A Perfect Circle

Nach fast 15 Jahren Funkstille veröffentlicht die Supergroup A Perfect Circle ein Comeback-Album. Ulf Kubanke hat sich „Eat The Elephant“ zu Gemüte geführt und zeigt sich in der Hörmal-Kolumne begeistert von dieser Mischung aus Reife und Relevanz.

Photo: Official Promo-Pic by Tim Cadiente

Die Quadratur des Kreises – Eine Kolumne für A Perfect Circles Comeback „Eat The Elephant“

You were never an island.
(Maynard James Keenan in, „Disillusioned“)

Dass eine Band nicht nur auf dem Papier als Supergroup glänzt, sondern längst zur modernen Rocklegende avanciert, kommt nicht alle Tage vor. Wenn so eine Institution sich dann auch noch knapp 15 Jahre zur Ruhe setzt, um 2018 aus dem Nichts ein Comeback-Album zu servieren, steigt die Erwartungshaltung bei Fans und Medien naturgemäß ins Unermessliche. Mit „Eat The Elephant“ gelingt A Perfect Circle tatsächlich die Quadratur des Kreises. Simultan schütteln sie alle von außen an sie herangetragenen Projektionen ab, erfinden sich in Teilen neu und markieren einen weiteren qualitativen Zenit.

Wo bei anderen ein Hauch des Ikonischen weht, entfesseln APC seit jeher einen popkulturellen Sturm. Da ist u.a. James Iha, seines Zeichens ebenso Gründgungsmitglied der Smashing Pumpkins. Da ist Billy Howerdel, der neben vielen anderen bereits mit Guns’N’Roses arbeitete. Da sind ehemalige Mitglieder wie Troy van Leeuwen, Gitarre bei Queens Of The Stone Age und zuletzt Livemitglied bei Iggy Pop. Über allen schwebt der kultisch Verehrte Mr. Tool, Maynard James Keenan. Fast ein Wunder, dass die Truppe nicht auf dieser Wagenladung eigener Lorbeeren ausrutscht.

Das Schöne: Untereinander ist ihnen die lediglich nach außen abstrahlende Reputation keinen Pfifferling wert. Im Innenverhältnis geht es ihnen nur um die pure Kunst und das Ziel, gemeinsam jedes Mal aufs Neue einen einzigartig schimmernden Musikdiamanten zu erschaffen. Obwohl sie sich allesamt lang im Musikbiz befinden und sämtliche Level des Rockstartums kennen, gelingt das Vorhaben. „Eat The Elephant“ ist ein kreativer Gigant, der einmal mehr das Zeug zum Klassiker mitbringt. Relevanz trifft Reife.

Fast die gesamte Musik geht auf Howerdels Konto. Alle Texte und die prägenden Gesangslinien entspringen Keenan. Der Ansatz kommt nicht von ungefähr. Howerdel, dessen Karriere als Roadie von David Bowie und als Techniker Tools begann, verfügt über herausragende kompositorische Fähigkeiten und hat einen ausgeprägten Sinn für atmosphärische Klangfarben. Umso erstaunlicher, welchem Zufall er die eigene künstlerische Laufbahn verdankt. Als Tool vor mehr als zwanzig Jahren ihren Meilenstein „Aenima“ aufnahmen, war er lediglich deren Gitarrentechniker. Die Aufnahmen für jenes Album kamen schneller voran als gedacht. Als alles im Kasten war, blieb noch gebuchte Studiozeit übrig. So nutzte Howerdel die Gunst der Stunde und stellte Keenan ein paar eigene Skizzen vor, die den introvertierten Genius nachhaltig beeindruckten. So kam der Urknall für A Perfect Circle und der Beginn einer bis heute andauernden tiefen Freundschaft, die auf künstlerischer Bewunderung des jeweils anderen basiert.

Auf „Eat The Elephant“ setzen APC gänzlich andere Akzente als früher. Die Gitarren kommen nur noch punktuell zum Einsatz. Überhaupt treten sämtliche ehemals so prägenden Rockelemente einen Schritt zurück. Diese kurze Leine macht ihr Auftauchen indes keinen Deut weniger effektiv. Im Gegenteil: Dramaturgie und innerer Spannungskern schälen sich in fiebrig dargebotener Klarheit heraus. Das nicht zum ersten Mal elegische Element meditativ-melancholischer Ruhe rückt weiter in den Vordergrund und versprüht den Charme des Rätselhaften. Im Zentrum dieser Entwicklung steht erstmals ein Piano. Howerdel verliebte sich vor einiger Zeit in das Instrument.

Keenans Gesang steigt darauf ein und präsentiert sich mitunter als sterbender Schwan. Man vernimmt eine Kreatur, deren Ausdruck zwar mit den vielfältigen Irrwegen der Menschheit hadert, kippt dabei jedoch nie ins Depressive. Zorn und Gelassenheit halten sich in Waage. Religion, die Isolation des Individuums in der Masse, politische Totalitarismen – an allem arbeitet er sich erfolgreich ab. Leichtfüßig pendelt er zwischen deutlichen und kryptischen Bildern, zwischen Prosa und Poesie. Allein zur Interpretation könnte man einen dicken Wälzer verfassen.

Gleichwohl funktionieren Stimme und Instrumente auch ohne jegliches Textverständnis. In gewisser Weise garantiert das Begreifen Keenans als reinen Klangkörper sogar ein fast intensiveres Eintauchen in die Platte. Reinigt man die Worte von ihrer Botschaft, entstehen dramatisches Flair und emotionale Tiefe, deren Inbrunst kaum ein Ohr wird entkommen können. Anspieltipp hierzu: „By And Down The River“.

Man hört solch ein Album nicht einfach, man erkundet es wie den Lauf eines Flusses. Dessen Strömung macht eine Klangfarbigkeit sichtbar, deren Bedeutung weit über bloße Verzierung hinaus reicht. Besonders anschaulich schillern ihre Facetten im letzten Lied plus den ersten dreien. So nutzt „Get The Lead Out“ effektive Pizzicato-Streicher. Der Titelsong lebt vom Gegensatz von Piano und Drums. Er erzeugt ein eigentümliches Paradoxon aus Dynamik und Bewegungslosigkeit. „Disillusioned“ addiert schneidige Post-Rock-Gitarren. Als Höhepunkt dieser zwischen Gleichmut und Anspannung mäandernden Stücke geht „The Contrarian“ durchs Ziel. Schon allein die ausdrucksstarke Einbettung in ein wundervolles Harfen-Arrangement ist jedes Kniefalls würdig. Offenkundig weisen diese Lieder nahe Verwandtschaft zu Opeth oder Steven Wilson auf. Wem so etwas zusagt, sollte unbedingt auch das Wilson/Åkerfeldt-Projekt Storm Corrosion antesten; vor allem das schwebende Titelstück des gleichnamigen Albums.

Wer nunmehr aus all dem schlösse, APC hätten das Rocken verlernt, unterläge einem beträchtlichen Irrtum. “Hourglass” etwa überrollt den Hörer mit melodischer Wucht, die sich schon jetzt als Live-Klopper empfiehlt. Als absoluter Killersong entpuppt sich “So Long, And Thanks For All The Fish”. Musikalisch ist es der mit Abstand eingängigste Moment sowohl in Howerdels als auch in Keenans Karriere. Ein bisschen Pop, cleverer Stadionrock sowie ein pointiertes Arrangement erschaffen einen echten Hit, der das Zeug zum Rocksong des Jahres hat. Der Text hingegen – so sehr er auch zum Mitsingen animiert – wirft einen sarkastischen Blick auf die oberflächliche Gier unserer Gesellschaft, die Sterblichkeit von Ikonen und zum Trost die Unvergänglichkeit in deren Kunst.

Nach dem Verklingen der zwölf fabelhaften Lieder steht als Fazit fest: Die Rückkehr des perfekten Kreises ist auf allen Ebenen gelungen.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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