Was der Islam Europa gebracht hat – und was nicht

Nach der Aussage Horst Seehofers zum Islam fühlen sich wieder viele bemüßigt, die wichtige Rolle des Islam für die Entwicklung Europas hervorzuheben. Doch der Einfluss des Islam auf die europäische Kultur war längst nicht so bedeutend, wie viele meinen, und apologetische Darstellungen sind in der Auseinandersetzung um Islam und Europa wenig hilfreich, schreibt unser Kolumnist Heiko Heinisch.

gemeinfrei, European

Nach den Äußerungen Horst Seehofers zum Islam, häufen sich die Artikel, in denen die wichtige Rolle hervorgehoben wird, die der Islam einst im Mittelalter für die Entwicklung Europas gespielt habe. So sagt etwa der Mittelalterhistoriker Michael Borgolte gegenüber dem Deutschlandfunk: „Es waren Araber und Syrer muslimischen Glaubens, die große Teile der Werke antiker griechischer Naturwissenschaft und Philosophie retteten, übersetzten und kommentierten und diese damit der lateinischen Welt des westlichen Europas überlieferten.“ Und Mouhanad Khorchide wird in der Tagespost mit den Worten zitiert: „Die Muslime retteten das antike griechische Erbe vor dem Vergessen und bereicherten es. Darauf konnte die Renaissance aufbauen.“

Falsches bleibt falsch

Vor drei Jahren führte ich im European mit dem Islam- und Politikwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza eine Debatte zu eben diesem Thema, nachdem er in einem Artikel behauptet hatte, ohne Orient gäbe es keinen Okzident. Den meisten Proponenten dieser Ansicht geht es vor allem um eines: Sie wollen zeigen, dass der Islam immer schon zu Europa gehörte und Europa erst zu dem machte, was es heute ist, um über diesen argumentativen Umweg die Existenzberechtigung von Muslimen in Europa zu beweisen. Deren Existenzberechtigung bedarf jedoch keines Beweises dieser Art, sondern ergibt sich schlicht aus den Menschenrechten, die die Grundlage aller europäischen Verfassungen darstellen.

Zudem ist die zugrunde liegende Behauptung, das Europa wie wir es kennen verdanke sich dem Islam, ein Mythos. Im Folgenden leicht überarbeitet meine Antwort auf den Artikel Muhammad Sameer Murtazas, die auch als Antwort auf die apologetischen Darstellungen der vergangenen Woche gelesen werden kann:

Wer eine Apologetik verfasst, schreibt nicht zwangsläufig nur Falsches, wird aber versucht sein, Fakten so darzustellen, dass die eigene Sicht von ihnen gestützt wird und andere Fakten außen vor lassen. Es ist richtig, dass antikes Wissen durch arabische Vermittlung nach Europa gelangte, aber der Wissenstransfer von der Antike ins mittelalterliche Europa fand auch auf anderen Wegen statt, die nur selten erwähnt werden.

Die arabische Vermittlung antiken Wissens war nur einer von drei Wegen

Die Wichtigkeit des Islam für Europa wird immer durch das Argument gestützt, Renaissance und Aufklärung seien ohne den arabischen Transfer griechischer Schriften nicht möglich gewesen. Richtig daran ist, dass viele Schriften der griechischen Antike über das Arabische nach Europa gelangten und hier rezipiert wurden; richtig ist auch, dass Ibn Rushd für die mittelalterliche Scholastik (deren Einfluss auf die Aufklärung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann) der maßgebliche Kommentator der Werke des Aristoteles war. Von den Scholastikern wurde er meist, in Anlehnung an die Bezeichnung „der Philosoph“ für Aristoteles schlicht „der Kommentator“ genannt, also mit größter Hochachtung bedacht. Dennoch ist die Schlussfolgerung dieses Arguments falsch.

Die arabische Vermittlung antiken Wissens war nur EINER von drei Wegen, auf denen antike Schriften nach Westeuropa gelangten. Für die Renaissance in Italien war sie vermutlich nicht einmal der maßgebliche, doch dazu etwas weiter unten. Geradezu unfein ist die von Murtazas vorgenommene Abwertung der griechischen Leistungen durch die Mär, den Griechen sei experimenteller Geist und Naturforschung fremd gewesen – um im Gegenzug beides für den Islam zu reklamieren. Ein kurzer Blick in die Antike genügt, diese Behauptung zu widerlegen: Wie ist es den Griechen wohl gelungen, ihre architektonischen Meisterleistungen zu vollbringen, wenn sie sich dabei nur auf rein spekulatives Denken verlassen konnten? Auch die griechische Medizin ist kaum denkbar ohne genaues Studium des menschlichen Körpers.

Die Schriften des Hippokrates dienten noch arabischen Gelehrten als Grundlage ihrer medizinischen Werke. Auch eine Leistung wie die erstaunlich akkurate Berechnung von Erdumfang und -radius durch Eratosthenes 240 vor Christus erforderte – neben der bereits hochentwickelten Geometrie – eine sehr genaue Beobachtung und Vermessung der Natur.

Das Byzantinische Reich war griechisch

Der früheste Weg, auf dem die Antike nach Westeuropa fand, verlief über das Fränkische Reich der Karolinger. Karl der Große (747/748 – 814) ließ im Wunsch, das Römische Reich wieder zu errichten, alle antiken Schriften zusammentragen, derer er habhaft werden konnte. Nicht von ungefähr sprechen wir von der karolingischen Renaissance. Karl verstand es, für dieses Projekt von überall her die entsprechenden Experten an seinen Hof zu holen. Diese suchten, kauften und kopierten einen unermesslichen Schatz antiken Wissens: Vornehmlich Werke der römischen Antike, Vergil und Ovid, Cicero und Livius, die medizinischen Traktate von Galēn, Grammatiken sowie astronomische und mathematische Werke, aber natürlich auch lateinische Ausgaben von Aristoteles und Platon.

„Das ganze Spektrum der ‚heidnischen‘ Autoren haben die karolingischen Kopierzentren in ihre Kodizes übertragen“, schreibt Bernhard Jussen (Die Franken, München 2014). Eines der aktivsten dieser Kopierzentren war das Frauenkloster Chelles bei Paris, in dem die Schwester Karls als Äbtissin wirkte. Diesen Weg der Überlieferung, mehr als 300 Jahre vor ibn Rushd, nicht zu kennen, ist keine Schande, er ist noch immer wenig bekannt, ein Versäumnis ist es aber allemal.

Der dritte Weg der Überlieferung antiken Wissens lässt sich jedoch kaum ignorieren. Er führt über Byzanz. Das Byzantinische Reich hat nicht nur das antike Römische Reich bis an den Rand der Neuzeit geführt, sondern war auch der Bewahrer antiken Wissens und antiker Schriften schlechthin. Dieses Reich war ein griechisches und seine Verbindungen zu Westeuropa waren nie unterbrochen. Der Kaiser von Konstantinopel galt auch im Westen als legitimer Nachfolger der Römischen Kaiser. Besonders enge, wenn auch nicht ganz friktionsfreie, Beziehungen bestanden zwischen Konstantinopel und Venedig.

Bis ins 9. Jahrhundert hinein war Venedig der westlichste Außenposten des Reichs und besaß noch Jahrhunderte später ein Monopol auf den Handel mit demselben. Auf diesem Weg gelangten nicht nur Waren, sondern auch Schriften, Gelehrte und Wissen nach Westeuropa. Die Dichtung Homers beispielsweise wäre uns andernfalls gar nicht erhalten geblieben, denn für griechische Dichter und Dramatiker interessierten sich die arabischen Übersetzer herzlich wenig.

Was verleiht Wissenschaft und Philosophie das Prädikat islamisch?

Als es Venedig 1204 in einem Coup gelang, den 4. Kreuzzug nach Konstantinopel umzuleiten, die Stadt zu erobern, zu besetzen und zu plündern, gelangten nicht nur viele wertvolle Kunstwerke und Reliquien nach Westen, sondern ganze Bibliotheken. 250 Jahre später kam es zu einer zweiten Welle des Wissensexports: In den letzten Jahrzehnten vor der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen flüchteten immer mehr Bürger mit ihrem Besitz aus dem zuletzt auf die Stadt geschrumpften Reich – vornehmlich Richtung Norditalien aber auch weiter nach Norden. Und noch in den letzten Monaten vor dem Fall Konstantinopels reisten Gelehrte aus dem Westen auf der Suche nach antiken Manuskripten gen Osten. Venedig und das Florenz der Medici waren die Orte, an denen sich das Wissen des antiken Griechenlands vornehmlich sammelte, und es ist kein Zufall, dass die italienische Renaissance genau hier ihren Ausgang nehmen sollte.

Der zweite Grund, warum die Behauptung falsch ist, der Islam habe Europa zu dem gemacht, was es heute ist, lässt sich in einer schlichten Frage veranschaulichen: Was eigentlich verleiht Wissenschaft und Philosophie das Prädikat islamisch? Die Werke Ibn Rushds werden von der islamischen Orthodoxie bis heute abgelehnt und sind vornehmlich durch die europäische Rezeption erhalten geblieben. Zu Lebzeiten erging es Ibn Rushd ähnlich wie Galileo 400 Jahre später. Im Jahr 1195 wurde er aufgrund seiner Thesen verbannt, sein Werk verboten und unter dem Beifall der Islamgelehrten verbrannt.

Niemand käme heute auf die Idee, Galileo einen christlichen Wissenschaftler zu nennen oder gar seine wissenschaftlichen Erkenntnisse als christlich zu bezeichnen. Auch Kopernikus, wiewohl Priester, oder Gregor Mendel, ein Ordenspriester, werden nicht mit dem Signum „christlich“ versehen. Was also macht die Philosophie Ibn Rushds oder die Medizin Ibn Sinas islamisch? Die Ablehnung durch die islamischen Theologen ihrer Zeit?

Wo Wissenschaft gedieh, tat sie dies meist abseits von offiziellen Religionen

Es gibt vielfältige Beispiele für blühendes Geistesleben, Wissenschaft und Kunst in islamischen Fürstentümern und Reichen. Zum Beispiel das Kalifat von Cordoba im 9. Jahrhundert unter Abd ar-Rahman III., der aus der Stadt eines der bedeutendsten Kultur- und Wissenszentren ihrer Zeit machte, das Gelehrten und Künstlern aus aller Welt offen stand. Sein Sohn al-Hakam II., selbst ein Gelehrter ersten Ranges, führte diese Tradition fort und baute eine der größten Bibliotheken auf.

Doch schon unter seinem Nachfolger al-Mansur wurde diese Bibliothek unter großem Beifall von Islamgelehrten und Bevölkerung zerstört. Oder Samarkand, das sich unter Ulugh Beg, einem Enkel Timur Lenks, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem beachtlichen Zentrum der Wissenschaften entwickelte. Das dort errichtete Observatorium, eine Glanzleistung seiner Zeit, zog Forscher aus aller Welt an. Unter den Theologen jedoch hatte Ulugh Beg von Beginn an starke Feinde und nach seiner Ermordung wurde das Observatorium, unter Aufsicht eben dieser Theologen zerstört und geplündert; die Wissenschaftler mussten flüchten.

Wo Wissenschaft gedieh, tat sie dies meist abseits von oder sogar gegen die offizielle Religion. Das war in islamischen Gebieten nicht anders als in christlichen.

Die Existenz von Muslimen und damit die Existenz des islamischen Glaubens im heutigen Europa ist unbestritten. Aber sie kann ihre Legitimation nicht aus der Vergangenheit beziehen, und schon gar nicht lässt sich diese apologetisch herbeidichten; sie bezieht ihre Legitimation ausschließlich aus den Werten einer auf den Menschenrechten basierenden, pluralistischen und demokratischen Gesellschaftsordnung, die das Recht eines jeden Menschen anerkennt, seine Religion frei zu wählen und auszuüben, solange dies die gleichen Rechte aller anderen nicht tangiert.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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