Heimat, Deine Sterne

Ein Ministerium für Onkel Menne: Kolumnist Wolfgang Brosche freut sich mit Horst Seehofer und blickt auf einen besonders heimatverbundenen Verwandten zurück.

Jäger mit Hund gemeinfrei

Ich hatte einen Onkel Menne. Eigentlich einen Großonkel und noch eigentlicher hieß er Josef…

By the way – Zarah Leander erzählt in ihren Memoiren, daß Goebbels sie als Schutzherr des deutschen Filmes zum Tete-a-tete eingeladen hatte, bei dem sie seinen Annäherungen – ich kann mir Goebbels wie einige AfD-Leute nur mit Mundgeruch und Knize-Aroma vorstellen – geschickt auswich. Mißmutig soll er darauf geknurrt haben; „Ihr Vorname, Frau Leander…Zarah!…klingt doch ein wenig jüdisch!“ Worauf sie ihm schlagfertig antwortete: „und der Ihre, Herr Minister, Joseph?“

Wie dem auch sei, mein Onkel hieß schon Menne, lange bevor Goebbels Minister wurde. Er war geboren kurz vor dem ersten Weltkrieg auf dem Ükern, einem Armeleute- und Kneipenviertel in Paderborn, in Sicht-und Hörweite (Bim-Bam – stündlich!) des katholischen Domes. Hier lebten Tagelöhner. Ihre Frauen und Töchter wuschen den Offizieren der Paderborner Reitschule die Wäsche in der „Warmen Pader“, die tatsächlich kaum mehr als 15 Grad hatte. Aber das gilt in Paderborn schon als warm! Weswegen ich später dort auch größere Schwierigkeiten bekam.

Mußte man ein Kind abtreiben, das womöglich aus einem „Krösken“ zwischen Wäscherin und Husar entstanden war (nein, nein – das geschah natürlich nie, Kinder waren doch ein „Donum vitae“ und „fraßen gleichwohl die Haare vom Kopf, die Blagen“) dann nahm frau im „Kaiser-Karlsbad“ heiße Wannenbäder, in der Hoffnung, es ginge was ab. So war Mennes Schwester, meine Oma, schwanger geworden und geblieben, denn das Bad machte sie nur von außen sauber. Innen glaubte sie sich schmutzig, wie sich das in Paderborn gehörte, ihr verhärmtes kurzes Leben lang. So starb sie also 40 Jahre nach der Geburt im Kindbett.

Menne hätte so etwas nicht passieren können (als Mann, klar) er war ja kein Weißwäscher und auch sonst nicht helle, deshalb ist er ungerührt über 80 geworden. Er gehörte zu denen, die drei Mal in der Volksschule sitzenblieben und trotzdem nicht die Lehrerin heirateten, das wäre etliche Etagen zu hoch gewesen, eine gebildete Ehefrau und schlug sich mit Hilfsarbeiten durch, bis die Arbeitsmannzeit kam. Sein Führer verschaffte ihm einen Klappspaten, Lohn und Beschäftigung… Er freute sich auch, daß der uneheliche Sohn seiner Schwester eine richtige Familie bei der Hitlerjugend fand, die ihn, so meinte er, ohne Ansehen der Person aufnahm und den Jungen in Uniform auf Ferienfreizeiten mit Paddelbooten, Kriegsspielen, Kartoffelgulasch und Märschen schickte. Ja, es ging sauber und schmackhaft zu in der Zeit und man wusch sich abhärtend mit kalten Paderwasser. – Aber das sind andere Geschichten.

Und dann mußte die deutsche Heimat in Frankreich verteidigt werden. Es wurde für Onkel Menne die beste Zeit seines Lebens, hat er noch viele Jahre später geschwärmt. Aus jenen Jahren stammte auch sein Lieblingslied. „Heimat, deine Sterne!“ Er summte es bis in seine späten Tage, wenn er nicht gerade als Unteruffz der Paderborner Schützen was zu tun hatte. Heimatpflege nannte er das: wieder Marschieren wie damals oder Bierfässer zu seiner Schützenkompanie transportieren, sein Holzgewehr neu lackieren oder seine Orden polieren – Schützenorden, versteht sich. Andere hatte ihm das Leben nicht gegönnt. Doch ehrlich gesagt wäre es ja immer bloß Blech gewesen – aber er liebte halt seine Orden wie seine Stocknägel, die er später sammelte.

In Frankreich hatte er Glück, er kam nicht an die Front, sondern zum Train in Paris. Er mußte Fourage und verwalten. Besorgen hätte ihn schon überfordert. Ach, er verdrehte die Augen, wenn er diese Zeit, leicht beduselt von Korn und Schützenfestbier, pries. Nur in diesem Zustand wagte er es dann auch laut den Führer so viele Jahre nach dem Krieg zu loben, der ihm das alles ermöglicht hatte. Ja, noch mehr – er und seine Gattin Tilde, die noch mehr Korn vertrug als ihr Mann, weil sie weitaus korpulenter war – ihre Nachkriegsfreßwelle dauerte bis in die 80er – getrauten sich dann im besäuselten Zustand (Mancher AfD-Recke, der allerdings weitaus hagerer ist, sagt sowas auch nüchtern), zu behaupten, daß es in diesen Sozi-Brandt-Wehner-Schmidt-Zeiten nicht schaden würde, wenn es wieder einen kleinen Diktator gäbe. Mußte nicht der Große sein. Wenn ich dann in meiner Tertianerdummheit etwas vom KZ dagegen hielt, dann kriegte ich wie einen Klaps auf den Hinterkopf gesagt, ja, das mit den Juden, das hätte der Führer so auch nicht machen müssen, aber die Juden hätten sich auch zusammennehmen sollen. Sonst ist es uns als Deutschen eigentlich gutgegangen. Nach dem Krieg haben wir mehr gehungert, da waren die Tommies und Amis mit ihren Vorschriften dann schuld. Und über solche Sachen wie das KZ wollen wir nicht mehr reden, das verdirbt und die Feierlaune und irgendwann muß doch einmal Schluß sein damit!

Im Übrigen wählten beide stramm CDU, wie das in Paderborn Tradition war und liebten Rainer Barzel; der war heimatverbunden. Ich frühlinke Socke verbreitete auf dem Schulhof den sinnlosen Spruch: „Es hilft kein Jammern und kein Klagen, wer A sagt, muß auch B-arzel sagen.“…und wurde dafür vom Direktor, im CDU-Ortsvorstand (rebellisch nannten wir ihn „Vorsteherdrüse“), gerügt. Er extemporierte gerne von den Traditionen der Adenauer-Erhardt-Partei, Lübcke unterschlag er in seinen Elogen, im Geographieunterricht, den er, ohne eigene Kenntnisse, wegen Lehrermangels übernahm.

„Jungs, das ist Südamerika, was ihr da auf der Karte seht. Ich kannte sogar mal einen, der nach dem Krieg nach Chile ausgewandert ist. Viel größer als unsere Heimat; ansonsten ein ganz gutes Gebiet! Und natürlich sind die Anden höher als der Teutoburger Wald, aber schöner sind die deutschen Alpen!“ Ich schwöre, daß so sein Unterricht verlief. Latein bei ihm war noch schlimmer. Nur einmal half mir sein Lateinunterricht; aber eher unfreiwillig, sozusagen. Er ließ uns den Spruch, der auf einem Brunnen am Domplatz vor einem Prälatenpalast eingemeißelt war, übersetzen: „Nova ruinis redita vita“ – „Das gilt“, so der Direx, „besonders für unsere Heimatstadt!“ – In homöopathischen Blechdosen begann ich langsam zu begreifen.

Ach ja, zurück zu Onkel Menne…manchmal glaube ich, daß die Männer meiner sogenannten Heimatstadt alle eine zweifellose Ähnlichkeit mit ihm hatten… Menne also war es staunenswert, daß ich es gewissermaßen noch weiter gebracht hatte als er nach Paris: immerhin aufs Reismanngymnasium, das Zweitbeste der Stadt. Für ihn war sein Train-Parisaufenthalt die einzige Fernreise seines Lebens. Später kam er nur noch – drei Mal sogar – bis zum Titisee und brachte als Souvenir Stocknägel mit und ein grobgeschnitztes Schlüsselbrettchen mit Heimatpanorama und hohen Tannen aus dem Schwarzwald.

Aus Paris brachte er schönste Erinnerungen mit: jedenfalls in der ersten Zeit versiegte, wie er berichtete, der Cognac nie. Wein war für den Ostwestfalen nie so seine Sache…und französisches Bier schmeckte nicht, jedenfalls nicht so wie das Paderborner.

In meiner Kindheit lag immer donnerstags und freitags der Maischegeruch des neu angesetzten Bieres über der Stadt – die Brauerei befand sich wie der katholische Dom, damals mittendrin. Das süßlich-aasige Gebräu ist mein „Heimatgeruch!“

Mit Bier verbinde ich auch erste Zoten. Onkel Menne raunte mir, dem gerade mit der Pubertät Loslegenden, wenn Tante Tilde gerade nicht da war, mit seinem Gerstensaftatem zu, „die Weiber da in Paris, die hatten was drauf. Wir waren einmal in so einem besseren Puff, hat uns fast den Monatssold gekostet. Da war eine….“, ob er mit ihr in die Kiste ist, hat er natürlich nicht gesagt, wahrscheinlich hat er sich gar nicht getraut – französische Gonokokken, wie der Sani ihn gewarnt hatte – aber ein Augenerlebnis hatte er wohl, fern der Heimat – „das machen deutsche Frauen nicht: die hat mit ihrem Möschen die Reichsmarkstücke vom Tisch aufgesaugt!“ – und er strahlte noch 40 Jahre später über alle vier Backen. Das waren natürlich für Ostwestfalen Perversionen, obwohl er Perversionen wohl leicht mit Persern verwechselte. Dann kam Tante Tilde zurück von der Damentoilette und er legte seinen Wurstefinger über die Lippen: „Pscht!“

Nach dem Kriege arbeitete Menne als Mädchen für alles „beim Tommy!“ Da kam er an Chesterfield und Cadbury heran, nur für britischen Whiskey konnte er sich nicht erwärmen. Steinhäger war eher sein Fall – der stammte ja auch aus Steinhagen, nur 40 Kilometer von Paderborn entfernt, aber auch das war für ihn schon eine Tagesreise. Doornkaat mochte er auch noch, und Tante Tilde liebte Kosakenlikör und hielt ihn für was Russisches, obwohl er doch auch in Steinhagen vergoren wurde.

Später dann, als er in einer Autoreparaturwerkstatt unterkam – nur zwei Straßen von seiner Wohnung auf dem Ükern entfernt – wo er dann auch bis an sein Lebensende in der gleichen Wohnung lebte – brachte er es sogar zur Gemütlichkeit zwischen lebenslangem Nierentisch, den entsprechenden Polstersesselchen mit Tütenlampem, vor dem Metzapparat und unter seinem Zimthütchen. Ich nannte die Dinger immer nur Zimthütchen, weiß der Heimathimmel wieso…Er trug stets diese kleinkrempigen beigen Cord- Hütchen mit Schnürlband, manchmal sogar mit dem Bart einer kleinwüchsigen Gams. Wenn man ihm auf der Straße begegnete, deutete er mit seinem dicken Zeigefinger und ebenso dicken Daumen eine Krempenlüftung an – er hob nie ab, in jeder Beziehung – ob er sich diese Geste in den Heimatfilmen abgeschaut hatte, die er und seine Frau so gerne sahen? Voll-Lüftung war auch ansonsten nicht seine Sache.

Jahre nach dem frühen Tod Tante Tildes – zu Kindern hatte es wohl nicht gereicht, vielleicht hatte er bei den „scharfen Französinnen“ schon sein Pulver verschossen – erfuhr ich das lang von ihm gehütete Geheimnis ihrer wahren Todesursache und schloß daraus, daß es in ihrer Ehe viel Schmerzen gegeben haben mußte, trotz der Reisen zum Titisee oder dem gemütlichen Schunkeln auf den Schützenfesten. Die Tante war innerlich verblutet. Im Krankenhaus konnte man sich das kaum erklären.

Als Onkel Menne dann starb, zehn Jahre nach ihr, wurde der Grund offenbar: seine Schränke waren vollgestopft mit ihren Aspirintablettenpackungen. Erworben hatte sie sie zu einer Zeit, in der man das Zeug noch auf Rezept bekam….eine gedanken- und skrupellose Hausärztin hatte ihr Unmengen verschrieben. Ohne Zweifel war die Tante über viele Jahre aspirinsüchtig und hatte Abertrausende davon konsumiert haben. Ihre Organe hielten das verdünnte Blut nicht mehr, keine Transfusion brachte ihr das Leben zurück…

Aber Onkel Menne verzweifelte nicht. Er sorgte traditionsgemäß für Stiefmütterchen auf ihrem Grab und die beliebten Mooskissen mit Tannenzapfen zu Allerheiligen, trug seine Zimthütchen auf, bekam im Schützen- und Heimatverein – Glaube, Sitte, Heimat – schließlich die Ehrenmitgliedsnadel angesteckt, leistete sich sogar eine neue Schützenmütze mit Plastikeichenlaub und verschwand am Ende, wie er immer war, unauffällig, ohne anzuecken, ein braver Paderborner.

Wenn ich mich recht erinnere, spielte man auf seiner Beerdigung sein Lieblingsstück: „Heimat, deine Sterne!“

Ja – er hätte sich über Vollhorsts Heimatministerium sehr gefreut…

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