„Mama aller Probleme“. Was hat meine Mutter falsch gemacht?

Nach fast 50 Jahren in Deutschland wird meine Mutter immer noch von vielen als Migrantin gesehen. Wenn sie hier das Problem ist, dann graust es mir vor der Lösung. Gastbeitrag von Carl Cevin-Key Coste


„Die Mutter aller Probleme“ ist meine Mama natürlich nicht. Vielleicht haben einige Lehrerinnen, als ich in der 5./6. Klasse war, mal eine Formulierung gewählt, die in der Tonalität in eine ähnliche Richtung ging. Das hatte aber eher mit mir als mit meiner Mutter zu tun.

Meine Mutter ist in Güvem, einem kleinen Dorf in der Region Balıkesir, geboren und die ersten Jahre ihres Lebens dort aufgewachsen. Eine Zeit, die von linken und rechten Terroranschlägen und von Repressalien des Militärs gegen die Zivilbevölkerung geprägt war. Mein Opa wollte deswegen nach Deutschland, und meine Mutter ist als junges Mädchen mit ihrer Familie nach Hamburg gezogen.

Keine Sprachkurse für Fließbandarbeiterinnen vorgesehen

Als sie in die Schule kam, konnte sie fast kein Deutsch. Sprachkurse gab es damals noch nicht in dem Umfange, wie es heute der Fall ist, und die Ausländerbehörde hatte daran damals auch kein Interesse. Eine Verwendung war schon vorgesehen: Arbeit am Fließband. Und dafür muss man auch nicht gut Deutsch sprechen können.

Während meine Mutter nun morgens Haselnüsse verpackte und abends zusammen mit ihrer Mutter Wohnungen putzte, um sich noch etwas dazuzuverdienen, wurde sie auf eine Anzeige im Hamburger Abendblatt aufmerksam. Ein EDV-Typistin-Kurs für 600 Deutsche Mark von der Handelskammer. Meine Mutter war direkt begeistert. Sie wollte unbedingt irgendwann einmal in einer deutschen Bank arbeiten. Doch mein Opa, der als ehemaliger Schulleiter nun bei den Hamburger Wasserwerken in der Kanalisation arbeitete und bis zuletzt verbittert war über die fehlende Anerkennung seiner akademischen Leistung durch die deutschen Behörden, hatte Zweifel und riet ihr davon ab. Doch der Gedanke hatte sich in ihrem Kopf bereits eingepflanzt und fing langsam an aufzugehen.

Deutsch und Fortbildung in Eigeninitiative

Sie arbeite heimlich zusätzlich und sparte das Geld, bis sie die 600 Mark zusammen hatte und sich selbst für den Kurs anmeldeten konnte. Gelernt wurde abends. Tagsüber musste ja gearbeitet werden. Die Doppelbelastung war anstrengend, doch sie hatte ja ein Ziel vor den Augen. Und so setzte sie sich Tag für Tag, Tag und Nacht hin. All diese Anstrengungen sollten sich auch lohnen. Sie bestand den Kurs als Kursbeste mit der Bestnote.

Voller Stolz ging meine Mutter zum Arbeitsamt, um als EDV-Typistin nun anzufangen. Ihre Hoffnungen lösten sich jedoch schnell in Luft auf. Das Arbeitsamt teilte ihr nur mit, dass für solche Jobs erst Deutsche und dann erst Ausländer in Frage kommen. Für sie hätten sie weiterhin einen Job als Packerin, weil das nur wenige Deutscher machen wollten.

Mit dieser Antwort wollte sich aber meine Mutter nicht zufrieden geben. Sie hatte doch nicht alle die Mühe, all die Zeit und all die Kosten auf sich genommen, um am Ende wieder am Fließband zu stehen.

Deswegen griff sie zum Branchenbuch und rief alle Unternehmen an und erzählte denen ihre Geschichte. Ein US-Unternehmen fand die Geschichte spannend und lud sie zum Bewerbungsgespräch ein. Am Ende war man sich einig. Meine Mutter sollte schnellstmöglich dort anfangen. Schließlich konnte sie – was für die Zeit sehr fortschrittlich war – gut mit Computern und Kugelkopfschreibmaschinen umgehen.

Doch auch hier wollte das Arbeitsamt einen Strich durch die Rechnung machen und die Beschäftigung nicht freigeben. Das amerikanische Unternehmen machte jedoch schnell sehr deutlich, dass sie sich von einer deutschen Behörde nicht vorschreiben lassen, wenn sie einzustellen haben.

So sammelte meine Mutter ihre ersten Berufserfahrungen in diesem Bereich. Nach einiger Zeit in dem Unternehmen wollte sie aber ihr ursprüngliches Ziel weiterverfolgen. Sie schickte eine Bewerbung nach der anderen an die Banken dieses Landes raus. Am Ende des Prozesses standen zwei Zusagen. Eine von der Deutschen Bank und eine von der Hamburgischen Landesbank. Sie entschied sich für die Landesbank und arbeite dort bis zu ihrem Renteneintritt.

Doch meine Mutter arbeite nicht nur, sonder zog zusammen mit meinem Vater auch meine Schwester, meinen Bruder und mich groß.

Alles in allem aus meiner Sicht eine herausragende Lebensleistung dieser Frau.

Leistung der Migranten wird nach wie vor nicht gewürdigt

Und nun stellt sich ein Heimatminister der Bundesregierung hin und sagt, dass Menschen wie meine Mutter (und zwangsläufig auch ich) – verallgemeinert als die Migrationsfrage – die „Mutter aller Probleme“ sein sollen?

Nach fast 50 Jahren in Deutschland wird meine Mutter immer noch von vielen als Migrantin gesehen. Obwohl sie nun seit 22 Jahren auch Deutsche Staatsbürgerin ist. Es sind halt auch genau solche Äußerungen, wie die von Herrn Seehofer, die eine Integration von integrationswilligen Mitbürgern erschweren. Es sind genau solche Äußerungen, die dazu führen, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich hier nicht wohl fühlen und sich isolieren.

Wenn meine Mutter hier das Problem ist, dann graust es mir vor der Lösung. Bei aller Kritik an der Flüchtlings- und Migrationspolitk der Bundesrepublik der letzten Jahrzehnte, die in Teilen auch sicher berechtigt war, dürfen wir nicht vergessen, dass es am Ende immer noch um Menschen geht, über die wir sprechen.

Carl Coste

Carl Coste

Carl Cevin-Key Coste Jhrg. 1996 Sohn eines deutschen Vaters und einer türkischstämmigen Mutter Studiert Rechtwissenschaften in Hamburg Landesvorsitzender der Jungen Liberalen, Hamburg In seiner Freizeit ist er ehrenamtlich bei den Johannitern und als Leiter von Jugendgruppen aktiv

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