Der Psycho und ich – für E

Tina Schlegel erklärt ihrem Psychoanalytikerfreund die weibliche digitale Flirttechnik und erfährt zu ihrem Erstaunen, dass die sich von der männlichen gar nicht grundlegend unterscheidet

Bild: pixabay

„Wir wägen einfach zu oft und zu viel ab“, sagt der Psychoanalytiker – nicht meiner, sondern ein guter Freund –, der mir gegenübersitzt und in seiner Kaffeetasse rührt. Klar muss ich an Kästner denken und sein Gedicht „Als sie einander acht Jahre kannten“, aber nein, so ist es nicht. Dennoch sitzt er da und rührt beharrlich. Bis an die Schmerzgrenze, und erzählt vom Abwägen und dem mangelnden Bauchgefühl. Es geht um Liebesdinge. Das erinnert mich an mein Gespräch mit meiner Freundin am vergangenen Wochenende. Lange haben wir einander nicht gesehen, doch sind wir Schwestern im Geiste, mit ähnlichen Neurosen und einem beinahe schon unanständigen Talent, uns in die falschen Männer zu verlieben. Das war bei unserem Spontan-Treff natürlich auch wieder Thema und wir haben uns amüsiert, konnten wir doch die Sätze der jeweils anderen vollenden. Folgendes kam dabei heraus: Wir Frauen (im Allgemeinen… denn es kann unmöglich nur an uns beiden liegen!) denken zu viel für unser Gegenüber mit. Wir finden jemanden gut und überlegen, wie der Auserwählte das sehen könnte. Da wir grundsätzlich mit einem gesunden Selbstwertgefühl ausgestattet sind, fällt uns auf die Schnelle natürlich kein Grund ein, weshalb der Mann nicht das Gleiche fühlen sollte. Und es geht hier nur um ein erstes Kennenlernen wohlgemerkt, ein Kaffee oder Wein oder so, wir sind keine Draufgängerinnen und schon gar nicht leichtfertig im Verlieben! Aber da wir forsch sind, wagen wir den ersten Schritt.

In aller Kürze

Frau schreibt also eine herzallerliebste Mail und malt sich beim Schreiben schon aus, wie der andere zeitnah darauf reagieren wird … Ein schöner Moment, voller leidenschaftlicher Träumerei und natürlich immer perfekt, allerdings mit dem ersten Missverständnis: Männer haben eine völlig andere Wahrnehmung von dem Begriff „zeitnah“.

Frau wartet also eine Weile, hier und da eine klitzekleine süße Nachricht als Erinnerung gewissermaßen, vielleicht sogar ein Foto, wenn sie aber merkt, dass sie gegen verschlossene Türen rennt, muss ein neuer Plan her. Also wird ein konspiratives Treffen mit einer Freundin und/oder Leidensgenossin einberufen. Sie entwerfen eine neue Mail, eine vermeintlich perfekte, bei einer Flasche Wein und viel Vergnügen, dem der Ernst der Lage nichts anhaben kann. Wieder allein bastelt Frau an dieser Mail und an dem „Ton“ der Mail und legt sie unter Entwürfe ab, beschließt, noch einmal eine Nacht darüber zu schlafen, immerhin würde dies die letzte Mail dieser Art sein … Denn zuvor bei Wein und Kerzenschein hatte sie doch recht souverän verkündet: „Wenn der mich nicht will, dann hat er mich auch nicht verdient!“ Haha …

Dann wälzt Frau sich im Bett und hat plötzlich DIE zündende Idee für einen Text, sexy, ja, geradezu unwiderstehlich, Andeutungen, die bei Lichte betrachtet kein Mensch verstehen kann, aber für den Moment scheinen sie wie ein Geniestreich. Also wieder raus aus dem Bett und den Laptop angeschmissen, schnell die Mail korrigiert und sofort abgeschickt. Voller Euphorie wieder zurück ins Bett. Mittlerweile ist es irgendwas um fünf Uhr. Drei Stunden später die Erkenntnis, dass die Mail ein absoluter Fehler war.

Morsezeichen

Natürlich kommt keine Antwort, was aber in dem Fall gar nicht verblüfft. Auch die Freundin, der sie die Änderungen beichtet, blickt nur betreten zu Boden. Nach ein paar Tagen hat sie sich erholt von dem Debakel und schreibt eine spontane Mail, die säuselnd die eigene Unzulänglichkeit ins Lächerliche zieht. Prompt kommt eine Antwort, die den Verdacht bestätigt, dass es ihm eigentlich völlig wurscht ist, was in den letzten zehn mühsam formulierten Mails überhaupt stand … Tja. Und nun … UND NUN … UND NUN … ?

Sie weiß: Sie sollte es jetzt auf sich beruhen lassen, im sicheren Gefühl, nicht das letzte Wort gehabt zu haben. Sie schließt den Laptop. Und dann denkt sie: Ach wie albern. Bleib du selbst. Du schreibst doch so gern, also schreib ihm schnell ein paar nette Zeilen zurück, bist ja unkompliziert und NIE zickig (bin ich tatsächlich nicht), kostet dich ja nichts – und natürlich bleibt sie auf dieser Mail sitzen. Darauf wieder die kluge Freundin: „Du musst immer eine Frage stellen in einer Mail an einen Mann, immer, sonst merken die Männer nicht, dass man auf eine Antwort wartet. Die genießen dann schlicht, dass man an sie gedacht hat.“

Aha. So ist das also. Darauf folgt, was folgen muss: Es wird nach einem Grund gesucht, der Terminkalender studiert, Geburtstage oder Weihnachten oder notfalls sogar Ostern anvisiert, die einen hübschen Anlass bieten könnten, eine neue Mail – dieses Mal mit Frage – zu formulieren. Die Hoffnung stirbt auch in diesem Fall bekanntlich zuletzt.

Unvernünftig spontan

Jedoch: Es hilft nichts, dieses System durchblickt zu haben. Frauen neigen bei der Kommunikation mit Männern leider zu oft zum Schachspielen. Wir wollen einen Zug voraus denken, wissend, dass das gar nicht geht. So gesehen bin ich hoffnungslos verloren. Weil es mir natürlich auch ein wenig Spaß macht, dieses Pingpong, dieses Austesten und Spielen, denn im Grunde spielen wir zwar verschiedene Spiele, aber wenn wir einander dann mal auf einem Spielfeld begegnen, und sei es nur für einen kurzen Moment, kann dies unheimlich Spaß machen und schön sein. Und ich bin so herrlich gern unvernünftig „spontan“ und eben nie beleidigt und liebe schöne Momente. Ich sammle sie für später. Also weshalb nicht hin und wieder eine Partie riskieren? Wer weiß, was daraus wird … denke ich gerade noch so an der Grenze zum Träumen von jenem Freund damals vor ein paar Jahren – und da ist er wieder, dieser scheppernde Klang: Mein Psychoanalytikerfreund, noch immer ganz in seine Kaffeetasse vertieft. Seine Rührerei macht mich gleich wahnsinnig – und nicht etwa wahnsinnig verliebt. Jetzt will ich es wissen:

„Und wie näherst Du Dich der Frau Deines Herzens nun?“
„Ich werde ihr schreiben … mal wieder …“ Er seufzt doch tatsächlich.
„Mal wieder? Hat sie denn nicht geantwortet?“ Ich werde hellhörig.
„Doch, aber irgendwie so – kryptisch.“

Aha, denke ich mir und auch: Kommt mir sehr bekannt vor. Ich kenne nur Männer mit kryptischer Ausdrucksweise … Aber die entscheidende Frage steht noch aus: „Und? Besprichst Du Dich mit jemandem, was Du schreiben wirst?“
Er sieht mich an, grinst. „Ich weiß schon, worauf Du hinaus willst. Ich als Psychoanalytiker, der gegen das Abwägen plädiert und dann selber in so einer Mailscheiße hängt … tja.“
„Also???“
„Ja, ich bespreche mich – mit einer Freundin. Heute mit Dir.“

Oh nein, denke ich. Wie es wohl auf der anderen Seite des Denkens ist? Ich werde sehen. Abends am Telefon erzähle ich meiner Freundin von dieser unerwarteten Widerlegung unserer These; darauf erklärt sie: „Zweierlei: erstens, er ist eine Ausnahme und zweitens: genau solche Männer wollen wir dann auch wieder nicht. Lieber gradheraus kryptisch als so sensibel verkopft.“

Recht hat sie … Hm, uns ist wirklich nicht zu helfen …

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr. Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch? Tina Schlegel im Netz Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden. Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

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