Das große Äquidingsbums

Ganz erschöpft vom Selbstversuch, ein Äquidistanzist zu werden, ist Kolumnist Henning Hirsch


»70«, sagt meine Psychologin.
»WAS?!«
»10 mehr als beim letzten Mal.«
»Oh weh.«
»Bei 80 müssen wir über eine medikamentöse Behandlung nachdenken.«
»Das auch noch«, seufze ich.
»Das Verblödungsmeter lügt nicht«, sagt sie. »Sie sind selbst schuld an Ihrem Zustand. Seit Jahren Facebook mit erschreckend hoher Stundenzahl am Tag. Wie oft habe ich Ihnen geraten, das sein zu lassen oder zumindest zu reduzieren. Und jetzt auch noch Instagram. Kein Wunder, dass Ihr IQ in den Keller rutscht und die Verblödung nach oben schnellt. Schlafen Sie überhaupt noch, oder sind Sie mittlerweile 24/7 online?«
»Ich schlaf schon«, sage ich.
»Lesen Sie mal wieder ein gutes Buch, statt ihr Gehirn im Internet zu pulverisieren.«
»Wann soll ich das denn tun? Keine Zeit für Bücher.«
»Sollte der Wert beim nächsten Mal die 80 überschreiten, verschreibe ich Ihnen IQ-Training und ein paar flankierende Präparate. Es liegt einzig in Ihrer Hand, dass das nicht notwendig wird.«

Nun ist unbestritten, dass der Internet-basierte Verblödungsgrad der Deutschen im Allgemeinen – und meiner im Besonderen – in beängstigendem Ausmaß zunimmt. Sobald ich die 100 erreiche, und weit entfernt liegt dieser Zeitpunkt nicht mehr, lässt mich meine Psychologin stationär einweisen. Da kennt die nichts. Ein halbes Jahr IQ-Training unter Aufsicht bei gleichzeitigem kompletten Social-Media-Entzug. Allein, wenn ich dran denke, graut mir schon davor. Aber bei all der Lamentiererei über die ständig sinkenden kognitiven Fähigkeiten eines Großteils der Bevölkerung darf nicht unterschlagen werden, dass uns Facebook auch Begriffe beschert, die wir ohne dieses Medium nie kennengelernt hätten. Zum Beispiel die Äquidistanz.

Die schwierige Lehre vom identischen Abstand

»Hä?«, sagen Sie, »was soll das denn sein? In meinem Facebook gibt’s kein solches Äquidingsbums. Wo treiben Sie sich denn rum, Herr Kolumnist«?

Gut, ich schiebe eine kurze Begriffserklärung vor.
[Wussten Sie übrigens, dass es im Deutschen nur ganz wenige Substantive gibt, die mit Ä beginnen? Beispielsweise: Äffchen, Äonen, Äquatorial-Guinea, Ärmelschoner, Ärztekongress, Ärger und Ärsche].
»Schweifen Sie nicht ab und kommen Sie schnell zum Punkt. Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist nicht unendlich groß«, wenden Sie jetzt ein? Okay, okay, ich werde Gas geben und mich beeilen.

Erstmal müssen wir den sperrigen Begriff in verständliche Sprache transformieren.
Äquidistanz bedeutet:

(a) Geometrie: die Eigenschaft von Punkten (der Ebene oder des Raums), die von zwei vorgegebenen geometrischen Objekten wie Punkten, Kurven oder Flächen den gleichen Abstand besitzen.
(b) Übertragen in die Politik: gleicher ideologischer Abstand zu anderen politischen Akteuren.

Soweit alles verständlich? Fall nein: richten Sie Ihre Fragen bitte an die Redaktion und nicht an mich persönlich, denn ich habe von Geometrie Null Ahnung.

Wo Äquidistanz drinsteht, sind Whataboutism, Framing, Filterblase und Echokammer zumeist nicht weit. Müssen Sie, wenn eines dieser Worte demnächst mal wieder fällt, aufpassen. Sie können die Uhr danach stellen, dass spätestens nach fünf Minuten auf „Das ist ein unzulässiger Whataboutismus“ die Replik „Kein Wunder, dass Ihre argumentativen Fähigkeiten stark limitiert sind. Sie bewegen sich ja einzig in Ihrer eigenen Filterblase“ erfolgt.  Sobald der Ruf „Echokammer!“ erschallt, weiß man, dass es gleich unschön werden wird. Bis schlussendlich jemand „Kindergarten“ in die Runde wirft, woraufhin alle Beteiligten schlagartig verstummen.

„Ich bin die Mitte“

Die Lehre von der Äquidistanz setzt zweierlei voraus:

  1. Ich weiß, wo die Mitte verortet ist
  2. Ich selbst befinde mich (ständig) in derselbigen

Nun wüsste ich persönlich nicht immer auf Anhieb, wo beim Vorschlag einer Steuererhöhung oder der Ausweisung eines neuen Baugebiets die Mitte zu suchen ist. Hat die Fraktion Recht, die die Steuer erhöhen will, oder ist es vernünftiger, das aktuelle Niveau beizubehalten oder den Satz ganz im Gegenteil abzusenken? Oder sind diejenigen mittig, die erstmal einen Arbeitskreis ins Leben rufen wollen, um Pro & Contra ein paar Jahre lang zu debattieren? Ich bin bei solchen Sachen völlig unschlüssig bis hin zu verwirrt und vermute, dass der Äquidistanzist oft vor demselben Dilemma wie ich steht – also ad hoc ebenfalls nicht weiß, wo die Mitte zu suchen ist – und sich deshalb eines Tricks bedient: er setzt den eigenen Standort = absoluter Zentralpunkt. Kann man tun und hoffen, dass es niemandem auffällt. Und damit die anderen auch möglichst gar nicht auf die Idee kommen, mal kritisch nachzufragen, anhand welcher Berechnungsmethode das schmale politische Intervall kalkuliert wurde, das der Äquidistanzist als tolerabel anerkennt, wiederholt er mehrmals täglich laut folgende Formel: „Ich bin die Mitte“ bzw. „Die Mitte bin ich“. Die Festlegung der Null-Schnittstelle qua Dogma. Funktioniert. Also: funktioniert häufig. Knifflig wird es, wenn zwei Äquidistanzisten mit abweichenden Mittelpunkten aufeinandertreffen. Das geschieht allerdings in der Praxis äußerst selten – schon alleine aus dem Grund heraus, weil die Lehre von der Äquidistanz eine sehr neue ist und erst eine Handvoll Anhänger um sich schart -, weshalb wir diesen Spezialfall im Folgenden nicht näher beleuchten.

Distanzieren als Lebensaufgabe

Wer (a) „Ich bin die Mitte“ sagt, muss sich in der logischen Konsequenz (b) dauernd von irgendwas distanzieren. Und zwar gleichzeitig, was die Sache etwas tricky macht. Beispielsweise: „Die Vorkommnisse in Chemnitz waren unschön. Aber was da beim G20-Gipfel in Hamburg gelaufen ist, war nicht nicht minder kriminell“. Okay, warum nicht? Bei der einen Randale ging’s zwar um Ausländer-Bashing und bei der Zweitgenannten um Sachbeschädigung. Aber auf der Meta-Ebene Jura für Fortgeschrittene handelt es sich in beiden Fällen um gravierende Gesetzesverstöße. Als Äquidistanzist ist es also legitim, sich von beiden Vorkommnissen gleichermaßen abzugrenzen. Ach so, bevor ich das vergesse: die Anhänger der Äquidistanz-Lehre verhalten sich 24/7 VÖLLIG gesetzestreu. Die laufen aus dem Kino raus, um Geld in die abgelaufene Parkuhr nachzuwerfen. Denn wichtiger als die Schlussszene eines Films ist die unbedingte Einhaltung von Regeln. Ab drei Ordnungswidrigkeiten droht nämlich die Aberkennung des Mittige-Mitte-Status und die Herabstufung in normaler Mensch mit individuellen politischen Vorlieben, die mal rechts und mal links um den Nullmeridian herumpendeln. Dieses Risiko will kein Äquidistanzist eingehen.

„Victor Orban ist ein rechter Populist. Natürlich“, sagt er und fügt eine Sekunde später folgenden Satz hinzu: „Aber schaut euch die Länder an, in denen linke Volkstribunen am Ruder sind. Da geht’s noch schlimmer zu als in Ungarn“. Auf die Distanzierung von der aggressiven Handelspolitik der USA folgt die Distanzierung von den Urheberrechtsverletzungen Chinas, die Distanzierung vom ungezügelten Kapitalismus Trumpscher Prägung bewirkt die Distanzierung von Kühnerts Kollektivierungsträumen, genauso schlimm wie die EU-Gegner sind diejenigen, die Brüssel blind vertrauen. Sobald ich mich als Kölner von Bayer 04 Leverkusen distanziere, muss ich im nächsten Atemzug einräumen, dass auch beim FC vieles im Argen liegt und ich mich gefühlsmäßig von den Bayern genauso weit äquidistanziere wie von Dortmund. Überzeugten Äquidistanzisten gelingt es sogar, die (rechte) Blockade von Flüchtlingsheimen und Bussen in Zusammenhang mit dem Schulschwänzen der (linken?) Fridays-for-Future-Jugend zu bringen, und sie halten in der Konsequenz von beiden exakt dieselbe Armlänge Abstand. Erinnert mich ein bisschen an die Reaktion meines Vaters, wenn der Name Hitler fiel. „Der war ein ausgemachter Schurke!“, rief er, „Aber was der Stalin in Russland veranstaltet hat, oh weh!“. Das sei Whataboutismus, meinen Sie? Mag sein, wobei mein Vater diesen Begriff nicht kannte, jedoch Hitler stets im Doppelpack mit Stalin erwähnte. Aber eventuell liegen Äquidings und Whataboutbums näher beieinander, als wir es bisher vermutet haben. Für die Anhänger der reinen Lehre bedeutet es zwangsläufig ständige Distanziererei – die sich in schweren Fällen bis zu chronischer Distanziereritis steigern kann –, die mir persönlich echt zu anstrengend wäre. Als Kölner käme ich sowieso niemals auf die Idee, mich vom FC zu distanzieren und Leverkusen nicht zu hassen. Aber ich bin auch kein Äquidistanzist, sondern nur ein kleiner Kolumnist.

PS. Ich entschuldige mich für die häufige Verwendung des Begriffs Äquidistanzist. Ich such sonst schon nach Synonymen. Aber hier gibt’s keine. Eventuell: Der/ die Identische-Abstand-Halter/ in. Das klingt aber irgendwie komisch, finde ich.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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