„Ach, Virginia“ – Ein Titel wie eine Selbstkritik

Michael Kumpfmüllers „Ach, Virginia“ scheitert vor dem Willen, unbedingt aus den Augen der größten Schriftstellerin der Moderne blicken zu wollen. Literaturkolumne von Sören Heim

Virginia Woolf wiki, gemeinfrei

Eigentlich bin ich ein Freund von Erzählungen, die auf historischen Persönlichkeiten oder Ereignissen beruhen. Der Autor schafft sich damit die lästige Erfinderei vom Hals, die doch meist nur darauf hinausläuft, unplausible Ereignisse auf irgendeine Weise „spannungsgeladen“ derart zu verknüpfen, dass man sie noch gerade so glauben kann oder sogenannte „Welten“ zu schaffen, die in ihrer Organisiertheit gut auch dem Hirn eines deutschen Verwaltungsbeamten entsprungen sein könnten und auch dem fantastischsten Szenario jeden Zauber austreiben. Eine solide Basis: Die eröffnet dem Schriftsteller alle Freiheiten in der tatsächlich literarischen Gestaltung: In Sprache und Textkomposition bzw. dem Arrangement der Geschichte.

Sprachlich sehr trocken

Ach, Virginia von Michael Kumpfmüller könnte so eine Geschichte sein. Der Roman erzählt die letzten Tage im Leben der großen Virginia Woolf aus deren Perspektive, wobei ein personaler Erzählstil angewandt wird (dritte Person, durch den Kopf der Protagonistin gefiltert). Normalerweise würde ich auf die Perspektive nicht so schulmäßig-technisch hinweisen, doch das wird noch wichtig für die Beurteilung des Romans.

Denn an dem stört in erster Linie seine sprachlich/formale Altbackenheit. In durchgängig ähnlich langen Absätzen, die noch dazu einem immer ähnlichen syntaktischen Aufbau folgen, wird ein Leben herunter erzählt und praktisch jeder Punkt abgehakt, den man auch in der ausführlichen englischen Wikipedia nachschlagen könnte. Bis zum Schluss ist mir nicht klar geworden, was dieser Roman eigentlich will, mit welcher Perspektive er meint, uns über das Leben der größten Schriftstellerin der Moderne bereichern zu können. Wer Woolf schätzt, findet inhaltlich nichts Neues. Gut, das soll ein Roman auch nicht leisten. Wer die Autorin aber nicht kennt – wird der angeregt, wenigstens eines von ihren Büchern zu entdecken? Es gibt ja gute Woolf-Biografien und eben die ausführliche englischsprachige Wikipedia. Was also leistet eine so trockene Roman-Biografie?

An einigen Stellen kommt Virginia Woolf selbst zu Wort, es sind durchweg keine literarischen Texte der Autorin, nichts, wo hinein Woolf viel Arbeit investiert hätte.  Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, der Abschiedsbrief. Und, es tut mir weh das zu sagen, der stilistische Kontrast zu dem, was Ach, Virginia sonst zu bieten hat, ist eklatant. Nur in diesen Zitaten blitzt literarische Gestaltungskunst auf.

Immer ein Fehler,
Vergleiche mit den Großen aufzudrängen

Aber kann man nicht einfach ein nettes solides Buch schreiben, in dem der durchschnittliche Leser etwas über Virginia Woolf erfährt? Von mir aus, ich bin ja nicht die Literatur-Polizei. Aber meine Güte, es ist nun einmal Virginia Woolf. Und der Roman, hier kommen wir dann zur Perspektive, erzählt eben auch nicht auktorial über ein Leben, sondern filtert alle Erlebnisse durch den Kopf der Protagonistin. Über die erfahren wir im Buch einerseits, dass sie teilweise etwas wirr redet, vielleicht sogar Wahnvorstellungen hat, und wir wissen andererseits, dass sie eine der größten Stilistinnen der Literaturgeschichte war (in der Zeit, in der der Roman spielt, vollendete sie noch das starke Between the Acts). Darf dann wirklich jeder einzelne Absatz so klingen?

Leonard ist erkennbar überrascht, sie nach Wochen erstmals wieder bei der Küchenarbeit zu sehen, aber es scheint ihm zu gefallen, dass er sich nur hinsetzen muss und alles für ihn und sie bereitsteht ohne den geringsten Fehler.

Heute werde ich schreiben, sagt sie. Nachher, wenn wir fertig sind, gehe ich in meine Höhle und fange an zu schreiben.

Sie hat nicht die geringste Vorstellung, was das sein könnte, sie sagt das nur für sich, denn vielleicht muss man ja nur ankündigen, dass man etwas tut, und bloß weil man es angekündigt hat, wird es möglich.

Das scheint mir dem gewählten Gegenstand einfach nicht adäquat zu sein.

Es dürfte generell einen Fehler darstellen, sich eine solche Autorin für einen biografischen Roman herauszupicken. Der Vergleich mit der Größten drängt sich nun einmal geradezu auf und wird durch die gewählte Erzählperspektive sogar textimmanent notwendig. Besser schreibt sich – davon leitet sich unter anderem Walter Scotts Regel für historische Romane her, nicht die Großen der Geschichte, sondern die Nebenfiguren in den Mittelpunkt zu stellen – über die, mit deren Genie sich zurande kommen lässt oder über das zumindest nicht so viel bekannt ist. Büchners Lenz war ein dankbarer Protagonist für dessen wunderbare kleine Erzählung. An Goethe dagegen wäre die Gefahr des Scheiterns groß; deshalb lässt Thomas Mann ihn in seiner Lotte wie den weißen Hai erst spät auftreten. Vita Sackville-West oder sogar Woolfs Ehemann Leonhard hätten sich als Protagonisten angeboten, aus deren Augen sich indirekt über das Leben Virginia Woolfs erzählen ließe, ohne die ganze Zeit im Schatten einer Riesin zu stehen, deren Leben noch dazu schon tausendmal erzählt wurde. Ich wollte Ach, Virginia unbedingt lesen, aus der leisen Hoffnung, auf ein Meisterwerk zu stoßen. Denn ein gelungener Roman über Virginia Woolf müsste ja ein Meisterwerk sein. Dieser ist es nicht, doch an einer übermenschlichen Aufgabe zu scheitern, ist zugegebenermaßen keine Schande.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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