Der gutmütige Zyniker

Zum 75. Geburtstag Randy Newmans gratuiliert Ulf Kubanke mit einem Porträt

Photo by Randy Newman/Pamela Springsteen/Warnermusic

Randy Newman darf man getrost als ein Paradoxon des Showbiz bezeichnen. Einerseits blieb er als Musiker außerhalb der USA stets ein Geheimtipp für Checker und Spezialisten. Andererseits kennt und liebt fast jeder seine Gassenhauer. Zum einen gibt er oft und gern den galligen Sarkasten, der Abgründe der menschlichen Natur ebenso auslotet wie er die Mächtigen dieser Welt per angebrachtem Spott zurechtstutzt. Auf der anderen Seite handelt es sich bei ihm um einen warmherzigen Romantiker, der seinem Publikum gern Lebenslust, Empathie und fröhliche Unterhaltung beschert.

Anders gesagt: Am 28. November feierte einer der interessantesten Songwriter aller Zeiten seinen 75. Geburtstag. Allemal Grund genug, diesem Unikum den verdienten roten Teppich auszurollen. Der Läufer sollte Platz bieten für drei essentielle Verkörperungen seiner Künstlerpersönlichkeit.

Da gibt es zunächst das Genie im Hintergrund, das mit zielgenauer Präzision diversen Sängern perfekt passende Lieder schneidert. So stammt etwa Joe Cockers Klassiker „You Can Leave Your Hat On“ von Newman. Dusty Springfeld schrieb er mehrere Hits auf den Leib. Auch der berühmte Soul-Klassiker „Mama Told Me Not to Come“ – den meisten bekannt in der Version Wilson Picketts – schrieb er bereits als 19 Jähriger für Eric Burdons erstes Soloalbum.

In Hollywood ist er einer der führenden und weltweit verehrtesten Soundtrackkomponisten. Seit einem halben Jahrhundert verfasst er Filmsongs, die fast jeder auf allen Kontinenten schon mal hörte. Hierzu zählen quasi alle relevanten Pixar-Streifen von „Toy Story“ bis „Cars“. Kömodienliebhaber kennen Newmans Nummern der Ben Stiller/Rober de Niro-Filme „Meine Braut, Ihre Familie Und Ich“, wie etwa den erfolgreichen Hit „We’re Gonna Get Married“. Sobald der freundliche Sympath aus Los Angeles einen seiner fidelen Ohrwürmer aus dem Hut zaubert, kann er sich des Entzückens von Millionen sicher sein.

Daneben kultiviert Newman auf seinen Soloplatten eine weniger harmlose Seite. Als Freigeist, der jeglichen Totalitarismus in stets deutlichen Worten attackiert, nutzt er gegen Machtgier die Waffe des Humors. Zuletzt veralberte er 2017 den Nationalismus des Kreml im herrlichen „Putin“, wobei Newmans Lied gewordene Karikaturen nie unter die Gürtellinie zielen, sondern Eitelkeit und Hybris politischer Herrscher aufs Korn nehmen.

Doch Newman, dieser strahlenden Fackel am oft trüben Himmel flachster Musiktrends, ist die Finsternis nicht unbekannt. Ausgerechnet dieser kalifornische Philanthrop leuchtet 1977 auf seinem Kernalbum „Little Criminals“ die dunkelste Seite der Menschen aus. Auf „In Germany Before The War“ vertont er den Sachverhalt des weltberühmten Serienkillers Peter Kürten alias „Der Vympyr von Düsseldorf“, der Ende der 20er Jahre sein Unwesen trieb. Diese auch als Vorlage zu Fritz Langs Filmklassiker „M“ dienende Blutspur setzt Newman – dessen damalige Frau aus der Rheinmetropole stammte – mittels schauerlich anrührender Zartheit in Szene. Tragischer, sinistrer und gruseliger als jeder Horrorfilm oder Gothicsong beschreibt er das Grauen mit einfühlsamer Sprache, die kein Auge trocken lässt. Mehr Intensität in knapp vier Minuten Laufzeit geht kaum. „I’m looking at the river but I’m thinking of the sea, thinking of the sea, thinking of the sea…“

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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