Emotionen aus der Dose

Selbst Fremdschämen gelingt mir nicht mehr, sagt Kolumnist Henning Hirsch, als er sich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder das Dschungelcamp anschaut


»Lass uns Dschungelcamp schauen«, sagt sie.
»Spinnst du?«, frage ich.
»Hab dich nicht so. Sehen sich alle an.«
»Und warum sollte ICH das machen?«
»Weil ich für dich gekocht habe und um mir einen Gefallen zu tun.«
»Okay, aber maximal ne halbe Stunde! Länger halte ich den Scheiß nicht aus.«

Missmutig lasse ich mich auf ihr geblümtes Sofa fallen, während sie sich mit der Fernbedienung in Richtung RTL durchzappt. Wäre von vornherein klar gewesen, dass Coq au Vin mit Ich-bin-ein-Star-Gedöns korreliert, hätte ich aufs Essen gepfiffen. So ausgehungert bin ich dann doch nicht. Zumal ich mir vor vielen Jahren nach Folge 1 von Staffel 1 geschworen hatte, mir diese nach (vor?) Big Brother schlimmste aller TV-Müllproduktionen definitiv NIE mehr reinzuziehen. Und ich breche nur äußerst ungern meine Schwüre. Selbst schuld, denke ich; warum hast du dich vorher nicht erkundigt, wie ihre Pläne nach dem Dessert lauten? Mitgehangen …, sagen Sie? Ja ja, ich hab’s verstanden. Nützt mir nur im Moment wenig, wo ich auf ihrem geblümten Sofa sitze und das Begrüßungs-Jingle ertönt.

Wie im Terrarium vom Nachbarn Schmitz

Eingeblendet wird eine Dschungellandschaft aus der Vogelperspektive, die sich – je näher die Kamera ranzoomt – als so dschungelartig darstellt wie das Terrarium von Nachbar Günter Schmitz im dritten Stock, in dem er seinen Galapagos-Minileguan aufbewahrt. Zwei Moderatoren kommen ins Bild, die mit Sprüchen, die außer ihnen hundertpro niemand witzig findet, in die Materie einführen: Tag acht im Lager, eine Woche vorbei, heute wird der erste Teilnehmer nach Hause geschickt, die Nerven aller Kandidaten seien deshalb aufs äußerste angespannt.

Zwölf D-Prominente sind an Bord, paritätisch aufgeteilt in jeweils ein halbes Dutzend weibliche und männliche Camp-Insassen, von denen ich außer Sibylle Rauch, Peter Orloff und der Synchronstimme von Alf niemanden kenne. Mit darunter eine Dame mit dem verlockenden Namen Leila Lowfire, eine Naturblondnaive, eine Bob-Olympiasiegerin – was ich ja cool finde –, ein Typ, den sie den Currywurstmann nennen und ein zickiges Fotomodell. Die dürfen sich nun einzeln vorstellen. Damit ist schon mal eine Viertelstunde der Sendung überstanden, jetzt folgt ein Werbeblock, ich kann kurz aufstehen und mir in der Küche einen Nachschlag vom Dessert besorgen.

Da man hier nichts isst und trinkt, wird man hier dumm

begrüßt mich nun die Naturnaive. Aha, denke ich, gut, dass ich immer ausreichend Flüssigkeit zu mir nehme, so bleibt mir die völlige Verblödung hoffentlich noch ein paar Jahre erspart. Jetzt folgt eine, von den Moderatoren als ü18 angekündigte Nacktszene unter einem künstlichen Wasserfall, die so harmlos anmutet, als sei sie aus einem 5-Freunde-Roman entliehen. Zwischendurch immer wieder Lebensbeichten einzelner Teilnehmer à la:

Wenn du so eine Alte als Freundin hast, kannst du dich gleich aufhängen

oder:

Ich fühle mich immer noch schuldig, dass ich unser Kind erst abtreiben lassen wollte. Heute ist es mein liebster Sonnenschein … Scheiße, Scheiße Scheiße

Mittlerweile ist eine knappe halbe Stunde vorüber, ich schaue verstohlen auf die Uhr, dann auf meine Bekannte, die gebannt an den Lippen der Stimme von Alf hängt, der gerade den bedeutungsschwangeren Satz sagt:

Das Publikum ist pervers, Brot und Spiele, es ist wie eine Hinrichtung.

Ich denke: als Stimme von Alf warst du deutlich geistreicher als in Natura.

Kakerlaken und Schleim: kreativ geht anders

Nach dem nächsten Werbeblock gelangen wir endlich zur Dschungelprüfung. Zu absolvieren mal wieder vom zickigen Fotomodell, weil das sich partout nicht in die Gruppe integrieren möchte und deshalb jeden Tag aufs Neue zur Bestrafung irgendwas Ekliges tun muss. Heute geht es in fünf Steinzeit-Telefonzellen, in denen Sterne in mit Zahlenschlössern gesicherten Glaskästen deponiert sind. Die gilt es herauszuholen. Und weil das Fotomodell als chronische Heulsuse verschrien ist, wird es vorab von einem extra aus Deutschland eingeflogenen Motivationscoach auf Vordermann bzw. Vorderfrau gebracht. Als er das dritte Mal „Kasalla!“ trompetet, ertappe ich mich dabei, dass ich ihm einen Kinnhaken versetzen möchte, spekuliere darauf, dass die Kandidatin das auch gleich tun wird; aber sie lässt das Gebrüll stoisch über sich ergehen und betritt dann die erste Box. Das übliche Procedere wie seit Folge 1 in Staffel 1 – bloß keine den Zuschauer verwirrenden Änderungen vornehmen – passiert sofort: Kakerlaken, Würmer, grüne Ameisen, schwarzer Schleim prasseln auf die Kandidatin kiloweise herab, während sie auf Zeit versucht, die Zahlencodes zu knacken. Bei den Grünen Ameisen bewundere ich sie, denn die krabbeln sofort in sämtliche Körperöffnungen, und ich persönlich werde schnell panisch, sobald ich Insekten in der Ohrschnecke oder vom Schließmuskel aus in Richtung Blinddarm wandernd vermute. Nicht so die Camp-Heulsuse. Sie übersteht das Martyrium und lässt sich im Anschluss von den anderen elf gebührend feiern. Dabei fallen Sätze wie:

Du hast wie Alexander der Große den gordischen Knoten zerschnitten

Alexander wer?

Du bist mit Gott

Wir haben alle zu wenig Nährwerte im Kopf

Daumen runter – ein Kandidat darf die Koffer packen

Nach einer weiteren Prüfung, in der die Kandidaten anhand ihrer Kinderfotos identifiziert werden müssen, und in der wir unter anderem folgendes erfahren:

Ich habe in Radlerhose immer eine Erektion bekommen.

Du warst ein typisches Ossi-Kind.

Voll süß, ich könnt voll heulen,

neigt sich Tag 8 langsam dem Ende zu.

Wie es in den Castingshows liebgewordener Standard geworden ist, muss nun ein Teilnehmer seine Koffer packen. Nach fünf superspannenden Minuten, in denen die Moderatoren jedem einzelnen Kandidaten streng ins Gesicht schauen, bevor sie elfmal sagen, „Glück gehabt. Du kannst bleiben“, erwischt es einen jungen Mann, von dem ich noch nie gehört habe und dessen Namen ich mir deshalb auch nicht merken konnte. Er verdrückt ein paar Tränen, die anderen umarmen und trösten ihn, er marschiert aus dem Bild, wir werden auf morgen zu Folge 9 verabschiedet. Dann ist der Spuk für heute vorbei.

»Wie fand’st du es?«, fragt meine Bekannte. Übrigens die ersten Worte, die sie seit einer Stunde äußert.
»Ging so«, antworte ich.
»Willst du morgen zu Tag 9 wiederkommen? Es ist noch ne Menge vom Coq au Vin übriggeblieben. Brauche ich bloß aufzuwärmen.«
»Nein danke«, sage ich, »bin schon anderweitig verplant«, nehme Mantel und Mütze, bin durch die Tür und steige ins Auto.

Titten, Fremdschämen & Emotionen aus der Dose

Auf der Rückfahrt überlege ich, was bei mir von Folge 8 nun haften geblieben ist: Sibylle Rauch, Idol unserer 70er Jahre Feuchte-Jungen-Träume, wirkte weltentrückt. So als sei sie jahrelang in einem Ashram gebrainwashed worden, bis sie endlich langsamer spricht, als sie denkt. Oder vielleicht auch überhaupt nicht mehr denkt. Ein Zustand, den einige als die höchste Form des Glücks begreifen. Peter Orloff mimt den Weisen und kennt sich in alter Geschichte aus. Die Stimme von Alf gefiel mir deutlich besser, als sie noch die Stimme von Alf war. Um den Rest der Truppe zu kennen, bin ich zu alt. Mir fiel auf, dass die Teilnehmerinnen anscheinend alle denselben Chirurgen frequentieren, weil sich aufgespritzte Lippen und aufgepumpte Oberweiten sehr ähnelten. Das Konzept der Show ist simpel gestrickt: Titten, Kakerlaken, geschluchzte Geständnisse, ein Hauch Parship, Pseudostress, periodischer Lagerkoller, Daumen rauf oder runter. Garniert mit schlüpfrigen und teils infantilen Kommentaren des Moderatoren-Duos. Eine Mischung aus Bauerntheater, Teenager-Erotik, einem Besuch im botanischen Garten mit ein paar ständig wiederkehrenden Ekeleinlagen, aufgenommen mit deutscher Kameratechnik, also immer frontal drauf. Nennt sich Realityshow und ist nach wie vor erfolgreich. Hin und wieder beschleicht einen als Zuschauer dabei ein Gefühl des Fremdschämens, wenngleich wir da alle aufgrund des Dauerbombardements mit Big Brother und seinen hunderten Nachahmern mittlerweile komplett abgestumpft sind. Vor zehn Jahren wäre ich bei mancher Aussage vom Sofa aufgestanden und hätte das Wohnzimmer verlassen, um diese Peinlichkeit nicht länger mitanhören zu müssen. Heute bin ich diesbezüglich schmerzfrei. Ob das ein positiver Gewöhnungseffekt ist – das sei hier mal dahingestellt.

Obwohl es in einer Realityshow natürlich äußerst real zugehen soll, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Dialoge gescripted sind. Einen Satz wie, „Mein Gehirn ist voller Glück“, sagt doch unmöglich jemand von sich aus. Dieser Wahnsinn muss aus dem Textbaukasten eines schlechtbezahlten Drehbuchautors stammen. Oder etwa doch nicht? Und mancher Streit wirkt künstlich vom Zaun gebrochen, Emotionen aus der Dose, um durch Pseudo-Zoff für mehr Quote zu sorgen.

Bevor ich mich nun lang und breit zur Wechselbeziehung solcher Sendeformate und der galoppierenden Verblödung weiter Teile der Bevölkerung auslasse, stoppe ich an dieser Stelle mit meinem persönlichen Bekenntnis: Ehe ich mir eine weitere Folge des Dschungelcamps anschaue, besuche ich lieber ein Sexkino, wo richtiger Porno angeboten wird. Viel gefaketer (schreibt man das so?) sind die Dialoge da auch nicht.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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