Eloise und die Verdammten – Eine Kolumne für The Damned

Ein Denkmal für The Damned! 43 Jahre nach Bandgründung und eine volle Dekade nach dem letzten Album erobern sie mit dem frischen „Evil Spirits“ die Charts. Ulf Kubanke beleuchtet Karriere und Comeback dieser musikhistorisch bedeutenden Rockband.

Photo: Susie Bick by B.C. Clarke for „Phantasmagoria“ 1985; Copyright by The Damned

While everybody is looking left, what the hell ist happening right?
(The Damned 2018)

„He said „Captain“. I said „Wot?“.“
(Captain Sensible 1982)

London 1978: Der langhaarige Mann mit markanter Reibeisenstimme nippt in einem Pub der Portobello Road an seinem Whiskey. Captain Sensible und Dave Vanian treten an ihn heran. Beide wollen ihre kürzlich aufgelöste Band The Damned mindestens „für ein paar Gigs zum Kohle machen“ wiederbeleben. Es fehlt jedoch ein Bassist, da Gründungsmitglied Brian James dem Vorhaben eine Absage erteilte. So fragen sie den trinkfesten Rocker, ob er nicht einspringen könne. Dieser willigt sofort ein. So rettet Lemmy Kilmister, seines Zeichens Mr. Motörhead, eine der wichtigsten britischen Rockbands überhaupt. Ohne sein kurzes Intermezzo am Bass wären Neustart und etliche wundervolle Platten möglicherweise nicht geglückt.

Das wäre mehr als schade gewesen. Denn The Damned verfügen über die höchst seltene Eigenschaft, gleich zwei Genres deutlich mitgeprägt zu haben. Einerseits veröffentlichten sie mit „New Rose“ 1976 die allererste UK-Punk-Single und brachten mit der LP „Damned, Damned, Damned“ das Ganze neben Sex Pistols, Buzzcocks, Stiff Little Fingers oder The Clash so richtig ins Rollen. Zum Anderen gelten sie als Urgestein des Gothic Rock und gehören ebenso zur Pioniergeneration wie etwa Bauhaus, The Sisters Of Mercy oder The Cure.

Diese zwei Herzen in ihrer Brust kommen nicht von ungefähr. Sie unterscheiden sich so sehr voneinander wie das Kernduo Dave Vanian und Captain Sensible. Fronntman Vanian ist neben Peter Murphy ein Taufpate der Gothic-Kultur. Er hat die Umgangsformen eines Gentleman, liebt elegante Mode und Filme, schnelle Autos und trägt als Markenzeichen stets eine silberne Strähne in der Mähne. Der Captain hingegen mag Züge, hasst Filme, hat ein Naturell zwischen Provokateur, lausbübischem Sunnyboy und trägt als Markenzeichen stets ein Barett.

So gegensätzlich die Freunde anmuten, so vortrefflich ergänzen sie einander. Obwohl beide über vorzügliches Songwritertalent verfügen, kristallisiert sich schnell heraus, dass Vanian ein herausragender Texter ist, während Sensible als Füllhorn eines nicht enden wollenden Stroms melodischer Einfälle glänzt. Nachvollziehbar erweist sich die Schublade „Punkrock“ schnell als einengendes Hindernis. Zwar hat besonders Sensible bis heute großen Respekt vor der damaligen Bewegung, die er als legitimes Einfallstor unterprivilegierter Kids empfindet, die auf diese Weise auch ohne große musikalische Vorbildung einen Fuß in die Tür bekamen. Gleichzeitig entwickeln sich The Damned mit „The Black Album“ (1980) und dem Nachfolger „Strawberries“ (1982) bereits deutlich weiter.

So finden sich auf einmal Bläser im Sortiment, ein Kaschemmenklavier, eine Blutorgel und sogar eine spanisch angeschlagene Akustikgitarre. Natürlich gibt es immer noch so manch straight angepunkten Klopper. Unüberhörbar halten gleichwohl filigrane oft psychedelische Strukturen Einzug. So weisen die Stücke Captain Sensibles nicht selten einen deutlichen Einfluss Syd Barretts auf. Die Band versuchte sogar, den Verschollenen Pionier als Produzenten zu gewinnen. Das Vorhaben scheiterte jedoch an Barretts bereits fortgeschrittenen Rückzug in die innere Migration.

Die von Vanian dominierten Tracks transportieren demgegenüber eher eine theaterhaft kajalgeränkte Atmosphäre wohligen Grusels. Absolut herausragendes Lied dieser Phase ist der viertelstündige „Curtain Call“. Rauher Gothic Rock trifft schwelgendes Melodram und verschmilzt beides zum frühen Genreklassiker. Dabei sollte man Vanians oft doppelbödige, sarkastische und subversive Zeilen nicht unterschätzen. Auch der zuckersüße Titel des „Strawberry“-Albums bezieht sich auf die damals weitgehend ingnorante Haltung von Teilen eines Publikums, welches nur an ihren frühen Punknummern Interesse zeigte. Besonders Vanian hatte damals bei Konzerten das Gefühl, Erdbeeren an Schweine zu verfüttern und sagte dies auch on Stage in unmissverständlicher Klarheit.

Nachfolgend verlässt der Käptn das Mutterschiff für einige Jahre, da er eine Solokarriere anstrebt, deren musikalische Richtung mit The Damned eher unvereinbar wäre. Das klappte wie am Schnürchen. Besonders sein Welthit „Wot“, eine sonnendurchflutete Kreuzung aus Rap und Pop mauserte sich zum Kulttrack und einer Visitenkarte der 80er.

Es lohnt sich allemal, auch spätere LPs an zu testen. Besonders das 1989er Werk „Revolution Now!“ zeigt einen melodisch und stilistisch versierten Musiker. Fröhliche Lieder wie „Missing The Boat“ oder das rührende „The Toys Take Over“ servieren edlen Pop zwischen Bubblegum und Besinnlichkeit.

Währenddessen steuert Vanian The Damned unter eigener Federführung in ebenfalls erfolgreiche Gewässer. 1985/86 läutet er die absolute Lord Byron-Phase der Bandgeschichte ein. „Phantasmagoria“ ist eine Kernplatte des Gothic Rock, erreichte Platz „11“ der Uk-Hitliste und erinnert in seiner schwarztraubigen Opulenz nicht einmal rudimentär an ihre frühe Punk-Ära. Die Stücke stehen darüber hinaus sinnblildlich für Vanians Emanzipation als Komponist. Fast alles entspringt hier unverkennbar seinen Ideen. An einem Track wirkte Sensible als Gaststar mit.

Das berühmte, mystische Coverartwork ziert übrigens Susie Bick. Bick, ein angesagtes britisches Model kennt man heute als Ehefrau Nick Caves. Sie gab ihre Karriere zugunsten der Familie nach der Hochzeit auf. Auch The Damned haben ein ähnlich schillerndes Detail zu bieten. Vanian ist seit 1996 Gatte von Patricia Morrison, ihres Zeichens ehemalige Sister Of Mercy, über die Andrew Eldrich den Hit „Lucretia, My Reflection“ schrieb. Daneben spielte sie auch beim legendären Gun Club und einige Zeit bei The Damned. Nicht viele Menschen schaffen eine Mitgliedschaft in gleich drei Acts von Weltgeltung. Morrison und Vanian verkörpern das ultimative Goth-Paar (neben Alien Sex Fiend natürlich).

Kurz nach „Phantasmagoria“ setzen die Verdammten noch einen drauf. Ihre Interpretation des Barry Ryan-Evergreens „Eloise“ darf man getrost als ultimative Version ansehen. Sie existiert in drei verschiedenen Formaten zu jeweil 5, 7 und knapp 10 Minuten. Als wohlverdienten Lohn notierte man u.A. in Großbrittannien Position „3“ der Charts.

Seit 1996 befindet sich der Captain wieder an Deck. Die letzten Alben gerieten alles andere als schlecht, animierten allerdings auch nicht gerade zu Begeisterungstürmen. Ihr letzter Longplayer liegt bereits 10 Jahre zurück. Insofern konnte man kaum noch mit einem Comeback rechnen. Doch urplötzlich schießen sie im April 2018 „Evil Spirits“ aus der Hüfte. Die Platte rast binnen weniger Tage von Null auf die „7“ der englischen Charts. Nach 43 Jahren das erste Top-Ten-Album? Ja! Und das mit voller Berechtigung, denn diese Legende lebt. Noch nie klangen sie so aus einem Guss wie hier. Das hat Gründe.

Vanian und Sensible befinden sich auch weit jenseits der 60 in kreativer wie handwerklicher Hochform. Ihre Fähigkeit, jeweils das Beste aus dem Gegenüber rauszukitzeln, wurde durch die lange Studiopause ebenso befeuert wie durch zwischenzeitliche Gigs. Das Händchen für ausgefallene Arrangements, in denen sogar eine Solo-Trompete Platz findet, erweist sich als Quell nahezu jugendlich sprudelnder Frische. Sogar Vanians Stimme klingt kräftiger und jünger als auf den letzten beiden Platten.

Zünglein an der Waage ist hierbei Produzenten-Guru Tony Visconti. Mit dem Mann, der vor allem David Bowie und T.Rex ihren unverkennbaren Sound schneiderte und nebenbei den Glamrock miterfand, verbarrikadierte man sich neun Tage im Studio. Besonders aus Vanian kitzelte er gesangliche Leidenschaft heraus, die jenseits reinen Schöngesangs dessen gesamte Gefühlspalette ausbreitet.

Heraus kommt ein Cocktail aus Schnoddrigkeit und Eleganz, der seinesgleichen sucht.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

More Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen