Künstliche Intelligenz in China: Steilvorlage für Lobbyisten

China will bis 2030 zur führenden Macht in Sachen KI aufsteigen. Die Chancen stehen gut – auch wegen des fehlenden Datenschutzes. Das darf uns jedoch nicht zu falschen Schlüssen verleiten, sagt Julius Reiter


Keine Frage: Die Ausgangsposition ist hervorragend. Wohl nirgendwo sonst können staatliche Institutionen und Unternehmen derart ungehemmt Daten sammeln und verwerten wie in China. Ein riesiger Schatz also, um KI-Systeme zu trainieren und zu verbessern. Immer mehr EU- und US- Unternehmen engagieren sich deshalb in Sachen KI in Fernost, darunter Facebook und Google.

Damit stehen die Chancen gut, dass die chinesische Regierung ihr Langfrist-Ziel erreicht und bis 2030 zur führenden KI-Macht der Welt aufsteigt.

Mir schwant: Schon bald werden Lobbyisten losziehen und auch hierzulande laxere Datenschutz-Standards fordern. Nachdem uns das Silicon Valley bei der Digitalisierung den Rang abgelaufen hat, wird es dann heißen, hängt uns China nun bei der nächsten wichtigen Zukunftstechnologie ab. Und: Wenn Europa nicht in der digitalen Steinzeit verharren will, muss ich dringend etwas ändern.

Kurzfristig opportun, langfristig fatal

Und nach den jüngsten Aussagen von Dorothee Bär und anderen Unions-Politikern fürchte ich, dass die Lobbyisten vielerorts offene Türen einrennen. Das wäre meines Erachtens fatal. Denn was boni-fixierten Managern und deren PR-Leuten kurzfristig opportun erscheint, ist langfristig gefährlich: Neue Technologien – auch und vor allem im Bereich KI – werden sich in Europa nur durchsetzen, wenn die Menschen ihnen vertrauen.

Wer fürchtet, ausspioniert oder gar manipuliert zu werden, wird beim Bewährten bleiben und auf Innovationen verzichten – seien es das autonome Auto oder der Sprach-Assistent. Hohe Datenschutz-Standards und klare Regeln für KI-Systeme sind damit im ureigensten (Langfrist-) Interesse der Unternehmen. Das kann man in der Datenschutz-Beratung gar nicht oft genug betonen.

Und immerhin: Einige Manager und andere Datenschutz-Berater sind inzwischen derselben Ansicht und sehen die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) als Chance, sich von Konkurrenten abzuheben. (zumal KI-Spezialisten betonen, dass es neben der Masse an Daten vor allem auf die Qualität ankommt – und da ist der kurzfristige Nachteil gegenüber China weitaus kleiner).

Es geht um elementare Bürgerrechte

Das wichtigste Argument gegen laxere Regeln bleiben jedoch die Bürgerrechte. Das Beispiel China zeigt doch in erschreckender Weise, was möglich ist, wenn autokratische Regime moderne Technologien einsetzen – zum Beispiel in Form des Social Scoring.

Und ich mag mir gar nicht ausmalen, was die Machthaber anstellen, wenn China zur KI-Macht aufgestiegen ist. Algorithmen entwickeln, die potentielle Straftäter und Andersdenkende identifizieren? Technologie-begeisterte Forscher und Manager, die es nun nach China zieht, um dort nach Lust und Laune KI-Systeme zu entwickeln, sollten das stets im Hinterkopf behalten.

Professor Julius Reiter ist Gründer der Kanzlei Baum Reiter + Collegen in Düsseldorf. Als IT-Rechtler, Anlegeranwalt und Liberaler beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung und der Frage, wie ein moderner Daten- und Verbraucherschutz aussehen kann. Hier geht’s zu seinem Blog „Digital Fairplay – Menschen. Daten. Selbstbestimmung“

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