„Da ist doch nichts Antisemitisch dran!“ – Echt Nicht?

Um die unschöne Tradition der Verallgemeinerung zu erkennen, in die sich die vieldiskutierte Karikatur der Süddeutschen Zeitung stellt, muss man nicht mal ein besonderer Freund Israels sein, findet Kolumnist Sören Heim. Und die Darstellungsweise spricht auch für sich.


In den vergangenen Tagen habe ich auf Facebook mehrfach gesehen, dass Leute, die sich für „links“ halten, in der Netta/Netanjahu-Karikatur, wegen der die Süddeutsche Zeitung nun die Zusammenarbeit mit dem Zeichner beendet hat, keinesfalls antisemitische Stereotype erkennen wollen (und das lautstark bekunden). Auch Antisemitismusforscher Wolfgang Benz will nur „legitime Israelkritik“ sehen. Man ist bezüglich der doppelten Standards, die an Israel angelegt werden, einiges gewohnt. Aber das ist noch einmal ein neuer Tiefpunkt, denn man muss wirklich nicht viel über den Nahostkonflikt wissen, um zu sehen, in welcher Weise die Karikatur Stereotype bedient – egal, was der Autor damit intendiert haben mag.

Von Netta zu Netanyahu zum Pesachwunsch?

Die SZ Karikatur

– Setzt ansatzlos einen Juden für den anderen – warum liegt der Sprung von Netta Barzilai zu Benjamin Netanjahu so nahe? Für die, die es im Falle Israels nicht sehen wollen: Das grobe Äquivalent wäre, hätte zB die Asserbaidschanische Teilnehmerin den Grand Prix gewonnen & ein Karikaturist hätte aus diesem Anlass einen Terroristen mit Sprengstoffgürtel gezeichnet,
– knüpft deutlich an traditionell antisemitische Bildsprache an,

– modelt den Diaspora-Pesachwunsch „Next Year in Jerusalem!“, der Hoffnung angesichts jahrtausendelanger Verfolgung ausdrückt, in eine Kriegserklärung um und schreibt so das Stereotyp vom ewig disruptiven Juden fort. Unter Ausblendung der originären Herkunft des Wunsches aus der Verfolgung, nicht als eine Verhöhnung.

Da braucht man gar nicht mehr auf spezifisch israelbezogene Denkfiguren zu rekurrieren, obwohl natürlich auch hier

– an Israel Standards anlegt werden, denen kein anderer Staat genügen muss,

– Aggressionen und der auf Vernichtung zielende Antisemitismus der Hamas ausgeblendet werden, und neben dem Selbstmordattentat die Hauptwaffe des Palästinensischen Terrors, die Rakete, Netanjahu in die Hand gegeben wird

– und einmal mehr eine Jüdin, zu deren politischer Haltung wenig bekannt ist, außer dass sie Feminismus unterstützt, pars pro toto für Israel in Haft genommen wird.

Sollte es für viele Betrachter wirklich ok sein, wenn Anlässlich eines unschuldigen Popwettbewerbes das Zerrbild des mörderischen Juden mit der großen Nase, den fiesen Augen und den großen Ohren heraufbeschworen wird? Um Israel geht es hier nur in zweiter Linie, weshalb die Sache unabhägig von Politik und historischer Bildung recht einfach zu beurteilen sein sollte: An einem Ereignis ein ganz anderes aufhängen, aus einem Individuum ein Mitglied einer Gruppe machen, zu diesem dann Gräueltaten assoziieren, das ist ein No-Go und ein Musterbeispiel „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Und wie nennen wir „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ mit Bezug auf das Judentum?

 

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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