Kumm loss mer fiere – Karneval in Zeiten des Terrors

Der rassistische Anschlag von Hanau macht zutiefst betroffen und zornig. Kann man da noch Karneval feiern? Ja, meint unser Kolumnist Heinrich Schmitz


Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

Zehn Menschen hat der Täter ermordet, sich selbst dann auch erschossen und damit einem Strafverfahren entzogen. Seine Gedankenwelt hat er in einem kruden Skript niedergelegt. Und wer es gelesen hat, weiß, dass seine Tat von Rassismus getrieben war. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter eine psychische Störung vermutlich in Form einer paranoiden Psychose hatte, ist zwar relativ hoch; daraus allerdings den Schluss zu ziehen, es handele sich bei der Tat um die Tat eines Schuldunfähigen, bietet sich keineswegs zwingend an. Psychische Störungen sind weit verbreitet, ohne dass diese automatisch zu Morden führen. Ob jemand mit einer schizophren-psychotischen Erkrankung aber bei Begehen einer Tat schuldfähig ist, kann nicht grundsätzlich beantwortet werden. Die Schuldfähigkeit bzw. Schuldunfähigkeit ergibt sich nicht allein aus der Diagnose. Kann sein, kann auch nicht sein. Das wissen wir noch nicht und ob wir es jemals erfahren werden, wissen wir auch nicht.

Fruchtbarer Boden

Wenn nun die üblichen Hetzer des rechtsextremen Spektrums jede Verantwortung für die rassistische Aufladung des Täters weit von sich weisen, ist das eine recht durchsichtige Propaganda, denn selbst wenn der Täter schuldunfähig gewesen sein sollte – was man im Nachhinein mangels psychiatrischer Begutachtung wohl nicht mehr sicher feststellen können wird – sind doch die Narrative der Rechtspopulisten bei ihm offenbar auf fruchtbaren Boden gefallen.

Schuldunfähigkeit kann viele Ursachen haben. So kann auch eine erhebliche Alkoholisierung oder Drogenintoxikation zur Aufhebung der Schuldfähigkeit führen. Tötet also ein Rassist im Zustand der alkohol-/drogenbedingten Schuldunfähigkeit einen Flüchtling, dann wird niemand auf die Idee kommen, der Rassismus selbst sei alkohol-/drogenbedingt.

Ich weiß nicht, ob es Personen gibt, bei denen sich ein Rassismus autark entwickelt hat – das mag aufgrund persönlicher Erfahrungen möglich sein –, was ich aber weiß ist, dass rassistische Propaganda weltweit durchaus erfolgreich ist. Ein schuldunfähiger Rassist bleibt aber ein Rassist und ein solcher Rassist wird in seinem Rassismus jedenfalls bestärkt, wenn sein Rassenwahn von anderen geteilt wird. Und gerade beim Zeitpunkt, an dem er meint, aktiv werden zu müssen, spielen viele Faktoren eine Rolle.

Wer sich das Skript des Täters angesehen hat, der kann keinen ernsthaften Zweifel daran haben, dass hier ein völkisch-rassistisch denkender Mensch am Werke war. Im letzten Absatz schreibt er:

Aus all den genannten Gründen blieb mir also nichts anderes übrig, so zu handeln, wie ich es getan habe, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen. Dieser Krieg ist als Doppelschlag zu verstehen, gegen die Geheimorganisation und gegen die Degeneration unseres Volkes!

Menschen kommen und gehen. Das was bleibt ist das Volk!

Schaut euch in Zukunft genau an, wer das Volk ist.

Nun, wie kann man damit umgehen? Dass eine rassistische Grundstimmung, die auch zu schwersten rechtsextremistischen Straftaten führt, seit Jahrzehnten in Deutschland Zulauf erhält, ist eine Binsenweisheit. Und nach jedem Anschlag folgt dem Entsetzen über die Taten die Forderung, den Rechtsextremismus nun aber bitte endlich einmal wahrzunehmen und effektiv zu bekämpfen. Es gibt Mahnwachen, Lichterketten, Trauerfeiern mit Politprominenz, Auftritte des Bundespräsidenten. Das alles ist gut so, und es ist notwendig. Die schönste Betroffenheitsrhetorik hilft aber nichts, wenn sie keine messbaren Folgen hat. Schaut man sich heute an, was der frühere Präsident des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, im Rahmen seiner Werte-Union-Reden für Sätze vom Stapel lässt, dann darf man sich getrost fragen, ob das jemals der richtige Mann am richtigen Platz war, um den Rechtsextremismus zutreffend einschätzen und wirklich bekämpfen zu können. Wenn er zu Hanau twitterte (und es später wieder löschte),

Sozialistische Logik: Täter sind immer rechts, Opfer immer links. Man braucht sich nicht mehr mit Stalin, Mao, Pol Pot, Ulbricht …auseinanderzusetzen, weil sie Nazis waren. Der Haken daran ist: nach dieser Denke sind sie selber rechts. Antifa=Nazis.

dann mag ich mir gar nicht vorstellen, welche Einschätzungen der so im Amt getroffen hat. Wohlgemerkt als oberster Verfassungsschützer.

Was das mit Karneval zu tun hat?

Nun, als ich an Weiberfastnacht bei Facebook auf eine Mahnwache für die Opfer des Anschlages von Hanau in meiner Heimatstadt hinwies, kommentierte jemand, dessen Meinung ich sehr schätze:

Nach meinem Dafürhalten sinnvoller als Karneval.

Und auch einige andere sprachen sich dafür aus, in diesem Jahr auf Karneval zu verzichten. Aus Pietät, aus Rücksicht gegenüber den Opfern. Das ZDF schien dies ähnlich zu sehen und verschob die für 20:15 Uhr geplante Ausstrahlung der Kölner Mädchensitzung in die Nacht auf 1:45 Uhr.

Kann man natürlich machen, ich halte das allerdings für falsch und erkläre auch gerne, warum.

Der Karneval, insbesondere der mir bestens bekannte Kölner Karneval, hat seit vielen Jahrzehnten eine zutiefst antirassistische Ausrichtung. Das war nicht immer so. Der Nationalsozialismus hatte auch den Kölner Karneval übernommen und gar nicht einmal wenige Jecken hatten sich z.B. mit antisemitischen Karnevalswagen und Büttenreden an der Hetze gegen Juden beteiligt.

Und noch 1973 – das will ich gar nicht klein reden – rief ein begeistertes Publikum automatisch „Sieg Heil“

Aber diese Zeit ist glücklicherweise seit Jahrzehnten Geschiche und es wäre wünschenswert, wenn das für immer so bliebe.

Heimatbegriff

Es gibt wohl kaum eine andere Region, in der nahezu alle der großen Karnevalsbands sich in schöner Regelmäßigkeit an Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit engagieren, wie das Rheinland. Seit dem legendären „Arsch Huh“-Konzert gehört das Engagement der Kölner Bands zur DNA des Antifaschismus und -rassismus dazu. Die Bands und vor allem aber alle Jecken haben einen Heimatbegriff, der eben nicht ausschließt, sondern jeden Menschen, gleich welcher Herkunft, sexueller oder religiöser Orientierung oder sozialem Status ausdrücklich mit einschließt. Ausgeschlossen – und zwar ganz bewusst – werden nur die, die den Heimatbegriff in einer völkisch-ausschließenden Weise für sich alleine reklamieren wollen. Geradezu empört waren die Kölner Bands, als sie mitbekamen, dass ihre Lieder auf Veranstaltungen rechtsradikaler Gruppierungen gespielt wurden.

Dagegen wehrten sie sich gemeinsam mit einem eindeutigen musikalischen Statement, mit der klaren Ansage: „Su läuf dat he (so läuft das hier)“:

Un mir losse uns nit dran fummele (und wir lassen und nicht dran fummeln)

mir losse keiner dran (wir lassen keinen dran)

an all die Leeder, die mir em Hätze han (an all die Lieder, die wir im Herzen haben?

Un Ihr künnt uns nit täusche (und Ihr könnt uns nicht täuschen)

Et es die iewich ahle Seuche (es die die ewig alte Seuche)

loht unser Leeder en Rauh (Lasst unsere Lieder in Ruhe)

Doför stommer all he zesamme (Dafür stehen wir hier alle zusammen)

ohne Hass un nit nur für dä FC (Ohne Hass und nicht nur für den FC)

un bei uns sin Minsche einfach Minsche (Und bei uns sind Menschen einfach Menschen)

all simmer jlich – su läuf dat he, su läuf dat he… (alle sind wir gleich – so läuft das hier, so läuft das hier)

Und die „tollen Tage“ sind das beste Beispiel dafür, dass wir alle zusammengehören oder, wie die Höhner es singen, wir:

„all hee Bröder“

sind, was selbstverständlich auch die Schwestern nicht ausschließt.

Millionen Jecke sind an Karneval auf den Straßen und in den Kneipen und feiern gemeinsam. Da spielt weder die Hautfarbe noch das Portemonnaie eine Rolle. Der „Kölsche Stammbaum“ der Bläck Föös betont, dass wir Rheinländer letztlich alle von irgendwelchen irgendwann eingewanderten Menschen abstammen und davon sehr profitiert haben.

Warum sollten wir das jetzt nicht wie jedes Jahr feiern? Warum sollten wir durch die Absage von Karnevalsveranstaltungen den Eindruck erwecken, Karneval sei etwas Pietätloses oder gar Sündiges? Etwas dessen wir uns schämen müssten? Oder gar signalisieren, dass ein rassistischer Terroranschlag geeignet wäre, die normalen gesellschaftlichen Abläufe bei uns aus dem Gleis zu bringen. Würde es auch Forderungen geben, am Wochenende keine Bundesliga spielen zu lassen? Sollen wir den Rechtsextremisten das Gefühl geben, sie hätten Recht mit ihrer Idee, durch Terror eine Spaltung der Gesellschaft zu erreichen?

Ich denke, nein, das sollten wir nicht. Bei allem Entsetzen sollten wir das Gegenteil demonstrieren. Wir halten zusammen, wir lassen uns als Gesellschaft nicht von Extremisten aus dem Lot bringen und ja, wir feiern den Karneval und damit eine bunte Gesellschaft – und sei es auch mit Tränen in den Augen und der Faust in der Tasche. Es ist gar nicht so leicht, auf den Hass der Rassisten nicht mit gleichem Hass zu reagieren. Aber nur das ist der richtige Weg.

In einem alten Lied der Höhner heißt es:

Unser Zick die es had jenoch (Unsere Zeit, die ist hart genug)

Kei Minsch weed daraus klooch (Kein Mensch wird daraus klug)

Wat he öm uns eröm passeet (Was hier um uns herum passiert)

Wat ma su in d’r Zeitung liest (Was man so in der Zeiting liest

Mäht et Leeve nit jrad söß (Macht das Leben nicht gerade süß)

Wä weiß schon wie’t morje wigger jeiht? (Wer weiß schon, wie es morgen weiter geht?)

An dä Sorje schunkle mer schon net vörbei (An den Sorgen schunkeln wir schon nicht vorbei)

Alles hät sin Zick un nix es einerlei (Alles hat seine Zeit und nichts ist einerlei)

Und dann lautet der Refrain:

Kumm loss mer fiere, net lamentiere (Komm lass uns feiern, nicht lamentieren)

Jet Spass un Freud dat hät noch keinem Minsch jeschad (Etwas Spass und Freude hat noch keinem Menschen geschadet)

Denn die Trone die do laachs muß de net kriesche (Denn die Tränen, die Du lachst, musst Du nicht weinen)

Loss mer fiere, ob Kölsche Aat (Lass uns feiern, auf kölsche Art)

Das bedeutet gerade nicht, dass wir im Karneval die Opfer vergessen. Das geht gar nicht. Die sind in diesen Tagen immer präsent. Und das ist auch gut so. Es bedeutet auch nicht, dass wir nicht innehalten und Mahnwachen veranstalten, bei denen wir ernst und traurig sind. Auch mitten in den „tollen Tagen“. Es bedeutet aber, dass wir den Extremisten nicht auch nur eine Sekunde das Gefühl lassen, sie bekämen uns jecke Menschen klein. Nein, wir sind bunt, wir sind mehr und wir stehen solidarisch gegen die, die unsere offene demokratische Gesellschaft wieder in eine Zeit zurückmorden wollen, in der ein Menschenleben nichts mehr wert war, wenn es nicht mit dem Siegel arisch versehen war.

Memento mori

Der Karneval erinnert traditionell auch immer an die Sterblichkeit des Menschen, das Memento Mori ist stets dabei; und sie werden es vielleicht außerhalb des Rheinlandes nicht verstehen, aber auch der Tod eines lieben Menschen wird in einem Karnevalslied thematisiert und zwar so stimmig, dass dieses Lied mittlerweile auch gerne bei Beerdigungen gespielt wird. In diesem Sinne:

Op die Liebe, op et Lävve, op die Freiheit und d’r Dud (Auf die Liebe, auf das Leben, auf die Freiheit, auf den Tod)

Kumm mer drinke uch met denne die im Himmel sin (Kommt wie trinken auch mit denen, die im Himmel sind)

Alle Jläser huh (Alle Gläser hoch)

Gedenken wir der Opfer von Hanau. Ehren wir ihre Namen. Geben wir ihnen ein Gesicht in unserer Mitte. Nicht der Name des Täters darf diese Tat überleben, wichtig sind nur die Namen der Opfer:

Ferhat Unvar
Gökhan Gültekin
Hamza Kurtović
Said Nessar El Hashemi
Mercedes Kierpacz
Sedat Gürbüz
Kaloyan Velkov
Fatih Saraçoğlu
Vili Viorel Păun

Die Mutter des Täters

Wichtig ist, die nicht zu vergessen. Bauen wir ihnen ein Denkmal in Hanau und in unseren Herzen. Und lassen wir uns nicht entmutigen, weiter für eine offene Gesellschaft einzutreten – und gemeinsam Karneval zu feiern.

Denn

Wir werden frei sein

Wenn wir uns lieben

Es wird vorbei sein

Mit all den Kriegen

Wir sind Brüder

Wir sind Schwestern

Ganz egal wo wir sind

Glaub mir

Die Liebe gewinnt

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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