Lesern erklären, bei denen man zudem noch kaum ein tieferes Wissen von griechischer Mythologie voraussetzen kann. Deshalb hält Circe auch immer mal wieder Geschichtsstunden wie diese:

Einst, als die Welt erwachte, gab es nur Titanen. Doch dann vernahm mein Großonkel Kronos die Prophezeiung, dass sein eigener Sohn ihn eines Tages vom Thron stoßen würde. Als seine Gattin Rhea ihr erstes Kind zur Welt brachte, entriss er es ihr, noch glitschig von der Geburt, und verschlang es. Vier weitere Kinder wurden geboren, und er aß sie auf, genau wie das erste. Bis die verzweifelte Rhea bei der jüngsten Geburt einen Stein in Windeln wickelte und ihn Kronos anstelle des Säuglings zum Verschlingen gab. Der Schwindel gelang, und das gerettete Kind, Zeus, wurde auf den Berg Dikti gebracht, wo es im Verborgenen großgezogen wurde. Als Zeus erwachsen war, erhob er sich tatsächlich gegen seinen Vater. Er holte sich den Blitzstrahl vom Himmel und zwang seinen Vater, giftige Kräuter zu schlucken. Seine Brüder und Schwestern, die im Bauch ihres Vaters gelebt hatten, wurden erbrochen. Sie schlugen sich auf die Seite ihres Bruders, nannten sich die Olympier nach dem hohen Gipfel, auf dem sie ihre Herrschaft errichteten

Das liest sich gezwungen, aufgesetzt, es knirscht eben im Gerüst, auf das die Handlung gestellt ist. Das Epos stellt uns nicht zufällig die Götter zwar handelnd wie Menschen dar, lässt uns aber nicht in ihre Seelen blicken: Eine erblickte göttliche Seele ist keiner mehr.

Abseits davon: Wer über diesen Grundwiderspruch hinweg lesen kann, bekommt ein gut geschriebenes, bildreiches, sprachlich gewaltiges und doch leicht dahinfließendes Buch, das mit einigen interessanten Entwicklungen aufwarten kann. Die Fähigkeit der Circe und ihrer Schwestern, mittels Pflanzen starken Zauber zu wirken hat das Potenzial, das Machtgefüge auf und unter dem Olymp umzukrempeln. Diese Ausgangslage nutzt Autorin Miller, unbekannte Mythen mit der Lebensgeschichte der Circe zu verweben. Besonders interessant ist die Bearbeitung der Frage, wie wir mit den Monstern, die wir geschaffen haben, umgehen, herausgearbeitet an der tatsächlich stark gestaltenden Beziehung Circes zu Scylla, die sie in ihrer Eifersucht in die bekannte monströse Form verwandelt hat, und später etwa Minos zum Minotaurus.

Kein Anti-Odysseus-Pamphlet

Auch positiv hervorzuheben: Dass der Aufenthalt des Odysseus tatsächlich nicht viel mehr Raum bekommt, als in der Oddyssee. Die Versuchung lag sicher nahe, hier eine Art „Gegenrede zu Homer“ zu verfassen, was schnell hätte ins Essayistische ausgleiten können. Miller erliegt der Versuchung nicht. Stattdessen werden die weniger bekannte Überlieferung der Geburt des zweiten Odysseus-Sohnes Telegonos durch Circe, und dessen Streit mit Athene, relativ breit und fantasiereich ausgearbeitet, wobei Circe zuerst mit den Schwierigkeiten zu ringen hat, einen Sterblichen aufzuziehen, und später mit dessen Freiheitsdrang konfrontiert wird, der schließlich Telemachos und Penelope auf Circes Insel lotst. Neben Scylla findet der Roman hier zu seinen interessantesten Passagen.

Die oben diskutierte Problematik der Perspektive freilich lässt sich auch dort nicht auflösen, und immer wieder stören selten platte Sätze wie: „»Darf ich zusehen? Ich war noch nie bei Hexerei dabei.« (…) “Natürlich. Dieses Waschmittel ist hervorragend. Was ist da alles drin?« »Distel, Beifuß, Sellerie, Schwefel. Magie.«

Bis zum Schluss hat Ich bin Circe mit der Unvereinbarkeit von Epik und bürgerlicher Psychologie zu kämpfen: Während alle Charakterbetrachtung psychologisch bleibt, ist der Verlauf der Handlung durch die Rahmendaten des überlieferten Mythos vorgegeben. Miller macht allerdings wirklich das Beste daraus, selbst die Scylla-Handlung wird schließlich mit der Telegonos/Telemachos-Handlung verknüpft, und stiftet so einen Zusammenhang zwischen den insgesamt doch eher lose verbundenen Hälften des Romans.

Lesenswert ist Ich bin Circe also. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, für wen: wer sich mit griechischer Mythologie auskennt, wird der Handlung mühelos folgen können, aber vielleicht durch von der Anlage des Romanes eigentlich gar nicht verlangte schulmeisterlich Exkurse genervt sein. Wer sich aber kaum auskennt, dem dürften die Exkurse eher nicht reichen, um wirklich reibungslos in die Welt des Romans einzusteigen. Letztlich können beide Arten von Lesern es nur ausprobieren.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

More Posts - Website

Follow Me:
TwitterFacebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert