Zwischen Bühne und Buddha

Tina Turner, die Queen-Mum des Rock’n’Soul, feiert heute ihren 80sten Geburtstag. Die Hörmal-Kolumne von Ulf Kubanke

Photo: Tina Turner by Peter Lindbergh

New York am 27. Januar 1983: Manchmal sind es einzelne Tage, die ein Leben an einen Kreuzweg führen und als Wendepunkt zum Guten oder Schlechten fungieren. Bei Tina Turner ist es eindeutig dieser Winterabend im Big Apple. Draußen herrscht Frost. Im angesagten Nachtclub Ritz hingegen bringt sie mit einer beeindruckend furiosen Show den Saal zum kochen. Im Publikum befinden sich Ikonen wie Robert de Niro, Andy Warhol, Keith Richards oder Rod Stewart. Turners Ausgangslage ist brisant. Einerseits liegt die Horrorehe mit Ex-Mann Ike Turner hinter ihr und sie war frei, bereits zwei Soloalben auf zu nehmen. Andererseits beruhte ihr Ruhm wesentlich auf dem Duo Ike und Tina Turner und beide Solo-LPs erwiesen sich als veritable Flops, die weder national noch international auch nur in die Nähe der Charts vordrangen. Ein Plattenvertrag? Nicht in Sicht! Die Finanzen? Tina verzichtete bei der Scheidung von Ike 1978 auf alle Ansprüche, so er ihr sämtliche Rechte am Küntlernamen „Tina Turner“ überließ. Nicht gerade die perfekte Ausgangslage, um endlich als Phoenix der eigenen Asche zu entsteigen. Und vielleicht hätte sogar diese Topleistung nicht den Durchbruch gebracht. Doch ein Mann macht den Unterschied: David Bowie!

Der Thin White Duke befand sich gerade auf seiner erfolgreichen „Let’s Dance“-Tour, war seit jeher großer Fan, nahm sich Ike und Tina bereits für seinen 1975er Soul-Abstecher „Young Americans“ zum Vorbild und brachte kurzerhand ein paar Labelfunktionäre von Capitol Records zum Konzert. Der gewünschte Effekt blieb nicht aus. Angesteckt von Turners berstender Leidenschaft, kraftvoller Stimme und hochsympathischer Ausstrahlung und mit Hilfe von Bowies Vermittlungstalent, offerierte man ihr jenen ersehnten Kontrakt, der schlussendlich zum Signaturalbum „Private Dancer“ führte, das weltweit gut 20 Millionen mal über den Ladentisch ging. Die tiefe Freundschaft zu Bowie wärte bis zu dessen Tod.

Auch sonst verlief ihr Leben turbulent. Geboren als Anna Mae Bullock in einfachen Verhältnissen, verhieß die Zukunft für ein Mädchen teils afroamerikanischer, teils nativamerikanischer Herkunft im rassistischen Tennessee kein Zuckerschlecken. Ausgerechnet die Begegnung mit dem Musiker Ike Turner, den sie 1962 heiratete, brachte das Wunder von Geld, Ruhm und musikhistorischen Verdiensten in Soul und R&B. Besonders ihre Fähigkeit, neben den Afroamerikanern ebenso ein weißes Publikum zu erobern, ohne musikalische Kompromisse ein zu gehen, brachte den großen Erfolg.

Drei Lieder schälen sich hier als essentieller Nukleus heraus. 1969 erscheint „River Deep – Mountain High“. Untypischerweise handelt es sich weder um eine Ike-Komposition, noch um ein Cover. Phil Spector schrieb die Nummer Tina auf den Leib und übernahm auch die Produktion im Stil seiner opulenten Wall of Sound. Es ist nicht nur eines der schönsten Lieder der Sixties. Tina erlebte hier erstmals, dass die Qualität ihres Vortrags für sich allein geschätzt wird und sie den dominanten Egomanen Ike künstlerisch im Grunde nicht benötigt. Selbstredend reagierte er erwartbar eifersüchtig. Desweiteren entwickelt sich die 1971er „Proud Mary“-Interpretation des gleichnamigen Creedence Clearwater Revival-Hits zum absoluten Aushängeschild sämtlicher Konzerte – sowohl mit Ike als auch später solo. Ihre explosive Stimme, eine eigens entwickelte Choreografie und das lebendige Arrangement lassen sogar CCRs eigentlich vorzügliches Original daneben wie müden Countryschlager aussehen.

Nicht minder wichtig ist das zwei Jahre später entstandene „Nutbush Citiy Limits“, seines Zeichens nicht nur semiautobiografischer Track über Tinas Geburtsort, sondern tatsächlich auch der einzige Song, den sie selbst schrieb. Etliche TT-Fans favorisieren hier mit einiger Berechtigung nicht die ursprüngliche Studiofassung, sondern die noch mitreissendere Variante ihres 1988er Livealbums „Tina Live In Europe“.

Ike Turners Gewalttätigkeit gegen seine Frau steigerte sich noch infolge heftiger Kokainsucht. Tinas mangelndes Selbstwertgefühl mündete 1968 sogar in einem Suizidversuch. Rettung nahte erst 1973 durch die gemeinsame Freundin Valerie Bishop. Durch sie gelangte Tina Turner auf den Pfad des Buddhismus. Diese Weltanschauung – mehr Philosophie als Religion und dem selbständigen Denken des Individuums zugewandt – hilft Tina entscheidend. Schritt für Schritt entwickelt sie Selbstvertrauen und verläßt Ike 1976 endlich. Mittlerweile lebt sie längst in der Schweiz, nahm deren Staatasbürgerschaft an, spricht fließend deutsch und heiratete den Kölner Erwin Bach nach buddhistischem Ritus. Die Bühne hat sie seit zehn Jahren hinter sich gelassen.

Erreicht hat sie dort auch allemal so viel; es würde für zwei Leben reichen. Schon allein die magischen vier Jahre von 1984 bis 1988 machen sie zum überlebensgroßen Monument. Das fängt schon bei der äußeren Stilisierung an. Als Markenzeichen stellt sie eine wilde Mähne zur Schau und trägt on Stage gern einen engen Lederminirock. Letzteren reißt ihr Mick Jagger kamerawirksam beim gemeinsamen Live Aid-Auftritt herunter. Die ebenso abgesprochene wie geprobte Aktion verfehlt ihre Wirkung nicht und darf medial getrost als Vorreiterin perfekt inszenierter Miniskandala a la Nipplegate und Co betrachtet werden.

Wenn Tina ruft, kommen alle. Die Mannschaft für ihr Überalbum „Private Dancer“ ist sogar für Superstarverhältnisse bemerkenswert. Dire Straits-Frontman Mark Knopfler komponiert ihr das melancholische Titelstück auf den Leib. Gitarren-Guru Jeff Beck verpasst dem Singlehit „Better Be Good To Me“ mehr als nur einen Hauch Rock. Über 30 weitere instrumentale Koryphäen sind an Bord. Als Produzenten legen u.A. Rupert Hine (Chris de Burgh, Bob Geldof, Stevie Nicks) und Terry Britten (Michael Jackson, Status Quo) ihre Finger an die Knöpfe. Letzterer schrieb auch ihre ultimative Hymne, die ewige Visitenkarte „What’s Love Got To Do With It“. Kurios: Ausgerechnet diesen unsterblichen Evergreen bot Britten vorher Cliff Richard, Donna Summer und einigen anderen Sängern vergeblich an. Tina hingegen schneiderte sich das Stück dermaßen perfekt auf den kurvigen Leib, dass es einerseits als Reminiszenz an ihre Vergangenheit deutbar ist, daneben aber auch als universeller Liebeskummersong funktioniert.

Duette gab es zwischendurch mit David Bowie („Tonight“) und Bryan Adams („It’s Only Love“). Jeder, der mit ihr arbeitete, war gleichermaßen von ihrer musikalischen Urkraft und ihrem freundlichen Wesen gebannt. Adams erinnerte sich kürzlich: „Sie war atemraubend. Es war als fegte plötzlich ein Tornado durchs Studio. Unfassbar!“ Sogar Hollywood klopfte an und bot ihr 1985 eine tragende Rolle in „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“. Dem Soundtrack steuerte sie die beiden grandiosen Nummern „We Don*t Need Another Hero“ und „One Of The Living“ bei. Besonders ersteres schoss weltweit verdient an die Spitze der Charts.

Kann man solch einen Erfolg wiederholen? Tina konnte! Nur ein Jahr später servierte sie mit „Break Every Rule“ das nächste Topalbum. Diesmal befanden sich neben Knopfler und Hine u.A. Bryan Adams und Phil Collins mit an Deck. Musikalisch reichen die Lieder zwar nicht ganz an den Vorgänger heran, bilden aber dennoch eine gelungene Fortsetzung der Erfolgsstory. Vor allem das energetische „What You Get Is What You See“ knüpft in Text und Stil lässig dort an, wo zuvor „Better Be Good To Me“ endete. Bis zur Jahrtausendwende folgten noch drei weitere Studio-LPs, die zwar erfolgreich gerieten, qualitativ aber nicht mit jedem Track den Level dieser Hochphase erreichten. Manch irritierend kitschiger Moment, etwa das mediokre Duett mit Eros Ramazotti („Cose della Vida“) wurde ihren Fähigkeiten nicht annährend gerecht. Hier zeigt sich der leidige Umstand, dass große Stimmen, die nicht selbst komponieren – wie Sinatra oder Turner – stets auf die Form ihrer Songwriter angewiesen sind.

Live hingegen konnte man sich stets hundertprozentig auf die Queen-Mum des Rock’n’Soul verlassen. Besonders stark präsentiert sie sich 2009 auf ihrem allerletzten Livealbum „Tina Live!“ unmittelbar vor dem Bühnenabschied. In schnörkellosen, knackigen Arrangemnts zelebriert sie mit 70 Jahren dort ein letztes Mal quasi alle Hits so frisch wie ein ausbrechender Vulkan. Zehn Jahre später ist sie zum 80. zwar der Öffentlichkeit entrückt, aber endlich ganz bei sich. „Seit ein paar Jahren führe ich erstmals mein eigenes Leben. Ich singe und tanze nicht mehr für andere. Ich mache nur das, wonach mir der Sinn steht.“

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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