Von Demut

Bruno Schulz sitzt an einem nebligtrüben Dezembersonntagnachmittag mit seiner Frau auf dem Sofa und philosophiert mit ihr über den schwierigen Begriff „Demut“. Ein zur Adventszeit passendes Thema wie wir finden

Bild (gemeinfrei): pixabay

„Sag mal Bruno, kennst du eigentlich Demut?“
„Aber natürlich.“
„Im Ernst, Bruno. Kennst du echte Demut? Erlebst du Demut? Spürst du Demut? In deinem Alltag?“

Sie blickt mich an über ihren Bücherrand. Fokussiert mich. Wir sitzen auf ihrem Sofa und lesen. Es ist Sonntag und alles ist gut. Jeder hat eine bequeme Ecke und zahllose Kissen. Ihr Buch bietet Einsichten zur spirituellen Kontemplation und ich beschäftige mich mit der „Kunst, ein kreatives Leben zu führen“. Das stammt von Frank Berzbach und ist eine beeindruckende Sammlung schwergewichtiger Zitate von noch gewichtigeren Autoren. Philosophisches Sumoringen um einen etwas dünnen roten Faden. Noch hält er. Der Faden. Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht. ich bin ja erst auf Seite Zweiundsechzig und noch scheint lange nicht alles gesagt.

Der Mensch ist nicht so wichtig, wie er sich fühlt

„Interessant, dass du mich das gerade jetzt fragst, denn ich habe gerade eben darüber gelesen. In meinem Buch hier steht was vom entlastenden Aspekt der Demut. Der Mensch sei nicht so wichtig, wie er sich heute zumeist nähme und fühle. Der Autor Frank Berzbach lässt die buddhistische Ordensgründerin Ayya Khema zu Wort kommen: „Ohne mich wäre das Leben ganz einfach.“ Das ist klasse. Ich mag das sehr. Berzbach spricht über den gängigen, negativen Beigeschmack der Demut, von Untertanengeist und Feigheit. Dem schließt er sich allerdings selbst nicht an. Zurecht, wie ich meine. Demütige Menschen wissen eben, dass sie keine Götter sind. Und auch wenn man die religiöse Komponente raushält, wissen demütige, kluge Menschen, dass sie immer auch ein bisschen abhängig von anderen und anderem sind und einen Platz im Ganzen finden müssen. Wir haben viel weniger Einfluss auf den Lauf der Dinge als wir meinen.

„Das klingt gut und richtig.“
„Ja, das finde ich auch. Natürlich bemüht Berzbach noch andere. Die unvermeidlichen Anselm Grün und Fidelis Ruppert oder auch den gefälligpopulären Schriftsteller Robert Pirsig und seinen Welterfolg: „Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten …“

Ist Demut immer religiös?

„… naja, der Begriff Demut hat ja durchaus sehr starke, religiöse Bezüge …“
„… ja klar. Ich finde mich da allerdings nur bedingt wieder. Jedenfalls kaum in der Tradition. Denn da bedeutet Demut die bedingungslose Anerkennung der Allmacht Gottes. Die Demut beschreibt also eine innere Einstellung zu Gott. So weit so gut. Sie gilt im Alten und im Neuen Testament als die wesentliche Eigenschaft des „wahren Gläubigen“. Das finde ich schon deutlich schwieriger. Die Wurzel des verwendeten hebräischen Wortes enthält die Bedeutungen von „sich beugen“ oder auch „herabbeugen“. Und das klingt mir dann doch sehr konstruiert. Für mich geht es da eher um die Rechtfertigungen von Herrschaftsansprüchen. Um Ausgrenzung. Um den Missbrauch von Mythologien. Die modernere christliche Spiritualität hat sich da zum Glück weiterentwickelt und versteht Demut als realistische Selbsteinschätzung des Menschen in seiner Position in der Welt. Um seine eigene Geringheit im Vergleich mit der Größe Gottes. Wenn du jetzt Gott als Begriff rauslässt, oder „Gott“ durch ein „Ganzes“, die „Natur“ oder von mir aus auch das „Universum“ ersetzen magst, kommst du meiner Vorstellung von Demut schon ziemlich nahe.“

Vom eigenen Maßstab in der Welt

„Du sprichst also, wenn ich Dich richtig verstanden habe, bei deinem Verständnis von Demut von der Wahrnehmung deiner eigenen Position im Verhältnis zum Ganzen?“
„Ja, ich denke, das bringt es auf den Punkt. Die eigene Demut zu finden und zu leben, macht vieles leichter. Ich halte sie für den ganz wesentlichen Schlüssel in der Vermeidung von Selbstüberschätzungen der eigenen Entscheidungsfähigkeiten oder -möglichkeiten. Diese führen nämlich unvermeidlich in tiefe Frustrationen. Früher oder später.“

„Kannst du Demut empfinden? Demut spüren?“
„Unbedingt. Ich denke, mein Gefühl von Demut ist skalierbar. Aber es gibt da schon besonders starke Momente, die helfen, sich selbst leichter einzuordnen. Ich erinnere mich an eine dieser besonderen Situationen: in meiner Kindheit, im Alter von vielleicht 5 Jahren. Wir sind ein paar Wochen durch Norwegen gefahren mit einem alten VW Bulli. T1. Knallrot, mit einem Reservereifen als Gallionsfigur. Meine Eltern, meine kleine Schwester und ich. Eines Tages stehen wir über einem Fjord. Und da ging es mehrere hundert Meter steil nach unten. Wir haben uns auf den Bauch gelegt und sind ganz vorsichtig nach vorne an die Kante gerobbt. Die Aussicht war kaum auszuhalten. Der eigene Maßstab vollkommen absurd. Das war ein solcher Moment. So stark, dass er sich für beinahe 45 Jahre eingebrannt hat. Und ich glaube auch nicht, dass er mir so schnell abhandenkommt. Er begleitet mich nun schon fast mein ganzes Leben und ich denke immer wieder auch daran, wenn ich mich wieder einmal sortieren muss und mag.“

„Ich mag das Zitat der buddhistischen Ordensgründerin.“

„Ohne mich wäre das Leben ganz einfach“

„Ayya Khema? Ja, das ist wirklich klasse. Sie ist ohnehin eine erstaunliche Person. Ich bin etwas tiefer in Ihre Vita eingestiegen, habe mich eingelesen. Schon an ihrem abenteuerlichen Lebenslauf kann man eine ganze Menge über die Demut lernen. Sie wurde 1923 als Ilse Kussel in Berlin geboren und war das einzige Kind vermögender, jüdischer Eltern. Die oft unsägliche Geschichte hat sie um den ganzen Erdball gehetzt mit Stationen auf allen Kontinenten. Man begreift an ihr leicht den Menschen in einem vielschichtigen und riesigen Netz von Abhängigkeiten, von Bedingungen, Fremdbestimmungen, von Glück im Unglück und umgekehrt. Sie war Ehefrau und Mutter, Buchhalterin in den USA und Farmerin in Australien, suchte in indischen Ashrams Antworten auf ihre Sinnfragen und fand diese schließlich im Buddhadhamma. Das ist die Wirklichkeits- und Befreiungslehre des historischen Buddha. Und damit habe ich noch viel zu viel ausgelassen. Nachlesen lohnt sich ganz unbedingt. Ilse Kussel wurde in der frühbuddhistischen Tradition des Theravada zur Nonne und ordinierten Lehrenden „Ayya Khema“. Nach vielen fremdbestimmten Wirrungen gründete sie einen eigenen Orden in westlicher Waldklostertradition. Und das im Allgäu. Dort, in ihrem Buddhahaus, ist sie dann 1997 gestorben.“

„Interessant.“
„Ja, sehr. Ayya Khema?“
„… und die individuelle Position zur Demut.“
„Finde ich auch.“

Epilog

In den Stürmen des Lebens bedarf der Mensch dreier Dinge, um als Sieger einzugehen in den Hafen des Friedens: Mut im Unglück, Demut im Glück, Edelmut zu allen Zeiten. (Wilhelm Förster)

Sprachlich mag der Herr Förster ein bisschen angestaubt daherkommen. Kein Wunder, die Worte des Herrn Artilleriemajors sind ja auch schon zweihundert Jahre alt. Aber wenn man den Inhalt erst einmal sacken lässt, kann ich viel Wahres darin finden. Für mich ist Demut die Fähigkeit und Bereitschaft, Dinge und Verhältnisse als gegeben hinzunehmen, nicht ständig darüber zu jammern und zu klagen und sich selbst auch mal als eher unwichtig betrachten zu können und zu wollen. Den eigenen Maßstab zu finden auf einer Skala von Nichts und Allem.

Bruno Schulz

Bruno Schulz

Bruno Schulz ist zweiundfünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt und pflegt er Marken. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich. Essays, Short Stories, Reiseberichte, dies und das. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Genuß und Kultur. Und um Frauen, natürlich.

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