1968 – Worauf wir stolz sein dürfen

Gretchen Dutschke-Klotz hat ein Buch über ihr Leben mit Rudi Dutschke und die 68er-Bewegung geschrieben. Eine Leseempfehlung für alle, die da dabei und die, die nicht dabei waren.


1968 war ich 10 Jahre alt. Zu jung und zu uninformiert, um zu verstehen, was da los war. Ab und an hörte ich meinen Vater von Gammlern, Langhaarigen und Kommunisten reden, die ihm offenbar nicht sonderlich sympathisch waren. Geht doch nach drüben, war einer der häufiger gehörten Sprüche. Vor Ostern 1968 meldete die Tagesschau einen Mordanschlag auf Rudi Dutschke. Da hörte ich den Namen bewusst zum ersten Mal.

Auf dem Gymnasium, das ich nach den Sommerferien 68 gerade in der Sexta begonnen hatte, spürte man eine gewisse Anspannung innerhalb der Lehrerschaft. Da gab es die alten Lehrer, die stocksteif und erzkonservativ waren – was nicht bedeutet, dass man bei denen nichts lernen konnte – und ein paar junge, die mehr oder weniger offen ihre Sympathien für die rebellierenden Studenten zeigten. Immer häufiger hörte ich den Namen Rudi Dutschke und irgendwann sah ich ihn kurz im schwarzweißen Fernsehen. Irgend eine Wiederholung. Er saß da und redete. Und ich hörte ihn reden.

Nicht dass ich etwas von dem verstanden hätte, was er da sagte, aber ich sah da einen Menschen, der innerlich brannte.

Das gefiel mir. In der Schule wurde immer mehr von Mitspracherechten, Schülermitverwaltung, demokratischen Rechten, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, antiautoritärer Erziehung, Sexualtität und Koedukation gesprochen, selbst bei uns in der Provinz. Mit unserem Sowi-Lehrer gingen wir in einen Softporno und redeten über Sex.  Eine neue Freiheit zog durch wie eine Frühlingsbrise durch alle Ritzen und war geradezu körperlich spürbar. Die Mädchen trugen kurze Röcke und die Jungen lange Haare. Eine neue, bessere Zeit brach an. So empfand ich das.

Was diese ganzen Veränderungen mit Rudi Dutschke zu tun hatten, verstand ich erst Jahre später. Auch den Zusammenhang zwischen 68, der APO und der RAF.

Und nun hat eine, die immer dabei war, Gretchen Dutschke-Klotz,  die Ehefrau von Rudi Dutschke dieses wunderbare kleine Buch geschrieben.

Nur 224 Seiten. Aber eben 224 Seiten, die gelebte Geschichte wiedererlebbar machen.

Als ich meiner 34-jährigen Tochter erzählte, dass ich gerade das Buch von Gretchen Dutschke lese, zuckte sie nur mit der Schulter. Dutschke? Nie gehört. Die Frau von Rudi Dutschke. Kenn ich nicht. Ich konnte es nicht glauben. Ist das tatsächlich alles schon in Vergessenheit geraten? Erzählt Papa da vom Krieg? Interessiert das heute alles niemanden mehr? Ist das vielleicht der Grund dafür, dass sich von den jungen Menschen kaum jemand den reaktionären Alternativen entgegenstellt. Wäre schade.

Liebesgeschichte

Schon die persönliche Lebens- und Liebesgeschichte von Gretchen Dutschke ist anrührend. Auf der einen Seite der aus der DDR geflohene Rudi, der in den Westen zog, um Revolution zu machen, auf der anderen die junge Amerikanerin Gretchen Klotz, die nach Deutschland kam, um Philosophie zu studieren. Das Kennenlernen 1964 im Café am Steinplatz in Berlin, die Liebe auf den ersten Blick, die erste Phase des Verliebtseins, die relativ kurze räumliche Trennung und die Rückkehr einschließlich der eigentlich für einen Revolutionär unmöglichen bürgerlichen Eheschließung 1964 und der daran anschließenden recht bürgerlichen Ehe. Und Gretchen erwieß sich als alles andere als ein Klotz am Bein von Rudi (Sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen). Wunderbar erzählt und ein lohnender Stoff für einen Hollywoodfilm. Bis dahin eine Romanze. Später auch eine Tragödie.

Dann das von der Springerpresse herbeigeschriebene Attentat auf den „Volksfeind Nr.1“ und die lange Zeit der Rekonvaleszens Rudi Dutschkes, die Odyssee durch Europa,

Gretchen, Hosea-Che, Rudi Dutschke 1969 in London

copyright: Gretchen Dutschke

das unaufhaltsame Zersplittern der Bewegung in die unterschiedlichsten Gruppierungen, die an Monty Pythons Spalterszene aus dem Leben des Brian erinnert und letztlich der Tod Rudi Dutschkes an Heiligabend 1979 im dänischen Exil. Wäre alles anders gekommen, wenn dieses Attentat nie stattgefunden hätte? Wenn der Bewegung nicht einer ihrer brillantesten Köpfe abhanden gekommen wäre? Wäre Rudi Dutschke vielleicht mal Minister geworden? Hätte er das überhaupt gewollt? Schwer zu sagen.

Klappentexte sind so eine Sache. Hier trifft er zu, sodass ich ihn einfach mal zitiere:

Klappentext

Diese Bilanz eines gesellschaftlichen Aufbruchs ist persönlich und kritisch zugleich: Persönlich, weil nicht nur die Sicht der Autorin, sondern auch ihre von heutiger Warte aus bisweilen bizarren Erlebnisse zum Tragen kommen. Kritisch, weil sie, obwohl so mitten im Geschehen, immer die zwar sympathisierende, aber eben auch distanzgeprägte Sicht auf eine dann doch „fremde“ Gesellschaft behält. Auf dieser Grundlage gelingt es ihr, die bleibenden „Erfolge“, „Errungenschaften“, „Botschaften“ der mittlerweile historischen 68er zu vermitteln, die weit über das hinausgehen, was in der Zeit selbst im engeren Sinne politisch verhandelt wurde.

Die äußerliche Aufmachung des Buches ist ein subversiver Hammer. Schwarz-Rot-Gold und das Wort „stolz“ im Titel. Da greift der gemeinenDeutschnationale doch gerne mal zu. Und ja, es ist genau der richtige Einband und der richtige Titel. Aus welchem Grund sollte man die deutsche Fahne der Demokratie den Reaktionären überlassen, denjenigen, die die immer noch bestehenden Errungenschaften der 68 am liebsten rückabwickeln und (das sagen sie so gerne) auf der Müllhalde der Geschichte entsorgen würden. Nö, gibt‘s nicht. Die 68er Bewegung mag in manche Sackgasse und auf manchen Irrwegen gelaufen sein, aber ohne sie wäre vieles ganz anders als es heute (noch) ist. 1951 fanden gerade einmal 2% die Demokratie gut, heute möchten manche in diese Zeit oder nochmal 10 Jahre weiter zurück.

Für Gretchen Dutschke steht 1968 für die

Vollendung jener Demokratisierung in allen Lebensbereichen, die mit der bürgerlichen Revolution von 1848 begonnen hatte, dann aber allzu rasch an den Machtverhältnissen scheiterte.

Wäre doch schade, wenn diese Demokratisierung nun schon wieder mit den Händen von Menschen erwürgt würde, die die Demokratie nur als Zwischenstation zur Ergreifung der totalen Macht betrachten, denen die „glorreiche 1000-jährige deutsche Geschichte“ erstrebenswertes Vorbild zu sein scheint und die die 68er-Bewegung rückabwickeln wollen.

https://www.youtube.com/watch?v=tfv7nGe6zf8

Dennoch verspricht der Titel des Buches etwas, was das Buch selbst nicht  ganz  halten kann. Auf was genau wir heute stolz sein dürfen, was folglich von der 68er-Bewegung geblieben ist, erfährt man eher am Rande. Klar, Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Lebensformen wären ohne 68 kaum denkbar. Aber so wie die Ziele der Bewegung nie wirklich klar definiert wurden – vielleicht weil die notwendigen Diskussionen über die Ziele und vor allem auch die Mittel  der Bewegung zu einer Art Selbstzweck mutierten und die Diskussion als solche einen höheren Stellenwert erhielt, als deren konkreter Inhalt – so ist auch aus der eigentlichen Revolution letztlich nur wenig geworden. Aber dennoch ist eine massive gesellschaftliche Veränderung eingetreten, ohne dass es eines wirklich neuen Gesellschaftssystems, was ja nun eigentlich Ziel jeder Revolution sein dürfte, bedurft hätte.

Die Kritik der 68er an dem globalen Wirtschaftssystem bleibt gültig, auch wenn das Ziel nach all den historischen Erfahrungen nicht mehr Sozialismus heißen muss.

meint Gretchen Dutschke und auch da liegt sie richtig.

Kultur des Gehorsams

Ja, auch die Grünen gäbe es nicht ohne 68, die Antiatomkraft- und die Friedensbewegung und die Homoehe wohl auch nicht. Und Gretchen Dutschke hat recht, wenn sie den „Bruch mit der Kultur des Gehorsams“ auf der Habenseite der 68er-Bilanz sieht. Ja, diese Kultur gab es, auch in der Erziehung, einschließlich Prügel bei Ungehorsam. Womöglich war diese Aufkündigung des Gehorsams und die fundamentale Anzweiflung aller Autoritäten das wichtigste Ergebnis von 68.

Wir hatten in der Schule plötzlich keine Angst vor Lehrern mehr und trauten uns zunehmend zu widersprechen und Forderungen zu stellen. Manche von den alten Lehrern hatten so etwas noch nie erlebt und hyperventilierten, wenn wir sie wegen ihres Gebrülls nur auslachten. Die Entwicklung eines links-alternativen Millieus einschließlich der damit verbundenen Entwicklung linksalternativer Mittelstands-Spießer („linkes Biedermeiertum“) geht ebenso auf die Bewegung zurück, wie die deutsche Frauenbewegung – auch, wenn die Herren Revolutionäre selbst offenbar neben Orgasmusschwierigkeiten (Kunzelmann) schon noch so  ihre Schwierigkeiten hatten, die Genossinnen auch außerhalb sexueller Befreiungsakte wirklich als ebenbürtig anzusehen und ihnen Aufgaben wie Schnittchen machen und aufräumen zugedachten.

Schrille Vögel der Bewegung wie Fritz Teufel, Rainer Langhans oder Dieter Kunzelmann tauchen in dem Buch anekdotisch ebenso auf, wie SDS-Größe Hans-Jürgen Krahl und die Kommunarden der Kommune I und ihre Aktionen. Es ist durchaus auch vergnüglich zu lesen.

Zeitreise

Das ist kein langweiliger Theorieschinken, sondern eine Zeitreise. Bei der Lektüre dieses auch stilistisch wundervoll geschriebenen Buches taucht man tief ein in eine Zeit, die einem aus heutiger Sicht wie der vom Woodstocksound begleitete Aufbruch in eine neue bessere Zeit erschien und deren Ende man bangend heran nahen sieht, wenn man nicht erneut den Arsch hochbekommt.

Ja selbstverständlich ist dieses Buch auch ein ganz starkes Statement gegen all die neuen Reaktionäre, Identitäre, Pegidisten und fehlgeleitete Patrioten, die die Zeiger der Zeit zurückdrehen wollen. Und deshalb sollten es nicht nur wir Alten mit melancholischen Gefühlen an die zu schnell verwehte Jugendzeit genießen, es sollten auch die jungen Menschen lesen. Die für die all die Freiheiten, die damals mühsam erkämpft wurden, heute so selbstverständlich sind, dass sie sie gar nicht zu schätzen wissen und deren Gefährdung gar nicht erkennen. Da die von sich aus offenbar gar nicht auf die Idee kämen, sich dieses Buch zuzulegen und es womöglich gar noch zu lesen, wäre es doch eine nette Idee, wenn wir Alten es ihnen einfach schenken würden, schon damit sie verstehen, dass es nun bald  alleine ihre Welt und ihre Zukunft ist, die heute auf dem Spiel steht. Denn auch da hat Gretchen Dutschke recht

Jetzt sind die Jungen dran!

 

Gretchen Dutschke „1968. Worauf wir stolz sein dürfen“

Cover: 1968

kursbuch.edition, Hamburg 2018

ISBN 9783961960064

Gebunden, 224 Seiten, 22,00 EUR

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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