Schattenspieler im Neonlicht

Das einflussreiche Album „Unknown Pleasures“ von Joy Division wird 40 Jahre alt. Zum Geburtstag porträtiert Ulf Kubanke LP und Band.

„Unknown Pleasures“ by Joy Division

Macclesfield bei Manchester 1978: Als die junge Frau zu Boden geht und minutenlang mit Schaum vor dem Munde in totalem Kontrollverlust zuckt, reagiert der freundliche Sachbearbeiter einer englischen Arbeitsvermittlung zutiefst verstört. Sekunden zuvor war die Stimmung noch gelöst. Er hatte für die Suchende ein Jobangebot gefunden. Nun sieht der junge Mann sich mit jenem Los konfrontiert, welches das Schicksal auch für ihn bereit hält: Schwere Epilepsie. Das Grauen und unheilvolle Vorahnungen legen sich auf sein Gemüt wie eine kalte Hand. Sie hatte die Kontrolle verloren. Würde ihm das ebenfalls passieren?

Stockport bei Manchester 1979: Der ehemalige Arbeitsvermittler Ian K. Curtis steht samt Mikro im Strawberry-Tonstudio. Sein Gesang ist ein Paradoxon. Er klingt zugleich nüchtern, fast monoton, daneben manisch und nahezu ekstatisch. Alle Leidenschaft bündelt sich in dieser Stimme, die ihr Publikum einerseits anzieht, wie das Licht die Motte. Zum Anderen hält sie selbiges konstant auf Distanz. Zwischen Curtis Stimme und der Außenwelt steht eine Mauer kristallklaren Eises, dessen Polkappen nur selten schmelzen. „Ich habe den Geist, doch verlor ich das Gefühl.“ Er schmettert: „Verwirrung in ihren Augen, die alles sagt. Sie hat die Kontrolle verloren, wieder die Kontrolle verloren.

„She’s Lost Control“ ist ein Kernsong auf dem Joy Division-Debüt „Unknown Pleasures“. In dem Stück perlt der ebenso runde wie zupackender Bass Peter Hooks alias Hooky. Sein Viersaiter wird die gesamte Welt des Postpunk, New Wave, Gothic Rocks und Indie Rocks grundlegend festlegen. Neben liebenswert großmäuligem wie temperamentvollem Charme zeichnet Hooky sich durch folgende Eigenschaft aus: Er spielt seinen Bass nicht lediglich als Rhythmusgeber, sondern setzt ihn teilweise als führendes Instrument ein, das Melodien transportiert. Die Vorgehensweise ist im Rockkontext bis dato eher unüblich und wurde nur vereinzelt von namhaften Bands wie etwa den Gratelul Dead praktiziert.

 

Dazu spielt der stets leicht streberhaft wirkende Bernhard Sumner Keyboards und eine schroffe Gitarre. Den punktgenauen Beat liefert der nicht aus stoischer Ruhe zu bringende Drummer Stephen Morris. Doch an Curtis federführendem Ausnahmetalent und Charisma führt bei Joy Division kein Weg vorbei. Der Künstler – geplagt von Depressionen plus jenen tückischen Anfällen, mit denen die Fallsucht Stimme und Bühnenauftritt ebenso hindert wie definiert. Der Mensch – im fortwährenden Kampf seines eigentlich hochsensiblen Naturells mit jener oft entrückten bis gefühlskalt wirkenden Isolation zu den Mitmenschen, die sein körperlicher Zustand ihm gnadenlos auferlegt. Der Mann – zerrissen zwischen der Liebe zu den beiden wichtigsten Frauen seines Lebens, Gattin Debbie und der belgischen Journalistin Annik Honoré.. „Ich in meiner eigenen Welt. Du stehst daneben. All zu lang waren wir Fremde.

„Unknown Pleasures“ selbst ist einer der bedeutendsten wie einflussreichsten Erstlinge in der Geschichte populärer Musik. Das Album steht auf Augenhöhe mit anderen bahnbrechenden Debüts der Gegenkultur wie etwa „The Velvet Undergrond & Nico“ oder „The Doors“. Bezeichnenderweise sind Lou Reed, Jim Morrison und besonders David Bowie Curtis‘ Vorbilder. Als Texter darf man ihn getrost als ebenbürtig ansehen. Die Zeilen Joy Divisions atmen hier die Romantik Morrisons plus die analytische Kaltschnäuzigkeit Reeds. Dazu eine bis zum Gefrierpunkt unterkühlte Einsamkeit sowie existentialistische Entfremdung nahe bei Bowies Isolar-Tour 1976 und dessen kurz darauf in Berlin entstandenem Meisterwek „Low“. Kein Wunder, dass man sich zunächst überlegte, die Band „Berlin“ zu titulieren und die erste Inkarnation tatsächlich „Warsaw“ nach Bowies „Warszawa“ benannte.

Wer zu diesen Liedern tanzt, bewegt sich mithin auf der Spitze eines Gletschers, unter dem ein Vulkan brodelt. Dabei sollte man nicht vergessen, wieviel Spaß dieser schwarzlichterne Monolith macht. Uptempo-Nummern wie „Disorder“, „Shadowplay“ oder der obig genannte Kultsong ziehen den Hörer mit eigentümlicher Kraft auf den Dancefloor. Die langsamen Stücke hypnotisieren mit hymnisch umflorter Nachdenklichkeit und bilden neben dem kurz vorher erschienennen „Bela Lugosi’s Dead“ der artverwandten Bauhaus die musikhistorisch ersten lupenreinen Gothic-Songs. Auratische Perlen wie „Day Of The Lords“ oder „New Dawn Fades“ genießen heute mit Berechtigung den Status verehrter Evergreens.

Dennoch kann man keinen Artikel über diese Ausnahmeband verfassen, ohne zumindest zwei hier nicht vertretene Stücke zu nennen, die zu ihrer Essenz zählen. Das ausgelassen sarkastische „Transmission“ erschien kurz nach „Unknown Pleasures“. Es fügt sich so perfekt in den Reigen, dass es unverständlich bleibt, weshalb zumindest spätere Auflagen den Track nicht hinzu fügten. Zuguterletzt muss man ihren bekanntesten Song „Love Will Tear Us Apart“ einbringen. Unübersehbar thematisieren die Zeilen sein Dreiecksverhältnis zu Debbie und Annik. Ebenso brillant wie das Original gerät 1988 eine von den Swans veröffentlichte Interpretation, die es sogar in die MTV-Rotation schaffte.

Der Einfluss Joy Divisions erstreckt sich auf zahlreiche Ikonen, darunter Zeitgenossen wie U2, Bauhaus oder The Cure, später dann Acts wie Nine Inch Nails, Radiohead oder The National. Ebenso waren sie der Urknall zur sog. Manchester-Szene, eine kreative Ära, die u.A. Oasis, Happy Mondays oder The Smiths hervorbrachte. „Wo wird das Enden?“ heißt es in „Day Of The Lords“. Für Curtis all zu bald. Die gesamte Entwicklung blieb ihm unbekannt. Voraussehend sang er „Gefangen in einem Käfig und zu früh aufgegeben.“ Am 18. Mai 1980 ertrug seine gebeutelte Seele den malträtierten Körper nicht mehr und schied freiwillig aus dem Leben.

Joy Division – dies schwor man einander bei Gründung – sollte nur in kompletter Besetzung existieren. So begruben Hooky, Sumner und Morris nicht nur den toten Freund, sondern ebenso die Band. Nicht jedoch die Musik. Als New Order stiegen sie wie Phönix aus der Asche. Deren Auftakt „Movement“ sollte sich jeder JD-Freund gönnen. Es klingt noch sehr nach den Tagen mit Curtis und berührt als bewegender Abschiedsgruß. Ein letztes Mal zeigte sich danach die prophetische Vorhersage der „Unknown Pleasures“. Im „Shadoweplay“ sah Curtis bereits „einen Wechsel des Stils, einen Wechsel der Szene ohne Bedauern“ voraus. Entsprechend verließen New Order den musikalischen Untergrund, wurden Popstars und schenkten der Welt schillernde Hits wie die Clubhymne „Blue Monday“ oder den grandiosen Rocksong „Crystal“.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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