Mein Gott

„Gott ist das Wort“ sagt der Evangelist Johannes. Was bedeutet das eigentlich. Was ist das für ein Gott, der das Wort ist?


Das Evangelium des Johannes beginnt mit den Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.” Es ist vielleicht noch nicht genug darüber nachgedacht worden, dass ausgerechnet Goethe im großen Anfangsmonolog des Faust die Bedeutung des Wortes herunterspielen und durch die Kraft der Tat ersetzen wollte. Für Johannes jedenfalls war Gott und das Wort identisch. Zwar wird von Johannes aus oft auf den Anfang der Schöpfungsgeschichte verwiesen, in der Gott die Welt schafft, indem er spricht. Aber dort sind Gott und das Wort nicht identisch.
Was für ein Gott ist das, der identisch mit dem Wort ist? Schon der Gott des Alten Testaments schafft nicht einfach stumm eine Welt, vom ersten Moment an ist er ein sprechender Gott. Er schafft durch das Wort, er plant, indem er ausspricht, was entstehen soll, und dieses Aussprechen ist entscheidend für das Entstehen.

Genesis – die unglaubliche Spekulation

Aber nicht nur das: Was entsteht, wird sogleich benannt, es erhält seinen Sinn durch die Benennung als Tag und Nacht, als Himmel und Erde.
Wenn man die Schöpfungsgeschichte vorurteilsfrei liest, ist man überrascht, wie gut sie mit den Theorien der heutigen Naturwissenschaften übereinstimmt. Natürlich kann man sich darüber lustig machen, dass die Alten vor ein paar Jahrtausenden eine Geschichte aufgeschrieben haben, in der angeblich alles innerhalb von sieben Tagen geschaffen wurde. Was aber, wenn in diesem Mythos ein Tag nicht zwingend aus 24 Stunden besteht, sondern etwa einen Abschnitt eines Entwicklungsprozesses bedeutet, in dessen Verlauf ein charakteristischer Schritt abgeschlossen wird? Wir sprechen noch heute von einer Tagung, das Verb „tagen“ hat eine weitere Bedeutung als nur den Beginn eines Tages zu beschreiben. Wenn wir uns von der modernen, genau zugeschnittenen Bedeutung des Worts „Tag“ lösen, dann sehen wir, dass da zuerst aus dem Chaos die Gestirne und die Erde entstehen, sodann Meere und Kontinente, dass später sich Pflanzen und Tiere entwickeln und am Ende der Mensch, der beginnt, sich die Erde „untertan zu machen“.

Welch eine hellsichtige Spekulation, die da durch die Jahrhunderte weitererzählt und vor mehr als zweitausend Jahren aufgeschrieben wurde! Welche Vorstellung sich die Menschen, die diese Worte von Generation zu Generation weitergetragen haben, sich von ihrem Gott wirklich gemacht haben, wissen wir nicht. Aber ganz ohne naturwissenschaftliche Begründung waren sie sicher, dass nichts, wie sie es kannten, seit Ewigkeiten bestand, dass da zuerst die leblose Materie zu etwas festem werden musste, dass sich dann Wasser sammeln musste und der Kreislauf des Wassers in Gang kommen musste, dass später erst Pflanzen und Tiere entstehen konnten und dass erst am Schluss, vor vergleichsweise kurzer Zeit, sich der Mensch entwickelt hat.

Gewiss ist auch, dass der Motor dieser Entwicklung, den sie Gott nannten, ihnen durch das Wort bekannt und vertraut war. Das Wort, das waren die alten Geschichten, die Erzählungen, die nicht nur davon berichteten, dass die Menschen nicht schon immer diese Erde bewohnten, dass selbst die Erde und die Sonne nicht unveränderlich und endlos bestanden. Mit dem Wort der Vorfahren erfuhren die Menschen auch von den Regeln, die zu beachten waren, damit die Gemeinschaft weiter existieren konnte. Alles war Wort, war Bericht, war mündliche Anweisung, war gesprochenes Ritual.

Gott ist das Wort. Die Fähigkeit des Menschen, alte, überlieferte Worte zu verstehen, aus der Vielfalt der Geschichten, Gleichnisse und Metaphern, der Berichte von Versagen, von guten und bösen Handlungen, einen Kompass für das eigene Handeln, ein Verständnis für das Gute, das Schöne und das Wahre zu entwickeln, diese Fähigkeit macht den Menschen zu dem was er ist: ein freies Wesen, das im Handeln einerseits ungebunden ist, sich aber andererseits verbunden und verpflichtet fühlt, gebunden an die Gebote der alten Worte, die als Heilige Schriften überliefert sind.

Eine Welt aus Worten

Worte benennen nicht nur die Dinge. Sie machen die Dinge zu dem, was sie sind. Durch die Worte entsteht erst die Welt, in der der Mensch lebt. Die tiefe Wahrheit, die in dem Schaffen und benennen der Schöpfungsgeschichte steckt, ist, dass durch die Sprache die Welt zu dem wird, was sie ist. Durch die Worte wird aus dem Chaos, der Undurchschaubarkeit, die Welt, in der wir leben und uns einrichten können.

Und das trifft nicht nur auf die Namen zu, die die Sprache den Dingen gibt, die durch diese Namen zu Gegenständen unseres Denkens und Handelns werden. Das gibt auch für die Dinge, die wir nicht sehen, aber doch erleben können: Freiheit, Liebe, Nachsicht, Mitgefühl, Hass, Trauer, Freude, Hoffnung, Leid, Schönheit, Schrecken. Das Verständnis für diese wichtigen Elemente der Welt haben wir nur durch die Worte der Geschichten und Mythen, durch Märchen, Belehrungen, Gleichnisse gewonnen.

Der Mensch ist das Wesen, dass solche Überlieferungen verstehen und für sein Handeln zur Grundlage machen kann, ohne erklären zu können, warum er das tut oder wie das „funktioniert“. Keine Evolutionstheorie und keine Naturwissenschaft kann uns erklären, warum das so kommen musste, warum der Mensch einen Sinn für das Gute, Schöne und Wahre entwickelt hat, warum jeder einzelne Mensch fähig ist, sich selbst als Mensch zu verstehen und den Anderen Menschen als ebenso einen Menschen zu erkennen. Warum ich weiß, dass es mich gibt und dass ich manchmal etwas Gutes tue, etwas Schönes sehe, etwas Wahres erkenne.
Es gibt keinen „Evolutionsvorteil“ das Wissen um das Gute macht uns nicht schneller oder Effektiver, das Erleben des Schönen macht uns nicht satt, das Erkennen des Wahren verlängert nicht das Leben.

Ich glaube nicht, dass es Gott schon gegeben hat, bevor es Menschen gab, die begonnen haben, eine Welt aus Worten zu schaffen. Aber es ist damit etwas entstanden, was größer ist als der einzelne Mensch und woran er doch Anteil hat. Die Fähigkeit, eine Welt voller Bedeutsamkeit zu errichten, in der etwa die Erzählung von der Geburt, dem Leben und dem Leiden eines Menschen etwas über das Gute, Schöne und Wahre sagt und die Möglichkeit, in den Geschichten und Ritualen, die sich um das Leben dieses Menschen entwickeln, ist tatsächlich unverständlich besonders. Dass wir gerührt sind von dieser Geschichte, dass wir in dieser Geschichte etwas spüren, das uns bewegt und nicht loslässt, das ist göttlich.

Man kann dieses Große, das nicht nur den Menschen, sondern auch jede zeitlich und räumlich begrenzte Gruppe von Menschen übersteigt und trotzdem jeden Einzelnen angeht, als Gott bezeichnen. Man kann auch, um Missverständnisse zu vermeiden, versuchen, auf dieses Wort zu verzichten. Aber welches Wort bliebe dann?

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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