Das Tannhäuser Tor zum zweiten Mal geöffnet

Henning Hirsch schaut sich den Blade Runner 2049 an und sagt am Ende: Diese Fortsetzung wäre besser nie gedreht worden

Bild: pixabay

»Du schaust doch gerne Science Fiction«, sagt meine Bekannte gestern Abend am Telefon.
»Ja. Muss aber ein guter sein.«
»Dann empfehle ich dir den Blade Runner. Der ist wirklich super.«
»Den habe ich schon ein Dutzend Mal gesehen.«
»Nicht den alten. Den neuen. Der ist spitze. Tolle Bilder, düstere Atmosphäre: Der wird dir gefallen.«

Nun ist das mit Fortsetzungen erfolgreicher Filme so ne Sache. In 95% der Fälle geht der Versuch schief, und Teil 2 reicht nicht annähernd an das Original heran. Gibt Ausnahmen, aber nur sehr wenige. Spontan kommen mir einzig Alien und Terminator in den Sinn. Auch der Pate, klar. Aber der war als Familienepos von vornherein als Trilogie angelegt gewesen.

Ich zappe in Amazon hinein, und das System – so als ob es unsere Unterhaltung belauscht hat – schlägt mir sofort Blade Runner 2049 vor. Aktuell im Angebot: 4.99 Euro. Für einen recht neuen Film ist das wirklich nicht teuer, ich klicke spontan drauf, mache es mir mit Coke Zero und belegten Broten auf dem Sofa bequem und registriere noch, während die Titelmelodie ertönt, dass der Streifen knapp drei Stunden dauert. Das ist lang, überlege ich, der Vorgänger kam mit zwei aus. Dann lasse ich mich in die Handlung reinziehen.

Die Jagd auf die Androiden geht weiter

Die ist schnell erzählt: Los Angeles 2049. 25 Jahre nach dem Kollaps der Ökosysteme sind Flora und Fauna von unserem Planeten verschwunden. Kein Sonnenstrahl durchdringt die dichte Wolkendecke. Abwechselnd ist es staubig, oder es regnet oder Schnee fällt vom Himmel. Die Menschen ernähren sich mittels eines Proteinpulvers, das man durch industrielles Zermahlen von Insekten gewinnt. Überbevölkerung, Wohnungsnot, Elendskriminalität, an jeder Ecke verfügbarer schneller Sex prägen das Stadtbild. Die Highways sind verwaist und verrotten, da die Fortbewegung seit vielen Jahren auf dem Luftweg erfolgt.

Bisher nichts Besonderes denke ich. Wurde alles schon hundert Mal in anderen Filmen thematisiert.

Nach wie vor gibt es Replikanten, die für die Menschen die Drecksarbeit erledigen. Hergestellt von der Wallace Corporation, die ebenfalls die Nahrungsmittelproduktion kontrolliert. Im Unterschied zu ihren Vorläufern aus der Zeit vor der Apokalypse sind die modernen Kunstwesen jedoch friedliebend und mit einem automatischen Time Out versehen. Da einige der älteren Modelle (Nexus 8S) untergetaucht waren, denen man jedoch nach wie vor Umsturzpläne zutraut, wird Jagd auf die gemacht. Das LAPD hat dafür eine Sondereinheit gegründet. Ryan Gosling spielt den Blade Runner 2.0 mit Namen Officer K, spürt die Rentnerandroiden auf und eliminiert sie. Tut also exakt dasselbe wie sein Vorgänger Deckard (Harrison Ford) mit dem Unterschied, dass K selbst kein Mensch ist. Bei einem Einsatz entdeckt K eine geheimnisvolle Kiste, in der menschliche Knochen aufbewahrt werden. Die Analyse im Polizeilabor führt zu der Vermutung, dass es sich bei dem Skelett-Puzzle um eine vor dreißig Jahren bei der Geburt ihres Kindes gestorbene Replikantenfrau handelte. Fortpflanzung dieser Spezies war nie vorgesehen gewesen, wurde von der Wissenschaft auch als unmöglich angesehen. Um hier keinen Präzedenzfall zu schaffen, erhält K den Auftrag, Vater und Kind zu finden und beide zu liquidieren.

Er beginnt seine Ermittlungen im Archiv des Wallace-Konzerns, wo man ihm aufgrund der dürftigen Aktenlage – nahezu sämtliche Informationen aus der Zeit vor der großen Naturkatastrophe sind zerstört – nicht weiterhelfen kann. Firmenchef Wallace interessiert sich ebenfalls für die Angelegenheit, verspricht sich von sich selbst reproduzierenden Replikanten ein Milliardengeschäft. Er setzt seine beste Agentin auf die Sache an.

Über die Zwischenstationen Kinderfabrik und Erinnerungslabor kommt K dem potenziellen Vater auf die Spur. Er stöbert ihn in einem Hotel in Las Vegas auf, wo er endlich dem seit über zwei Jahrzehnten verschollenen Deckard gegenübersteht. Ein typischer Harrison Ford: grantig, misstrauisch, rauf- und schießlustig. Synthetischen Whiskey trinkend und dabei Elvis-Presley-Schnulzen hörend.

Mehr soll an dieser Stelle nicht berichtet werden, denn vielleicht will der ein oder andere Leser den Film ja noch anschauen und da ist es immer blöde, wenn man das Ende schon vorher verraten bekommt.

Zu viel Atmosphäre, zu wenig Story

Als nach knapp drei Stunden endlich Schluss ist, gähne ich herzhaft, denn ich fand den Streifen langweilig. Das Original kam mit 117 Minuten aus, wurde flotter erzählt und war vor allem eins: innovativ. Das Replikantenthema – entnommen dem Roman „Träumen Androide von elektrischen Schafen?“ aus der Feder von Philip K. Dick – war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, 1982, noch neu und unverbraucht. Regisseur Ridley Scott übernahm dabei Elemente des Film noir, zeichnete eine düstere Dystopie. Das Werk gilt als Geburtsstunde des Genres Cyberpunk.

Unvergessen die darin gesprochenen Sätze:

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Tannhäuser-Tor. All diese Momente werden verloren sein… in der Zeit, so wie… Tränen im Regen.

Wenn du mit deinen Augen sehen könntest, was ich gesehen habe, mit deinen Augen.

Wir wussten nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Aber egal, wer tut das schon.

Harrison Ford als kauziger Blade Runner, der sich in die Replikantin Rachel verliebt. Rutger Hauer in der Rolle seines Lebens als den Menschen den Krieg erklärender, wasserstoffblondgefärbter Androidenrebell Roy, die an eine Punk-Barby erinnernde Daryl Hannah als seine Geliebte Pris. Joe Turkel spielt den profitorientierten und skrupellosen Unternehmer Tyrell, der Kunstmenschen erschafft und sie im Bedarfsfall emotionslos eliminieren lässt. Eine schnörkellose Geschichte, linear erzählt, ohne philosophischen Schnickschnack, spannend von der ersten bis zur letzten Minute.

Was man vom Nachfolger jetzt nicht behaupten kann. Der zieht sich arg in die Länge, schwelgt in dunklen Bildern, lässt Ryan Gosling ungezählte Male schweigend in die Kamera schauen, zeigt in Großaufnahme seine Hände im Regen, im Schnee, arbeitet mit Erinnerungen und Traumsequenzen, versucht krampfhaft, mehrere mögliche Zukunftsprobleme unter einen Hut zu bekommen, und verliert bei der Überbetonung des Atmosphärischen das Wichtigste aus dem Auge: eine gute Story auf Zelluloid zu bannen. Die Handlung plätschert dahin, und auch das Ende befriedigt nicht. Der groß angekündigte Aufstand der Replikanten bleibt aus. Entweder vor lauter anderen wichtigen Themen vergessen, oder weil noch ein Teil 3 nachgeschoben werden soll. Falls dies der Plan sein sollte: bloß nicht!

Film ohne individuelles Profil

Innovationen in Blade Runner 2049: Fehlanzeige. Insektenpaste kennt man aus 2022, die überleben wollen. Die ökologische Apokalypse ist nun auch nicht gerade neu.  Überbevölkerung und Wohnungsnot werden in zahllosen Scifi-Streifen abgefrühstückt. Manipulierte Erinnerungen und mit Raumschiffen durchs Fenster reinsegelnde Polizisten gibt’s in Total Recall zu bestaunen.

Bis gestern noch nicht gesehen hatte ich eine Liebesbeziehung zwischen einem Androiden und einem Hologramm. Dieses Gimmick wird allerdings gnadenlos ausgeschlachtet, in ständig neuen Variationen präsentiert, sodass es bei der dritten Einblendung völlig seinen Reiz verliert.

Von Regisseur Denis Villeneuve (Enemy, Prisoners, Sicario) hätte ich mir ein besseres Produkt versprochen als sowas Halbgares wie Blade Runner 2049. Ob am Drehbuch gespart wurde, man sich zu sehr auf die Überzeugungskraft der Bilder verließ, Ridley Scott als Produzent Einfluss auf die Arbeit nahm und kontraproduktive Anleihen beim Original vorschrieb? Mir ohnehin nicht klar, was den Altmeister seit einiger Zeit reitet, die Qualität seiner in den späten 70ern und frühen 80ern erfolgreichen Werke Alien und Blade Runner nun durch vierzig Jahre später auf den Markt kommende Prequels und Sequels zu verwässern. Angst vor Altersarmut wird ihn nicht treiben. Vermutlich gibt er sich der irrigen Annahme hin, dass die Kinogänger seit Jahrzehnten danach fiebern, endlich erfahren zu dürfen, wie die Geschichte weitergeht. Nein, haben wir nie getan. Für mich waren sowohl Alien als auch der Blade Runner damals in sich abgeschlossene Stories gewesen.

Blade Runner 2049 fällt deshalb in die Kategorie: Fortsetzung, die besser nie gedreht worden wäre. Jetzt muss ich das bloß noch meiner Bekannten erklären, denn die war ja von dem (Mach-) Werk total begeistert .

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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