Idyllen auf dem Pulverfass? Eduard von Keyserlings „Landpartie“

Sören Heim bespricht die gesammelten Erzählungen Eduard von Keyserlings.


„Besser als Fontane!“ ist das eine Werbung, mit der man heutzutage noch Leser erreicht? Gibt es eine deutschsprachige Leserschicht, die ihre Autoren ernsthaft an Fontane misst? Es steht so zumindest auf dem Buchdeckel der gesammelten Erzählungen Eduard von Keyserlings, die der Manesse Verlag unter dem Titel Landpartie herausgegeben hat. An stellte den Vergleich Michael Maar für die Zeit. Ein eher unsinniger Vergleich noch dazu: Fontane ist ja nun wirklich nicht für kurze, dichte, wohlkomponierte Erzählungen bekannt. Überhaupt sind solche Erzähler im deutschen rar gesät, am ehesten fiele Storm ein. Doch bei dem ist alles immer so düster und ernst und schwer, während Keyserlings zwar auch bei weitem nicht ohne Pathos auskommt, das aber oft doch spielerisch, fast tänzerisch vermittelt.

Eleganz + Pathos

„Waldschnepfen sollten geschossen werden“ – mit einem solchen, die Handlung weit öffnenden Satz etwa wirft der Autor uns in die Erzählung „Frühlingsnacht“. Auf knapp zehn Seiten wird mustergültig eine Rivalität zweier Freunde um eine junge Dame aufgebaut, die sich, nachdem der eine Rivale sie bei Jagd bevormundet, dem anderen in die Arme wirft. Etwas pathetisch (siehe oben) entscheidet der Verschmähte des Abends ins Wasser zu gehen, nur um dort auf eine weitere Selbstmörderin zu treffen, und gemeinsam mit dieser das Unterfangen abzublasen.

Suizide sind häufig in den Erzählungen Keyserlings, Versuche ebenso und gleichfalls sind die Handlungsträger oft Adelige oder Bürger, deren Lebensstil im Großen und Ganzen dem des Adels entspricht. Müßiggang, rauschende Feste, Mondscheinwanderungen. Man darf die Erzählungen Keyserlings, ohne sie herabzusetzen, als Dekadenzschriftstellerei beschreiben: Alles scheint opulent, schwelgerisch, aber irgendwie auch im Welken begriffen. Den Menschen geht eine Funktion jenseits der Repräsentation ab. Dass im Schwelgerische die Katastrophe lauert wird dann in den letzten Erzählungen, die den Krieg als drohenden Fluchtpunkt haben oder schon aus Schützengräben melancholisch auf den Müßiggang zurückschauen, besonders deutlich. Man spürt es aber bereits vorher. Eine große Gereiztheit durchzieht die Keyserlingschen Idyllen, man kommt kaum umhin nach all den kleinen Explosionen eine große, eine gewaltsame Massenerhebung der Pathosbesoffenen zu erwarten.

Kleine und große Gereiztheit

Zuvor aber erwachsen aus der Gereiztheit starke Situationen. Besonders herrlich: In „Die Feuertaufe“ erzählt ein Major ein Techtelmechtel. Wieder steht mit der ihn unglücklich liebenden Gräfin eine Jägerin im Mittelpunkt. Und als klar wird, dass der Major sie verschmäht, gerät dieser Wortsinn ins Fadenkreuz. Ausnahmsweise aber stirbt niemand und die Erzählung wird mit großer Nonchalance aufgelöst:

›Sie sind heute nur einmal zum Schuß gekommen‹, begann ich die Unterhaltung.›Ja, einmal‹, sagte die Gräfin, und sie sprach nachlässig und zerstreut, wie Damen mit Herren sprechen, die sie langweilen.

›Aber ohne Resultat‹, fuhr ich fort. Die Gräfin zog die Augenbrauen ein wenig in die Höh’ und meinte: ›Darauf kommt es doch nicht an. Ich habe die Erregung des Wartens, des Anlegens, Zielens und Schießens gehabt, das ist mir genug; wenn das arme Wild heil davonkommt, so gönne ich es ihm, für mich ist der Fall erledigt, ich hab’ mein Teil gehabt. Oder sind Sie von denen, die stets Resultate sehen müssen?‹ Dabei sah sie mich mit ihren Edelsteinaugen kühl und fremd an. ›Resultate sind allerdings wichtig‹, sagte ich ziemlich verwirrt.

›Resultate‹, erwiderte die Gräfin, ›sind meist uninteressant. Eine Tat beschließen, sie in sich wachsen fühlen, sie wägen, wie ich einen Ball in der Hand wäge, eh’ ich ihn werfe, tun — das kann ein Genuß sein, das kann erlösen — aber was daraus wird.‹

Sie zuckte leicht mit den Schultern, wand sich von mir ab, ihrem Herrn zur Linken zu, und fragte ihn, ob er Neapel kenne.

Sprachlich ist Keyserling ein großer Genuss. Die Fähigkeit, Szenerien zu zeichnen, ließe sich vielleicht am besten mit Bunin vergleichen. Auch im melancholisch-romantischen Ton weisen die beiden Parallelen auf, wobei Keyserling durchaus auch eine gewisse ironische Distanz zum romantischen einnimmt. Immer wieder werden romantische Konventionen wie der Mondscheinsparziergang selbst vom Personal der Erzählungen durchschaut und dem Pathos haftet so stets auch eine lächerliche Komponente an. Gar Gänzlich (und durchaus plausibel) als Kritik von Romantik und Nostalgie liest Florian Illies das Werk Keyserlings.

Eduart von Keyserling war mir als Erzähler absolut neu. Im deutschsprachigen Raum dürfe er seinesgleichen suchen. Sprachlich grandios, wie es sich die meisten heutigen Schriftsteller durch die Fetischisierung der Widerspiegelung des „Wirklichen“ verbieten, formal in seinem strengen Aufbau und durch die teils kaum merklichen Perspektivverschiebungen oft moderner als heutige Moderne. All zu viele Erzählungen hintereinander weg lesen sollte man vielleicht nicht, sonst könnte der Pathos ein wenig überfordern.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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