Die perfekte Nationalhymne

Die Nationalhymne ist wiedermal in der Diskussion. Text ändern? Abschaffen? Jörg Friedrich sucht nach einem neuen Text

Wollen keinen neuen Text lernen: CDU-Wahlkämpfer. Foto: Claas Augner. Lizenz: CC BY 2.0

Immer wieder kommt die Nationalhymne ins Gerede. Neuerdings wird vorgeschlagen, den Text geschlechtsneutral umzuformulieren. Bei der Gelegenheit drängt sich natürlich die Frage auf, ob man nicht eine völlig neue Hymne schreiben könnte – wenigstens der alte Text könnte ja mal durch einen modernen ersetzt werden.

Wozu überhaupt eine Nationalhymne?

Natürlich melden sich auch Stimmen, die für die Abschaffung der Hymne überhaupt eintreten. Für sie ist die Hymne, wie auch die anderen Symbole des Nationalstaats, ein Relikt aus der Zeit, in der Staaten Kriege gegeneinander führten – am liebsten würden sie mit der Hymne auch die Nationalfarben und Wappen oder gleich den ganzen Staat abschaffen.

Es wäre zumindest eine sehr unpraktische Angelegenheit, wenn Deutschland beschließen würde, auf staatliche Symbole ganz zu verzichten. Hier und da, sei es bei Treffen von Regierungschefs oder bei sportlichen Großveranstaltungen, zeigen alle Länder Flagge, werden die Nationalhymnen gespielt. Ein Land, welches darauf verzichtet, spielt nicht richtig mit, fällt aus der Rolle, grenzt sich aus.

Es klingt vielleicht paradox, aber das Nutzen staatlicher Symbole grenzt nicht aus, sondern verbindet. Jeder sagt, wo er her kommt, wo er sich zugehörig fühlt. Und es ist nun mal unter Menschen Konsens, dass sie irgendwo hingehören, dass sie sich einer Tradition, einer Gegend, einer Kultur verbunden fühlen. Ob der Nationalstaat da immer die optimale Klammer ist, sei dahingestellt, aber er ist schon mal ein Anhaltspunkt, aus welcher Gegend jemand stammt, und damit auch, zu welcher Tradition und Kultur er gehört.

Während die anderen staatlichen Symbole, Flagge in Nationalfarben und Wappen, eine eher zufällige Gestalt haben, deren Bedeutung sich jedenfalls nicht ohne weiteres erkennen lässt, kann der Text einer Nationalhymne ein paar Kernaussagen zur Sprache bringen zum Selbstverständnis der Menschen, die diesen Text zu ihrer Nationalhymne gemacht haben. So kann man dann auch in den verschiedenen Abstufungen vom Inbrünstig-Singen über das Mit-Murmeln und Lippen-Bewegen bis hin zum Schweigen ein bisschen erkennen, wie wichtig dem Einzelnen diese Identifikation mit der Herkunft ist. Deshalb ist ein Text für eine Nationalhymne auch für die wichtig, die die Zugehörigkeit zur Nation eigentlich ablehnen – wie könnten sie besser zeigen, dass sie nichts damit zu tun haben wollen, als im Schweigen, wo alle anderen singen?

Der Text der Hymne

Wir könnten einen Wettbewerb für einen neuen Hymnentext für die deutsche Nationalhymne ausschreiben. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mich an einem solchen Wettbewerb beteiligen würde, was für einen Text würde ich zu schreiben versuchen?

Der Text müsste ein paar Sachen aufzählen, die an dem Land, welches er preist, lobenswert sind. Das können die Natur, die Landschaft und ihre Vielfalt sein, es können auch die kulturelle Tradition und die Leistungen vergangener Generationen sein, mit denen alle Bürger irgendwie aufwachsen.

Also: Meere, Seen, Flüsse und Berge, Burgen und Schlösser, Ländliches und Urbanität. Dann Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Industrie. Das Denken und das Dichten, das Planen und Bauen.

Sodann müsste die Hymne ausdrücken, was den Leuten hier wichtig ist. Verbundenheit und Freundschaft zu anderen, Einbindung in Europa, aktive Rolle zum Nutzen der Weltbevölkerung.

Eine Hymne muss natürlich auch spezifisch sein, ein Text, der auf alle Völker passen kann, taugt nicht zur Nationalhymne.

Schließlich muss so ein Hymnentext klar, verständlich und leicht mitzusingen sein. Nicht akademisch, sondern emotional. Deshalb werde ich als Philosoph auch keinen Preis in diesem Wettbewerb gewinnen, und meine Versuche, eine Hymne zu dichten, behalte ich lieber für mich.

Aber wer weiß, vielleicht fühlen Sie sich jetzt herausgefordert, die ideale deutsche Nationalhymne zu dichten. Haben Sie Mut! Für einen nachhaltigen Ruhm kann man kaum was Besseres tun, als dem Heimatland couragiert eine Hymne zu dichten!

Jörg Phil Friedrich

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

More Posts - Website

Follow Me:
Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen