Jahresendkolumne

Henning Hirsch klappt den Deckel des alten Facebookjahres zu, zitiert aus dem Evangelium nach Poschardt und wird an Silvester eine Rakete steigen lassen

Bild: pixabay

Viele hassen das Neue auf der Welt nur, weil sie schon mit dem Alten nicht wirklich zurecht gekommen sind
© Andreas Bechstein

Kaum ist die letzte Feiertagsmarzipankugel verdaut und die Toilette runtergespült worden, geht es in Facebook sofort wieder rund. Die Deutschen wollen gemäß topaktueller repräsentativer Weihnachtsumfrage Merkel nicht mehr sehen, lese ich am 27sten. Prompt gibt FDP-Kubicki ein Interview, in dem er behauptet, nicht die Liberalen hätten dem Land das Scheitern von Jamaika beschert, sondern alleine die Kanzlerin trüge Verantwortung dafür, dass Dreierkoalitionen nicht zustandekommen, weil sie von vornherein der Sache keine Chance gab.  Die Grünen möchte er zwar weiterhin nicht mit an Bord haben; dafür kann er sich jedoch eine schwarz-gelbe Regierung unter Spahn durchaus vorstellen. Nach Neuwahlen sowieso, und falls es keine Neuwahlen gibt vielleicht auch. Hauptsache, Merkel ist weg. Die SPD streitet intern, ob Groko oder Koko oder gar nichts. Es wird wohl auf Groko mit vorprogrammiertem Zwei-Jahre-Time-Out hinauslaufen, denn Koko klingt stark wie Kokolores und gar nichts wäre am Ende von Sondierungen auch nicht gut. Die CSU pendelt zwischen Seehofer-Renaissance und Söderismus und buhlt mit den Liberalen um den Platz rechts von der CDU, aber noch haarscharf links neben der AfD. Die Grünen suchen dringend nach einem zündenden Thema, mit dem sie die kommenden vier Jahre auf der harten Oppositionsbank punkten können. Die Linken müssen sich irgendwann entscheiden, ob sie Wagenknecht auf deren Marsch in den nationalen Sozialismus oder Ramelows mehrheitsfähigem Kurs folgen wollen. Und die Hellblauen: was soll man zu dieser Truppe groß schreiben, ohne als Kolumnist Gefahr zu laufen, in Facebook für dreißig Tage gesperrt zu werden? 92 Abgeordnete im Bundestag bar jeder Zukunftsidee, die darauf hoffen, irgendwann als Zünglein an der Waage für die Regierungsbildung benötigt und hofiert zu werden.

Flüchtlinge sind sowieso immer zu viele, völlig gleichgültig welche Zahl als Obergrenze angesetzt wird. Familiennachzug auf keinen Fall, obwohl alle Experten sagen, dass man sich mit Familie schneller und besser integriert als ohne. Egal, was interessieren schon die Meinungen von Fachleuten? Alle Routen schließen, und die EU soll Orban Geld für dessen Mauerbau überweisen. „Macht’s wie die Österreicher“, lese ich in vielen Threads, „junge Kanzler braucht das Land“. Was Kurz im Verein mit der FPÖ an Raubbau am Sozialsystem plant: wer will das so genau wissen? Hauptsache jung und unverbraucht und schneidig. Einige freuen sich schon auf die Silvesternacht in Köln und hoffen, dass es dann auf der Domplatte wieder hoch hergehen wird. Um im Anschluss mit dem Finger auf die Oberbürgermeisterin – das ist die Dame, die Fairness-Armbänder verteilen lässt – und die Kanzlerin, denn die ist sowieso immer Schuld, zeigen zu können. Merkel ist derweil zum Wintersport nach Südtirol aufgebrochen und denkt beim Rutschen auf Langlaufskiern darüber nach, wer in der Zeit ihrer Abwesenheit aus den Reihen der CDU am cleversten an ihrem Thron sägen wird. Spahn vermutlich nicht; denn dessen Streben ist zu offensichtlich. Eher eine der bisher ruhigen und unauffälligen Damen aus der zweiten Reihe der Union. Auch nach Weihnachten also alles wie gehabt in Berlin und in den sozialen Netzwerken. Die Hass- und Gemeinheitsposts kennen keine Pause. Die Botschaft, der Untergang ist nah, muss unablässig unters Volk gestreut werden. Wo sind Moral und Humanismus geblieben, fragen Sie. Die haben in nationalstaatsorientierter Politik nichts zu suchen, wurde ich unlängst von einem Liberalen belehrt. Das ist was für Romantiker und die Kirche. Aha, antwortete ich. Da hat jemand den Erasmus beiseitegelegt und durch den Machiavelli ersetzt.

Ulfs Evangelium

Apropos Kirche: Ein besonderes Highlight an Weihnachten war das Gezwitscher eines Herrn Poschardt. Der tweetete im Anschluss an seinen Heiligabend-Gottesdienstbesuch folgende Botschaft an die Follower:

Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?

Ups, denke ich. Das erinnert mich an meinen Vater. Der ärgerte sich in den 70er und 80er Jahren derart über die Predigten der linken Pastoren, dass er beschloss, die Gottesdienste nur noch an Weihnachten, zu Hochzeiten und anlässlich von Taufen und Konfirmationen zu besuchen. Auch dann konnte er sich im Anschluss oft über das in der Kirche gesprochene Wort aufregen; aber er tat das einzig im Umfeld der Familie und trompetete seine Fundamentalkritik nicht ungefiltert in die sozialen Netzwerke hinein. Wäre Herr Poschardt ein x-beliebiger Twitter- und Facebook-Nutzer: geschenkt! Ich stolpere dort täglich über hunderte von idiotischen Posts. Aber der Chefredakteur einer renommierten deutschen Tageszeitung veröffentlicht so einen Text, und dann noch 24sten Dezember? Was hatte er vermutet, worüber der Pfarrer anlässlich der Geburt unseres Erlösers reden wird: die Notwendigkeit der schwarzen Null im Bundeshaushalt, die Rückabwicklung der EU zur EWG, die Vorteile von TTIP und CETA? Verwechselte er eventuell die Heilig-Abend-Predigt mit dem Neujahrsempfang im Wirtschaftsministerium?

Da die Netzgemeinde überaus kreativ sein kann, entstand im Anschluss binnen weniger Stunden das Evangelium nach Ulf Poschardt, aus dem ich hier sehr gerne ein paar Passagen zitiere:

Und Jesus traf auf die Alten, die in den Scheunen hausten, und sprach: „Hättet ihr euch mal Eigentum angeschafft!“

Denn dein sei die steueroptimierte immobilienfinanzierung und führe uns nicht in den Sozialen Wohnungsbau denn auch wir streben nach Gewinnmaximierung.

Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin und behalte alles, was du hast, und gib bloß nichts den Armen! Nur so wirst du einen Schatz haben, den du vererben kannst; und komm und folge mir nach.

Es waren etwa fünftausend Männer. Dann nahm Jesus die Brote, teilte sie in kleine Stückchen und wurde durch den Verkauf sehr reich, denn die Nachfrage war groß und das Angebot klein; ebenso machte er es mit den Fischen.

Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah dessen Schwiegermutter am Fieber krank darniederliegen. Da ergriff er ihre Hand und sprach „Warum hast Du nicht privat vorgesorgt?

Und Jesus sagte zu seinen Jüngern: Gebt den Armen nichts, denn das sind nur Fehlanreize, die dazu führen, dass sie selbst nicht wirtschaftlich tätig werden. Sorgt lieber für Deregulierung – und euch ist das Wirtschaftswachstum.

Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, der betreibt Wettbewerbsverzerrung.

Dieses und noch viel mehr unter dem Hashtag: #PoschardtEvangelium.

Nicht lustig, sagen Sie? Also ich finde es echt witzig und behaupte schon seit Jahren, dass für die Neoliberalen die seriöse Bibelexegese erst mit Calvin begann, bevor Hayek in die Rolle des neuen Messias schlüpfte.

Mehr Silvesteroptimismus!

Na ja, noch drei Tage, dann ist 2017 eh vorbei, und wir können uns mit 2018 beschäftigen. Über die Hälfte der Deutschen blickt sorgenvoll ins Neue Jahr, lese ich irgendwo zwischen Schneerekord in Pennsylvania und Hongkong plant virtuelle Bestattungen. Nix Neues, geht es mir durch den Kopf. Wann war der Großteil der Deutschen schon mal positiv gestimmt? Irgendwas läuft immer schief und was zum Meckern findet man auch an jeder Ecke. Ich persönlich rege mich beispielsweise darüber auf, dass ich seit Wochen so viele stark übergewichtige Menschen im Supermarkt sehe, deren Hauptlebenszweck darin zu bestehen scheint, sich mit Gänsekeulen, Preiswert-Champagner und belgischem Konfekt einzudecken. Ich fantasiere davon, Sport und Ernährungskunde als tägliche Pflichtfächer an allen Schulen zu etablieren und Betriebssportgruppen mit öffentlichen Geldern zu fördern. Wenn wir das nicht schleunigst tun, wird dick das neue Orange werden.

Aber das macht mich noch nicht automatisch zum Jahreswechselpessimisten. Ganz im Gegenteil erwarte ich von jedem neuen Jahr, dass es besser wird als das vorangegangene. Falls ich das nicht tue, kann ich mich ja gleich erschießen. Das deutsche Dauerlamento über eventuell sinkende Realeinkommen, die zu langen Wartezeiten für Kassenpatienten beim Hausarzt, die Langeweile in der Bundesliga wegen der Bayern und nun die in Kürze bevorstehende Islamisierung bei gleichzeitig gesetzlich verpflichtender Vollverschleierung unserer Frauen ist mir immer schon übel aufgestoßen. Muss ja jetzt nicht jeder gleich in Jubelstürme ausbrechen, weil 2018 vor der Tür steht. Aber nun schon wieder sorgenvoll in die Zukunft blicken, falls vielleicht der Dieselmotor ab 2040 verboten und die Bürgerversicherung 2050 eingeführt wird? Und gleichzeitig den Syrern empfehlen, in ihr zerbombtes Land zurückzukehren, da sie dort dringend beim Wiederaufbau unter dem Tyrannen Assad gebraucht werden. Oh weh!

Mein Vater war übrigens ein notorischer Silvesteroptimist, und meine zwei Großmütter, die beide Weltkriege miterlebt hatten, konnten dem bundesdeutschen Gejammer nie was abgewinnen. Die lehrten mich folgenden Satz: „Wer wirkliche Sorgen hat, geht still und leise zum Arzt, Therapeuten oder zur Schuldnerberatung; er jammert darüber aber nicht laut in der Öffentlichkeit wie ein altes Waschweib.“

Gemäß dem Kölner Motto, Et hätt noch emmer joot jejange, werde ich deshalb am 31sten Punkt Mitternacht eine Rakete (ja ja, ich weiß, dass die Feinstaub verursacht und sensible Haustiere davon um den Schlaf gebracht werden) gen Sternenhimmel aufsteigen lassen und mich auf 2018 freuen. Und wünsche allen Abonnenten unserer Kolumnen, dass sie – ob mit oder ohne Feuerwerk, nüchtern oder leicht angeschackert – ebenfalls gut und positiv gestimmt hinüberkommen.

In diesem Sinne: wir lesen uns wieder im Neuen Jahr!

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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