Fluss mit Wiederkehr

Bruce Springsteen wird 70. Grund genug für Ulf Kubanke, den Mann aus New Jersey näher unter die Lupe zu nehmen und seine fast 50 Jahre währende Karriere in der Hörmal-Kolumne zu beleuchten.

Foto: official press and promotional pic 2019

Das erste Kapitel

Aller Anfang ist schwer? Ja und nein! Einerseits bescherten die Frühwerke „Greetings From Asbury Park“ und „The Wild, The Innocent And The E-Street-Shuffle“ keinerlei nennenswerten Chart-Erfolg. Kritiker attestierten vorhandenes Talent, monierten jedoch Unausgegorenheit und Ziellosigkeit in Komposition wie Stil, nahmen ihn als eine Art Aushilfs-Bob Dylan wahr. Andererseits agiert die junge Band so sehr aus einem Guss, als spiele man seit Äonen miteinander. Jedes Instrument brilliert sowohl im Zusammenspiel als auch in Solo-Passagen. Ihre Bandbreite mischt Rock mit viel Singer/Songwriter-Intimität, einigen Soul/R&B-Elementen sowie Balladen hoher Intensität. Ein besonderer Reiz beider LPs liegt in der hier noch vollkommen abwesenden Breitbeinigkeit. Den Liedern fehlt noch das Stadion-Gen. Ihre DNS entfaltet sich eher in verrauchten Kaschemmen oder an Lagerfeuern.

Um Geld zu sparen, nahmen die 1972/73 recht abgebrannten Musiker den Löwenanteil zügig und weit nach Mitternacht auf, da die Studiotarife zu später Stunde ermäßigt waren. Die Qualität litt hierunter nicht. Unter Fans genießen beide Platten Kultstatus. Auch bereits etablierte Kollegen schätzen das Debüt in hohem Maße. Manfred Mann etwa strafft u.A. „Blinded By The Light“ plus „For You“ und macht beide Nummern zu Welthits. David Bowie verliebt sich in die „Greetings“ und covert 1974 das ohnehin wundervolle „It’s Hard To Be A Saint In The City“ kongenial. Die eigentlich für „Young Americans“ geplante Version strandet jedoch zunächst als Outtake. Sie erscheint viele Jahre später auf einer Zusammenstellung.

Die Kuriositäten

Gerade weil Springsteen stets so bodenständig erscheint, schimmert manche Merkwürdigkeit besonders intensiv. Da gibt es die federleichte „Rosalita“. Der zunächst weitgehend unbemerkte Song entwickelt sich im Verlauf der Jahre international zu einem der meistgespielten und beliebtesten Radiohits. Hollywoodfilme verwenden es gern. Es existiert sogar ein Video. Gleichwohl ist es wohl die einzige Nummer der Rockgeschichte, die solchen Erfolg verbucht, ohne je als Single in Erscheinung zu treten. Springsteen koppelte es nie aus.

Wer auf makabre Pointen steht, werfe einen Blick auf die vom Zufall gewobene Verbindung zwischen Springsteen-Liedern und dem Tod von Legenden. 1977 empfand der Boss, sein „Fire“ passe eher zum King und sendete Elvis Presley ein Demo. Dieser verstarb jedoch, als der Track dessen Briefkasten erreichte. Wenige Jahre später lobte John Lennon des Amerikaners „Hungry Heart“ über den grünen Klee und wurde nur Stunden später von einem Attentäter erschossen.

Bei E-Street-Saxofonist Clarence Clemons verhält es sich umgekehrt. Sein Spiel hört man auch auf Springsteens 2012er und 2014er Alben, obwohl er bereits 2011 verstarb. Man verwendete kurzerhand Tonspuren seiner letzten Aufnahmen.

Beträchtliche Situationskomik entfaltet sich 1974 aus der skurilen Begegnung des Bosses mit dem Thin White Duke. Bowie lud ihn zum nächtlichen Treffen, um seine obig genannte Interpretation zu zeigen. Springsteen jedoch war als damaliger Frischling noch längst kein selbstsicherer Superstar und erstarrte in beladener Schüchternheit. Der normalerweise so kollegiale wie herzliche Gentleman Bowie hingegen stand kokainbedingt komplett neben sich und fabulierte über UFOs.

Die verschworene Gemeinschaft

Bruce und seine E-Street Band gehören zu jener seltenen Gattung, deren Verbindung zwar zusammen gehört wie Pech und Schwefel, dabei jedoch ein Eigenleben entwickelt. Man kennt solch seltene Pflanzen etwa von Bob Dylan und The Band, Neil Young und Crazy Horse oder Nick Cave mit den Bad Seeds. Der Titel „The Boss“ hat dabei durchaus einen doppelten Boden. Einerseits unterstreicht er Springsteens Rolle als federführende Kraft in Komposition wie Text. Daneben beinhaltet er eine ironische Ebene, auf der die Jugendfreunde ihren Frontman liebevoll auf die Schippe nehmen.

Auch einzeln hinterließen die Mitglieder mehr als nur eine Kerbe im Bettpfosten der Popkultur. So setzt Steven van Zandt alias Little Steven neben der Gitarre auch Akzente als Produzent oder Schauspieler. Filmfreunde kennen ihn aus der Serie „Die Sopranos“. Der verstorbene Clarence Clemons etablierte wie kein Zweiter den Sound des Saxofons im Rock- und Popkontext. Pianist Roy Bittan prägt etliche Stücke Springsteens mit teils sensiblem, teils zupackendem, sehr gefühlvollem Spiel. Zahlreiche Musiker – u.A. Bowie – nahmen seine Dienste auf ihren Alben gern in Anspruch. Wer alle gebündelte E-Street-Kraft genießen möchte, kommt nicht um die 3-CDs bzw. 5 LPs des Boxsets „Live 1975-85“ herum. Das Set dokumentiert jene unkopierbare Energie, die vom ölverschmierten Highway-Rocker über den protestbewegten Underdog bis hin zum sensitiven Romantiker jedermann dort abholt, wo er sich gerade befindet. Diese ausnahmslos superben Mittschnitte bilden eines der besten Konzertalben überhaupt.

Der Texter

Nicht ohne Grund wurde in Fachkreisen eine Verwandtschaft zwischen Tom Waits und Springsteen festgestellt. Beide sind verschiedene Seiten jener Medaille, durch die man die Menschen im Allgemeinen – insbesondere in den USA – besser verstehen kann als durch Politiker und Institutionen. Waits Geschichten umweht ein Hauch von, Straße, Hobos und der oft ironische, teils tragische, stets liebevolle Blick auf Verlierer. Springsteen zeigt die falsche Seite der Städte und Landstriche ebenso, schildert dabei allerdings soziale Missstände sowie unbedingten Kampfgeist gegen ungerechte Strukturen. Ersterer ist mehr Kerouac, letzterer mehr Brecht, doch ähneln sie einander in der Romantik ergreifender Liebesgeschichten. Nicht umsonst coverte Springsteen, der Waits tief bewundert, bereits Toms „Jersey Girl“.

Konzerne, die ihre Songs missbrauchen. Beide gewannen Musterprozesse. Springsteen etwa untersagte der Republikanischen Partei die Verwendung von „Born In The USA“. Jene verkannte den Sarkasmus komplett und nutzte die Antikriegshymne ohne Genehmigung als nationalistisches Werbeliedchen für ihre Militärpolitik. Als zusätzliche Nuance zieht sich die Thematisierung des so komplizierten wie dysfunktionalen Verhältnisses zum groben, dem Alkohol zugeneigten Vater durch seinen Katalog, etwa in „Adam Raised A Cain“ oder „Long Time Comin’“.

Alben für die Ewigkeit

„Born To Run“, „Darkness On The Edge Of Town“ und „The River“ ergeben zwischen 1975 und 1980 die unentbehrliche Dreifaltigkeit seines Katalogs. Ersteres markiert die Geburt der Rock-Ikone und beschert dem nachdenklichen Mittzwanziger auch mental ein Hoch. Doch der Absturz folgt. Zwei Jahre staut ein Rechtsstreit mit Ex-Manager Mike Appel den kreativen Fluss. Das Ergebnis – „Darkness“ – erweist sich als perfekte Umwandlung von Frustration in große Musik. Kurios: Das bei den Sessions entstandene „Because The Night“ unterschätzt er sträflich überläßt es der befreundeten Patti Smith. Diese veröffentlicht es im selben Jahr als Single und macht es zum kultisch verehrten Evergreen. Der Boss selbst spielt das Lied seitdem regelmäßig live und veröffentlichte seine 1978er Studiofassung erst 30 Jahre später auf der Raritätenschau „The Promise“. Die Doppel-LP „The River“ bereichert hernach die bislang skizzenhaften Ausschnitte um detailierte Milieuschilderungen mittels sensibel portraitierter Antihelden. Wer Springsteen bis ins Mark begreifen will, kommt um dieses Trio nicht herum.

„Born In The USA“ krönt alles vier Jahre später mit kolossalem Erfolg. Ein Dutzend Killersongs, von denen sieben als Hitsingles brillieren, bilden mit über 30 Millionen Einheiten eines der meistverkauftesten Alben aller Zeiten. Neben Dire Straits‘ „Brothers In Arms“ ist es die ultimative weltweite Rock-Visitenkarte der 80er und definiert den Höhepunkt des sogenannten Heartland Rock, der eingängige Lieder mit sozialen Themen verbindet. Spätestens hier lässt er Genre-Kollegen wie Tom Petty, Bob Seger oder John Mellencamp in der Gunst des Publikms weit abgeschlagen hinter sich.

Zehn Jahre gönnt er sich daraufhin den Luxus kaum mitreißender Routine. „Tunnel Of Love“ und der Doppelschlag „Human Touch“/“Lucky Town“ bleiben trotz einiger Juwelen blass. Das Spätwerk kann sich hernach wieder sehen lassen. „The Rising“ thematisiert 2002 die 9/11-Anschläge, verzichtet wohltuend auf Rachegelüste und entlarvt in „Paradise“ religiös motivierte Gewalt als tragischen Irrtum. Die zarte Ballade rührt zu Tränen. Von hieran liefert er wieder große Songs wie das schnörkellose „Radio Nowhere“ („Magic“ 2007), den morriconesken „Outlaw Pete“ („Working On A Dream“ 2008) oder das 2012 bereits seit vielen Jahren konzerterprobte „Land Of Hope And Dreams“ („Wrecking Ball“).

Als stromloser Solist entfernt er sich zwischendurch gern vom gewohnt energetischen E-Street-Pfad und kredenzt akustische Platten. Hier vertieft er sein Talent als Beobachter und Geschichtenerzähler. „The Ghost Of Tom Joad“ dekonsturiert den als zerbrochen diagnostizierten amerikanischen Traum. „Nebraska“ ist ein Hörfilm Noir, dessen Titelstück lang vor Quentin Tarantinos/Oliver Stones „Natural Born Killers“ die wahre Geschichte des Serienkillerpärchens Charles Starkweather und Caril Ann Fugate aufgreift. „Devil’s And Dust“ spannt den Bogen von der Verdammung des Irak-Kriegs bis hin zur Erlösung zielloser Wanderer durch Liebe und Sex.

Das eine Lied: „The River“

Nirgends vereinen sich beide Seelen in seiner Brust – der forsche Rocker und der melancholische Singer/Songwriter – so harmonisch wie auf dem Lied „The River“. Jedem Ton, jeder Silbe wohnt eine berückende, nahezu hypnotische Kraft inne, die den Hörer augenblicklich mitreßt. Wer nicht auf die Zeilen achtet, wird bereits von den Klängen hinfort getragen. Wer den Worten lauscht, den haut es vollends um. Selten kamen absolute Romantik und totale Desillusion so intensiv zusammen. Er ist womöglich sein bester Song überhaupt. Die lässige Studioversion ist bereits pures Gold. Doch erst die 12 minütige Version von „Live 1975-95“ entfaltet eine emotionale Strömung, deren Kraft kein Auge trocken lässt. Wie der Ich-Erzähler zum längst vertrockneten Flussbett, kehrt auch der Hörer immer wieder zu diesem Gewässer zurück.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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