Wörterbuch der Phänomene: Vergangenheit

Was ist Vergangenheit? Gibt es sie überhaupt? Schließlich ist sie ja vergangen… Die Vergangenheit ist ein ganz merkwürdiges Phänomen.


Kann man von der Vergangenheit überhaupt in der Gegenwart sprechen? Kann man sagen: „Meine Vergangenheit ist eine Last“? Kann man eine Vergangenheit „haben“ – wo doch die Vergangenheit eben dadurch von der Gegenwart unterschieden ist, dass sie vorbei, also nicht mehr „da“ ist?

Wenn die Vergangenheit wirklich vorbei wäre, dann gäbe es sie gar nicht, denn als das Vergangene noch nicht vergangen war, war es ja noch Gegenwart, und vorher war es sogar noch Zukunft.

Aber vielleicht ist die Vergangenheit eben einfach das, was von heute aus gesehen eben früher passiert ist? Irgendetwas passiert immer, und das, was bereits passiert ist, ist eben die Vergangenheit.

Das klingt so, als ob man sich außerhalb dieses Stromes der Zeit aufstellen könnte, und als ob er von dort aus auf den Strom der Zeit schauen kann. So wie man am Ufer eines Flusses stehen kann und das Vorbeiströmen beobachten kann. Das, was direkt vor mir liegt, ist die Gegenwart, das, was stromabwärts von mir wegfließt, ist die Vergangenheit, und das, was stromaufwärts auf mich zukommt, ist die Zukunft.

Aber wenn ich von mir selbst spreche, dann stehe ich immer selbst mitten im Strom. Meine Vergangenheit ist nicht das, was ich hinter mir gelassen habe, sondern das, was bei mir geblieben ist.

Zu meiner Vergangenheit gehören nicht die Dinge, die ich gesehen habe, sie ist eben nicht das, was zurückliegt, sondern das, was geblieben ist. Sie hat nicht Spuren hinterlassen, sondern sie ist die Gesamtheit dieser Spuren, und genau genommen sind sie genau das, was mich ausmacht.

Aber oft hört man doch, dass man nicht in der Vergangenheit leben soll, dass man sie hinter sich zurücklassen und in die Zukunft schauen soll. Warum ist das so? Vielleicht, weil jeder eben seine eigene Vergangenheit hat, und wir kommen immer mit Menschen zusammen, die eine andere Vergangenheit haben. Wir brauchen Gemeinsamkeiten, und wenn es die Vergangenheit nicht ist, dann müssen wir die verdrängen und uns auf das Gemeinsame, die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren.

Vergangenheit lässt sich aber nicht abschütteln, wenn ich doch nichts anderes bin als meine Vergangenheit. Leben ist vielleicht nichts anderes als die Balance zwischen der eigenen Vergangenheit und der gemeinsamen Zukunft. Die wird aber nur möglich, wenn man Vertrautheit findet – indem man Vergangenheiten teilt.

Jörg Phil Friedrich ist im täglichen Leben mit der Frage beschäftigt, was z.B. ein Datenbanksystem wie Access kann und schreibt philosophische Bücher und Artikel.

Jörg Phil Friedrich

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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