Vom Bürgerschreck zum Aushängeschild

Blixa Bargeld wird 60! Ulf Kubanke gratuliert mit einem Porträt.

Photo: Blixa Bargeld und Ulf Kubanke by Zizino; copyright by Bargeld/Kubanke/Zizino

Blixa Bargeld wird 60! Kaum jemand erfüllt hierzulande mit jeder Faser so sehr den Begriff des absoluten, des totalen Künstlers wie dieser Mann mit den ausdrucksvollen, großen Augen. Wie die Namen Woody Allen oder Lou Reed für New York stehen, verkörpert der Vordenker der Einstürzenden Neubauten die Metropole Berlin. Etliche Glanzlichter pflastern den langen Pfad vom Bürgerschreck zum Aushängeschlld, vom Berserker zum Schöngeist.

Man kann diese Entwicklung deutlich am Werdegang der Neubauten nachvollziehen. Frühe Glanztaten wie „Kollaps“ oder die brillante 1984er LP „1/2 Mensch“ widmen sich lustvoller Dekonstruktion, um auf den Trümmern gesprengter Ketten wundervolle Perlen wie „Letztes Biest Am Himmel“ oder „Der Tod Ist Ein Dandy“ zu pflanzen. Statt gängiger Muster und typischer Utensilien hört man eine Instrumentierung, die auf Bohrmasdchinen oder Einkaufswagen setzt. „Ich bin das letzte schöne Sternentier; ich bin das letzte fiebrige Gestirn!“ Bargelds explosive, oft manische Vocals kreieren einen aus tiefstem Morast des Unterbewusstseins stammenden Urschrei, der sich vor allem bei Konzerten zum Markenzeichen krönt.

Ebenso bis heute als Soundeffekt einmalig ist das Schaben. Bargeld sagt hierzu: „Das war ja unsere Erfindung. Da haben wir angefangen, mit Stahlträgern und großen Metalldeckeln über das Metall zu schaben, was eine Unmenge quietschender Obertöne produziert. Das haben wir z.B. auf „Der Tod Ist Ein Dandy“ bis zum Geht-nicht-mehr verwendet. Das Schaben stammt aus der uralten 1981er-Kiste.“

„Beständig nur ist eure Unbständigkeit!“ Von Anfang an befanden und befinden sich die Neubauten im Prozess konstanter Wandlung. Jede Periode wartet mit ganz und gar eigenen Reizen auf. In der mittleren Phase locken die grandiosen Alben „Fünf Auf Der Nach oben Offenen Richterskala“ (mit einem großartigen Cover des Evergreens „Morning Dew“ und dem Kleinod „Keine Schönheit ohne Gefahr“) und „Haus Der Lüge“. Besonders die letztgenannte Platte gilt national wie international neben „1/2 Mensch“ als ihr absolutes Meisterwerk, was nicht zuletzt am famosen Titelsong liegt. „Hier leben die Blinden, die glauben, was sie sehen und die Tauben, die glauben, was sie hören.“

Spätere Alben wie „Silence Is Sexy“ oder „Alles Wieder Offen“ gestalten sie weit filigraner und nuancierter als die avantgardistischen ersten Scheiben. Mithin lohnt sich ein Streifzug von Alpha bis Omega und zeigt, weshalb die Begriffe Neubauten und Goethe-Institut längst kein Gegensatz mehr sind. Bargelds Kapelle befindet sich zu Recht auf jenem Podest großer deutscher Namen wie Kraftwerk, Can, Tangerine Dream oder Nico. Dennoch gibt es kaum eine andere Band, die medial lange Zeit so unsäglich missverstanden wurde. Gerade dem deutschen Kulturbetrieb entging lange Zeit ihre Doppelbödigkeit und Bargelds eulenspieglerisch eingebauter Humor. Legendär ist diesbezüglich ein TV-Interview, bei dem ausgerechnet der sonst so verständige Roger Willemsen komplett am eigenen Nichtbegreifen des Phänomens Neubauten scheiterte. Doch auch dessen ungewohnt plumper Ansatz Marke „Lieben Sie eigentlich Ihre Mutter, Herr Bargeld?“ vermochte Blixa nicht zu erschüttern. Es gelang ihm, das künstlerische Konzept einem breiteren Publikum näher zu bringen.

Doch auch jenseits seiner Hauptband hat BB einiges auf dem Kerbholz. An der Seite Nick Caves war er viele Jahre ein prägender Teil der Bad Seeds. Trotz Caves Federführung steuerte Bargeld erhebliche Mosaiksteinchen zum Gesamtbild bei. So beteiligte er sich mitunter am Songwriting (etwa “Lucy“ oder „Lovely Creature“). Als Hauptgitarrist trug er viel zum Klangbild der Band bei. Was Bargeld dabei an technischen Fähigkeiten handelsüblicher Gitarreros fehlte, machte er durch maximalen Ausdruck wett, dessen emotionale Strahlkraft erstaunt. Als besonderer Anspieltipp empfielt sich hierzu das kernige „Do You Love Me?“ (von „Let Love In“), bei dem Bargeld schroffe Riffs aus der Hüfte schießt, deren hypnotischer Wirkung man nicht entkommt.

Auch stimmlich ergänzen sich die beiden sehr maskulinen Timbres. Bargeld ist ein vorzüglicher Backing-Vokalist und Duettpartner. Zwei Tracks sollte man nicht verpassen: Zum einen den zum Kulttrack avancierten „Weeping Song“ (von „The Good Son“), daneben den Welthit „Where The Wild Roses Grow“. Letzteren kennt man in der Kylie-Version von Caves Bestseller „Murder Ballads“ ohnehin. Gleichwohl existiert ebenso eine Studio-Urfassung, auf der Bargeld seine feminine Seite entdeckt. Auch live schlüpft er in die Rolle der Eliza Day und kredenzt dem Publikum mit kokettem Augenaufschlag eine regelrecht niedliche Variante des Liedes.

Auch als Interpret fremder Kompositionen hat Bargeld einiges in Petto. Die Palette reicht von Nancy Sinatra/Lee Hazlewood bis zu Marlene Dietrich. Doch nichts geht über seine Version des 1954er Peggy Lee-Klassikers „Johnny Guitar“. Zusammen mit dem Bad Seeds-Ableger Die Haut serviert er die womöglich eindringlichste Deutung dieser oft gecoverten Perle. Hochsensibel gesungen verbindet sich die Stimme Bargelds mit abgründigen Gitarrenlicks. Romantik trifft Weltschmerz nach Sonnenuntergang.

https://www.youtube.com/watch?v=kHHiKE2QqRw

All diese genannten Meriten sind beeindruckend. Doch der Höhepunkt steht noch aus: Blixa Bargeld ist ein begnadeter Texter, dessen Zeilen nahezu ausnahmslos auch ohne jede musikalische Untermalung funktionieren. Er bringt es fertig, das Entrückte mit dem Direkten zu vermählen, das Sinnbild mit dem Konkreten, das sezierend Analytische mit dem herzwärmend all zu Menschlichen. Wer sich mit seinen Ergüssen näher befasst, wird es kaum fassen, weshalb einer der stärksten Dichter seiner Generation nicht längst den Georg Büchner-Preis verliehen bekam. Letzteres ist keine Übertreibung. In nahezu jeder Nische seines Katalogs stößt man auf herausragende Verse.

Dabei handelt es sich nicht unbedingt stets um seine bekanntesten Werke. Man höre nur, wie lässig er dem Tim Isfort-Orchester auf „Es Fehlt Etwas“ einen rotweingetränkten Stempel aufdrückt. Sein mit Teho Teardo eingespieltes Soloalbum „Still Smiling“ offenbarte auf Tracks a la „Buntmetaldiebe“ vor wenigen Jahren, weshalb New York, London, Paris oder Tokio diesen Mann als großen deutschen Lyriker wahrnehmen, während sich international kein einziger Sack Reis für gängige Jammerbarden und Pennälerlyriker aktueller Chartnotierungen interessiert.

Zwei Stücke der Neubauten drücken diese poetische Kraft exemplarisch aus. „Die Wellen“ etwa transportiert gleichermaßen Bildhaftigkeit wie cleveren Hintersinn. Daneben lohnt sich für jeden Einsteiger die umwerfende Romantik von „Fiat Lux“. „Inmitten meiner Kreise. Doch deren Mitte bin ich nicht. Regungslos, wartend…Wenn du kommst, kommst du mit Licht; du kommst strahlend. Zehrst meinen Schatten auf, zählst meine Kerben und schlägst mich auf. Öffnest mein Versteck und liest mich laut. Damit auch ich mich endlich hören kann.“ Lang muss man suchen, eine treffendere Beschreibung von Liebe, Ergänzung und Zweisamkeit zu entdecken. Blixa Bargeld hat sie gefunden.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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