Stalins „Bauernkrieg“

Zum 90. Jahrestag der Kollektivierung der Landwirtschaft in der UdSSR

Автор: неизвестен - Известия ЦК КПСС - 1989 - № 12 - С.84, Общественное достояние, Quelle

Der Kampf um die Nachfolge Lenins, der in der bolschewistischen Partei bereits 1923, also kurz vor dem Tod des Parteigründers, begonnen hatte, wurde etwa nach sechs Jahren entschieden. Die Fraktion um den Generalsekretär des ZK der Partei, Josef Stalin bezwang im Frühjahr 1929 die Gruppierung um den Parteitheoretiker Nikolaj Bucharin, die sich für die Fortsetzung der 1921 begonnenen bauernfreundlichen Neuen Ökonomischen Politik einsetzte. Nun hielt Stalin die Zeit für reif, um die von ihm bereits 1924 verkündete Politik des „Aufbaus des Sozialismus in einem Lande“ so schnell wie möglich zu verwirklichen.

Die letzte „kapitalistische Klasse“?

Die Leichtigkeit, mit der die Stalinsche Fraktion ihren letzten gewichtigen Kontrahenten in der Partei – die sogenannte „rechte“ Gruppierung um Nikolaj Bucharin  – zu bezwingen vermochte, steigerte das Selbstbewusstsein und die Aggressivität der Sieger. Auf dem ZK-Plenum vom April 1929 befasste sich Stalin ausführlich mit den sogenannten Fehlern der „rechten Opposition“. Sie sei unfähig zu verstehen, dass der Klassenkampf in der Sowjetunion nun eine neue Dimension erreicht habe, er werde immer schärfer. So gehe die Bucharin-Gruppe davon aus, dass kapitalistische Schichten, die in der Sowjetunion immer noch existierten, „friedlich in den Sozialismus hineinwachsen würden“. Damit verkenne sie gänzlich die Sachlage, meinte Stalin und fuhr fort:

„Noch niemals war es in der Geschichte der Fall, dass sterbende Klassen freiwillig vom Schauplatz abgetreten sind. Noch niemals war es in der Geschichte der Fall, dass die sterbende Bourgeoisie nicht alle ihr noch verbliebene Kraft erprobt hätte, um ihre Existenz zu behaupten … Das ist die Grundlage der Verschärfung des Klassenkampfes in unserem Lande.“

Neun Jahre nach dem gewonnenen Bürgerkrieg, mitten in einer Zeit des Friedens, begann nun die sowjetische Führung, eine Kriegsstimmung zu schüren und den Eindruck zu vermitteln, sie stehe am Vorabend eines Endkampfes, von dem das Schicksal des Regimes abhänge. Der gefährlichste Feind, der in diesem sich anbahnenden Krieg zu bezwingen sei, wurde eindeutig definiert – dies war die bäuerliche Elite, die sogenannten „Kulaken“, die nach den offiziellen Berechnungen etwa 4% der bäuerlichen Haushalte umfassten. Es handelte sich dabei um etwa eine Million Bauernfamilien (5-6 Millionen Menschen). Diesem wirtschaftlich effizientesten Teil der sowjetischen Bauernschaft wurde nun unversöhnlicher Kampf angesagt. Er sollte als wirtschaftlicher Faktor aus der sowjetischen Realität endgültig verschwinden. Dieses Vorhaben der Partei werde einen hartnäckigen Widerstand der Kulaken hervorrufen, so Stalin. Der Generalsekretär war aber davon überzeugt, dass die Machtmittel des sowjetischen Staates dazu ausreichen würden, um diesen Widerstand zu brechen.

Warum schilderte Stalin dann den sich nun anbahnenden Kampf als einen nie dagewesenen Endkampf? Dies hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Partei damals das Ziel verfolgte, nicht nur die bäuerliche Oberschicht, sondern auch die individuelle Bauernwirtschaft als solche zu beseitigen. Dabei berief sich Stalin auf eine Aussage Lenins, der die Einzelbauern als die letzte „kapitalistische Klasse“ bezeichnet hatte. „Ist diese These richtig?“ – fragte Stalin im April 1929, um fortzufahren:

 „Ja, sie ist unbedingt richtig. Warum wird die individuelle Bauernschaft als die letzte kapitalistische Klasse qualifiziert? Weil von den zwei Grundklassen, aus denen unsere Gesellschaft besteht, die Bauernschaft diejenige Klasse ist, deren Wirtschaft auf dem Privateigentum und der kleinen Warenproduktion beruht.“

Eine solche kapitalistische Warenproduktion ließ sich nach Ansicht Stalins langfristig nicht mit dem sozialistischen Charakter des sowjetischen Staates vereinbaren. Außerdem sei sie nicht effizient.

Den einzigen Ausweg sah Stalin im Übergang zu Kollektivwirtschaften.

Bei seiner Berufung auf Lenins abschätzige Äußerungen über die „bäuerlichen Kleineigentümer“ erwähnte Stalin allerdings nicht, dass die bolschewistische Führung in der Lenin-Zeit nicht gewagt hatte, den bäuerlichen Landbesitz als solchen grundsätzlich in Frage zu stellen. Im Jahre 1919, als der russische Bürgerkrieg seinen Höhepunkt erreicht hatte, befanden sich noch 97% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Landes in bäuerlicher Hand. Dieser Zustand war für viele bolschewistische Puristen unhaltbar. Sie betrachteten die Vergesellschaftung des Bodens als unverzichtbaren Bestandteil des neuen wirtschaftlichen Systems. Die maßgeblichen Kräfte innerhalb der bolschewistischen Führung, nicht zuletzt Lenin, lehnten aber während des Bürgerkrieges diese Forderung ab. Denn sie wussten, dass jeder Versuch, die Ergebnisse der Bodenreform vom Oktober 1917 in Frage zu stellen, den ohnehin verzweifelten Widerstand der Bauern gegen das „kriegskommunistische System“, das die Bolschewiki kurz nach ihrer Machtübernahme zu errichten begannen, um ein Vielfaches verstärken würde. Sie wollten zwar den Bauern einen beträchtlichen Teil ihrer Erträge, aber nicht den Boden entreißen. Und dieser Umstand trug wesentlich zum Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg bei. Nun beabsichtigte aber Stalin an dem aus der Sicht der Bauernschaft wohl wichtigsten Ergebnis der Oktoberrevolution – der Bodenreform – zu rütteln. Damit forderte er nicht nur die wohlhabende bäuerliche Oberschicht, sondern die Bauernschaft als solche heraus.

Stalins Fiktionalismus

Stalins Pläne wurden immer umfassender und radikaler. Noch im April 1929 sprach er von einer „allmählichen Überleitung der individuellen Bauernschaften auf die Bahnen kollektiver Großwirtschaften.“

Ein halbes Jahr später, in seinem Artikel zum 12. Jahrestag der Oktoberrevolution mit dem bezeichnenden Titel: „Das Jahr des großen Umschwungs“ klang Stalin viel weniger versöhnlich. Er behauptete, den „Propagandisten der Kollektivwirtschaftsbewegung“ sei es nun gelungen, die Bauern von den Vorzügen der Kollektivwirtschaften (Kolchosen) zu überzeugen:

„Worin besteht das Neue in der jetzigen Kollektivwirtschaftsbewegung? Das Neue und Entscheidende in der jetzigen Bewegung besteht darin, dass die Bauern nicht wie früher in einzelnen Gruppen, sondern dass ganze Dörfer …, ja sogar Bezirke in die Kollektivwirtschaften eintreten“.

Stalins Worte vermittelten den Eindruck, als ob die überwältigende Mehrheit der russischen Bauern bereits auf ihr individuelles Eigentum verzichtet habe. In Wirklichkeit schlossen sich damals den Kolchosen, ungeachtet eines erheblichen administrativen und propagandistischen Drucks, lediglich 7,6% der bäuerlichen Haushalte an.

So konstruierte Stalin in seinem Artikel „Das Jahr des großen Umschwungs“ eine Fiktion, eine Pseudowirklichkeit, die mit den wahren Sachverhalten wenig Gemeinsamkeiten hatte. Dies war eines der ersten Beispiele für den Stalinschen Fiktionalismus, der zu den zentralen Wesenszügen des neuen Systems gehören sollte.

Der bäuerliche Widerstand gegen die  „zweite Leibeigenschaft“

Am 5. Januar 1930 beschloss das Zentralkomitee der Partei, die „vollständige Kollektivierung der wichtigsten Regionen bis zum Herbst 1930, allerspätestens bis zum Herbst 1931 durchzuführen“. Ohne den Einsatz des ganzen, dem System zur Verfügung stehenden Zwangsapparates ließ sich diese Aufgabe nicht verwirklichen. Beinahe der gesamten Landbevölkerung – etwa 130 Millionen Menschen – wurde nun der Krieg erklärt.

Einige Monate nach dem Beginn der Kollektivierung bezeichnete der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow den Stalinschen Versuch, mehr als 100 Millionen Bauern zu enteignen und in landlose Proletarier zu verwandeln, als einen Akt des Wahnsinns. Dieser Wahn habe allerdings eine innere Logik, so Fedotow. Stalin habe begriffen, dass die nationale Substanz des Landes, an der die kommunistische Experimentiersucht zu scheitern drohe, vor allem auf den Bauern basiere. Deshalb sei er zu einem kühnen Entschluss gelangt – den Bauernstand als solchen zu beseitigen:

„Noch nie inspirierte ein derart tollkühner Gedanke den Willen eines Staatslenkers … Zugleich verfügte aber bisher noch nie ein Herrscher über ein derart übermenschliches Machtpotential“.

Dann stellt Fedotow die bange Frage, ob es der Stalin-Riege gelingen könnte, ihr Vorhaben zu verwirklichen. Es gehe dabei keineswegs um den Aufbau des Sozialismus, sondern um die

„Zerstörung aller vitalen Kräfte des Bauerntums …Jetzt entscheidet sich das Schicksal Russlands – vielleicht für die nächsten Jahrhunderte. Wenn es dem Volk nicht gelingen sollte, in dieser entscheidenden Schlacht seine Interessen zu wahren, wird es aufhören, Subjekt der Geschichte zu sein,“ so lautete Fedotows Fazit.

Ähnlich wie seinerzeit die Politik des Kriegskommunismus rief auch die Stalinsche Revolution von oben einen heftigen Widerstand breiter Bevölkerungsschichten hervor, worauf die Machthaber ebenso wie zur Zeit des „ersten russischen Bürgerkrieges“ mit brutalem Terror reagierten. Die Geschwindigkeit, mit der das Regime die bäuerlichen Betriebe Ende 1929 und zu Beginn des Jahres 1930 kollektivierte, d.h. enteignete, war atemberaubend. Bereits am 1. Februar 1930 erhöhte sich die Zahl der kollektivierten Bauernhaushalte im Vergleich zum November 1929 von 7,6 auf 31,7% und einen Monat später sogar auf 57,2%.

Die Bauern wehrten sich verzweifelt. Von Januar bis Mitte März 1930 registrierten die Sicherheitsorgane (OGPU) etwa 2 200 Bauernunruhen und Revolten unterschiedlichster Art. Besonders verbreitet war aber der passive Widerstand. Statt ihr Eigentum den Kollektivwirtschaften zu übergeben, zerstörten die Bauern ihr Inventar und schlachteten ihr Vieh.

Das Regime beantwortete den Widerstand mit einem terroristischen Feldzug, der, ungeachtet mancher Ähnlichkeiten zum „roten Terror“ aus der Zeit des Bürgerkrieges sich von letzterem wesentlich unterschied. Nikolaj Bucharin bemerkte später: Während des Bürgerkrieges hätten die Bolschewiki um ihr Überleben gekämpft und der Gegner sei nicht weniger rücksichtslos gewesen. Demgegenüber habe Stalin seinen eigenen Bürgerkrieg in einer Zeit begonnen, in der das Machtmonopol der Bolschewiki nicht im Mindesten gefährdet war, und in der der Gegner über keine Verteidigungsmittel verfügte.

Besonders brutal ging das Regime gegen die „Kulaken“ vor. Am 29. Dezember 1929 verkündete Stalin die Parole von der „Liquidierung des Kulakentums als Klasse“. Die Kulaken sollten enteignet werden, durften aber den Kollektivwirtsaften nicht beitreten. Etwa zwei Millionen von ihnen wurden in die entlegenen Regionen der UdSSR deportiert, Hunderttausende kamen während der Deportation ums Leben.

„Vor Erfolgen von Schwindel befallen“? – Stalins taktischer Rückzug

Der Widerstand der Bauern gegen die „neue Leibeigenschaft“, wie die Kollektivierung der Landwirtschaft oft bezeichnet wurde, zwang die Regierung dazu, das Tempo der Kollektivierung vorübergehend zu drosseln. Am 2. März 1930 erschien in der „Prawda“ ein von Stalin verfasster Artikel, der den Titel trug „Vor Erfolgen von Schwindel befallen. Zu den Fragen der Kolchosbewegung“.

Im Artikel wurde ein grundlegender Kurswechsel in der sowjetischen Bauernpolitik signalisiert. Stalin kritisierte übereifrige Verfechter der Kollektivierung, die bei der Errichtung von Kolchosen Zwang ausgeübt hätten. Ein solches Vorgehen sei dumm und reaktionär, so der Generalsekretär. Die Errichtung von Kolchosen sei nur auf einer freiwilligen Basis möglich.

Die Kritik Stalins an den „übereifrigen Parteifunktionären“, die die Kolchosen mit Gewalt zu errichten suchten, wurde von der sowjetischen Landbevölkerung mit Erleichterung aufgenommen. Millionen von Bauern traten nun aus den Kolchosen aus. Die Zahl der kollektivierten Bauernhaushalte verringerte sich im Juli 1930 im Vergleich zum März von 57,2% auf etwa 22%.

In Wirklichkeit handelte es sich aber bei der vorübergehenden Drosselung der Geschwindigkeit der Kollektivierung lediglich um eine Art „Kriegslist“ der sowjetischen Führung. Auf dem XVI. Parteitag im Juni 1930 gab Stalin dies im Grunde offen zu. Er kritisierte diejenigen Kommunisten, die die Verlangsamung der „sozialistischen Offensive auf dem Lande“ als Niederlage der Kolchosbewegung auffassten:

„Das ist selbstverständlich falsch. Erstens verläuft keine Offensive, und sei es auch die erfolgreichste, ohne dass man hie und da zu weit vorprescht … Zweitens gab es nie eine erfolgreiche Offensive … ohne Umgruppierung der Kräfte während der Offensive selbst, ohne Befestigung der eroberten Stellungen … Bloßes Vorrücken ist der Tod der Offensive. Davon zeugen die reichen Erfahrungen unseres Bürgerkrieges.“

Die „Entbäuerlichung“ der Bauernschaft?

Genau nach der hier beschriebenen Methode setzte das Regime dann nach einem vorübergehenden Rückzug seine Offensive fort. Ende 1930 wurde der frontale Angriff gegen die Bauern wiederaufgenommen. Im Juli 1931 betrug die Zahl der kollektivierten Bauernhaushalte bereits 55% – also beinahe genau so viel wie vor dem Abbruch der „Offensive“ im März 1930. 1932 erhöhte sich diese Zahl auf 65%, 1934 auf 75%. Ende der 1930er Jahre war die Kollektivierung der Landwirtschaft weitgehend vollzogen. Statt 25 Millionen bäuerlicher Einzelbetriebe entstanden 240 000 Kolchosen. Dieser Vorgang stellte die wohl tiefste Zäsur in der neuesten Geschichte Russlands dar. Die ungelöste Agrarfrage bildete seit Generationen den gefährlichsten sozialen Sprengstoff Russlands. Das Zarenregime war nicht zuletzt deshalb zusammengebrochen, weil die russische Landbevölkerung sich von ihm abgewandt hatte. Etwa um die Jahrhundertwende verlor nämlich die Bauernschaft ihren Glauben an einen gerechten „Bauernzaren“, der die Gutsbesitzer enteignen und die sogenannte „schwarze Umverteilung“ durchführen werde. Die Bolschewiki waren nicht zuletzt deshalb an die Macht gelangt, weil sie die Bauern dazu aufgerufen hatten, das „Geraubte zu rauben“ – das Land der Gutsbesitzer eigenmächtig zu besetzen. Und dieses neuerworbene Stück Land wurde von den Bauern wie das kostbarste Gut gehütet. Nur der Stalinschen Führung ist es gelungen, das Bauerntum zu zähmen, sein Rückgrat zu brechen, und zwar dadurch, dass sie den Bauernstand als solchen infolge seiner beinahe gänzlichen Enteignung beseitigten. Es fand nun ein Prozess statt, der in der Sowjetunion gelegentlich als „Entbäuerlichung“ der Bauernschaft bezeichnet wird. Als Bauern im ursprünglichen Sinne – mit einer emotionalen Einstellung zum Land – verhielt sich die russische Landbevölkerung im Grunde nur auf den kleinen Privatparzellen von etwa 0,5 Hektar, die die stalinistische Führung ihr als eine Art Kompensation für das enteignete Land überließ. Die Produktivität der Kollektivwirtschaften hingegen blieb weit hinter den Erwartungen der Urheber der Kollektivierung zurück. Die Getreideproduktion sank z.B. in den Jahren 1931-32 im Vergleich zum Jahre 1928 von 73 auf etwa 69 Millionen Tonnen. Trotzdem gelang es dem Staat, die Menge des aufgekauften bzw. requirierten Getreides zu verdoppeln.

Die Hungerkatastrophe von 1932/33

Diese brutale Ausbeutung der Bauernschaft verursachte in den Jahren 1932-33 eine beispiellose Hungersnot. Mehr als 6 Millionen Menschen starben (es werden in der Literatur auch andere Zahlen genannt). Die größte Zahl der Opfer hatten die Ukraine, Kasachstan, der Nordkaukasus und einige Wolga-Gebiete zu beklagen. In der Ukraine wird dieses Massensterben, dem nach einigen Angaben mehr als drei Millionen Menschen zum Opfer fielen (auch andere Zahlen werden genannt), als „Holodomor“ bezeichnet.

Die Bauern, die aus den von der Hungersnot besonders stark betroffenen Gebieten zu fliehen suchten, so vor allem in die besser versorgten Städte, wurden von den Sicherheitsorganen mit Gewalt daran gehindert. Im Rundschreiben der Staats- und Parteiführung vom Januar 1933 hieß es:

„Das ZK und die Regierung haben Beweise dafür, dass die Massenflucht der Bauern von den Gegnern der Sowjetmacht … organisiert worden ist.“

Den Sicherheitsorganen wurden dann folgende Anweisungen erteilt: „Die konterrevolutionären Elemente sind zu verhaften und die übrigen Flüchtlinge in ihre Wohnorte zurückzubringen.“

Aber nicht nur die Abriegelung der Städte und die Eindämmung der Landflucht, sondern auch andere Fakten weisen darauf hin, dass die stalinistische Führung kaum Interesse hatte, die Hungersnot auf dem Lande zu lindern. So exportierte die UdSSR z.B. im Jahre 1932, also auf dem Höhepunkt der Hungersnot, 1,7 Millionen Tonnen Getreide.

Schließlich muss man darauf hinweisen, dass die Hungersnot der Jahre 1932-33, anders als die Hungerkatastrophe, die der sowjetische Staat infolge des Bürgerkrieges zu Beginn der 1920er Jahre erlebt hatte, als eine Art Staatsgeheimnis behandelt wurde. 1921 hatte die sowjetische Führung an die gesamte Weltöffentlichkeit appelliert und um Unterstützung gebeten. Ein solcher Appell kam für Stalin nicht in Frage. Aus all diesen Gründen bezeichnete der sowjetische Agrarhistoriker Viktor Danilow im Jahre 1988 die Hungerkatastrophe von 1932-33 als „das schrecklichste Verbrechen Stalins“.

„Die Revolution frisst ihre Kinder“

Während die sowjetische Bauernschaft die Kollektivierung der Landwirtschaft vehement ablehnte, verhielten sich die Dinge innerhalb der bolschewistischen Partei anders. Hier dominierten Befürworter der „revolutionären Offensive“ auf dem Lande, die der unpopulären Neuen Ökonomischen Politik ein für allemal ein Ende setzten sollte. Eine Art Aufbruchsstimmung erfasste damals breite Parteikreise, die die Kollektivierung und das mit ihr eng verbundene ehrgeizige Industrialisierungsprogamm als Wiederanknüpfung an die Zeit der revolutionären Experimente und der sozialen Utopien – an den Kriegskommunismus – auffassten. Das Privateigentum und der freie Markt – die wichtigsten Hassobjekte der orthodoxen Marxisten – wurden in der Sowjetunion nun infolge der Stalinschen Revolution von oben weitgehend abgeschafft. Nun konnte das Regime das gesamte Wirtschaftspotential des Landes, alle seinen materiellen und menschlichen Ressourcen direkt kontrollieren und lenken. Dies war das wichtigste Ergebnis der Kollektivierung und nicht, wie zunächst erhofft, eine Steigerung der Erträge. Erst jetzt konnten die Verfechter der zentralen Planwirtschaft in Moskau zum Zuge kommen. Der äußerst komplizierten Koexistenz des staatlichen und des privaten Wirtschaftssektors, die außerordentlich viele Spannungen und Konflikte verursacht hatte, wurde nun ein Ende gesetzt. Das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte, das in den Augen der orthodoxen Marxisten als die Verkörperung des Chaos galt, wurde nun durch den staatlichen Dirigismus abgelöst.

Die im Allgemeinen als undurchführbar geltende marxistische Idee von der „Abschaffung des Privateigentums“ wurde nun in einem riesigen Land weitgehend verwirklicht. „Die Utopie gelangte an die Macht“. Der russische Philosoph Nikolaj Berdjajew schrieb in diesem Zusammenhang: Im 19. Jahrhundert habe man sich oft darüber beklagt, dass die Utopien zwar schön seien, sich aber leider nicht verwirklichen ließen. Im 20. Jahrhundert sei die Menschheit mit einer ganz anderen Erfahrung konfrontiert worden. Utopien seien leichter realisierbar, als man dies zunächst angenommen habe. Die Frage, die sich nun stelle, sei, wie man die Verwirklichung von Utopien verhindern könne, so Berdjajew.

Und in der Tat, die erste Hälfte des „kurzen“ 20. Jahrhunderts stellte die Zeit eines beispiellosen Durchbruchs des Utopischen dar. Den Bolschewiki war es weitgehend gelungen, ihre Utopie von der „Abschaffung des Privateigentums“ zu verwirklichen. Und den Nationalsozialisten war es beinahe gelungen, ihre Utopie von der Errichtung einer rassisch geprägten „Neuen europäischen Ordnung“ zu realisieren. Sie scheiterten lediglich an der überlegenen militärischen Macht der Anti-Hitler-Koalition.

Nun aber zurück zur Stalinschen Revolution von oben. Ihre gewaltige Dimension beeindruckte nicht nur die Stalinisten. Auch manche russische Emigranten waren von ihr fasziniert. Einer der Vertreter der 1921 im russischen Exil entstandenen Eurasierbewegung, Wassili Peil, sprach 1933 von der Epoche der zentralen Planwirtschaft, die nun entstehe und die die Periode des Chaos innerhalb der Wirtschaft ablöse.

Die Bewunderer der „zentralen Planwirtschaft“ ließen indes die Tatsache außer Acht, dass die Brutalität, mit der die Kollektivierung durchgeführt wurde, nicht auf die Bauern beschränkt bleiben konnte. Sie musste sich beinahe zwangsläufig auch auf andere Bevölkerungsgruppen im Lande ausdehnen. Ihr nächstes Opfer waren diejenigen, die an der Durchführung der Kollektivierung maßgeblich beteiligt waren.

Mitte der 1930er Jahre  – nach der erfolgreich abgeschlossenen Kollektivierung – gebärdete sich die bolschewistische Partei wie ein allmächtiger Demiurg, der imstande sei, über Nacht eine neue Welt zu kreieren. Der 17. Parteitag der Bolschewiki, der im Januar 1934 diesen „Triumph“ feierte, wurde von den bolschewistischen Propagandisten als „Parteitag der Sieger“ bezeichnet. Fünf Jahre später waren 70% der ZK-Mitglieder, die dieser Parteitag gewählt hatte und die Hälfte der Delegierten des Parteitages nicht mehr am Leben. Sie gerieten ins Räderwerk der Stalinschen Terrormaschinerie, die sie früher selbst mitentwickelt hatten. Und so „fraß die Revolution ihre Kinder“.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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