Matching points – oder wie Lindner meine Butter zerschlug

Von der Frühstücksbutter über Christian Lindner zu Singlebörsen. Tina Schlegel schlägt einen Bogen von geplatzten Sondierungsgesprächen zu Matching points und stellt die Frage, ob manch wichtige Dinge nicht besser aus dem Bauch heraus statt durch Abarbeiten langer Listen entschieden werden sollten? Wie immer geht es ihr dabei um die Liebe

Bild (gemeinfrei): pixabay

Mittwochmorgen. Kollege Henning Hirsch erinnert mich freundlich an meine wöchentliche Kolumne, ich bin ja noch neu, also gewiss nicht verkehrt, gehen die Tage doch immer so schnell vorbei, vor Weihnachten ja noch schneller als im Rest des Jahres. Also sitze ich mit Kaffee am Frühstückstisch, Brot und Honig zur Seite geschoben, damit der Laptop Platz hat. Mein Blick fällt auf den roten Fleck, den das Marmeladenbrot meiner Tochter hinterlassen hat, als es – wie üblich – mit der „richtigen“ Seite nach unten fiel. Sie hat mir das mal erklärt: „Mama, das ist wie bei Katzen, die landen auch auf den Füßen. Das muss so sein. Aus Sicherheitsgründen.“ Ja, ich glaube auch, dass sich das Brot sonst ernsthaft verletzten könnte. Aber zurück zur Kolumne. Ich weiß nämlich sehr genau worüber ich schreiben will (nicht über Katzen und Marmeladenbrote) schon lange, einfach um meinen Ärger loszuwerden. Das ist ja auch mal ein Grund. Ich will über Sondierungsgespräche in der Liebe schreiben und über matching points, dieses Mantra der Partnerbörsen. Himmel hilf.

Allerdings hüpft da die ganze Zeit ein kleiner Mann über meinen Tisch. Sieht aus wie Christian Lindner und ja, ich weiß sehr genau wie der aussieht, kein Politiker hat sich mir je so eingeprägt wie Herr Lindner. Diese Plakate waren schon herausstechend. Da hüpft er also, hat einen kleinen Baseballschläger in der Hand (keine Ahnung weshalb) und hämmert gerade auf die Butter ein. In dieser Woche kann man ja nicht einmal über die Liebe nachdenken, ohne dabei an Christian Lindner zu denken, denke ich mir, und nein, nicht weil er immer noch mit dieser Mischung aus verwegenem Modell und kleiner, verletzter Junge guckt, sondern weil er mit seinem kurzfristigen, hier eher spätfristigen Ausstieg aus den Koalitionsverhandlungen für Verwirrung gesorgt hat. Auch bei mir, das muss ich unumwunden zugeben.

Ausgerechnet er. Sollte er nicht in der Welle des Erfolges schlicht froh sein … Nein, wahrscheinlich hat das damit nichts zu tun. Dankbarkeit ist nichts für politische Verhandlungen. So ist das also, denke ich mir, wenn ich über Sondierungsgespräche in der Liebe schreiben will, dann sehe ich einen kleinen Mann auf meine Butter einschlagen. Soll ich nochmal: Himmel hilf? Ach nein, ist verbraucht für diesen Text.

Unheimlich praktisch

Nun ja, besser spät als nie, sagen die einen, die anderen unken, das hätte er schon früher wissen können, die Ahnung schwelte ja von Beginn an in der Luft. Man sagt ja auch nicht vor dem Traualtar, ach Schatz, weißt du, ich glaube, das passt doch nicht mit uns. Ist ein wenig knapp. Ich fürchte (und das weder, weil mir die FDP sonderlich sympathisch ist, noch weil ich auf den Blick des verletzlichen Jungen irgendwie angesprungen bin), ich fürchte also, und das hier nur am Rande, er wollte zu seiner Legendenbildung als authentischer und glaubwürdiger Politiker beitragen und hat sich eventuell ordentlich ins eigene Bein geschossen. Vielleicht drischt er deswegen gerade so auf die Butter ein, weil ihn diese Ahnung längst befallen hat?

Taktieren ist so unheimlich schwierig, weil die anderen ja auch alle taktieren und, so fürchte ich ein weiteres Mal, manchmal der direkte Weg ganz ohne Taktieren der effektivere wäre. Aber ich kann hier an meinem Frühstückstisch schlau reden, klar. Muss ja nicht mit Menschen verhandeln, die mir gänzlich gegen den Strich gehen. Allein die uns möglicher Weise bevorstehende Plakatwerbung bleibt spannend. Immerhin könnten Grüne, Rote & Co ein wenig gelernt haben und nachlegen, nicht die Schöpfung und den Allmächtigen bemühen, sondern ein wenig Haltung und Stil und Geschmack zeigen. (Ich berate gern. Selbstüberschätzung scheint mir heute zu liegen).

Allerdings geht es hier wie versprochen gar nicht um Politik, sondern um Liebe. Dass mir Herr Lindner ein weiteres Mal so eine Steilvorlage bietet, hatte ich gar nicht erwartet. Das erste Mal war mit dem Spruch auf einem seiner Plakate in Anlehnung an eine Partnervermittlungsbörse: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Liberaler in sich selbst“; herrlich und unerwartet war das gekommen, und nun eben sein Ausstieg aus den Sondierungsgesprächen. Allein das Wort … Muss ich immer sofort an Jugendliche denken, die mal die Lage checken, und wenn sie halt besonders cool sind und auf elitär machen, dann können sie schon mal die Lage „sondieren“. Dass mich da niemand falsch versteht, Sondieren ist nicht grundsätzlich verkehrt, man muss sich ja verorten und irgendwie in Bezug zu den Beteiligten setzen. Und Vorsicht walten zu lassen, ist auch kein Verbrechen. In der Politik wie im Privatleben. Und nirgends wird heutzutage überhaupt so viel sondiert wie in der Liebe, da können nicht einmal die Politiker mithalten. Aber politische Verhandlungen sind ja auch kein Disko-Besuch mit lauter Unbekannten. Man kennt sich schließlich bereits. Vor dem Traualtar übrigens auch. Da hat man ja sondiert. Schon lange meistens. Dennoch habe ich Menschen im Bekanntenkreis, die recht spät die Notbremse ziehen. Blöd zumindest für einen der Beteiligten. Da war man so weit vorgedrungen und dann peng, aus der Traum von der großen Liebe. Tja, passiert. Dann kommen vielleicht sie ins Spiel: Partnervermittlungsbörsen.

Sie gehen mir ordentlich auf den Keks, die einen, die nur schlaue Leute verkuppeln wollen, die anderen mit ihrer Werbung: Alle elf Minuten verliebt sich ein Single … Ich kann mich irren, aber hilft es tatsächlich, wenn sich ein Single verliebt? Einer? In wen? In einen anderen Single und liebt der dann auch zurück? Weil sonst ist es ja wie im richtigen Leben – dass zwei sich treffen und zeitgleich ineinander verlieben, scheint ja ein kleines Wunder zu sein. Und ernsthaft? Alle elf Minuten? Wäre ein wenig hektisch. Siehe Lindner. Verliebt hat er sich schon, gewiss mehrfach, aber anscheinend ohne Gegenliebe.

Liebe ist relativ

Wobei, wie alles, hängt auch das mit der Liebe schlicht von der Erwartungshaltung ab. In meinem Umfeld gibt es zahlreiche Ehen, bei denen ich denke, dass die Sondierungsphase schon sehr zügig und zielgerichtet und dabei eher pragmatisch als leidenschaftlich sprich nahezu „politisch“ geführt wurde. Ein möglicher Hauskauf  ist doch sehr verlockend. Absicherung und Praktikabilität und nicht zuletzt die Frage: „Weshalb sollten wir beide alleine bleiben?“ sind schon für manche hinreichende Argumente. Ich will das gar nicht verurteilen, aber bei allen Versuchen, in solche Sondierungsgespräche und Überlegungen einzutreten, bin ich zumindest kläglich gescheitert. „Du bist ja nur neidisch“, höre ich da wieder und ja, wahrscheinlich stimmt das sogar ein Stück weit. Das Leben wäre viel leichter, wenn ich das so sehen könnte, nicht nach dem Kompletten streben würde, einfach auch mal praktisch denken und fühlen könnte.

Ach, armer Lindner. Die Butter wird und wird nicht kleiner. Und er gibt sich da solche Mühe. Ob ich ihn in Richtung Marmeladenfleck lenke? Vielleicht schlägt es sich dort leichter?

Begehren hoch zwei

Partnervermittlungsbörsen verkaufen uns die Liebe heute als erfolgreiche Sondierungsphase und haben dafür eben die so schönen und eigentlich schon geflügelten Worte matching points für sich entdeckt. Da schlagen Menschen mit Fakten um sich und hoffen auf Menschen mit „ähnlichen Fakten“ zu treffen. (War in Berlin ja eigentlich nicht anders) Aber aus „wir essen beide gern Italienisch“ wird nicht zwingend ein „wir haben denselben Geschmack von Liebe“ und aus „wir tragen beide gern Jeans“ wird noch lange kein „wir ziehen sie einander auch gerne wieder aus“.

Liebe aber braucht Begehren, braucht Geruch, Geschmack und Berührung, und noch kann kein Algorithmus der Welt matching points für das Begehren berechnen. Wir sind unserem Hirn und dessen Biochemie hilflos ausgeliefert. Wobei ich hier nie an einen One-Night-Stand denke, hat mich noch nie interessiert, sondern wirklich an den Beginn einer Liebe, einer großen Liebe sogar, weniger hat mich auch noch nie interessiert. (Ich bin furchtbar anstrengend; ich weiß, ob ich auch schrumpfen und auf die Butter…? Ach nein.) Auch wenn zwei Menschen über 90 matching points haben, ist Begehren eben nicht garantiert. Vielleicht begehrt nur einer. Und wenn dann der nicht Begehrte fragt, weshalb das so sei, fehlt dem anderen womöglich die Erklärung.

Begehren benötigt kein Wissen, keine berechnete gemeinsame Basis. Es ist einfach da, oft, wenn man es am wenigstens erwartet, es am wenigsten erklären kann. Man sieht jemanden und weiß: Ich will mit diesem Menschen teilen, Zeit, einen Abend, eine Nacht … meine Gedanken, meine Träume, mich. Man überlegt nicht, ob man genügend matching points erfüllt. Hängt an seinen Lippen, an seiner Stimme, will reden und gleichzeitig zuhören und küssen, am besten alles zusammen, ohne dass die Zeit aufhört. Im Grunde fußt das Begehren auf der spontan im Kopf gefassten Idee von einem anderen Menschen, die sich in einer winzigen Geste, einem winzigen Augenblick festgesetzt hat und einen nicht mehr loslässt. Wie der andere das Weinglas zum Mund geführt hat etwa, die Gitarre zuvor auf der Bühne hielt oder ein bestimmtes Wort aussprach, wie er seine Augen und Hände sprechen ließ. Wunderbar kribbelt sie dabei im Körper auf und ab, diese Idee, bis irgendwann die Vernunft kommt und sehr uncharmant sagt: Jetzt ist aber mal jut! Nicht zu viel Träumen …

Träumerei mal drei

Ich gehöre zu diesen verträumten Romantikern, die glauben, dass es solch magische Momente gibt. Das Schlimme ist, wenn man sie schon einmal erlebt hat, bemisst man jedes andere Kennenlernen daran. Da interessiert man sich nicht für Sondierungen mittels matching points, schon gar nicht für Sätze wie „aber wir passen doch so gut“, nein, tun wir nicht, nur auf dem Papier, aber man will halt einfach diesen Wow-Moment. Und ärgert sich über all die Paare in seiner Umgebung, die mit weniger zufrieden sind und, ja doch, tatsächlich glücklich werden können. Verflixt, ich bin ehrlich verdorben für jede Partnervermittlung. Für die Politik ja sowieso. Kurz hatte ich darüber nachgedacht, sehr kurz.

Vielleicht sollte die Liebe sich dennoch insgesamt wieder ein wenig befreien von dieser zwanghaften Idee der matching points. Es sind ja alle ganz verwirrt, vor allem – und damit sind wir doch wieder unmittelbar bei der Politk – über allen matching points hängt ein Schatten, der flüstert, dass „was nicht passt, passend gemacht wird“ und dieser Schatten gehört immer dem Stärkeren. Übereinstimmung ist letztlich auch wieder eine Frage der Erwartung und der Auslegung. Keine gute Idee. Für mich. Gemeinsamkeit entstünde doch besser aus gegenseitigem Begehren und nicht aus dem Abklopfen vermeintlicher Gemeinsamkeiten. Aber wie gesagt, ich bin verdorben für praktische Ansichten, verdorben für praktische Liebe, ich bin so ein Steinbock, zwar schrecklich unterkühlt, aber wenn entflammt, dann mit dem Kopf durch die Wand und das voller Leidenschaft, auch wenn es wehtut und Schaden bringt. Ich bin kein „Sondierer“.

Herr Lindner sitzt erschöpft auf meiner Butter. Sicher weiß er bereits, dass es ein riskanter Schachzug war, die Sondierung zu verwerfen, er ist vermutlich auch kein „Sondierer“ in seinem Innersten. Politisch finde ich das verwerflich, da hätte man sich schon an die matching points klammern dürfen, menschlich kann ich ihn sogar verstehen. Müde sieht er aus. Vielleicht guckt er jetzt noch einen Tick verletzter; warum nicht, gibt bestimmt auch davon gute Fotos. Jeder muss eben schauen wo er bleibt.

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin

Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr.

Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken

Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch?

Tina Schlegel im Netz

Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden.
Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

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