Die unterschätzte Göttin

In seiner Hörmal-Kolumne beleuchtet Ulf Kubanke die sträfliche Unterschätzung Marilyn Monroes; insbesondere ihre musikalischen Qualitäten.

Foto: Marilyn Monroe - „The Black Session“ by Milton H. Greene

Ich glaube, in jedem Menschen stecken mindestens zwei Persönlichkeiten.
(c) Marilyn Monroe

Ich bin nicht das Mädchen, für das man mich hält.“ sagte Marilyn Monroe. Ihr Name steht für Mythos, Drama und Tragödie. Ihr Leben hielt tiefe Täler bereit wie schwindelerregende Höhen. Desselben all zu frühes Ende bleibt auch fast 60 Jahre nach ihrem Tod umrankt von Mysterien. Sie war und ist Sexsymbol, Stilikone und ewige Projektionsfläche. Teil dieses unheilvollen Reigens waren Idole wie Joe DiMaggio, Arthur Miller und der nicht minder sagenumwobene US-Präsident John F. Kennedy.

Die Dominanz dieses oft oberflächlichen, stets reduzierenden Blickwinkels verstellt bis heute die Aussicht auf ihre Qualitäten als herausragende Komödiantin, dramatische Darstellerin sowie eine der ersten Frauen überhaupt, die sich erfolgreich mit dem Studiosystem Hollywoods anlegte und ihre eigene Filmproduktionsfirma gründete.

Dies alles weitgehend zu übersehen, ist bereits eine große, nicht wiedergutmachbare Ungerechtigkeit gegenüber der Künstlerin. Stattdessen nutzen zu viele Artikel seit Jahrzehnten den eher abwertenden Begriff der „Diva“ und mogeln sich so um eine Auseinandersetzung mit ihren erbrachten Leistungen herum. Regelrecht gigantisch wird das historische Ausmaß der Fehleinschätzung, sobald man das Augenmerk auf die bis heute weitgehend ignorierten Qualitäten MMs als Musikerin, respektive Sängerin und Förderin lenkt. „Ich werde nicht zufrieden sein, bis die Menschen mich singen hören wollen, ohne mich dabei anzusehen.“ Ein tollkühner Gedanke? Keineswegs! Monroes stimmliches Charisma, die emotionalisierende Wärme ihres Timbres und die souveräne Phrasierung ihres Gesangs waren bemerkenswert.

Es braucht zum Einstieg nur zwei Lieder, um sich nachhaltig fesseln zu lassen. Beide singt sie 1954 in „Fluss ohne Wiederkehr“. Der Film selbst ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Einerseits konterkariert sie ihr Image der naiven Blondine mit dieser Rolle als weiblicher, zäher Underdog. Daneben macht ihr ungewohnt rustikales Outfit den Jeanslook für Frauen populär. Und drittens erweist sie sich als harter Knochen, der die schwierigen Dreharbeiten trotz einer erheblichen Beinverletzung durchzieht, ohne dass dem Publikum ihr Handicap sichtbar wird.

Das Titelstück „River Of No Return“ prägt von Beginn an ein von ihr vorgegebener Grundton, der die recht schlichte Melodie vom Level einer Durchschnittsaballade auf den Schild eines berührenden Filmmusik-Klassikers hebt. Wie eine Blume öffnet ihre Stimme das Lied und degradiert den männlichen Chor zur bloßen Staffage. Trotz dieser verdienten Hitsingle schießt ein auf den ersten Blick eher unscheinbarer Song den Vogel komplett ab: „One Silver Dollar“! Das simple, aber effektive Thema liegt im Grenzgebiet zwischen Singer/Songwriter und klassischer Folkballade. Doch erst Monroes Vortrag impft ihm eine Intensität ein, die ihresgleichen sucht. Man hört die Melancholie ihres Wesens ebenso heraus wie ihren aufgeweckten Kämpferinnengeist. Den Lebensmut der Rollenfigur ebenso wie deren Desillusion. Alles illustriert anhand einer nie zur Ruhe kommenden Münze, die rastlos durch verschiedenste Hände gleitet. Gänsehaut!

Den großen Songwritern jener Ära drückt sie mühelos ihren Stempel auf. Stücke von Koryphäen wie Irving Berlin, George Gershwin oder Cole Porter mit Verve und Ausdruck zu meistern, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Umso bewundernswerter, wie sehr ihre Interpretationen den jeweiligen Standard bis heute prägen. So etwa bei den beiden von ihr in Billy Wilders „Manche mögens heiß“ gesungenen Evergreens „I Wanna Be Loved By You“ oder „I’m Through With Love“. Bei ersterem denkt niemand an Debbie Reynolds Urversion, bei letzterem fühlt sich kaum einer an Bing Crosby oder Nat King Cole erinnert.

 Kein Zufall! Es zeugt von großer Klasse, wie sie als Sugar im Film das eine Lied bis zum Bersten mit einer unnachahmlichen Mischung aus Laszivität und Niedlichkeit auflädt. Während sie den anderen Song handlungsgetreu dermaßen niedergeschlagen intoniert, dass er dem Hörer augenblicklich zu Herzen geht. Mit ihrer Version von Berlins „You’d Be Surprised“ erweist sie sich sogar als sehr gute Blues-Sängerin, die das Grundgefühl des Stils durchdringt. Vielleicht kein Wunder bei einem Menschen, der selbst so oft den Blues hatte wie Marilyn.

Ich hatte schon so viele Models und Schauspielerinnen gesehen, dass ich dachte, es gäbe nichts, was mich noch beeindrucken könnte. Aber ich hatte noch nie jemanden mit so einer Stimme kennen gelernt.“ Dies sagte ausgerechnet ein so visueller Mensch wie der Hollywood-Fotograf und spätere Teilhaber ihrer Marilyn-Monroe-Productions, Milton Greene. Doch Charisma und Talent allein machen noch keine gute Sängerin. Woher also die Qualität als Jazzsängerin? Die Antwort ist verblüffend einfach: Alles hängt an ihrem Streben nach Entwicklung und Perfektion, einem aus Minderwertigkeitskomplexen geborenen Ehrgeiz, immer das Bestmögliche zu liefern. Trotz ihrer Abstürze war diese Eigenschaft ein bestimmender Teil ihres Selbst, eine nimmermüde Triebfeder.

So drückte sie als Superstar wieder bescheiden die Schulbank bei Schauspielguru Lee Strassberg. Dies bescherte ihr die Möglickeit, in dramatischen Rollen zu glänzen und ihr filmisches Lebenswerk mit Höchstleistungen a la „Bus Stop“ oder „Misfits – Nicht Gesellschaftsfähig“ zu krönen. Auch musikalisch nahm sie sich die besten zum Vorbild und entwickelte ihren Gesang vor allem an Platten von Ella Fitzgerald.

Dies war keine Einbahnstraße. Denn auch Fitzgerald, neben Billie Holiday die wohl größte Jazzstimme überhaupt, verdankte Monroe einiges. Das Mocambo war der angesagteste Nachtclub in L.A. Sinatra trat dort auf. Humphrey Bogart, Clark Gable, Lauren Bacall oder Lana Turner gehörten zum Stammpublikum. Wer dort auftrat, hatte es geschafft. Man wollte Fitzgerald jedoch aufgrund ihrer Hautfarbe nicht auftreten lassen.

Fitzgerald hierzu: Ich schulde Marilyn eine Menge. Sie rief den Besitzer des Mocambo persönlich an und sagte, sie wolle, dass ich sofort gebucht werde. Täte er es, würde sie jeden Abend einen Tisch in der ersten Reihe nehmen. Sie sagte ihm, dass die Presse verrückt darauf sein würde. Er hat zugesagt, und Marilyn war jeden Abend am Tisch. Danach musste ich nie wieder in kleinen Jazzclubs spielen. Sie war eine ungewöhnliche Frau, ihrer Zeit voraus. Und sie wusste es nicht.“ Auch bei einem Konzert in Chicago sorgte Marilyn dafür,dass ihre Freundin den Konzertsaal durch die Vordertür betreten konnte.

Ihre tiefe Liebe zum Jazz ist Ausdruck jener Freigeistigkeit, die Rassismus hasste, Rilke sowie Saint-Exupery verehrte und die totalitären Bestrebungen der McCarthy-/Hoover-Jahre vehement verabscheute. Dieser progressiven Grundhaltung wegen legte das FBI über sie eine eigene Akte an.

Die ersten Konzerte absolvierte Monroe 1954. Dies nicht etwa in New York oder Los Angeles. Sie trat in Korea vor US-Soldaten auf, die dort nach dem Krieg stationiert waren. Von null auf hundert sprang sie ins kalte Wasser; gab ein Dutzend Gigs. Ihr berühmtes Geburtstagslied für Kennedy strotzt ein paar Jahre später zwar vor Inbrunst, erwies sich letzten Endes aber als Hindernis. Zu sehr fokussierte sich die öffentliche Sicht auf diesen popkulturell zwar großen Moment, der musikalisch gleichwohl höchstens eine Fußnote ihres Schaffens verkörpert.

Über allem thront jenes eine Lied, das selbst das Präsidentenständchen nicht aus dem Feld schlagen konnte: „Diamonds Are A Girl’s Best Friends“ kredenzt lupenreinen Swing, dessen federleichte Nonchalance für jede Sängerin eine Herausforderung bildet. Aufreizend lässig intoniert sie den Kernsong aus „Blondinen bevorzugt“. Die scheinbare Mühelosigkeit ist handwerklich in Wahrheit Schwerstarbeit, wenn das Ergebnis überzeugen soll. Der Clou liegt nämlich im durchweg spöttischen bis sarkastischen Tonfall, der nicht etwa die Protagonistin, sondern die Männerwelt als weitgehend oberflächlich, selbstsüchtig und jugendfixiert entlarvt. Unnötig zu erwähnen, wie weit Lied und Sängerin in der Prä-Rock’n’Roll-Ära anno 1953 ihrer Zeit mit dieser Sichtweise voraus waren. Drei Dekaden später versagte Madonnas „Material Girl“ auf ganzer Linie mit Marilyn-Bezügen, die den kritischen Aspekt verkannten und zur Vorlage für eine Hymne auf den Materialismus der Yuppie-Jahre umdeuteten. „Wenn sie sich so sehr lieben, ohne dich zu kennen – könnten sie dich dann nicht genau so leicht hassen?“ reflektierte MM einst scharfsinnig. Die dritte Komponente dieses Misstands ist die Ignoranz. Ihr Werk verdient es, dieser Gleichgültigkeit entrissen zu werden.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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