Endlich ein guter Marco Polo-Roman

„Marco Polo – Bis ans Ende der Welt“ von Oliver Plaschka wurde kürzlich mit dem Homer Literaturpreis für historische Romane ausgezeichnet. Eine Lektüreempfehlung (nicht nur) für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr.

La caravane de Marco Polo voyageant vers les Indes. unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Irgendwo bei Kerman (im heutigen Iran) gerät die Expedition der Polos in einen Sandsturm. Aus der Dunkelheit dieses Sturms heraus attackieren die „Karauna“ die Karawane, als seien sie selbst Teil der Naturgewalt. Das ist einer der Momente in Oliver Plaschkas Roman Marco Polo – Bis ans Ende der Welt, in dem nahezu fantastische Begebnisse in die historische Handlung einzubrechen scheinen. An anderer Stelle finden die „Zauberer des Großkahns“ Erwähnung, ohne dass die Frage nach der Natur deren Wirkens gänzlich aufgelöst würde. Oliver Plaschka ist bisher als Autor fantastischer Literatur in Erscheinung getreten, sein nicht fantastischer Erstling ist eine gute Gelegenheit, einmal kurz die Frage in den Blick zu nehmen, was fantastische von nicht fantastischer Literatur eigentlich unterscheidet. Denn von der Herstellung von Asbest bis zu den Erzählungen vom hässlichen Einhorn: Marco Polo handelt doch von einigen Dingen, die den rationalistischen Blick verwundern können. Und nicht alle werden restlos zur Zufriedenheit des modernen Lesers rationalisiert.

Fantasie, Lüge & Wahrheit…

Nun ist das in Marco Polo, der kürzlich mit dem Homer Literaturpreis für historische Romane ausgezeichnet wurde, durch die Erzählperspektive allerdings restlos psychologisch begründbar: Erzählt wird der Roman größtenteils aus dem Blickwinkel Marcos, der im Gefängnis dem Schriftsteller Rustichello da Pisa seine Geschichte ausbreitet. Diese Passagen werden von einem allwissenden Erzähler wiedergegeben, wobei der Roman zumindest die Lesart ermöglicht, dass wir wiederum eine Niederschrift Rustichellos in den Händen halten. Alles, was an Marco Polo fantastisch bleibt, könnten also spätmittelalterlichen Vorstellungswelten entspringen, der nicht gerade geringen Fabulierlust Marco Polos oder auch den Zugeständnissen Rustichellos an seinen „Markt“. Alles klar? Nicht ganz: Psychologisch ausdeuten lassen sich etwa auch alle übersinnlichen Geschehnisse in Garcia Marquez Hundert Jahre Einsamkeit, das Aushängeschild des wohl doch definitiv fantastischen „Magischen Realismus“. Auch dieses Buch entpuppt sich schließlich als im Verlauf der Handlung entdeckte Handschrift. Und selbst Plaschkas eigenes Fairwater erlaubt eine psychologische Deutung, obwohl die Fantastik dort stärker im Vordergrund steht.

Es bliebe also die offenkundige Bindung an Figuren und Geschehnisse der realen Geschichte, die Plaschkas Marco Polo wortgewaltig und mit vielen akribisch recherchierten Details unterstreicht. Ausgerechnet unser Vertrauen in die Wiedergabe dieser Geschichte zu untergraben, ist allerdings wiederum ein wichtiges Anliegen des Textes. Keine Sorge: Hier sollen nicht alle Grenzen eingerissen werden. Genres sind hilfreiche Werkzeuge, um die Diskussion über Literatur einzugrenzen. Doch sollte man sie nicht absolut setzen: Mit dieser pragmatischen Haltung zu den unterschiedlichsten Formen von Grenzziehung dürfte man sich mit Marco aus Plaschkas Marco Polo schnell einig werden.

Der Halbwahrheitenweber

Marco Polo ist also ein historischer Roman. Und tatsächlich füllt Plaschka eine Lücke, die ich seit einigen Jahren schon schmerzhaft empfunden habe. Ich „lerne“ gern mit Romanen, indem ich mich erst von einer Geschichte gefangennehmen lasse und dann die Geschichte gegen historische Dokumente halte. Ausgerechnet zu der Figur, die noch vor Kolumbus vielleicht am nachhaltigsten das moderne westliche Weltverständnis begründet hat (und an deren Händen zweifelsohne weniger Blut klebt) gab es bis 2016 nur einen höchst mittelmäßigen Gewalt-Sex-Ethnoschinken. Plaschkas Marco Polo geht dagegen ernsthaft in die Tiefe. Wie viel Arbeit in diesem Text steckt, spürt man auf jeder Seite. Die Reise über den mittleren Osten ins mongolische Großreich Khublai Khans ist so mit glaubhaften Einzelheiten gesättigt, dass man regelmäßig versucht ist, Wikipedia zurate zu ziehen: Das hat sich der Plaschka jetzt aber doch wirklich nur ausgedacht! Man liegt oft falsch: Marco Polo verwebt geschickt Belegtes und historisch verbürgte Fantasien mit reinen Erfindungen des Autors zu einem Teppich von Halbwahrheiten, und profitiert dabei natürlich davon, dass auch der historische Polo solch ein Halbwahrheitenweber gewesen sein dürfte (auch die Frage, ob Polo wirklich im Reiche Khublai Khans gewesen sei, wird gegen Ende des Romans aufgeworfen, als Rustichello feststellt, wie viele Personen aus dem näheren Umfeld Marcos Eigenschaften aufweisen, die Marco zuvor noch Mitgliedern des Hofstaates des Kahns zugewiesen hatte).1

Auf diese Weise hebt sich Marco Polo weit über das Gros neuerer historischer Romane, die eine Geschichte in älterer Zeit einfach so runtererzählen, wie sie nun eben geschehen ist. Die Gesprächssituation, aus der sich nicht selten wieder neue Geschichten entfalten, die dann vom allwissenden Erzähler in zweiter, wenn nicht dritter Potenz entrückt sind (Marco erzählt, wie sein Vater erzählt, dass der Verwalter der nördlichen Provinz erzählt habe usw,usf) befördert das aufs Beste. Neu ist das freilich nicht: Mehrere Romane Salman Rushdies funktionieren routinemäßig so, und Plaschka selbst streut mehr als einmal Verweise auf 1001 Nacht.

Überhaupt ist Marco Polo erzählerisch weniger wagemutig als frühere Plaschkas. Keine sich praktisch autonom voneinander entwickelnden Erzählstränge und Traumsequenzen psychedelischer Machart, wie in Fairwater, keine komplexen Experimente mit verschiedenen Erzählperspektiven wie in Die Magier von Montparnass, auch die schon moderatere Komposition mit verschiedenen Erzählstimmen, wie in Das Licht hinter den Wolken wurde noch einmal zurückgefahren. Das nur zur Orientierung des Lesers: Marco Polo liest sich relativ traditionell und ist damit auch breiten Leserkreisen ohne viel Einarbeitung zugänglich. Das heißt allerdings nicht, dass der Text unterfordern würde. Wie gezeigt erschüttert Plaschka auch in seinen Historiendebüt wieder mehr Gewissheiten, als er dem Leser neue verschafft. Gut so: ein Roman ist ja kein Lebenshilfe-Ratgeber.

Ost-West-Diskurse damals und heute

Thematisch umspannt Marco Polo dabei den ganzen Ost-West-Diskurs des späten Mittelalters und der im Roman schon anklingenden Frührenaissance, immer wieder gespickt mit Spitzen, die in den Diskurs unserer Zeit ausstrahlen. Da ist etwa die historische Idee, China zu christianisieren, um den Islam in die Zange zu nehmen, schon gegenwärtig, dem gegenüber steht die paradoxe Situation, dass ausgerechnet ein Imam für Balance im immerwährenden Streit um die Grabeskirche schlichten muss. Da tritt der große Kahn als religiöser Versöhner auf, der das Christentum neben den anderen Religionen seines Reiches ohne weiteres anerkennt – allerdings sein eigenes Interesse an Machterhalt und Ausweitung routiniert über deren Ansprüche stellt. Da werden die humanistischen Einflüsse des Handels diskutiert und durch die Handlung, insbesondere auch die Polos, sogleich wieder infrage gestellt. Geliebt, gehasst, Blutsbrüderschaft geschlossen und Kriege geführt werden natürlich auch. Die Sprache ist durch den hier und da leicht altertümlich anstilisierten Duktus und die Verwendung historischer Begriffe dem Szenario angemessen, wobei die Figurenpsychologie im Großen und Ganzen modern wirkt. Man mag sich streiten, ob das eine Verfehlung ist, oder die Vorstellung, Menschen aus früheren Zeiten müssten ganz anders denken und handeln als heutige, nicht selbst eine Projektion darstellt. Manierismen und eine all zu krasse Historisierung vermeidet Plaschka. Marco Polo lässt sich entsprechend sehr entspannt lesen. Eine mehrmalige Lektüre ist dennoch anzuraten, schon weil beim ersten Lesen die ganze Weite der entfalteten Welt kaum zu überblicken ist. Das gut gelesene Hörbuch mag da dem ein oder anderen eine Hilfe sein.

Alles in allem: gesucht, gefunden. Marco Polo von Oliver Plaschka ist der Roman, mit dem es sich lohnt, in das Leben des großen Reisenden und womöglich großen Lügners erste Einblicke zu wagen, aber auch Experten auf dem Gebiet dürften sich nicht langweilen. Den Homer Literaturpreis für historische Romane hat das Werk sicherlich verdient, behaupte ich, wenn auch ohne die anderen Texte zu kennen. Und vielleicht ja auch einen Platz unter dem Weihnachtsbaum mancher Leseratte hier.

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1Als Faustregel dürfte gelten: je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr befreit er sich vom historischen Ballast, insbesondere in den Beziehungen der Personen untereinander. Darauf, dass alle Doppelgängermotive im Text reine Erfindung sind, weist der Autor im Nachwort gleich zweimal hin. Vatertausch, Frauentausch und ein dritter Tausch, den ich hier nicht verraten möchte, halten als erzählerische Kniffe bis zum Schluss die Spannung hoch.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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