Phönix aus der Asche – Eine Kolumne für Judas Priest

Viele Jahre wirkten die Pioniere müde und abgezehrt. Doch statt in Rente zu gehen, feuern Judas Priest mit „Firepower“ aus allen Rohren. Als stählerner Phönix aus der Asche gelingt ihnen nicht nur eines der besten Alben ihrer Karriere, sondern schon jetzt eine der wichtigsten Metal-Platten des Jahres.

Foto: Coverartwork "Firepower" by Judas Priest/Epic Records

The priest they called him.
(William S. Burroughs)

Es war eine lange Durststrecke. Seit „Painkiller“ (1990) verkam der knackige Metal-Highway mehr und mehr zum fußlahmen Marsch der Abgezehrten. Sicher, es gab hie und da ein paar gelungene Werke, wie „Angel Of Retribution“ (2005) oder Rob Halfords Solo-Knaller „Ressurrection“ (2000). Doch etliche Füllsongs und eine live mitunter mitleiderregende Kraftlosigkeit ließen selbst geduldigste Fans eher an Heizdecken denken als an heißen Stahl.

Als dann noch Glen Tiptons Parkinson-Erkrankung hinzutrat – an der die fallende Formkurve ausdrücklich nicht lag – schien alles Siechtun besiegelt. Doch pünktlich zum keimenden Frühling anno Domini 2018 verlassen die urplötzlich nicht mehr müden Krieger das eiserne Altenteil, zeigen den traurigen Flügeln des Schicksals einen gereckten Mittelfinger und schießen mit „Firepower“ ein Album aus der Hüfte, das in Metal-Kreisen jeden Kniefall wert sein sollte.

Es macht großen Spaß, diesen verdienten Helden auf ihrem vielleicht letzten Ritt zu folgen. Priests Einzigartigkeit bestand schon immer in ihrer Zeitlosigkeit. Mit jeder Periode konnten sie lässig mithalten. Obwohl sie bereits seit 1969 existieren und damit zur ersten Garde à la Black Sabbath gehören, prägten sie spätere Strömungen wie die New Wave Of British Heavy Metal, konnten danach mit Speed und Thrash mithalten und erlaubten sich mit „Turbo“ (1986) sogar einen musikalisch leider unterschätzen Ausflug gen poppigen Hairmetal.

Neben den typischen doppelten Gitarrenläufen – bei denen nur die Eisernen Jungfrauen den Priestern weltweit je das Wasser reichen konnten – erfand die Band um „Metal God“ Rob Halford auch die stilprägenden „Screams“ in einer Tonlage, die an guten Tagen tatsächlich Glas zersingen kann. Auch in dieser Disziplin kommt nur Iron Maiden samt Alarmsirene Bruce Dickinson an sie heran. Doch Halford hat auch jenseits seiner unfassbaren 4 1/2-Oktaven-Stimme einiges zu bieten.

Einerseits prägte er mit markantem Auftreten von Beginn an die nach Motoröl und Whisky duftende Metal-Attitüde voller Bikes, Boots, Nieten, Jeans und Leder. Andererseits war und ist er die erste bekennende schwule Metal-Ikone. Mit seiner Offenheit zeigt er seit gut 20 Jahren ganz ohne Zeigefinger, einfach durch sein pures Sein, dass Metal und Maskulinität nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun haben. 1998 sagte er auf MTV vor laufender Kamera:

Ich denke, die meisten Leute wissen, dass ich mein ganzes Leben lang ein schwuler Mann gewesen bin. Das ist etwas, das ich erst seit jüngster Zeit mit Gelassenheit ansprechen kann … etwas, das einen bestimmten Zeitpunkt braucht, um darüber zu reden – und dieser Punkt ist nun gekommen.

„Firepower“ macht seinem Namen alle Ehre. Alle stilistischen Fraktionen sind auf diesem 18. Studioalbum präsent. Es gibt sehr viel klassischen Heavy Metal mit gelegentlichen Ausreißern gen Hardrock oder in die andere Richtung gen Speed/Thrash. Alles garniert mit ihrem hymnischen Naturell, gelungenem Songwriting und ein paar balladesken Tönen. Zur Krönung packen sie ihr anscheinend angeborenes Talent für melodische Ohrwürmer beim Barte des Priesters und klingen dabei so taufrisch, wie seit gut drei Dekaden nicht mehr („No Surrender“).

Ein Gutteil des Lorbeerkranzes gebührt dem Produzenten-Duo. Tom Allon hat ohnehin etliche Top-Alben der Briten seit „Unleashed In The East“ klar gemacht. Andy Sneap ist eine Koryphäe, die u.A. bereits Exodus, Testament oder Obituary perfekt in Szene setzte. Das Ergebnis ihrer Hand-in-Hand-Taktik kann sich mehr als hören lassen. Druckvoll, präzise, klar und dynamisch bieten sie ein Klangbild auf, das sich getrost als eine der besten Genreproduktionen der letzten zehn Jahre bezeichnen darf.

Mein Higlight ist „Guardians“/“Rising From Ruins“. Schon das lediglich einminütige, rein instrumentale Intro verzückt. Danach dann das passende Selbstbekenntnis.

Zum Schluss der Kolumne möchte ich noch einen persönlichen ewigen Priest-Favoriten empfehlen. Hier habe ich mich nicht für einen der üblichen Verdächtigen à la „Breaking The Law“ entschieden. „Lochness“ ist eine der epischsten und intensivsten Metal-Balladen aller Zeiten.

Das Stück stammt von „Angel Of Retribution“, ist songwriterisch womöglich der stärkste Momente ihrer Karriere und eignet sich auch hervorragend für Leute, die sonst mit Heavy Metal eher wenig anfangen können.

Hätten sie diesen Bringer in ihrer frühen Glanzzeit mit einem Klassikeralbum im Rücken veröffentlicht, er logierte – darauf setze ich Uhr & Urkunde – längst auf Altarhöhe mit legendären Balladen-Kollegen der Sorte „Still Loving You“.

Lochness protects monstrosity…Lochness, confess to me.

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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