Die Rosenmontagskolumne

Muss es jetzt auch noch im Karneval politisch korrekt zugehen, fragt Kolumnist Henning Hirsch und regt einen Ausschluss humorbefreiter Touristen von allen närrischen Veranstaltungen an


Beginnen wir mit der guten Nachricht: der Karneval ist unkaputtbar. Das war immer so und wird auch in hundert Jahren noch so sein. Vielleicht wird es an Rosenmontag 2119, der übrigens am 16. Februar stattfinden wird – das können Sie sich ja schon mal notieren – mehr virtuelle Funkenmariechen geben als heute; aber es wird Funkenmariechen geben. Das ist so sicher wie der Umstand, dass 50 Prozent der Kamelle an Sankt Martin wiederverwendet werden.

Im Schweinsgalopp durch die Karnevalshistorie

Die Ursprünge des Karnevals reichen tief in die Geschichte zurück. Waltari erzählt in seinem sehr lesenswerten Roman Sinuhe vom Fest des falschen Königs in Babylon, an dem ein zufällig ausgewählter Fremder 24 Stunden lang den Platz des angestammten Herrschers einnahm und seinem Leih-Volk allerlei merkwürdige Aufträge erteilte, die ohne Murren zu erfüllen waren, was die Zuschauer sehr erheiterte. In dieser kurzen Zeitspanne war alles erlaubt, der Alkohol floss in Strömen, jede kopulierte mit jedem, ohne dabei einen Gedanken an Moral und Standeszugehörigkeit zu verschwenden. Über Zwischenstationen im alten Ägypten, Griechenland und die römischen Saturnalien erreichten Mummenschanz und die damit einhergehende – zeitlich eng getaktete – freie Liebe das Mittelalter, in dem sie mal verboten, dann wieder erlaubt waren. Seine offizielle Geburtsstunde feierte der Karneval allerdings erst im Jahr 1823, als sich in Köln das Festordnende Comite zusammenfand, um alte Narrenbräuche neu zu beleben und vom Geruch der Semi-Illegalität zu befreien.

Angefeindet wurde er nämlich oft, der Karneval. Von der Obrigkeit, der Kirche, von Moralaposteln. Aus unterschiedlichen Gründen heraus. Taten sich die Preußen anfangs schwer damit, dass ihr geliebter Militärdrill von den Tanzcorps persifliert und ins Lächerliche gezogen wurde, störte sich der Klerus vor allem am 133stündigen Sittenverfall mit seiner zügellosen Promiskuität. Kostümorgien galten den Priestern als besonders schlimme Manifestation des Bösen. Was die Menschen im Allgemeinen und den Rheinländer im Besonderen aber nicht daran hinderte, sich ausgangs des Winters weiterhin zu verkleiden und mit der Nachbarin ins Bett zu steigen. Nachdem katholische Kirche und Behörden ihren Frieden mit den Narren geschlossen hatten – es gibt keine treueren Besucher der Sitzungen als Landes-/ Kommunalpolitiker und Dechanten & Prälaten –, den evangelischen Pastorsgattinnen klargeworden war, dass man schlecht gegen den Alkoholmissbrauch an den tollen Tagen zu Felde ziehen kann, solange der eigene Mann herzhaft mitsäuft, man im vergangenen Jahr einen Zwist mit den Tierschützern wegen des Promillegehalts der mitlaufenden Pferde (oder waren es die Reiter?) mittels eines Kompromisses gütlich beigelegt hatte, droht nun Ungemach aus einer neuen Ecke: Der Karneval sei in weiten Teilen politisch unkorrekt und strukturell sexistisch, behaupten Vereine, die sich die flächendeckende Durchsetzung politischer Korrektheit auf die Fahnen geschrieben haben und Neo-Feministinnen.

Struktureller Hast-du-sie-noch-alle?

Beginnen wir mit dem strukturellen Sexismus. Was das genau ist, weiß ich nicht. Klingt auf jeden Fall übel und grenzt vermutlich hart an §177 StGB, in dem die Tatbestände sexueller Übergriff & Nötigung und Vergewaltigung definiert werden. Nun wohnt dem Karneval unbestritten ein orgiastisches Element inne, stellt die Promiskuität eine seiner drei – im Volksmund mit „suffe, poppe, danze“ umschriebenen – Haupttriebfedern dar. Wofür andere Landsmannschaften Swingerclubs benötigen, dafür reichen dem Rheinländer die sechs tollen Tage aus. Aus meiner – zugegebenermaßen subjektiven, zumal männlichen – Erfahrung heraus, die aber immerhin fünfzig Sessionen umfasst, scheint mir der Wunsch nach dem Rosenmontagspätabend-Quickie allerdings recht gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt zu sein. Was ist mit geilen Blicken ins Dekolleté und unerwünschten Berührungen in den Kneipen, fragen Sie mich? Wer geile Blicke nicht aushält und allergisch auf Berührung reagiert, sollte Kneipen in der Karnevalszeit meiden, antworte ich. Wichtig ist: am Aschermittwoch ist alles vorbei und für den Rest des Jahres breitet man den Mantel des Schweigens über die außerehelichen Aktivitäten. Schnelle Beichte, drei Rosenkränze und ein Ave-Maria, Aschekreuz; un jot es et widder. Weshalb das in die Kategorie struktureller Sexismus fallen soll: keine Ahnung.

Aber der Karneval ist auf jeden Fall politisch unkorrekt, werfen Sie nun hinterher, nachdem der Sexismusvorwurf ins Leere lief? Klar ist der Karneval politisch unkorrekt. Das ist ja seine zweite Haupttriebfeder. Alles darf und soll durch den Kakao gezogen werden. Vor allem die Politiker, denn da trifft es immer die richtigen. Aber natürlich ebenfalls alte Männer mit Erektionsproblemen, blonde Drogeriefachverkäuferinnen, E-Rollstuhlfahrer mit Deutschlandwimpel, Düsseldorfer, Stotterer, Schwule und der Erzbischof. Zumindest früher war das so. Da durfte über jeden ein Witz gerissen werden, und der Saal brach in Gelächter aus. Ob die Bonmots immer geistreich waren? Geschenkt – ü1,5 Promille applaudiert man auch zu müden Schenkelklopfern. Und wer nüchtern eine Sitzung besucht, ist selbst schuld. Klingt doch alles ganz harmlos, Hauptsache die Menschen amüsieren sich, sagen Sie jetzt? Sehe ich zwar genauso, aber seit einigen Jahren ist im Karneval nichts mehr harmlos; auf jeden Fall sind die Dinge komplizierter geworden.

Kostümwahl ohne Handbuch nicht mehr möglich

Nehmen wir die Kostüme:

▪ Frechener  Negerköpp: geht gar nicht
▪ Zigeunerin: ei ei ei
▪ Araber/ Scheich: das Schicksal der unterdrückten Palästinenser scheint Ihnen völlig egal zu sein
▪ Indianer: Ihnen ist schon klar, dass wir Europäer die amerikanische Urbevölkerung nahezu ausgerottet haben?
▪ Indische Tempeltänzerin: an Respekt vor anderen Religionen mangelt es bei Ihnen augenscheinlich
▪ Mann verkleidet sich als Frau ohne ärztliches Attest, dass er sich auch jenseits des Karnevals primär als Frau fühlt: no way!

Ich bin Anfang der 80er mal als Erich Honecker gegangen: beiger Kunstfaseranzug, speckiger, kleiner Hut, dicke Hornbrille, Modell 70er-Kassengestell. Wäre heute wegen Verunglimpfung der Ostdeutschen und ihrer Historie undenkbar. Versuchen Sie – setzt ein bisschen Mut voraus –, sich als Reinigungskraft oder UPS-Fahrer zu verkleiden. Sofort sehen Sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Ihnen deren prekäre Situationen ganz offensichtlich am Arsch vorbeigehen. Um auf der sicheren Seite zu sein, sind folgende Kostüme (noch) zulässig:

Mann. Astronaut, Clown, Kardinal (wegen des Missbrauchsskandals vermutlich ein Auslaufmodell) und großer hellblauer Vogel
Frau: Pilotin/ Polizistin, Clown, kleiner hellblauer Vogel. Bei Funkenmariechen geht’s ja schon wieder in Richtung struktureller Sexismus und Wäscherin deutet stark auf antiquierte Geschlechterrollen hin.

Männernamen toll, Frauennamen Scheiße, Doppelnamen Doppelscheiße

Nachdem wir bei den Kostümen mittlerweile auf einem guten Weg sind, muss nun endlich beim Sitzungskarneval ausgemistet werden. Sie erinnern sich noch an das, was ich weiter oben geschrieben hatte: um den Sitzungskarneval durchgängig lustig zu finden, muss man entweder Kölner, betrunken oder am besten beides zusammen sein? Das Spektrum, über das man Witze reißen darf, wurde in den vergangenen Jahren eh schon sehr ausgedünnt. Zahlreiche Minderheiten in die Tabu-Liste aufgenommen. Wie lange ist es her, seit ich den letzten Joke über Stotterer oder E-Rollstuhlfahrer gehört habe? Das muss im letzten Jahrhundert gewesen sein. Aufgrund der mannigfaltigen Beschränkungen weichen die Redner deshalb bereits auf so Sachen wie dämliche Doppelnamen aus, wenngleich dieses Thema eigentlich völlig ausgelutscht ist. Von denen – also den grenzwertigen Doppelnamen – gibt’s natürlich viele. Kramp-Karrenbauer befindet sich aufgrund Unaussprechlichkeit – was vor allem für Angelsachsen und Bewohner der südlichen EU-Mitgliedsländer gilt – dabei allerdings bloß im Mittelfeld der Bindestrich-Anomalien.

Bernd Stelter, Büttenveteran seit dreißig Jahren, reißt darüber ein paar zahme Kalauer, Publikum lächelt, applaudiert müde, in Gedanken schon bei der nächsten Tanznummer, ein Gast pfeift sich die Seele aus dem Leib, Stelter bittet, das zu unterlassen, Gast – im originellen Kostüm einer Leichtmatrosin: Ringelhemd, 5€-Käppi vom KIK – springt vom Stuhl hoch, stürmt zur Bühne, baut sich vor dem Comedian auf, schnaubt sichtlich erregt: „Ich hab gerade gepfiffen … fragt mal irgendjemand, was für’n Scheißnamen nen Mann hat, den die Frau annimmt?  … Ja, Männernamen sind immer toll, und Frauennamen sind immer Scheiße. Und Doppelnamen sind Doppelscheiße“.
Stelter antwortet verdutzt: „Wir machen hier Karneval“.

Ich habe mir die Szene dreimal im Netz angeschaut: Fremdschämen at it’s best.

Trend zur demokratisch mitbestimmten Büttenrede

Die Dame, eine Touristin aus einem der östlichen Bundesländer, die selbst einen unaussprechlichen und beim besten Willen nicht merkbaren Bindestrichnamen spazieren führt, erklärt am Tag danach auf Anfrage des WDR: „Im 21. Jahrhundert muss man sich nicht über Namen lustig machen. Das hat mich auch dazu bewegt, meinem Unmut Luft zu machen“.

Wow! Im 21sten Jahrhundert dürfen wir keine Witze über Doppelnamen mehr machen. Einfach so, Erklärung braucht es nicht. Ich, Lotte aus Weimar bestimme das, und der Kölner Karneval hat sich gefälligst nach meiner Befindlichkeit zu richten. Schließlich habe ich für die Eintrittskarte bezahlt, und Kunst muss sich dem Publikumsgeschmack – vor allem meinem – beugen, weshalb wir, startend ab Session 2020, die Büttenreden vorab veröffentlichen, darüber abstimmen lassen und selbstverständlich Streichungen, falls sich irgendeine der drei Millionen Minderheiten in unserem Land unfair brüskiert fühlen sollte, vornehmen werden. Das wäre endlich die komplette Demokratisierung des Karnevals, auf die der seit Jahrtausenden gewartet hat. Initiiert von einer Weimarer Leichtmatrosin. Danke dafür!

Jetzt erfolgt ein Tusch.

Nachtrag 1 – hier noch eine letzte Frage zur Bindestrich-Problematik, bevor man die ab 2020 nicht mehr stellen kann:

Und warum genau darf man keine Witze über Doppelnamen machen, Frau Manhatmir-Insgehirngeschissen?
© Perscheid

Nachtrag 2: Lasst den Karneval bloß auch weiterhin alkoholgeschwängert, promiskuitiv und vor allem unkorrekt sein. Er hat Gottseidank bisher alle seine Kritiker überlebt, und die waren teils von anderem Kaliber als Lotte. Notfalls eine Zeit lang für Touristen aus dem Osten sperren. Wir Rheinländer amüsieren uns an diesen sechs Tagen auch prima mit uns selbst.

Ich schließe mit einem dreifachen „Knüllig-Dingeldey folgt Guise-Rübe nach, Alaaf!“

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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