Willkommen Enkelin – Ein Versprechen

Gestern wurde ich zum ersten Mal Opa. Da war es mir nicht möglich, eine normale Samstagskolumne zu schreiben, weil meine Gedanken nicht von diesem wunderbaren kleinen Mädchen wegkamen. Tut mir leid.


Foto: Heinrich Schmitz (Mein Opa, Heinrich Schmitz)

Nun bist Du endlich da, kleiner Mensch. Liegst selig auf dem Bauch Deiner Mutter, geborgen und zufrieden. Und alle sind glücklich. Deine Eltern, Deine Großeltern und mit ihnen alle Onkel, Tanten, Freundinnen und Freunde. Du bist gesund, wir müssen uns nicht sorgen, alles ist gut. Der Tag gehört Dir und keine schlechte Nachricht kann diese Freude trüben, die mein Herz und meine Sinne erfüllt. Nun liegt die Zukunft vor Dir. Aber sie liegt Dir nicht zu Füßen.

Die Zeit in die Du geboren bist, ist eine seltsame Zeit. Statt Love and Peace sieht es im Moment eher nach Hass und Unfrieden aus. Wichtige Grundsätze, die längst als sichere Standards galten, werden zunehmend nicht mehr als allgemeinverbindlich angesehen. Menschenrechte werden offen zur Disposition gestellt, selbst ein grüner OB sprach von Menschenrechtsfundamentalismus – ekelhaft. Es gibt Not und Verfolgung in der Welt und viele Kinder, die am selben Tag wie Du geboren sind, werden kaum eine Chance haben, lange zu überleben. Und selbst wenn, haben sie keine Zukunft, weil es in ihren Ländern Krieg und Zerstörung gibt. Und auch in unserem Land gibt es mittlerweile wieder Menschen, denen egal ist, wenn diese anderen Babys und ihre Eltern und Großeltern verhungern, ertrinken  oder in Kriegen getötet werden. Hauptsache die kommen nicht zu uns nach Deutschland, sagen die.

Ja, meine liebe Enkelin, solche Menschen, die anderen das Ertrinken wünschen, gibt es. Ich wünschte mir, dass das anders wäre und dass ich Dir versprechen könnte, dass alles gut wird. Aber das kann ich leider nicht.

Ich kann Dir nicht versprechen, dass die Demokratie, die unser Land seit jetzt rund 70 Jahren prägt, erhalten bleibt. Es gibt immer mehr Menschen, die meinen, das sei keine Demokratie mehr, die stolz auf die Zeit vor dieser Demokratie sind und sich diese Zeit zurückwünschen. Da gab es einen sehr bösen Menschen, der die Deutschen über alle anderen Völker stellte und Millionen Menschen ermorden ließ. Der fing Krieg mit fast allen an, weil er glaubte, die deutsche „Rasse“ sei allen anderen überlegen und sie sei berechtigt „minderwertiges“ Leben zu vernichten und sich deren Land und Güter unter den Nagel zu reißen. Den gibt es Gottseidank nicht mehr und ich dachte auch, das Unheil, dass dieser Mensch angerichtet hat, hätte die Deutschen für alle Zeit davor bewahrt, sich noch einmal für etwas Besseres zu halten oder sonst unmenschlich zu sein. Leider hat Dein Opa sich da geirrt und diejenigen, die mit den Gedanken und Worten dieser schrecklichen Zeit spielen, sind wieder da und manche haben es sogar schon in die Parlamente geschafft. Sie schreiben ekelhafte Bücher und halten widerwärtige Reden. Ob wir die jemals wieder loswerden, weiß ich nicht.

Nach dem großen Krieg hat Dein Heimatland eine wunderbare Verfassung bekommen, die heißt Grundgesetz. Die wird im Mai 70 Jahre alt, gibt es also noch nicht allzulange. Aber noch nie ging es dem Land so gut wie mit dieser Verfassung. Das ist eine ganz tolle Verfassung, weil sie die Würde der Menschen in den Vordergrund stellt. Diese Menschenwürde hast Du seit gestern auch. Seit Du geboren bist, hast Du automatisch diese Menschenwürde. Ganz einfach so, weil Du da bist. Du musst da gar nicht für tun. Die hast Du jetzt gemiensam mit allen anderen Menschen und die ist für den Staat unantastbar, d.h. die behältst Du Dein Leben lang und niemand, auch der Staat selber, darf sie Dir wegnehmen oder Dich menschenunwürdig behandeln. Und falls er es doch tut, kannst Du dagegen klagen. Das ist so in einem Rechtsstaat.

Leider erkennen nicht alle Menschen, was das für eine tolle Sache ist. Die wollen bestimmten Menschen die Menschenwürde lieber wieder wegnehmen und bestimmte Verbrecher umbringen. Die hätten die Menschenwürde und damit ihr Leben verwirkt, sagen die, und das soll soviel bedeuten wie, die hätten es nicht verdient wie ein Mensch behandelt zu werden. Klar gibt es fiese Menschen, die schlimme Dinge tun, aber auch die können ihre Menschenwürde nicht verlieren, auch die müssen menschenwürdig behandelt werden. Und töten darf ein Staat als Strafe schon gar nicht.

Dieses Grundgesetz, von dem ich Dir später noch ganz viel erzählen werde, wenn ich lange genug lebe, gibt den Menschen hier ganz viele Freiheiten. Alles was nicht ausdrücklich durch ein Gesetz verboten ist, ist erlaubt. Du darfst Deine Meinung sagen, wenn Du dann sprechen kannst, Du darfst eine Religion haben und auch ausüben, wenn Du magst, Du darfst mit anderen zusammen auf die Straße gehen und auch dort Deine Meinung sagen, Du darfst mit anderen zusammen Vereine oder eine Familie gründen und viele Sachen mehr.

Trinken, Kacken, Schlafen

Was Dein vor Glück völlig  bekloppte Opa Dir da jetzt erzählt, verstehst Du eh noch nicht und das ist auch gut so. Du musst jetzt nur trinken und kacken und schlafen – das macht der Opa auch am liebsten -, Deinen Eltern die Nächte verkürzen und bald ganz viel lachen, wachsen und von Tag zu Tag ein bisschen mehr von der Welt kennenlernen.

Du hast ganz tolle Eltern, da hast Du schon mal Glück gehabt. Und Du hast Opas und Omas, die Dich, solange sie leben, niemals im Stich lassen werden. Soviel kann ich Dir schon mal versprechen.

Meine beiden Opas waren tolle Opas. Opa Franz war bei der Eisenbahn und leitete da das Stellwerk, das bedeutet, der stellte die Weichen um, und spielte Trompete und Geige. Er starb leider schon, als ich sechs Jahre alt war. Mein Opa Hein (s. Titelbild) , von dem ich den Namen Heinrich bekommen habe, war Gartenmeister. Der starb als ich fünfzehn war. Er hatte für die Zeit recht lange weiße Haare, las und sang gut und gerne. Und er zeigte mir die Natur. Er ging mit mir in den Wald und erklärte mir die Pflanzen und Tiere. Er schnitt eine Angel mit seinem stets in der Tasche befindlichen Taschenmesser und angelte mit mir. Später nahm er mich in seinem alten Mercedes 180 mit, wenn er Pflanzen in der Eifel auslieferte. Und immer kehrten wir in einem Weinhaus ein, er trank seinen Schoppen, ich einen Apfelsaft und manchmal reichte es der Wirtin, wenn er statt einer Bezahlung ein Lied sang, oft das Lied „Rosemarie“ (so heißen auch seine Tochter und meine Tante). Es war immer schön mit meinem Opa und wenn er abends im Sessel seine Pfeife rauchte und mir dabei vorlas, dann war ich in einer anderen Welt. Ja, so ein Opa möchte ich Dir auch gerne werden. Okay, Rauchen darf ich nicht mehr und schon gar nicht in Deinem Beisein, aber früher hat man das halt so gemacht. Aber einer, bei dem Du Dich wohlfühlst und einer der Dir die Dinge zeigt, die wirklich wichtig sind im Leben. Und dazu gehört auch Vorlesen und ich freu mich jetzt schon, wenn Du über Himpelchen und Pimpelchen oder später über den Quasselkaspar aus Wasserburg und den Dichter Götheschiller kichern wirst. Ich verspreche auch zu versuchen, Deine Fragen zu beantworten, wenn ich die Antworten weiß, und wenn nicht, danach zu suchen. Klar werden Deine Eltern das auch machen. Aber Eltern sind so was spezielles. Die müssen arbeiten und haben so viele Sachen zu erledigen, dass er gar nicht so schlecht ist, wenn man noch zwei Omas und zwei Opas in Reserve hat. Deine Eltern müssen Dich erziehen, das ist nicht leicht. Aber Opas und Omas dürfen mit Dir Blödsinn machen. Und Dein Opa hat jede Menge Blödsinn im Kopf. Pass auf, jetzt werden die Trolle, das sind so Menschen, die den Opa im Internet verfolgen, wieder schreiben, der Opa hätte nur Blödsinn um Kopf. Aber das macht nichts. Wir wissen ja, dass das Quitschquatsch ist. Und wenn sie es zu weit treiben, dann kommen Freunde vom Opa, wie der Wolfgang, der Clemens, der Freddy und viele andere und helfen dem Opa mit den Deppen fertig zu werden. Und wenn es ganz schlimm kommt ruf ich den harten Hund oder die Kirchplatz-Gang. Auf die ist Verlass. Freunde sind auch ganz wichtig, das wirst Du noch sehen. Echte Freunde sind ganz ganz wichtig. Fast noch wichtiger als Opas.

Und auch wenn Du ja nicht immer bei mir sein kannst, wird Dein Opa auf Dich achten. Er wird weiterhin die Lage im Land genau im Auge haben und seinen Mund aufmachen, wenn da etwas in die falsche Richtung läuft. Er wird weiter versuchen, den Leuten zu erklären, was für eine gute Verfassung das Grundgesetz ist und dass es keine Grund gibt, das abzuschaffen. Wenn komische Gesetze gemacht werden sollen, die Deine Freiheit einmal einschränken oder wenn seltsame Parteien versuchen, das schöne Grundgesetz oder einzelne Grund- und Menschenrechte abzuschaffen, da wird der Opa dann auch seine Komfortzone verlassen und mit vielen anderen grauhaarigen Menschen auf die Straße gehen und auch sonst anpacken, wo es etwas anzupacken gibt. Opa und Apo ist ja kein großer Unterschied. Und das Schöne ist, wir Opas haben ja nicht mehr so viel Lebenszeit zu verlieren und brauchen deshalb weniger Angst um uns selbst zu haben.

Kein Spinner, ein Träumer

Ich möchte, dass Du in einem Land und in einer Welt lebst, in dem der Hass und der Egoismus wieder zurückgedrängt werden. Dass er ganz verschwindet, werden wir beide nicht erleben. Aber wir können versuchen, ihn klein zu halten und kleiner werden zu lassen. Du sollst nicht in einer Welt leben, in der egoistische Selbstdarsteller und nationalistische Arschlöcher regieren. Ja, der Opa hat Arschlöcher gesagt und die Mama wird das rügen müssen – auch wenn sie das genauso sehen dürfte. Manche Worte sollte man nicht sagen und wenn Dir einer sagt, man müsse alles sagen dürfen, dann glaub ihm nicht. Die das behaupten wollen fast immer Sachen sagen, mit denen sie andere verletzen.

Du wirst später von Menschen hören, die sagen, Dein Opa sei ein Spinner, weil er sich für notleidende Menschen aus aller Welt einsetzt, ganz egal welche Hautfarbe oder Religion die haben. Sag ihnen dann einfach, mein Opa ist kein Spinner, er ist ein Träumer, aber er sagte immer „but I‘m not the only one“, das ist Englisch und bedeutet, aber ich bin nicht er Einzige. Und das stimmt auch. Was wäre das für eine Welt, in der wir nicht mehr träumen dürften, dass die Welt zu einer einzigen Weltgemeinschaft wird, in der wirklich jeder Mensch die Menschenrechte genießt, genug zu essen und eine Arbeit hat, die ihn glücklich macht. Alleine beim Träumen darf es nicht bleiben. Jetzt wo Du da bist, weiß der Opa wieder ganz genau, wofür er das alles tut und er ist sicher, dass viele andere Opas und Omas das genauso sehen und alles in ihren Möglichkeiten stehende tun werden, diesen Traum ein bisschen mehr wahr werden zu lassen.

Willkommen in dieser Welt, Menschenkind.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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