Krieg der Welten – Hörspiel mit Nachspiel

An den 80sten Jahrestag der Alien-Massenpanik in den USA erinnert Kolumnist Henning Hirsch


Niemand hätte in den letzten Jahren des 19ten Jahrhunderts daran geglaubt, dass das menschliche Leben genau und scharf von Wesen, intelligenter als Menschen, aber genauso sterblich, beobachtet würde; dass, während die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen, sie belauscht und erforscht würden, fast ebenso eindringlich, wie ein Mann mit seinem Mikroskop jene vergänglichen Lebewesen erforscht, die in einem Wassertropfen ihr Wesen treiben und sich darin vermehren.
© H.G. Wells: Der Krieg der Welten, erstes Buch: Die Ankunft der Marsmenschen

In der Nacht vom 30sten auf den 31sten Oktober 1938 war an der Ostküste der USA plötzlich der Teufel los: Gläubige strömten in die Kirchen zum letzten Gebet, in den Notaufnahmen der Krankenhäuser wurden reihenweise Menschen eingeliefert, die unter schweren Schocks standen, auf den Highways standen die Autos Stoßstange an Stoßstange in endlosen Staus, die Nationalgarde machte mobil, in Pittsburgh konnte ein Ehemann seine Frau im letzter Sekunde mit Gewalt davon abhalten, sich mit Salzsäure zu überschütten. Symptome einer Massenpanik, von der am frühen Abend noch niemand im Entferntesten geahnt hatte, dass sie eintreten würde.

Neues Medium mit großer Reichweite

Was war geschehen bzw. welches Ereignis hatte Fluchtbewegungen und Sekundenwahnsinn ausgelöst? (Theater-) Schauspieler Orson Welles und Drehbuchautor Howard Koch waren auf die Idee gekommen, im damals noch jungen Medium Radio mit einer fiktiven Horror-Reportage zu experimentieren. Angeregt durch die unter die Haut gehenden Live-Schaltungen vom Absturz des Luftschiffs Hindenburg im Jahr zuvor, verlegte er kurzerhand die im London der Jahrhundertwende angesiedelte Marsmenscheninvasion des Autors H.G. Wells ins New Jersey der Jetztzeit. Und zwar in den kleinen, beschaulichen Ort Grover’s Mill.

Ihr Körper war wuchtig wie der eines Bären, die Augen tellergroß und glühend, ihr unkontrollierter Speichelfluss immerhin befremdlich. Menschen im Umkreis von dreißig Metern töteten sie augenblicklich durch einen enormen Hitzestrahl. Und ihre dreibeinigen Kriegsmaschinen, die die meisten Häuser um ein Vielfaches überragten, waren vollkommene Städtezerstörer,

heißt es im Original von Wells.

Als  CBS gegen 20 Uhr ein Tanzkonzert aus einem New Yorker Hotel angekündigt hatte, unterbrach man die Sendung nach fünf Minuten mit diesem Intro in die nun folgende mehrstündige Schauergeschichte:

Meine Damen und Herren, das ist der aufregendste Moment, den ich je erlebt habe … da kommt jemand gekrochen. Jemand oder besser: etwas … Ich sehe zwei leuchtende Scheiben, die aus diesem Loch hervorspähen … könnten es Augen sein? Ob das ein Gesicht ist? Es könnte … gütiger Himmel, da windet sich etwas aus dem Schatten, wie eine graue Schlange. Jetzt noch eine zweite. Ich kann kaum hinschauen, es ist so furchtbar!

Kein Wunder, dass die Hälfte der Zuhörer von Grusel, der sich binnen weniger Minuten zu Schrecken bis hin zu Panik steigerte, erfasst wurde und in den vor der Haustür parkenden Ford, Buick oder Plymouth sprang, um möglichst schnell wegzukommen. Allerdings: wohin? Denn die Marswesen schienen ja bereits die gesamte Ostküste zu kontrollieren. Nach Norden Richtung Kanada, in den Süden, gen Westen? Egal, Hauptsache erstmal weg von zu Hause, wo die Aliens sicher als nächstes auftauchen würden. Was für eine gewaltige Wirkung diese frei erfundene Geschichte ausgelöst hatte … die beiden Macher waren selbst völlig überrascht von der Wucht, die ihr frei erfundenes Märchen entfaltete:

Das war für uns ein Schock, dass H.G. Wells‘ alter Klassiker, Vorbild für so viele Stories und sogar Comic Strips, bei den Hörern solche Reaktionen auslöste. Die Invasion von Mars-Monstern war für uns nur ein Märchen.“
Orson Welles

Dass die Zuhörer Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden konnten, lag u.a. daran, dass Welles eine neue Art der Einspielung benutzte:  Er nahm das Hörstück am Tag vorher auf und ließ es dann mit Musik unterlegen. Dadurch wirkten die Aufnahmen wie das normale Radioprogramm, in dem der Moderator ab und zu unterbricht, um die neusten Nachrichten zur Invasion zu verbreiten. Eine Falschnachricht im Gewand einer fingierten authentischen Reportage.

Als die restliche Welt am Tag darauf von der Massenpanik erfuhr, schwankten die Reaktionen zwischen Gelächter, Betroffenheit und Schelte über die verlogene (Mainstream-) Presse:

Der Grund für diese Furcht [vor Kriegen] liegt ausschließlich in einer ungezügelten, ebenso verlogenen wie niederträchtigen Pressehetze, in der Verbreitung übelster Pamphlete über fremde Staatsoberhäupter, in der künstlichen Panikmache, die am Ende so weit führt, daß selbst Interventionen von Planeten für möglich gehalten werden und zu heillosen Schreckensszenen führen.
(c) Adolf Hitler (in seiner Reichtagsrede vom 28. Apr 1939)

Fake News: So alt wie die Menschheit

Nun sind Fake News ja keine Erfindung des Duos Welles und Koch. Die erste Fantasiegeschichte dürfte im Paläolithikum darin bestanden haben, dass unser Ururgroßvater Fred seiner Frau Wilma das unangekündigte Wegbleiben über Nacht gebärdenreich mit dem Satz erklärte: „Ich war da einem Riesenmammut auf der Spur“, anstatt ihr reinen Wein (den es damals natürlich noch nicht gab) einzuschenken: „Ich habe mich mit der hübschen Witwe Betty in der Nachbarhöhle vergnügt“. Diese Falschnachricht kennen wir allerdings einzig aufgrund mündlicher Überlieferung, weshalb wir nicht mit letzter Gewissheit beweisen können, ob sich die Story tatsächlich so oder eventuell doch leicht abweichend zugetragen hat. Etwas anders stellt sich die Sache mit der ersten schriftlich fixierten (Wand-) Zeitungsente der Geschichte dar. Zu bewundern als großformatiges Relief in einem Tempel im oberägyptischen Karnak. Pharao Ramses II widmete seine Niederlage – zumindest war es ein wenig zum Ruhm gereichender Rückzug – in der Schlacht bei Kadesch nachträglich in einen Sieg um. Der gottgleiche König als Bezwinger der barbarischen Hethiter. Ob ihm das die Priester, Generäle und hohen Beamtem abgekauft haben – geschenkt! Das Volk glaubte es. Und einzig darauf kam es bei dieser Realitätsklitterung an. Ramses regierte im Anschluss noch weitere sechs friedliche Jahrzehnte und wurde von der Nachwelt mit dem Titel „Der Große“ geehrt.

Die Historie kennt zig Fake News, die zu fatal falschen Einschätzungen der Lage führten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang: Cäsars De bello gallico, in dem ein Ausrottungs- in einen Verteidigungskrieg umgewidmet wurde. Die konstantinische Schenkung, Marie-Antoinettes nie getätigter Ausspruch, „Dann sollen sie doch Kuchen essen“, die Protokolle der Weisen von Zion sind weitere bekanntere Beispiele für politische Manipulation und Propaganda. Zum Teil lange her, in dunklen Jahrhunderten geschehen, in Vergessenheit geraten und nur noch dem bekannt, der liest und sich für Geschichte interessiert. Wenn Sie es etwas aktueller haben möchten – voilà: Dolchstoß-Legende und Saddam Husseins nie gefundene Massenvernichtungswaffen.

Sind wir klüger als unsere Ururgroßeltern?

Welles‘ Hörstück von den menschenfressenden Marsbewohnern waberte hingegen erst vor achtzig Jahren durch den Äther: 1938. Geburtsstunde von Großtante Hildegard und des VW-Käfers. In der aufgeklärten US-amerikanischen Ostküstengesellschaft. Und selbst die fiel auf das Märchen rein. Befinden wir uns also, trotz Abitur, Studium und zwei Tageszeitungen im Abo, immer noch auf dem Bewusstseinslevel des mittelalterlichen oder gar steinzeitlichen Menschen? Können wir, obwohl wir den halben Tag in TV, Internet und Netflix rumzappen, geschickt zurechtgebogene Lügen nicht von der Wahrheit unterscheiden? Sind wir genauso leicht steuerbar wie der römische Plebs und die Untertanen von Ramses II? Sind wir ein knappes Jahrhundert nach der Alien-Massenpanik und geschult in Faschismus- & Kommunismuspropaganda heute wesentlich immuner gegen – z.T. hanebüchene – Fake News als unsere Vorfahren? Fallen wir nicht mehr auf „falsche“ Bilder und Erzählungen rein? Der Optimist in mir will JA rufen. Mein pessimistisches Ich hingegen sagt: Durchs weltweite Netz und dessen soziale Medien wird es ständig schlimmer mit unserer Leichtgläubigkeit. Und der Pessimist behält leider oft Recht.

Als mir meine Großmutter – ob es die väterlicher- oder die mütterlicherseits gewesen war, habe ich leider vergessen  – in den 70ern lächelnd von der Naivität der Amerikaner und deren Marsmenschenparanoia erzählte, vergaß sie, von der deutschen Einfalt mit dem frei erfundenen polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz und dem Trugschluss, einem Gefreiten in einen nicht gewinnbaren Weltkrieg zu folgen, zu berichten. So fallen auf Fake News halt immer nur die anderen rein. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Hollywood und eine weitere Falschnachricht

Den beiden jungen, experimentellen Radio-Machern gelang mit der fiktiven Reportage über eine Invasion, die einzig im Studio stattfand, der große Durchbruch. Orson Welles drehte im Anschluss Citizen Kane und Der dritte Mann. Koch schrieb das Drehbuch für Casablanca.

Wem der Roman von H.G. Wells zu lang ist, dem empfehle ich die beiden Verfilmungen:
Kampf der Welten (1953). Regie: Byron Haskin
Krieg der Welten (2005). Regie: Steven Spielberg. Mit Tom Cruise in der Hauptrolle

PS. einige Wissenschaftler behaupten übrigens, dass die US-Ostküsten-Alien-Massenpanik genauso frei erfunden sei wie die Handlung des Hörspiels. Da ich nicht dabei war, kann ich das nicht abschließend beurteilen. Sollten die Skeptiker Recht haben, dann würde es sich bei dieser Geschichte um eine doppelte Falschnachricht handeln

 

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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