In Zukunft mit Sané

Obwohl er in Englands Premier League noch vor WM-Torschützenkönig Harry Kane zum besten Nachwuchsprofi gewählt wurde, verzichtete Joachim Löw auf Dienste von Leroy Sané. Einigen formschwachen, lange verletzten oder lustlosen Spielern hielt der Bundestrainer die Treue. Schon jetzt ist klar: Egal, ob Löw noch lange Trainer bleibt oder nicht, die Zukunft muss unverbrauchten Leuten wie Sané gehören.

Noch ein Prophet, der (bislang) in seiner Heimat wenig zählt: Leroy Sané, Jungstar beim englischen Meister Manchester City, auf dem Foto noch im Trikot des SV Schalke 04. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Thomas Rodenbücher

Im deutschen Fußball wird zurzeit zu viel über Mesut Özil gesprochen und zu wenig über Spieler wie Leroy Sané, denen die Zukunft gehört. Dabei hätte seit Juni, als Joachim Löw den 22-Jährigen überraschend aus dem WM-Kader strich, eigentlich unentwegt über den Jungstar von Manchester City geredet werden müssen. So verwundert waren Experten über diesen Rauswurf. Man muss weit in der Fußballhistorie zurückgehen, um auf eine ähnlich falsche Personalentscheidung eines Bundestrainers zu stoßen. Bis ins Jahr 1982 nämlich, als der damalige DFB-Coach Jupp Derwall vor der Weltmeisterschaft in Spanien mit Barca-Star Bernd Schuster brach, obwohl der gerade zur Gallionsfigur eines Starensembles avancierte, in dem der aufstrebende Diego Maradona und die Hälfe der damaligen spanischen Nationalauswahl kickte.

Allerdings kann man Derwall mildernde Umstände zugestehen. Schuster galt als extrem kapriziös und wurde zudem von seiner nicht minder kapriziösen damaligen Ehefrau Gaby gemanagt. Beide gab es nur im Doppelback. Darüber hinaus hatte „Häuptling Silberlocke“, wie Derwall allgemein genannt wurde, die Rolle des Mittelfeldstrategen und Anführers bereits Paul Breitner zugedacht. Zwei derart dominante Typen in einer Mannschaft, das wäre in der Tat nicht gutgegangen.

Größte Fehlentscheidung seit Jupp Derwall

Nun dringen bislang keine Skandalgeschichten über Sané aus Manchester den Ärmelkanal herüber und den Namen seiner Partnerin muss man erst einmal googeln. Anders als Derwall kann Löw keine außersportlichen Gründe für die Nichtnominierung des City-Flügelflitzers geltend machen. Und sportlich hat der Sohn des früheren Nürnberg-Stars Souleyman Sané einiges auf der Habenseite. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Sané wurde in der abgelaufenen Saison zum besten Nachwuchsspieler der englischen Premier League gewählt. Noch vor dem Engländer Harry Kane, dem späteren Torschützenkönig der Weltmeisterschaft! Außerdem steuerte er zehn Treffer und 15 Torvorlagen zur Meisterschaft von Manchester City bei. Sein Vereinstrainer Pep Guardiola, ein Mann, der sicher nicht als anspruchslos gilt, ist fest von der Klasse Sanés überzeugt.

Zurecht fragen sich manche, wie der Nationaltrainer eines Landes, in dem zunehmend über die nachlassende Qualität des Nachwuchses gejammert wird, ein solches Ausnahmetalent zuhause lassen kann, während er gleichzeitig lange verletzten, lustlos auftretenden oder formschwachen Spielern – wie eben Özil, aber auch Thomas Müller, Sami Khedira oder Mats Hummels, der im deutschen Pokalfinale vom pfeilschnellen Frankfurter Ante Rebic mehrfach vorgeführt wurde – quasi einen Freifahrtschein gibt. Den Leistungsgedanken fördert so eine Personalpolitik sicher nicht.

Freifahrtschein für formschwache Spieler

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Von den DFB-Spielern, die bei der WM in Russland auf dem Platz standen, haben vielleicht nur Timo Werner und Niklas Süle Normalform oder mehr gezeigt, mit Abstrichen gilt das auch für Marco Reus. Das, was alle anderen an Fußball oder – besser gesagt – Alibi-Fußball dargeboten haben, hätte Sané selbst in allerschwächster Verfassung sicher auch hingekriegt.

Wieso nur konnte ein Mann wie Löw, der seit 2008 die alleinige Verantwortung beim DFB trägt – und somit erfahren genug sein sollte – nur so einen Fehler machen? In den Medien wurde über einige Gründe dafür spekuliert. Ein Aspekt sollen die großen Leistungsunterschiede zwischen Sanés Auftritten im Manchester-Dress und denen im DFB-Trikot gewesen sein. So ist es Fakt, dass der Offensivmann im deutschen Team bislang nie die Dynamik und die Torgefahr hat aufblitzen lassen, die ihn in der Premier League auszeichnet. Aber: Für einen richtig guten Trainer ist es eine besondere Herausforderung, einen als schwierig geltenden oder formschwachen Spieler in den Griff zu bekommen. Niko Kovac ist das bei Eintracht Frankfurt mit Ante Rebic, der vorher nirgendwo richtig Fuß fassen konnte, perfekt gelungen. Und Jupp Heynckes hat Kingsley Coman, der bei dessen Vorgänger in München, Carlo Ancelotti, schwächelte, wieder zu alter Stärke verholfen. Hat der Bundestrainer dies bei Sané überhaupt versucht oder war er zu sehr auf die verbliebenen Spieler der „Goldenen Generation“ fokussiert, mit denen er 2014 den WM-Titel gewann?

Löw kreidet Sané Presseberichten zufolge auch an, dass dieser sich im vergangenen Sommer lieber einer Nasen-Operationen unterzog, anstatt mit dem DFB-Team zum Confed-Cup nach Russland zu fahren. Außerdem dürfte der Bundestrainer vielleicht gedacht haben, dass ein schneller und dynamischer Spieler wie Sané nur bedingt zu seiner eher statischen und auf ständigen Ballbesitz angelegten Spielidee passt. Diese Spielweise hat sich jedoch überlebt und bei der Weltmeisterschaft als wenig erfolgreich und ineffizient erwiesen. Kurz nach den Deutschen mussten ja auch die Erfinder, des Ballbesitzfußballs, die Spanier vorzeitig nach Hause reisen. Weit kamen dagegen Mannschaften wie Frankreich und Belgien, die auf dynamisches Umschaltspiel setzen (ein Spieler-Typ wie Sané passt ideal dazu) oder die Kroaten, die mittlerweile so spielen wie früher die Deutschen, nicht immer schön, aber mit unerschütterlicher Mentalität und deshalb meistens erfolgreich. Die Engländer wiederum haben mich stark an jene spielerisch limitierte DFB-Auswahl erinnert, der 2002 ein überragender Torwart, ein Torjäger in Bestform und eine günstige Auslosung reichten, um ins Halbfinale vorzustoßen. Voraussetzung dafür war sowohl bei den Engländern 2018 als auch bei den Deutschen 2002 ein intakter Mannschaftsgeist. Vor allem den ließ die DFB-Auswahl bei der jüngsten Weltmeisterschaft vermissen, obwohl sie sich inzwischen aus Marketinggründen „Die Mannschaft“ nennen lässt.

Bester Jungprofi in England

Vielleicht ist Sané dem deutschen Bundestrainer auch einen Tick zu selbstbewusst und vielleicht traut er dem ganzen Hype, der in England um Sané entstanden ist, nicht wirklich. In der Vergangenheit war es ja in der Tat so, dass einige Spieler, die von der englischen Presse in den Himmel geschrieben wurden, bei großen Turnieren eher unterirdisch kickten. Prototypen dafür waren Wayne Rooney oder Frank Lampard, es trifft aber auch auf diverse Stars aus Argentinien oder Afrika zu, die lediglich in der Premier League reüssieren konnten (Mohammed Salah meine ich hier ausdrücklich nicht, da seine WM-Leistung nur vor dem Hintergrund der Verletzung, die er sich zuvor beim Champions League-Finale zugezogen hatte, objektiv beurteilt werden kann).

Bei der Weltmeisterschaft 2018 hat die Premier League der Bundesliga aber eine ganz lange Nase gezeigt. Allein im WM-Finale standen mehr Kicker, die auf der Insel ihr Geld verdienen als Bundesligaspieler. Und dabei hatte die Bundesliga sogar noch Glück, dass die Kroaten, bei denen immerhin drei Profis in der hiesigen obersten Spielklasse aktiv sind, und nicht die Engländer ins Endspiel einziehen konnten. Schaut man sich indes die Teams an, die das Viertelfinale erreicht haben, dann wird das Missverhältnis richtig dramatisch. 53 Spieler der besten acht WM-Teams waren in der Premier League aktiv, allein elf davon kamen vom Meister Manchester City, Sanés Club. Die gesamte Bundesliga brachte es gerade einmal auf neun Viertelfinalisten, den Schweden Albin Ekdal vom Neu-Zweitligisten Hamburger SV eingerechnet. Lässt man diese Statistik in Ruhe wirken, dann erscheint der Verzicht auf Manchesters Juwel umso merkwürdiger. Frei nach Giovanni Trapattoni fragt man sich: Was erlaube Löw…?

Wie tief sitzt die Kränkung?

Nun hat der Bundestrainer immerhin angekündigt, Sané künftig wieder in seinen Kader zu berufen. Die Frage wird sein, ob der Mann aus Manchester nun mit einer Jetzt-erst-Recht-Mentalität zurückkehrt oder ob das Misstrauensvotum, das Löw vor der WM gegenüber Sané ausgesprochen hat, die Arbeitsbeziehung der beiden nicht dauerhaft belasten könnte. Falls ja, dürfte das für den deutschen Fußball nichts Gutes bedeuten. Denn viel mehr junge deutsche Spieler von der Klasse eines Leroy Sané sind derzeit nicht auf dem Rader erkennbar. Erschwerend kommt hinzu, dass die dynamische Spielanlage Sanés kaum mit Ballbesitzfußball à la Löw kompatibel ist. Wenn Löw die besonderen Qualitäten des Jungstars tatsächlich voll zur Entfaltung bringen will, müsste er bereit sein, von seinen fixen Konzepten abzuweichen.

Zumindest die Zeit dürfte indes für Sané arbeiten. Löw besitzt noch einen Vertrag bis 2022, und Stand jetzt ist es eher unwahrscheinlich, dass dieses Arbeitspapier nochmals verlängert wird. Sané wäre 2022 erst 26 und damit im besten Fußballeralter. Aber vielleicht ändern sich die Dinge bei andauerndem Misserfolg ja schneller als geplant. Zu wünschen wäre dem deutschen Fußball ein Wandel durchaus. Wie sang Herbert Grönemeyer einst zur Eröffnung einer Weltmeisterschaft: Zeit, dass sich was dreht!

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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