Bartleby und die Depression – „I would prefer not to!“

Vor kurzem kam ich in ein Gespräch mit einem als schwer depressiv Diagnostizierten, der sich mir vertrauensvoll-verzweifelt öffnete. Seine angebliche „Therapieresistenz“ rechnete er sich selbst als Schuld an. Dieser schwer leidende junge Mann erinnerte mich an eine Gestalt der Weltliteratur; sie wurde der Ausgangspunkt von längst nicht abgeschlossenen Überlegungen zur angeblichen „Volkskrankheit Depression“, die ich in nächster Zeit auf dieser Seite vorstellen werde.

Félix E. Vallotton (1865-1925): Der Kontorist

Die wichtigste Gestalt der letzten 200 Jahre Literaturgeschichte ist nicht Josef K., auch nicht sein Bruder Gregor Samsa, obwohl diese beiden gleich danach rangieren, sondern eine höchst unscheinbare, fast vergessene, denn sie ist weder tragisch, noch horribel-grotesk. Sie verschwindet, sie löst sich auf und ist am Ende ihrer Erzählung nicht nur tot, sondern eine, die endgültig ins Nichts eingeht. Man kann von ihr sagen, dass sie noch nicht einmal tot sein will, sondern in keinster Weise sein will – Jedenfalls nicht in dieser Welt. Sie lehnt sowohl das Leben, aber auch den Tod ab; ein von jedem Sinn – selbst dem der Negativierung – völlig entleerter Mensch.

Der entleerte Mensch

Konnte Herman Melville vorausahnen, daß sein „Bartleby“ den Menschen des frühen 21.Jahrhunderts deckungsgleich beschreibt? Hatte der Autor des “Moby Dick“, jener nautischen Bibel, auch nur eine Ahnung von den zur gleichen Zeit entstehenden Thesen von Karl Marx? Sigmund Freud war noch nicht geboren und der Furor des Faschismus wurde gerade erst infektiös gelegt mit den ersten Krebszellen der Heimat-und Vaterlandssentimentalität in den europäischen Staaten. Nein, das alles konnte Melville nicht erahnen. Es ging ja noch weiter mit der Enthemmung: Nach den Mordkatastrophen des 20.Jahrhunderts treten heute auf die Bühne mit den Wiedergängern jener Mörder vor 80 Jahren womöglich noch perfidere Typen der Entmenschlichung.
Ist das möglich; man muß : Ja, leider! sagen. Denn während man den Mördern damals eigentlich schon sehr früh ihre Mordrunst und die Lust an der Zerstörung der Gesellschaft und der Menschenleben ansehen konnte, sind die jetzigen Zerstörer noch perfid-geschickter, sie bauen nicht nur ein System – sie sind quasi das System, dem man sich nicht entziehen kann – es sei denn wie Bartleby.

Die Borg und Bartleby

Wer ist denn nun dieser Bartleby eigentlich? Wie soll ich ihn beschreiben? Seine Größe liegt darin, dass er nicht einmal ein Mensch sein will – da das, was man ihm als Menschsein anbietet, „alternativlos“ ist (ja, genau, ich meine u.a. auch die Person, die zu dieser Menschsein-Auffassung beigetragen hat – sie repräsentiert eine ganze Schicht und gleich mehrere Generationen an allseits reduzierten Non-Persönlichkeiten). Für Bartleby ist das Alternativlose nicht annehmbar, gleichwohl auch ausweglos, da kein anderes Menschsein mehr zugelassen, ja nicht einmal mehr denkbar ist.
„Bartleby“, das seltsame Leben eines Kanzleischreibers im alten New York; eine Geschichte aus der Wallstreet, erschienen 1853, zwei Jahre nach „Moby Dick“. Und während der Walroman das Getriebensein des Menschen noch als atemloses Abenteuer mit penetranter Metaphysik ausstattete, ahnte Melville hier die Wertlosigkeit von Allem und Jedem voraus (solange es nur es/er nur einen verwertbaren Preis hatte), eine Wertlosigkeit wie sie sich weder Samuel Beckett, der ein Heiliger war, noch Friedrich August von Hayek, noch nicht einmal das Gegenteil von einem Heiligen, träumen lassen konnten.

Bartleby kommt als junger Schreiber in eine Wirtschafts-Kanzlei auf der New Yorker Wallstreet. Mit anfangs großem Eifer fügt er sich ein in den Betrieb, kopiert fleißig anscheinend eminent wichtige Verträge wie seine Kollegen in den lichtlosen, düsteren Räumen. Aber bald schon lassen Eifer und Fleiß nach, man kann ihm auftragen, was man will, er weigert und verweigert sich von Tag zu Tag mehr. Dabei führt er sich nicht widerspenstig, schon gar nicht rebellisch auf: Höflich und mit sanft-leiser Stimme lässt er verlauten: „I´d rather prefer not to…“. „Ich möchte lieber nicht“.

Die Erzählung könnte hier schon ihr Ende finden mit Strafen und Sanktionen wie im Menschenvernichtungssystem Hartz IV oder per Einweisung in die Anstalt, wie sie die CSU in Bayern für Mitmachverweigerer, die sie als psychisch krank denunziert, neuerdings möglich gemacht hat. Die CSU weiß genau, was sie tut, diese Einstiegsdroge gewordene Partei. Einstiegsdroge für das politische Meth der AfD.

Doch zurück zu Melville, der Bartleby einen Arbeitgeber gönnt, der ihn nicht entlässt, sondern gewähren lässt. Anders als jeder andere Vorgesetze, Sozialarbeiter oder Hartz IV-Kujonierer wirft dieser Chef den jungen Mann nicht raus oder erpresst ihn mit Sanktionen, auch die anderen Beschäftigten zergen ihn nicht mit Corps- und Gruppenzwang. Man lässt Bartleby sogar in der Firma wohnen (ob er da lebt, steht zu bezweifeln). Er hat kein Heim, keine Freunde, keinen Kontakt. Am Schluss verweigert er sogar die Nahrung und stirbt nicht, sondern man muß sagen: er geht ein.

Es hat die unterschiedlichsten Interpretationen dieser Novelle gegeben, die ich nicht die müßige Lust habe, aufzuzählen. Aber alle sprechen von der Lebensverweigerung Bartlebys. Ja, Donnerschlag? Was für ein Leben verweigert er denn? Eins der Gleichförmigkeit des Kopierens in jeder Hinsicht: eines des endlosen Abschreibens ohne Sinn und Verstand, für andere, nicht für sich, an den gleichförmigsten Pulten, mit den zum Verwechseln ähnlichen Kollegen, in luftarmen und düsteren Räumen…

Kommt mir nicht mit der sinnlosen Büroarbeit des Angestellten, mit der freudlosen Ackerei der Gleichförmigkeit und sigmundfreudlosen Plackerei des Entindividualisierten; darum geht es hier nur bedingt. Dies ist jenseits der Ausbeutung und „Ent-Ichung“. Nur die Populärkultur des jüngsten TV-Zeitalters hat da etwas anzubieten: Bartleby verweigert sich der Borg-Welt. Anders als in den Weltraumweiten des Enterprise-Kosmos, gibt es keine Rebellion gegen das Assimiliertwerden. Die Bartleby-Welt kennt wie der Borg-Kubus kein Draußen, keine Natur, keine Abweichung, kein Anderssein, kein Ich, keine Persönlichkeit, Dinge und Zustände, die wie in der Science-Fictionserie immer wieder zu Aus-und Aufbruch anregen. Die Bartlebywelt ist hoffnungslos.

Alternativlos – die Depression

Bartleby möchte nicht – gleichzeitig ist ihm jede Phantasie, jede Lebendigkeit, jede Selbstständigkeit, jeder Gedanke an Aus-und Aufbruch abhanden gekommen, nur das „I´ d rather prefer not to…“ ist ihm geblieben, auf dem nichts aufzubauen ist, schon gar nicht die große Geste eines heldenhaft-rebellischen Todes, sondern nur das Verläppern, das Schrumpfen, das Eingehen. Denn es gibt ja keine Alternative und deshalb auch keinen Widerstand gegen die Allgegenwart der Ich-losen Borg. „I´d rather prefer not to…“ ist der letzte Gesang des Nowhere-Mans. Aber während selbst der Nihilismus noch eine Größe hat, als eben jene allumfassende Verweigerung, existiert hier noch nicht einmal in all der sanften Höflichkeit des jungen Mannes diese Verweigerung.
Sozialtherapeutisch Gestimmte mögen von „Depression“ raunen – jener scheinbar mildtätigen Erfindung einer ganzen Kümmerindustrie. Einer Kümmerindustrie, die den an der Welt Leidenden letztlich haftbar macht für sein Leiden und versucht ihn zu überzeugen, zu drängen, sogar zu zwingen, seine „Schuld“ anzuerkennen und wieder mitzumachen, Freude zu haben an der angeblich alternativlosen Unterordnung, am Gebeugtwerden, an der Missachtung seiner Lebendigkeit (z.B. mit Lügen wie „Jede Arbeit ist besser als gar keine Arbeit!“). Psychotherapie ist Dressur fürs Unabwendbare – sie stabilisiert das System. – Wer nicht arbeitet/mitmacht, soll auch nicht essen, der wird auch nicht geliebt- er soll schon froh sein, wenn er behandelt wird!

Ja, das Perfideste an dieser Dressur: selbst die Diagnose „Depression“ stabilisiert das System: nun können Therapeuten, Pharmakologen, Kliniken und Kommissionen tätig werden, um die Herstellung der Wiederanpassung in die Wege zu leiten. Was früher das Gefängnis bewerkstelligte (und auch noch heute, nur sozialtherapeutisch verbrämt) und für das Funktionieren der hierarchischen Gesellschaft leistete, das leisten heute die Klink und der Psycho-Medizinkomplex, wie uns Foucault längst gezeigt hat. (Zur Hellsichtigkeit von Foucault, Deleuze und Hocquenghem ein nächstes Mal, man soll mir ja nicht sagen, ich würde im luftlosen Raum argumentieren.)

Natürlich gibt es millionenfaches Leid in dieser Gesellschaft, die bedrückende Unendlichkeit der Depression. Aber wie das Christentum keine Tragödie erträgt und das Lebens-Recycling als Tröstung anbietet (natürlich nur bei Wohlverhalten), so bieten Klinik, Sozialindustrie und Jobcenter die Verheißung der „Wiedereingliederung“. Nur eines ist dabei wichtig: Der Traurige, der Trauernde, der Depressive, der Leidende muss aktiv bei der Selbstblendung mitmachen und sein Leiden vergessen – wenn er das aber nicht kann, dann ist er ein Störfaktor, gilt – wie ich erst vor wenigen Tagen wieder einmal von jenem Leidenden hörte, dem das Leben in dieser zweckgebundenen Welt nicht gelingt, als widerspenstig, nicht anpassungsfähig, als störrisch – selbst Schuld.

Die Depressiven leiden aber nicht an sich – sie leiden an der Welt. So wie Bartleby. All jene Depressiven, die ihrem Leiden selbst ein Ende setzen, sind im klassischen Sinne tragische Helden: sie können nicht anders. Klassische tragische Helden zerbrechen immer an der Welt, die sie zermalmt! Aber das wiederum verdrängt die Helferindustrie, die selbst die unerträgliche Depression nutzbar macht: Einerseits weil man mit ihr ein enormes Verdienstfeld erschlossen hat – die Zahlen der Depressionsdiagnosen (nebst ihres Ablegers, des gefälligeren Burn-Outs) steigen von Jahr zu Jahr und die Pharmaindustrie erfindet einen anti-depressiven Tranquilizer nach dem anderen). Andererseits camoufliert das Heilsversprechen der Depressionsheilung die wahren Strukturen der neoliberalen Verhinderung der menschlichen Ichwerdung. Bartleby hat schon nicht mal mehr das Ich, das etwas verweigern könnte; aber er ist auch nicht das Gefäß, die Hülle, die mit Ansprüchen aufgefüllt werden könnte und deshalb vergeht er.

Die totale Nutzbarmachung

Nun zeigt sich aber seit geraumer Zeit neben dem Vergehen des Ichs eine andere Reaktion der Menschen auf ihre totale Nutzbarmachung – die zerstörerische Rebellion des neuen Faschismus, der ja der alte geblieben ist. Eigentlich ist es nicht mal eine Rebellion. Sowie Gefängnis und Klinik das Borg-System des unentrinnbaren Mitmachens stabilisieren, stabilisieren faschistische Erscheinungen wie die AfD oder Pegida die Nutzbarmachung jedes Einzelnen für dieses System und sei es auch ex negativo; deshalb wird auch soviel von Heimholung und unentrinnbarer Volksgemeinschaft und ähnlichem Unsinn geschwafelt. So brauchen Höcke, Gauland, Storch und ihre Adepten selbst den, der nicht zum System gehört und machen ihn sogar noch als angeblich bedrohlichen Außenseiter nutzbar: Sie benötigen, den „Moslem oder den Fremden“ unbedingt zum Erhalt ihres zusammengeflickten Selbstgefühls, genauso wie religiöse Reaktionäre die Homosexuellen brauchen oder die selbstbestimmte Frau – sie würden sich nicht wohlfühlen, sich leer fühlen, gäbe es diese Feindbilder nicht.

Diese traurige Bande der Entmenschlichung ist in gewisser Weise ebenso leer wie Bartleby; aber keineswegs so heroisch, da sie für ihr Verläppern die Vernichtung „der Anderen“ brauchen. Wovor sie sich aber meisten fürchten, sind die Konsequenzen des: „Ich möchte lieber nicht…“ – entweder geht man dann nämlich so ein wie der junge Schreiber oder man müsste sich daran machen, die Unbehagen und Depression erzeugende Welt zu verändern.

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