Südafrika nach dem Apartheidsregime – Die Hauswaffe von Nadine Gordimer

„Die Hauswaffe“ von Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer untersucht das Fortleben der Gewalt in Südafrika nach dem offiziellen Ende der Apartheid. Auch, warum nach 25 Jahren noch Enteignungen diskutiert werden, hilft der Roman verstehen.

gemeinfrei, Pixabay

Nadine Gordimer war eine der profiliertesten weißen Verbündeten im Kampf gegen das südafrikanische Apartheidsregime. Sie war Mitglied des damals noch illegalen African National Congress, ihre Bücher zeitweise verboten. Für ihr Werk erhielt sie 1991 den Nobelpreis für Literatur. Gordimer war immer eine politische Schriftstellerin, doch keine Pamphletistin. Ihre Romane beziehen Stellung, ohne die Welt (und die ist bei Gordimer fast immer das zeitgenössische Südafrika) platt in Gut und Böse aufzuteilen.

Derzeit wird in Südafrika eine weitreichende Landreform diskutiert, und im Westen zeigt sich mancher verstört: Wie kann man 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch über eine Enteignung weißer Farmer sprechen? Diese Dinge versteht sicherlich besser, wer unter anderem mit Gordimers Werk vertraut ist. Zum Landbesitz etwa heißt es in deren Roman Die Hauswaffe:

Für die Regierung war die Land Bank auch im wesentlichen eine politisch verankerte Möglichkeit, weißen Farmern Versicherungen zu verkaufen. Durch die Bank vergab die Regierung Darlehen, deren Rückzahlung niemand erwartete. Von den Landwirten, die per definitionem Weiße waren, weil Schwarze kein Land besitzen durften – sie erschienen nicht einmal in der Statistik –, von den weißen Farmern also wurde nur erwartet, dass sie sich durch politische Loyalität erkenntlich zeigten, als wichtige Wählergruppe.

Immer nah am Tagesgeschehen

Die Hauswaffe ist Nadine Gordimers zweiter Roman aus der Zeit nach der Überwindung des Apartheidssystems. Gordimer bleibt sich treu darin, politische Verwerfungen nicht mit Abstand, sondern aus nächster Nähe zu bearbeiten. Zu Zeiten des institutionellen Rassismus schrieb Gordimer über und gegen diesen. Nach 1994 weiterhin historische Apartheidsromane zu verfassen ist nicht ihr Ding. Piper hat den Roman im 20. Jahr seines Erscheinens neu aufgelegt.

Duncan Lindgard, der Sohn eines weißen Ehepaars aus der Ober- bis obere Mittelschicht (sie Arzt, er Versicherungsmakler) erschießt einen Freund, nachdem der mit der Freundin Duncans Sex hatte. Tatwerkzeug ist die „Hauswaffe“, eine Waffe, die in fast jedem Haushalt griffbereit vorhanden ist, um sich Einbrechern zu erwehren. Der Junge gibt die Tötung rasch zu. Doch die Gründe bleiben dunkel. Wirklich eine einfache Eifersuchtgeschichte? Eine „Rassensache“? Eine allgemeinere Gewalteruption, die auf das vergiftete Klima im Land und die einfache Zugänglichkeit von Waffen zurückzuführen ist? Spielen die Lebensumstände in dem schwarz-weißen, vornehmlich von Homosexuellen Männern bewohnten Gemeinschaftsprojekt eine Rolle, in das Duncan vor einiger Zeit eingezogen ist? Oder war es eine Kurzschlusshandlung, die ohne Hauswaffe mit ein paar Backpfeifen geendet hätte?

Gordimer inszeniert die Suche nach Gründen beinahe wie ein Theaterstück. Protagonisten der ersten Romanhäfte sind Harald und Caudia, Duncans Eltern, die naturgemäß kaum mit dem Geschehen zurande zu kommen. Haben sie, die den Jungen zu Toleranz, Freundlichkeit, Nachsicht usw. erzogen zu haben glauben, Fehler gemacht? Beide enthüllen sich als tief in ihrem eigenen Denken verfangen. Die Ärztin schafft es tatsächlich in erster Linie, Interesse für den Gesundheitszustand des Jungen im Gefängnis aufzubringen, betrachtet auch die Mordumstände und die Verhältnisse des Sohnes zu Freunden und Wohnumfeld leicht pathologisierend. Der Vater dagegen, von einem Tagebuch getrieben, indem er ein Dostojewski-Zitat entdeckt:

„Sie hätte sich längst ertränkt, wenn sie mich nicht gehabt hätte, das ist die Wahrheit. Vielleicht tut sie es nicht, weil ich schrecklicher bin als das Wasser.“

flüchtet sich in die von ihm geliebte Literatur, um den Sohn zu analysieren und analysiert dabei vor allem sich selbst.

Rassismus verschwindet nicht über Nacht

Immer wieder bricht hervor, wie wenig der Rassismus überwunden ist, der die Gesellschaft so lange geprägt hat. Obwohl Harald und Caudia viel darauf halten, nie Vorurteile gehegt zu haben, erfüllt sie die Wahl des schwarzen Anwaltes Hamilton Motsamai durch den Sohn mit großer Sorge. Sie rationalisieren das: Während der Apartheid konnten Schwarze nicht praktizieren, wenn sie Prozesserfahrung haben, dann aus dem Ausland. Und dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Rassismus schafft mit der Zeit reale, materielle Unterschiede. Hier deutet der Roman klar an, warum man die Beschäftigung mit dem Apartheidsregime nach dessen Abschaffung nicht einfach ad acta legen kann und warum es durchaus Gründe gibt, auch lange nach dessen offiziellem Ende noch Maßnahmen zur Wiedergutmachung der Verbrechen und des Nutznießertums zu ergreifen. Allerdings bleibt es dabei nicht. Harald und Caudia erlauben sich immer wieder auch offenkundig durch nichts mehr zu rationalisierende Zweifel am Anwalt, dessen Fähigkeiten jedoch bald all zu deutlich werden. .

Literarisch kommt die Behandlung des Rassismus leider manchmal ein wenig plump daher, so in Selbstkritiken und erzählerischen Reflexionen wie dieser:

Die Lindgards waren keine Rassisten, wenn Rassismus bedeutet, dass man Ekel vor einer anderen Hautfarbe verspürt und glaubt oder glauben möchte, dass jeder, der nicht die gleiche Hautfarbe, Religion oder Nationalität hat, intellektuell und moralisch minderwertig ist. Gewiss hatte Claudia ihre Beweise, dass Fleisch, Blut und Leiden unter jeder Haut gleich waren. Gewiss hatte Harald Beweise in seinem Glauben, dass alle Lebewesen Geschöpfe Gottes waren, nach dem Bildnis seines Sohnes, und keines über dem anderen stand. Dennoch hatte sich keiner der beiden einer Bewegung angeschlossen, sie hatten weder protestiert noch an Märschen teilgenommen oder ihre Überzeugung öffentlich verteidigt. Sie betrachteten sich einfach nicht als Menschen, die so etwas taten. Es war, als handelte es sich dabei um einen unveränderlichen Faktor, wie die Blutgruppe, und nicht um Mangel an Mut. Claudia arbeitete in den Krankenhäusern und verband die Wunden, die der Rassismus geschlagen hatte. Aber sie riskierte nicht den eigenen Kopf, indem sie außerhalb der berufsbedingten Kontakte mit den schwarzen Männern und Frauen, die sie behandelte, Kontakt aufnahm.

Subtiler wäre kraftvoller

Auch wenn einzusehen ist, dass ein politischer Roman nicht zu subtil sein möchte, aus Angst das Publikum nicht mitzunehmen: Ich denke, hier wird das Publikum unterschätzt. Auch in Worten und Handlungen hätte das gezeigt werden können, und vielleicht effektiver. Zum Glück ist die Handlung an sich spannend genug, wird konzentriert entwickelt, bleibt gleichzeitig rätselhaft und doch nachvollziehbar, als dass solche Passagen wenig stören. Dennoch schreit Die Hauswaffe, das mit Ausnahme der reflexiven Passagen ja bereits so dramatisch daherkommt, eigentlich nach einer Realisierung auf der Theaterbühne.

Aber auch als Roman ist Die Hauswaffe zu empfehlen, und nicht nur Lesern, die sich mit dem Post-Apartheids-Südafrika auseinandersetzen möchten. Denn Gordimers Werk zeigt exemplarisch, dass die Aussage, das Private sei politisch, keine platte Parole ist. Sondern das notwendig vereinfachte auf den Begriff bringen gesellschaftlicher Verhältnisse. Was gerade nicht heißt, dass Gordimer einen Thesenroman verfasst hätte: Das Private wird nicht einfach durchgestrichen – der Mord sogar als sehr privat enthüllt. Gesellschaftliche Gründe entschuldigen nicht das persönliche Handeln, sie helfen es zu erklären. Und Staatsanwalt und Verteidiger zeigen sich im zweiten Teil des Romanes, der den Prozess aufrollt, sehr flexibel darin, je nach taktischer Lage politische oder persönliche Argumente ins Feld zu führen.

So bleibt es denn dem Leser auch weitgehend freigestellt, ob und welchen Ausführungen zwischen Eltern, Anwälten und endlich auch dem Beschuldigten man folgen möchte. Die Hauswaffe ist zwar vordergründig als auktoriale Erzählung verfasst, Real jedoch durchgehend auf das Denken und Fühlen und Handeln einzelner Protagonisten fokalisiert.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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