Wer nen Puff sucht, wird einen finden

Henning Hirsch trifft seine Schulfreundin Vera und diskutiert mit ihr über Prostitution Pro & Contra

Bild: pixabay

»Du schreibst doch gerne schlaue Sachen«, meinte Vera, als wir uns vergangene Woche mal wieder auf eine Tasse Kaffee im La Strada am Kölner Hohenzollernring trafen.
»Was genau willst du von mir?«, fragte ich vorsichtig; denn an ihrem Blick konnte ich erkennen, dass sie mir einen Auftrag erteilen wollte.
»Wie wär’s zur Abwechslung mit einer Kolumne zum Thema Prostitution? Mal was anderes als ständig dieses Wie-werde-ich-Abstinenzler-Mimimi. Ich würde dich auch mit Infos versorgen.«
»Ich überleg’s mir«, sagte ich.

Vera und ich kennen uns seit unserer Schulzeit. Genau genommen Herbst 75 aus der Pfarrdisco Sankt Joseph, die jeden Sonntagnachmittag im Kellerraum unter dem Gemeindezentrum an der Venloerstraße stattfand. Ich hatte mich als damals Dreizehnjähriger nach dem zweiten I’m-not-in-love-Engtanzblues unsterblich in sie verliebt. Vera ließ mich abwechselnd ein bisschen an ihr rumfummeln, dann wieder zappeln, und als ich 14 Tage später meinen ganzen Mut zusammennahm und ihr meine Gefühle gestand, schaute sie mich erst erstaunt, dann lächelnd an, bevor sie erklärte: »Das ist echt lieb von dir. Aber du bist ein 8t-Klässler, pickelübersät und kannst noch nicht mal richtig küssen. Was soll ich mit dir?«. Danach streichelte sie mir wie einem kleinen Bruder über den Kopf und stieg auf den Rücksitz eines von einem Abiturienten gesteuerten Mopeds. Das war meine erste Lektion in Punkto unerwiderte Liebe gewesen. Ich schlief ein paar Nächte unruhig und bekam Vera lange nicht aus meinem Kopf heraus. Ihr und mein Weg kreuzten sich Anfang der 80er Jahre erneut im Kölner Eroscenter, wo sie am Tresen des Kontakthofs auf Kunden wartete, um sich Geld fürs Jurastudium dazuzuverdienen. Aber davon berichte ich ein anderes Mal, denn dieser Text soll ja eine Kolumne und keine Autobiografie werden.

Männliche Promiskuität als Auslöser

Prostitution ja oder nein? Diese Frage scheidet seit Jahrhunderten die Geister. Nachdem Frankreich vor zwei Jahren beschloss, die Kunden mit hohen Geldstrafen zu belegen, gibt es auch bei uns immer lauter werdende Stimmen, die dasselbe fordern. Gemäß dieser Vorstellung stellt der Freier die Ursache allen Übels dar. Drosselt man die Nachfrage, sinkt in der Konsequenz ebenfalls das Angebot. Klingt beim ersten Zuhören plausibel, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als populistische Scheinlösung.

Das Verlangen nach Sex und Intimität ist ein menschliches Grundbedürfnis. Zwar weniger stark ausgeprägt als Essen, Trinken und Schlafen; aber sicher auf derselben Ebene wie der Wunsch nach dem Freitagabendrausch anzusiedeln. Reduziert man nun die Möglichkeiten, diesem Trieb nachzugehen, was passiert dann? Bzw. wird Prohibition zum gewünschten Ergebnis führen?

Der norwegische Historiker Nils Johan Ringdal führt in seinem hochinteressanten Buch  „Die neue Weltgeschichte der Prostitution“ einige Aspekte ins Feld, über die es nachzudenken gilt, bevor man zum abschließenden Urteil „ja oder nein“ gelangt:

Männer sind von Natur aus promisker als Frauen … in den Hochkulturen des Westens wie des Ostens ist Prostitution die vorherrschende Lösung des gesellschaftlichen Dilemmas männlicher Promiskuität gewesen.

Prostitution ist nicht universell, es gibt sie nicht in allen Gesellschaften. Dennoch gab es für den Verkauf von Sex immer schon einen breiten Kundenstamm.

Etwas weiter im Text stellt der Historiker die Frage:

Ist Bertolt Brechts Definition, Prostitution sei sexuelle Sklaverei wirklich so zutreffend, wie es zunächst scheint?

Als Ringdahl seine Huren- & Bordell-Weltgeschichte im Jahr 1997 veröffentlichte, ahnte er vermutlich bereits, was bloß zwei Jahre danach im schwedischen Riksdag auf der Tagesordnung stand und mit großer Mehrheit des Parlaments beschlossen wurde: Unter Strafe stellen des Sexkaufs, was einem Prostitutionsverbot gleichkam. Ausgehend von zwei Annahmen:
(1) Die Frauen werden zu diesem Job gezwungen, entscheiden sich nicht freiwillig für das Gewerbe
(2) Keine Nachfrage mehr -> Angebot wird hinfällig.

Feministinnen Hand in Hand mit bibeltreuen Christen

So weit, so gut bzw. schlecht. Denn was passiert, wenn eine Institution (Staat, Kirche) versucht, ein menschliches Grundbedürfnis mit einem Komplettbann zu belegen? Es wird sich andere Möglichkeiten zur Befriedigung suchen. Die können heißen: Kontaktanbahnung im Internet, Hinterhofbordelle, Kauf der Dienstleistung im Ausland. Alle drei für Polizei, Gesundheitsamt und Streetworker sehr viel schwerer zu überblicken, als wenn die Angelegenheit legal geblieben wäre. Obwohl man sich an den Fingern einer Hand zusammenzählen kann, dass genau das die Konsequenzen der Puffschließungen sein werden, lässt sich Schweden von Abolitionisten und Frauenrechtlern gerne für seine Vorreiterrolle bei der Schleifung der geschlechtsbedingten Ungerechtigkeiten abfeiern, veröffentlicht jedoch keine belastbaren Zahlen, die einen tatsächlichen Rückgang der Prostitution bzw. dem Bedürfnis, diese in Anspruch zu nehmen, belegen. Ich persönlich halte das für neovictorianische Doppelmoral.

Hydra, BesD und BSD: Expertinnen melden sich zu Wort

Sehr viel sinnvoller ist der Weg, den die drei deutschen Interessenvertretungen Hydra, Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen und der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen einschlagen. Die Kernanliegen lauten:
– Beendigung der Stigmatisierung
– Gewalt gegen Sexarbeiterinnen ist genauso strafrechtlich zu verfolgen, wie das auch bei anderen Bürgern geschieht
– Selbstbestimmte Berufswahl
– Maßnahmen gegen Menschenhandel
– Entwicklung von Berufsstandards
– Hygienische und gesundheitliche Rahmenbedingungen
– Arbeitsschutz
– Gleichstellung mit anderen Gewerbetreibenden
– Aktive Beteiligung der Sexarbeiterinnen an gesellschaftlichen Debatten, bei denen über das Thema Prostitution diskutiert wird.

Anders als in Schweden nahmen die Sexarbeiterinnen bei uns Einfluss auf sie betreffende Entscheidungen der Legislative. In der Folge wurden zwei Gesetze verabschiedet:
(a) Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz/ ProstG), 2002
(b) Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (Prostitutionsschutzgesetz/ ProstSchG), 2017.

Abgesehen von Streitpunkten wie beispielsweise der Anmeldepflicht unter Klarnamen und dem ständigen Mitführen der behördlichen Anmeldebescheinigung (im Milieu auch „Hurenausweis“ genannt), bedeuten die beiden o.g. Gesetze v.a. die Stärkung der sozialen Situation von Prostituierten. Praktisch ausgedrückt: die Möglichkeit, in die Sozialsysteme einzuzahlen, Krankenversicherung, regelmäßige Gesundheitschecks, Kondompflicht, der Sorge entbunden sein, bei einer Razzia ständig mit einem Bein im Knast zu stehen, Berufsausübung ohne Zuhälterbeteiligung. Ob das immer und überall funktioniert, sei jetzt mal dahingestellt. Die Zielrichtung ist jedoch die richtige: Normalisierung der (freiwilligen) Dienstleistung Sex.

Der Einwand, dass Prostitution mit Zwang und Menschenhandel zu tun hat, ist ein gravierender. Denn natürlich darf niemand zu diesem Beruf gezwungen oder gar aus seiner Heimat hierhin verschleppt werden, um schlecht bezahlt in einem Bordell oder auf dem Straßenstrich anzuschaffen. Allerdings sind diese beiden Tatbestände ohnehin verboten (StGB: §232, speziell: 232a), gibt es ebenfalls eine Menge Sexarbeiterinnen, die diese Profession freiwillig und gerne ausüben; und außerdem ist überhaupt nicht sichergestellt, dass die Prohibition den (unfreiwilligen) Zustrom von Frauen aus Osteuropa, Afrika und Fernost unterbindet. Das Gegenteil steht zu befürchten: Die Zwangsprostitution wird sich bei einem Komplettbann noch tiefer in den Untergrund zurückziehen, noch unsichtbarer machen, und ist in der Konsequenz kaum überwachbar. M.E. erweisen die Befürworter des Prostitutionsverbots der berechtigten Sache der in diesem Metier arbeitenden Damen einen Bärendienst. Die Folge werden zunehmende Kriminalisierung des Gewerbes und ein Anstieg sexueller Übergriffe im Alltagsleben sein, weil das Regulativ (legaler) Bordellbesuch fehlt.

Verengter Prostitutionsbegriff führt zu voreiligen Schlussfolgerungen

Mir persönlich leuchtet auch nicht ein, weshalb sich der Kampf gegen die Prostitution stets auf Bordelle und den Straßenstrich verengt. Was ist mit Teilzeit-Escort-Callgirls/ -boys, Frauen & Männern, die einen vermögenden Witwer/ eine reiche Witwe heiraten, obwohl sie ihn/ sie überhaupt nicht lieben, Mitarbeitern, die mit dem Chef/ der Chefin ins Bett gehen, um sich berufliche Vorteile zu verschaffen, dem Mann, der einer Frau für eine gemeinsame Nacht einen Diamantring in Aussicht stellt? Ist nicht all das ebenfalls Prostitution? Falls ja: weshalb erachten wir diese Varianten für legal, während das schnelle Geschäft Blowjob für einen Fuffi unter Strafe gestellt werden soll?

Die Bezahlsex-Prohibition ist ein Placebo. Entwickelt, um dogmatische Feministinnen und lustfeindliche Kirchenkreise zu beruhigen. Allerdings wird dadurch weder das Grundbedürfnis auf „Ich möchte heute Abend einen Orgasmus haben, mir fehlt jedoch der Partner dafür“ obsolet, noch lässt sich die Zwangsprostitution deutlich eindämmen. Vom Aspekt der ständig überbuchten Charterflüge nach Bangkok, wo man dann in thailändischen Clubs die Puppen tanzen lässt, ganz zu schweigen.

Um mit den Worten Veras zu schließen: »Wer nen Puff sucht, wird einen finden«.

PS. über die Idee, kommunal betriebene Etablissements einzurichten, ist bisher viel zu wenig nachgedacht worden. Sicherheit und Sauberkeit wären garantiert. Und ich bringe mein Erspartes ja sehr viel lieber zu einer Sexamtsfrau, als es bei einer Steuerinspektorin zu lassen.

Weiterführende Literatur:
Nils Johan Ringdahl: Die neue Weltgeschichte der Prostitution, 1997 (in Deutschland 2006 beim Piper Verlag erschienen).

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Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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