Sinn machen /= Sinn ergeben

Kolumnist Sören Heim über die Verhältnisse unterschiedlicher sprachlicher Formulierungen zum Sinn.

pixabay, gemeinfrei

Normalerweise verschwende ich keine Zeit in Auseinandersetzungen mit sogenannten „Sprachkonservativen“. Denn die Haltung, dass die Sprache eines bestimmten Zeitraums (meist der eigenen Kindheit) die einzig richtige sei, ist derart absurd – es nutzt nicht, darüber zu streiten. Die Sprache durfte sich also bis zu diesem Punkt hin entwickeln (kein „Konservativer“ würde das Deutsch Goethes als „falsch“ bezeichnen), aber keinesfalls darüber hinaus. Absurd, nichts weiter.

Das heißt nicht, dass jeder Sprachwandel unterschiedslos zu begrüßen ist. Wenn man etwa bemängelt, dass, jenem Zeitgeist entsprechend, nachdem persönliche Schwächen möglichst weit von uns zu weisen sind, eine Formel wie “Alles Gut” zuerst als Nachfrage das viel offenere „Wie geht es dir?“ ersetzt, und mittlerweile als Antwort Konflikte bemäntelt, dann lässt sich das im gesellschaftlichen Kontext problematisieren. Ernst gemeinte Sprachkritik ist Gesellschaftskritik. Dann aber eben reflektiert und nicht von einem undurchdachten Status Quo ausgehend. Auch Widerstand gegen bewusste Verschiebungen des Sagbaren ist sinnvoll.

Die leidige Debatte über den Sinn

Heute aber möchte ich, weil man ihm nicht entkommt, doch einmal über einen ganz klassischen Streitpunkt schreiben. Das immer wieder verfemte „Machen“ von Sinn. Längst nachgewiesen wurde, dass diese Wendung durch die deutsche Literatur bis mindestens ins 18. Jahrhundert zurückverfolgbar, also kein neuer Anglizismus ist. Aber auch das wäre kein Problem, Freunde: Meine Fresse, Anglizismus ist ja selbst ein Latinismus!

Mir geht es hier aber um die zeitgenössische Blindheit für Nuancen der Sprache, die aus dem oft gehörten Einwand spricht, man könne doch statt Sinn machen „echte“ deutsche Ausdrücke gebrauchen wie „Sinn haben“, „Sinn ergeben“ oder „sinnlos sein“.

Die Sache ist die: Diese Ausdrücke bedeuten nicht das gleiche (UND ihre Bedeutung ist natürlich weiter im Wandel begriffen).

Verschiedene Wendungen, verschiedene Bedeutungen

„Sinn machen“ ist ein eher umgangssprachlicher Ausdruck, der regelmäßig zur Anwendung gelangt, wenn ein Mittel darauf abgeklopft wird, ein Ziel zu erreichen. “Es macht doch keinen Sinn, jetzt noch Essen zu bestellen, wir müssen um 7 Uhr in Kino sein”. Sicher kann man auch die anderen Formulierungen dort verwenden, sie stehen sich nah genug, aber „Sinn machen“ hat hier seine Nische gefunden. Es wird wiederum auch in anderen Situationen verwendet, und auch das ist nicht falsch, doch diese spezifische scheint mir die Stelle, wo man die Formulierung am häufigsten antrifft. Natürlich oft auch ohne den zweiten Satzteil, der das eigentliche Ziel benennt – „Es macht keinen Sinn jetzt rauszugehen [implizit: denn es regnet]“.

„Sinn ergeben“ ist ein deutlich schärferer, analytischer Ausdruck. Der Mord ist im Raum geschehen, die Tür war die ganze Zeit verschlossen, doch die Blutspritzer sind außen auf der Klinke? Das ergibt doch alles keinen Sinn. Wieder: Auch „Sinn ergeben“ kann anders genutzt werden, doch die wenigsten würden in einer solche analytischen Situation wohl „Sinn machen“ sagen, und niemals schreiben.

„Sinn haben“ kann ähnlich verwandt werden wie „Sinn machen“ im ersten Beispiel, ich verstehe allerdings jeden, der das nicht tut. „Sinn machen“ verweist eben auf die Tätigkeit im Erzeugen von Sinn, „Sinn haben“ ist intrinsischer Natur. Allerdings werden die beiden wohl am ehesten austauschbar verwendet.

Wenn etwas „sinnlos“ ist, ist es deutlich absoluter, als wenn etwas keinen Sinn „macht“ oder „hat“. Ein von den Verhältnissen Entmutigter könnte etwa sagen: „Es ist sinnlos, noch gegen den Klimawandel zu kämpfen, wir haben eh keine Chance”. Sinn machen ist im Alltag meist den kleinen Dingen vorbehalten, wo man zumindest theoretisch Mittel und Zwecke noch benennen könnte. Die Sinnlosigkeit ist das Große, sie ist eher Ausdruck der Verzweiflung.

Wie gesagt, wir sprechen im Alltag meist nicht so präzise, dass diese Unterscheidungen eingehalten würden, und manche Menschen sprechen deutlich präziser als andere. Aber ich denke, das Obige sind Beobachtungen, die Sinn machen, wenn man sinnvoll über unterschiedliche Verhältnisse in der Alltagssprache zum Sinn sprechen möchte, und die auch zeigen, dass die Sprache sich sehr wohl klug auf den Sinn bezieht, den Worte und Phrasen bereits haben. Die unterschiedlichen Verwendungen verschiedener auf Sinn bezogener Formulierungen ergeben und erzeugen (!) Sinn im Verhältnis zueinander und zur Welt. Tatsächlich sinnlos ist es allerdings, mit den konservativen Sprachbewahrern darüber diskutieren zu wollen, denn denen ist die Sprache als nuanciertes Mittel, Sinn zu schaffen, tatsächlich ziemlich egal.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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