Trolle sind auch nur Idioten

Wo ein Kolumnist ist, lassen Trolle nicht lange auf sich warten. Erscheinungsformen und Psychogramm einer digitalen Plage. Ein Erfahrungsbericht von Henning Hirsch


»Trolle sind genauso übel wie Katzenbilder«, sagt Jupp, als wir uns zufällig mal wieder beim Einkaufen an der Käsetheke im Supermarkt über den Weg laufen. »Habe deshalb mein Konto in Facebook deaktiviert.«
»So schlimm?«, frage ich.
»Ja! Habe jetzt mehr Zeit für andere Dinge, und meine Nerven werden weniger strapaziert«, antwortet mein alter Schulkumpel und entscheidet sich für 250gr Brie.

Auf der Fahrt zurück nach Hause überlege ich, ob mich die Trolle tatsächlich stören. Also auf die Nüsse können sie einem hin und wieder tatsächlich gehen – aber deshalb gleich den Account löschen?

Zur Etymologie eines alten Begriffs in neuem Gewand

Der Troll entstammt der nordischen Sagenwelt und bezeichnet dort ein koboldartiges Wesen. Muss aber nicht unbedingt klein und unsichtbar sein. Gibt ebenfalls ungeschlachte Riesentrolle, die man zu jeder Tageszeit und aus der Ferne gut erkennt. Einige sind richtig hässlich, bei anderen würde eine minimalinvasive Schönheits-OP helfen. Manche verwandeln sich in Steine, der überwiegende Teil dieser Fabelwesen tut es jedoch nicht. Wenn man sie sich als Kreuzung zwischen dem Grinch, Shrek und Frankenstein vorstellt, ist man auf der sicheren Seite. Wissenschaftler würden das als (zu) laienhafte Beschreibung ansehen; aber die Wissenschaft vom Troll steckt eh noch in den Kinderschuhen.

Eng verwandt mit dem Hauptwort Troll ist das Verb trollen: umhergehen, rollen. Über den angelsächsischen Umweg „trolling with bait“, was „mit einem Schleppnetz fischen“ bedeutet, gelangte der Begriff Anfang der 90er in die digitale Welt. Ein Troll wirft einen (vergifteten) Köder aus und wartet ab, wie die anderen User darauf reagieren bzw. ob sie sich in seinem Netz verheddern. Eine vor dem Auftauchen des Störenfrieds in ruhigem Fahrwasser ablaufende Diskussion wird also mittels Provokation langsam aufgeheizt, bis sich die Teilnehmer in Unsachlichkeit und gegenseitigen Beschimpfungen verlieren. Ist der Thread ein paar Stunden später völlig entgleist, freut sich der Troll.

Vier Typen

Ich unterscheide grob vier Typen von digitalen Schwachköpfen:

(1) Der gemeine mitteleuropäische Vor-/ Kleinstadttroll
Ihn trifft man häufig, wenn man in sozialen Foren unterwegs ist. Schmückt sich mit Namen wie Horsti, der blonde Korsar, Dortmunder Wachsbirne, Didi, die Wunderbiene oder Arbeitslosundglücklichdabei. In ständiger Alarmbereitschaft, attackiert sofort. Bringt selten Neues, drischt Uraltphrasen, zeigt große Schwierigkeiten bei der Einwandbehandlung. Vergleichbar einem Dämon der vierten Kategorie, wie man sie aus Ghost Busters kennt. Man erschrickt ein bisschen, wenn er plötzlich auftaucht, richtet dann sein verbales Gewehr auf ihn, sieht zu, wie er vor Wut zerplatzt und kann eine Wette drauf abschließen, dass gleich die nächste hässliche Fratze aus dem schier unerschöpflichen Facebook-Idioten-Tümpel hervorquillt. Besonderes Merkmal dieser Gruppe: Sie tun’s gerne gemeinsam oder: Ein Vorstadttroll kommt selten alleine. Durch digitale Präsenz soll eine Mehrheit suggeriert werden, wo im realen Leben gar keine Mehrheit ist. Lästig, aber nicht bedrohlich. Dafür fehlt ihnen schlichtweg die Intelligenz.

(2) Der Joker
Achtung: ein Großmeister! Beherrscht die Kunst der gepflegten Provokation aus dem Effeff. Nicks wie Deep Throat oder Dirty Harry weisen darauf hin, dass Sie es gleich mit einem langjährig geübten Profiprovokateur zu tun bekommen. Bespielt die gesamte Klaviatur. Kennt von freundlich, schmeicheln, über witzig, sticheln bis hin zu falsche Fährten legen und desavouieren jeden Kniff. Hat eine feine Nase dafür, wen er aus der normalen Kommentatorenschaft herauslösen und ebenfalls gegen den Autor in Stellung bringen kann; bis sich der Thread irgendwann giftgrün verfärbt, jeder mit jedem streitet, ihn der Inhaber schließlich entnervt auf stumm schaltet. Arbeitet zumeist alleine. Ein Solist, der sich zwar hin und wieder der gemeinen Trolle bedient, sie aber wegen ihrer traurigen Dämlichkeit insgeheim verachtet. Da vom Joker durchaus neue Argumente vorgebracht werden, kann es mitunter lohnen, ihn an der Diskussion teilhaben zu lassen. Ein waches Auge muss man trotzdem IMMER auf ihn haben.

(3) Der Cybermobber
Ihm geht es nicht ums Thema – er hasst den Verfasser aus ganzem Herzen. Sobald der Name des Autors irgendwo aufpoppt, sieht er automatisch Rot und zieht sofort verbal blank. Wird schnell beleidigend, was eigentlich vorteilhaft wäre, weil er in diesem Fall die Netiquette verletzt und umgehend aus einer gut moderierten Diskussion rausfliegt. Da aber die meisten Threads in Facebook lausig bis hin zu überhaupt nicht moderiert werden, muss man als 08/15-Kommentator eben auch mit solch schlecht erzogenen Zeitgenossen klarkommen. Bzw. ihnen ein fröhliches „Selbst Caligula zeigte mit seinem Pferd bessere Manieren als Sie hier“ zurufen, bevor man sich aus dem Thread ausklinkt. Cybermobber sind digitale Pitbulls und bilden die unterste Kaste innerhalb der Trollfamilie.

(4) Der organisierte Fake-News-Verbreiter
Kann von einem rechten Netzwerk aus agieren oder in einer Desinformationsabteilung des FSB tätig sein. Operieren häufig mit auf den ersten Blick normal anmutenden Namen. Wer kommt schon gleich darauf, dass sich hinter der 43jährigen Emma Schneidbereit, Tierschützerin aus Tübingen, die Germanistikstudentin Larissa Golubew aus St. Petersburg verbirgt, die in den Sommerferien für den russischen Propagandakanal jobbt? Nicht jeder Nazi tut uns den Gefallen und kreuzt mit Pseudonymen wie Thor_der_Zerstörer oder Wotanforever durch die Online-Welt. Normalerweise erkennt man sie nach einigen Minuten jedoch an ihrer kruden Beweisführung oder den Versuchen, die Diskussion vom Ausgangsthema weg auf anderes Terrain zu führen. Sollte man unsicher sein, lohnt ein Blick in die Profile. Spätestens nach dem dritten dort verlinkten AfD-Video weiß man Bescheid, welchem Typ Kommentator man hier gegenübersteht.

Alle vier Untergruppen kennen den Filibuster und wenden diese – aus dem alten Rom über den US-Senat in die Moderne hinübergerettete – Technik der Ermüdungsrede obsessiv an. So lange posten, bis der Gegner entkräftet über der Tastatur zusammenbricht. Habe Trolle erlebt, die luden ihre Reaktion auf meine Antwort schon hoch, bevor ich meine Antwort zu Ende getippt hatte. Als ob sie meine Gedanken lesen könnten. Oft sind es zwar Paste-& Copy-Phrasen, die sie einstellen – was die Schnelligkeit erklärt – trotzdem mitunter beängstigend, wie hartnäckig sie am Ball bzw. am verbalen Kontrahenten dranbleiben. Hyänen und Kojoten sind im Vergleich nette Lebewesen.

Trolle hängen gerne Verschwörungstheorien an: BRD GmbH, Chemtrails, Reptiloide, Osama bin Laden lebt und wohnt im Keller des Kanzleramts, Siri bereitet die Apokalypse vor. Beliebt sind ebenfalls: Wir werden alle seit Jahrzehnten durch unsere Regierung (besonders von der Merkel-Administration) und die von ihr gelenkte Presse belogen sowie: Die Flüchtlingsströme sind gesteuert und dienen einzig dem Zweck, die europäische Kultur aufzulösen und eine globale Einheitsrasse zu schaffen … Aber: es gibt auch völlig unpolitische Cyberwichte.

Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym?

Während ich lange Zeit annahm, ein Troll sei ein untersetzter, leicht reizbarer, männlicher, ü50-jähriger, schlecht rasierter, bereits zum Frühstück Bier trinkender, im Unterhemd vor dem PC sitzender ALG2-Bezieher, der seine Wut über die Ungerechtigkeit der Welt mit stündlich zunehmender Übellaunigkeit in die Tasten hämmert, geriet dieses Bild vor einigen Jahren ins Wanken, als ich in einer Impfdiskussion einem Cyberkobold namens BorisdieFönwelle begegnete, der im Verlauf der Debatte sämtliche Register der Falschinformation und Ad-Hominem-Argumentation zog, bis wir uns nach zwei Stunden erschöpft auf die Schlussformel „We agree to disagree“ einigten. Bass erstaunt war ich, als er mir einige Tage später via Messenger mitteilte, dass er bzw. sie im realen Leben Maria X. heiße, 40 Jahre alt & glücklich verheiratete Mutter mit zwei Kindern sei, als Teilzeit-Fotomodell arbeite und bereits seit geraumer Zeit mit mir in Facebook befreundet ist.
„Warum tust du das?“, fragte ich.
„Weil es mir ab und an Spaß macht, unter falschem Namen rumzutrollen. Das Thema ist dabei völlig egal. Hauptsache, den Thread aufmischen“, schrieb sie zurück.

Meine Annahme, elektronische Schwachköpfe seien vor allem frustrierte XY-chromosomige Hartz4er, war somit offensichtlich falsch gewesen. Hinter Fantasienamen wie BorisdieFönwelle können sich durchaus attraktive Frauen verbergen. Vielleicht kenne ich einige meiner Lieblingstrolle sogar persönlich aus Schule, Studium, Berufsleben oder wohne mit ihnen in derselben Straße? Wer weiß das schon so genau im Internetzeitalter?

Vor meinem geistigen Auge entstehen Schulungsmaßnahmen und Seminarangebote: „In zwölf Stunden vom Durchschnittsuser zum Powertroll. Wie Sie es garantiert schaffen, binnen weniger Minuten jede seriöse Unterhaltung zu sprengen.“

Großraumbüros, in denen 400-Euro-Trolle dicht an dicht gedrängt fertige Textbausteine mit Falschnachrichten in den digitalen Äther versenden. Bezahlte Pöbeleien im Akkord.

Zu weit hergeholt, meine Fantasie ginge mal wieder mit mir durch, meinen Sie?
Sie nutzen Facebook nicht, antworte ich.

Was treibt den Troll an?

Mit der Psyche des Trolls beschäftigte sich im Jahre 2014 eine kanadische Studie, in der Wissenschaftler der Universität Manitoba 1200 Personen zu ihrem Verhalten im Internet befragten.

Heraus kam – wenig verwunderlich –, dass der Großteil der Trolle ohne erkennbares Ziel trollt. Also primär das Trollen selbst als befriedigende Aktivität im Vordergrund steht. Was dem einen sein realer Orgasmus, ist dem Zweiten der abendliche Joint und dem Dritten das nächtliche Online-Pöbeln.

Die Studie fasst das Wesen des gemeinen Vorstadt-Trolls wie folgt zusammen:
▪ Wird von Gefühlskälte, Selbstgerechtigkeit und Egoismus getrieben
▪ Ist in seiner dunklen Triade gefangen: Machiavellismus – also die Eigenschaft, persönliche Machtinteressen über die des Gemeinwohls zu stellen –, Psychopathie und Narzissmus
-> Sadisten trollen, weil sie es genießen.

Ob Trolle beim Pöbeln gleichzeitig onanieren, wurde bedauerlicherweise nicht in Erfahrung gebracht.

Sinnvolle Gegenmaßnahmen

»Oh mein Gott, so viele Trolle unterwegs. Wie kann man sich gegen die schützen?«, wollen Sie nun von mir wissen.

Es gilt nach wie vor die einfache Regel: „Don’t feed him!“ Was nichts anderes bedeutet als: so lange ignorieren, bis es ihm langweilig wird, und er ein Profil weiterzieht. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn sich ALLE Diskussionsteilnehmer daran halten. Schert einer aus und reagiert auf den Provokateur, hat der ein Einfallstor gefunden und versprüht nun munter seine Halbwahrheiten im Thread.

Man kann ihn blockieren. Was erfahrungsgemäß nur kurzzeitig nützt. Denn der verstoßene Blonde Korsar kehrt ein paar Stunden später als Horsti zurück und wütet schlimmer als zuvor. Merke: Trolle besitzen immer mehrere Accounts. Hin und wieder spielen sie sogar Ping Pong mit ihren Scheinidentitäten und antworten sich selbst.

Sich kurzfassen: „Danke für Ihren Hinweis. Hat aber nichts mit dem Ausgangsthema zu tun“. Manchmal klappt das. Eine Garantie, dass der Troll den dezenten Wink versteht und sich vom Acker macht, gibt’s allerdings nicht.

Selber die infizierte Unterhaltung verlassen. Schont zwar die Nerven; man überlässt das Spielfeld in diesem Fall allerdings dem Störenfried.

Aaron Huertas zieht in seinem Aufsatz Constructively dealing with trolls in science communication folgende Analogie:

Mit einem Troll zu argumentieren, ist wie ein Ringkampf mit einem Schwein. Beide werden dreckig und dem Schwein macht es Spaß.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Einen Sonderfall stellen Diskussionen in Fußballforen dar, in denen es zum guten Ton gehört, sich gegenseitig zu beschimpfen, sobald man feststellt, dass der Gegenüber Bielefelder und kein Kölner oder Dortmunder und kein Bayer ist. Ich lese mir die Kommis an den Spieltagen gerne durch. Sie sind ein ewiger Quell für kreative Beleidigungen, die ich so noch nie gehört habe. Kann man als Autor ne Menge Inspirationen für die Dialoge seiner Romanfiguren drin aufspüren.

Fazit oder: Wo ein Kolumnist ist, bleibt der Troll nicht lange fern

Der Troll ist ein digitales Phänomen und hat sich binnen weniger Jahre sowohl zu einer Massenplage als auch zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Je mehr die „seriöse“ Politik auf Fake News setzt, desto ungenierter argumentieren die Cyberkobolde. Manche sind von der Richtigkeit ihres Schwachsinns überzeugt, andere tun es aus der bloßen Lust am Provozieren heraus.

Von daher bleiben unterm Strich nur zwei Strategien, ihnen zu begegnen. Man:
(1) wählt – wie mein Kumpel Jupp – die Exit-Option. Verlässt also die digitale Kampfarena
oder
(2) akzeptiert, dass Trolle unabänderlich zum Internet dazugehören wie Schmeißfliegen zu einem frischen Haufen Kuhscheiße. Ignoriert sie, hält argumentativ dagegen, trollt mit ihnen ein paar Minuten rum, beschimpft sie oder tut was anderes, wonach einem gerade der Sinn steht, sobald einem mal wieder einer dieser digitalen Psychopathen über den Weg läuft.

Am wichtigsten von allen ist jedoch diese Eigenschaft: die Provokation nicht allzu Ernst nehmen. Denn: Ein Troll ist letztlich auch nur ein Idiot. Und mit dem würden Sie im realen Leben keine drei Sätze wechseln. Weshalb es also in Facebook tun?

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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