Ist Amazon böse?

Ich shoppe hin und wieder online und verspüre dabei allenfalls ein mäßig schlechtes Gewissen, beichtet Kolumnist Henning Hirsch


„Die Nutellavorräte neigen sich dem Ende zu“, meldet die Kühlschrank-App. „Und die Wurst hinten links ist vergammelt,“ – „Danke“, tippe ich in das kleine Antwortfeld.
„Raumtemperatur im Wohnzimmer beträgt aktuell 12°. Soll ich die auf 19 hochfahren, damit es bei deiner Rückkehr nach Hause angenehm warm ist?“, fragt die hübsche Heizungs-Avatarin. „Ja bitte“, sage ich.
„Der nächste Ölwechsel steht kommende Woche an. Den Termin in der Werkstatt nochmal bestätigen?“, erkundigt sich die Kfz-Software. „Unbedingt!“, rufe ich.
„Du warst um die vereinbarte Uhrzeit nicht anzutreffen. Wir haben den Wochenendeinkauf deshalb in einer Packstation in deiner Nähe deponiert. Für nähere Informationen logge dich bitte in unser Kundensystem ein“, informiert mich der digitale Supermarkt. „Scheiße“, fluche ich.
„Du fährst in dreißig Tagen in den Skiurlaub. Im Zielgebiet ist es sehr kalt. Denk rechtzeitig daran, Thermounterwäsche einzupacken. Soll ich dir eine Übersicht der günstigsten Angebote in Amazon zusammenstellen?“, erkundigt sich Alexa. „Ich HASSE Thermounterwäsche!“, rufe ich. „Ich habe dich nicht verstanden. Bitte wiederhole das“ – „Ich hasse Thermounterwäsche“ – „Okay, also keine Thermounterwäsche. Möchtest du, dass ich dir eine Filmauswahl, ganz auf deinen persönlichen Geschmack abgestimmt, für heute Abend organisiere? – „NEIN! Das kann ich selber“ – „Also negativ. In Ordnung. Kann ich sonst irgendwas für dich tun?“ – „NEIN! Lass mich einfach zufrieden.“ – „Zufriedenlassen: okay. Ich wechsele dann in den Standby-Modus. Melde dich, wenn du eine neue Frage hast.“ – „Sei bloß still!!“ – „Still, still, still …. bsssss.“

Der Hirsch übertreibt es mit seinen Apps, meinen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Habe das ganze Zeug deshalb spontan von meinem Handy gelöscht und Alexa in den Elektroschrott geschmissen. Seitdem herrscht wieder angenehme Ruhe im Haus. War ja nicht zum Aushalten das Dauergeplappere. Ich meine: wer braucht schon ernsthaft eine Heizungs- oder Ölwechsel-App? Oder gar die 24/7 klugscheißende Alexa? Kein Mensch. Zumindest kein ü50-Mann wie ich, der schon Schwierigkeiten damit hat, SMS (ja ja, ich simse noch), WhatsApp, Messenger, Facebook und die Chat-Funktion der Partnerbörse sauber auseinanderzuhalten. Haben Sie schon mal morgens „Was für ein blöder Kommentar“ in die Parship-Mailmaske getippt, weil sie irrtümlich dachten, sie befänden sich in einer Facebook-Diskussion? Nein? Ich schon. Da können Sie der Dame im Nachgang noch so nett und ausführlich erklären, dass es sich um ein dummes Missverständnis handelte. Sie werden von der nie mehr was hören. Und mir passiert das dauernd. Von daher bloß keine semi-intelligenten Apps, die mich mehr verwirren bis hin zu erzürnen, als mir Nutzen zu stiften.

Wo gibt’s noch richtige Buchhandlungen?

Aber – ich geb’s zu – ich bin ein bekennender Einkaufsmuffel. Habe noch nie verstanden, welche Freude es dem Menschen bereitet, stundenlang durch Kaufhäuser und Boutiquen zu streifen, fünfhundert Sachen in die Hand zu nehmen, nur um am Ende mit einer Bluse, einem neuen Paar Schuhe und hellblauem Nagellack nach Hause zurückzukehren. Besuche in Bau- und Supermärkten sind mir ein Graus. Ganz schlimm am Samstag, wenn sich halb Köln durch die Gänge quetscht. Sobald ich was Neues zum Anziehen benötige, weiß ich vorher genau, was es sein soll, betrete den Shop, steuere zielgenau auf Hosen, Mantel, Mütze – oder was auch immer ich gerade benötige – zu, probiere bis zu drei Teile aus, gehe zur Kasse und zahle. Vorgang darf nicht länger als maximal fünfzehn Minuten dauern. Sonst bekomme ich erst Beklemmungen und dann schlechte Laune. Die einzigen Ladenlokale, die ich seit Jugend gerne betrete, sind Buchhandlungen und die Musikabteilung des Saturn am Kölner Hansaring. Womit wir nach zugegebenermaßen zu lang geratener Einleitung endlich beim Thema sind: Buchhandlungen, also richtige Buchhandlungen gibt es ja kaum mehr. Gonski am Kölner Neumarkt: pleite. Bouvier gegenüber der Bonner Universität: dasselbe: Hugendubel in München: zu weit entfernt. Stattdessen bestimmen Ketten wie Thalia und die Mayersche das Straßenbild: unten Kochbücher und Biografien von Promis, in der ersten Etage: Köln- & Eifelkrimis, im zweiten Stock irgendwas Undefinierbares, was ich mir nicht merken konnte, aber sich anscheinend gut verkauft. Als ich mich kürzlich in der Filiale am Neumarkt nach „Gruppenbild mit Dame“ von Böll erkundigte, erhielt ich zur Auskunft: »Nicht vorrätig. Können wir aber gerne für Sie bestellen«. – »Und was ist mit „Entfernung von der Truppe“?«, fragte ich. »Dasselbe«, erfuhr ich. »Böll gibt’s bloß auf individuellen Kundenwunsch hin. Wäre dann morgen Früh hier abholbar. Soll ich das für Sie in die Wege leiten?« – »Nein danke«, sagte ich und verließ den Laden, ohne ein einziges Buch gekauft zu haben. Das wäre zu Zeiten von Gonski und Bouvier undenkbar gewesen. Damals ging ich unter einem halben Dutzend Romane, die ich zugegebenermaßen nicht alle las, da nicht raus. Heute hingegen finde ich interessanten Lesestoff entweder in Antiquariaten oder beim Online-Händler.

Vergangene Woche entdeckte ich in der Wochenendausgabe des General-Anzeigers eine unterhaltsame Rezension zu einem neuerschienen Sachbuch „Nehmen ist seliger als geben“ von Christoph Fleischmann. Weil mir der Name des Verfassers durch seine klug-amüsanten Radiobeiträge auf WDR 5 ein Begriff war, wechselte ich spontan von der Zeitung an den Laptop und orderte das Werk in Amazon. Eine Stunde später berichtete ich stolz auf Facebook von meinem Kauf. Im Anschluss entspann sich eine Diskussion, in der es interessanterweise nicht um den Inhalt des Buches ging, sondern die einzig um die Frage kreiste: Darf man guten Gewissens überhaupt auf einer Plattform wie Amazon was kaufen? Und nun sind wir endlich beim eigentlichen Thema der Kolumne angelangt. Ich versprech’s.

Von Abrakadabra über Kadaver zum Amazonas

Vorab ein kurzer Steckbrief des Giganten:
– Gegründet: 1994
– Präsident, CEO, Chairman (k.A., welcher davon der wichtigste Titel ist): Jeffrey, P. Bezos
– Unternehmenszentrale: Seattle (also zwei, drei Blocks von Microsoft entfernt)
Mitarbeiter weltweit: ü600.000
– Umsatz global: knapp 200 Milliarden USD
– Marktkapitalisierung: rund 800 Milliarden USD. Womit Amazon nach Apple zum zweitwertvollsten Unternehmen der USA aufstieg. Sie wissen nicht, was Marktkapitalisierung ist? Dann schauen Sie bitte in Google nach.

– Mitarbeiter in Deutschland: knapp 20.000
Umsatz D: 9 Mrd. €. Damit macht Amazon ca. ein Viertel des deutschen Online-Versandhandels aus.
– Das deutsche Geschäft wird von Luxemburg aus betrieben.

Ach so, bevor ich es vergesse: der Name Amazon entstand der firmeninternen Sage nach so, dass der Gründer sich zuerst Cadabra (wie Abacadabra) ausgedacht hatte. Als sein Anwalt bei der Anmeldung ins Register versehentlich Cadaver ins Formular eingeben wollte, entschied sich Bezos spontan um, recherchierte nun nach einem sowohl wohlklingenden als auch eindeutigen Begriff, der jetzt mit A (erster Buchstabe des Alphabets und deshalb weit vorne in den Branchenbüchern) beginnen musste, wobei sein Blick schließlich wohlwollend auf dem Amazonas ruhte. Der weltweit größte Fluss mit seinen tausenden Abzweigungen und Verästelungen als Synonym und Ansporn für das neue Geschäftsmodell. Die kampferprobten Amazonen hätten mit der Namenswahl hingegen nichts zu tun gehabt.Weshalb nicht? Ergibt jetzt auch nicht mehr oder weniger Sinn als Google, Bluetooth, Sony oder Yahoo.

Die zeitraubende Religion des Firmenboykotts

Bei Amazon kauft man nicht, das Unternehmen gehört komplett boykottiert, fordert die Online-Versandhandel-Sabotage-Fraktion. Warum, frage ich. Weil Amazon ein Monopolist ist, der seine Mitarbeiter lausig entlohnt und keine Steuern bezahlt, schallt es zurück. Oh!, denke ich, das ist übel. Aber liegt es wirklich in meinem winzigen Einflussbereich, das zu ändern? Natürlich!, ruft das Blockade-Kommando, jeder einzelne muss dazu beitragen, diesen Konzern zu bekriegen.

Die Strategie des Firmenboykotts ist nicht neu. Ich hatte in den Achtzigern eine Freundin, die kaufte keinen O-Saft, wenn die Orangen in Südafrika gepflückt worden waren. Dann gab‘s diejenigen, die Schlecker mieden, weil die Kassiererinnen beim Discount-Drogeristen zu wenig verdienten und angeblich mittels versteckter Mikrofone von ihren Chefs belauscht wurden. Bei BP und Shell durfte man aufgrund havarierter Ölschiffe eine Zeit lang nicht tanken. H&M, KIK, C&A kann man guten Gewissens nicht betreten, da diese Unternehmen ostasiatische Näherinnen ausbeuten. Beim Kaffee muss ich darauf achten, dass der unter fairen Bedingungen produziert und gehandelt wird. Nutella geht wegen des darin enthaltenen Palmöls überhaupt nicht. Vor zwei Jahren postete ich im Hochsommer ein Bild von mir, eine Müller-Zitronenbuttermilch trinkend. Der Aufschrei der Netzgemeinde war gewaltig: Müller Milch trinkt man nicht!! Warum??, rief ich erschrocken und tippte auf Verstöße gegen die strenge deutsche Lebensmittelverordnung. Weil Müller keine Steuern bei uns, sondern in Luxemburg zahlt, wurde mir Ahnungslosem eröffnet. Daher weht der Wind, dachte ich und kippte den Rest der Zitronenbuttermilch schnell runter.

Was und wo man kaufen darf, hat sich für einige Zeitgenossen zu einer Religion und tagesfüllenden Aktivität entwickelt. Ich persönlich war bereits in den Achtzigern nicht davon überzeugt, dass der Boykott von südafrikanischem O-Saft irgendwas an den Verhältnissen in Kapstadt und Johannesburg ändern würde. Leidtragende sind die Pflücker, die dann erstmal arbeitslos werden. Wenn nun Amazon seine Mitarbeiter unterdurchschnittlich entlohnt, ist es am Betriebsrat und den Gewerkschaften hier für schnelle Abhilfe zu sorgen. Zumal ich ja nicht weiß, ob der ein Klick entfernte Versandhändler es wesentlich besser als der Riese aus Seattle macht. Dass Amazon zu wenig oder gar keine Steuern in Deutschland abführt, indem man Zentralen in Fiskaloasen errichtet – aus kaufmännischer Perspektive gesehen konsequent, für unsere nationale Volkswirtschaft hingegen eher unbefriedigend. Hier ist aber mMn der europäische Gesetzgeber gefordert, für eine gerechte Verteilung der Einnahmen zu sorgen. Solange sich die einzelnen EU-Mitglieder bei den Unternehmenssteuersätzen jedoch einen erbitterten Konkurrenzkampf liefern, werden Headquarter-Verlagerungen nach Luxemburg, Malta und Zypern nicht zu verhindern sein. Ich kann echt nicht – und habe ehrlich gesagt auch Null Bock darauf – bei jeder Müllermilch vorher recherchieren, wieviel Kohle der Firmeninhaber an das Finanzamt überweist.

Der stationäre Einzelhandel stirbt sowieso

Amazon tötet den stationären Einzelhandel, werfen Sie nun in die Debatte ein? Das stimmt, ist aber ein Allgemeinplatz. Zum einen tun das alle Online-Versender, zum anderen stirbt der innerstädtische EH ebenfalls aufgrund massiven Wettbewerbs durch die in den Randbezirken aus dem Boden schießenden Shopping Malls und Outletcenter. So lange ich in Bonn, Köln oder Düsseldorf erstmal 45 Minuten lang einen Parkplatz suchen und für den am Ende meines Einkaufsbummels zwischen fünf und zehn Euro berappen muss, fahre selbst ich – der ich die künstlich-sterile Atmosphäre der Vorort-alles-unter-einem-Dach-Paradiese mit angegliederter Systemgastronomie überhaupt nicht mag – lieber nach Buschdorf, Montabaur, Pulheim, Opladen – und wie die Käffer in Westerwald, Vorgebirge, Bergischem Land sonst noch alle heißen mögen –, als mich am Samstagmittag durch den blutdrucksteigernden Kölner Verkehr zu ärgern. Oder ich bestelle halt im Internet. Den E-Commerce aufhalten zu wollen, ist in etwa so sinnvoll, wie sich die gute alte Kugelkopfschreibmaschine zurückzuwünschen oder der Zeit, als die Kinos noch Jugendstilpalästen ähnelten, hinterherzutrauern, anstatt sich langsam mit Netflix anzufreunden. Kann man natürlich tun; wird den technischen Fortschritt – der ja zur Hälfte auf der Bequemlichkeit der Konsumenten gründet – jedoch nicht stoppen.

Meine individuelle Antwort auf Amazon & Co. mündet deshalb in eine Hybrid-Taktik: wenn ich mal in der Innenstadt bin – zugegebenermaßen aufgrund der oben aufgezählten Verkehrs- und Parkprobleme eher selten –, dann kaufe ich alles, was ich benötige, dort im stationären Einzelhandel. Auch Bücher (falls die vorrätig sind) und Elektroartikel. Den Rest – aus dem Bauch heraus geschätzt: ca. 50 Prozent meiner Anschaffungen, von den Lebensmitteln mal abgesehen – per Mausklick. Und beim E-Commerce bin ich völlig vorurteilsfrei. Ob die Ware von Amazon, Saturn, Media Markt, Zalando oder Douglas verschickt wird, ist mir persönlich egal. Hand aufs Herz: Wie viele der BP- & Shell-Protestierer tanken heimlich dann doch an den boykottierten Zapfsäulen, sobald die nächste Aralstation zu weit entfernt liegt? VIELE.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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