Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

Nachdem alle ihm erzählt hatten, unter der Federführung des neuen Duos Ferri & Conrad sei Asterix zeichnerisch und vom Wortwitz her zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, besorgt sich unser ComiXjunkie den vor kurzem erschienenen Band 37, liest ihn durch, legt ihn wieder weg, seufzt und denkt: nette Geschichte, aber …


Asterix in Italien

Band XXXVII

»Wir brauchen dringend Stoff für die bunte Seite«, meinte Heinrich auf der letzten Redaktionskonferenz.
»Was schwebt dir da vor?«, fragte Ulf.
»Na, zum Beispiel der neue Asterix. Alle reden drüber. Aber wir haben bisher nichts dazu gebracht. Wer meldet sich freiwillig?«
Alle blickten nach unten und taten plötzlich sehr beschäftigt mit ihren Notizblöcken und Smartphones. »Henning ist eigentlich unser Mann fürs Triviale«, meldete sich Ulf zu Wort. Ein halbes Dutzend Paar Augen richteten sich nun auf mich.
»Okay, okay, ich tue es«, willigte ich ein. »Deadline?«
»Morgen«, sagte Heinrich.
»War klar«, antwortete ich.

Wegen Feiertag waren alle Kioske geschlossen, und ich fuhr zur Bonner Bahnhofsbuchhandlung, um mir den Band dort zu besorgen. Prangte mir schon in riesigen Lettern im Schaufenster entgegen: Asterix in Italien. Laufende Nummer 37 der Reihe. Ich setzte mich in ein Café, bestellte einen Cappuccino, begann in den Seiten zu blättern, tauchte ein in die mir seit Kindheit wohlvertrauten bunten Bilder und Sprechblasen, ließ mich hineinziehen in  die immer gleiche Geschichte von Ränke schmiedenden, dekadenten  Römern und anfangs naiven, am Ende aber stets aufgrund der Cleverness von Asterix und der Stärke von Obelix erfolgreichen Gallier, deren kleines Ökodorf den kompletten Gegenentwurf zur durchkommerzialisierten Weltmetropole am Tiber darstellt, seufzte wehmütig, sobald ich eine Reminiszenz an frühere Ausgaben erkannte und legte das Heft eine Stunde und zwei Cappuccini später wieder vor mich auf den Tisch. War Nr. 37 nun eine gelungene Ausgabe oder nicht?

Was soll man als Kritiker über eine Serie schreiben, die man bereits Mitte der 80er Jahre abgehakt hatte? Beginne ich mit dem Positiven: die Zeichnungen von Didier Conrad erreichen durchgängig die Qualität Uderzos. Auch mit geübtem Auge lassen sich keine Unterschiede erkennen. Haptik wie gewohnt, Preis mit 6.90€ – bei 46 Seiten – fürs Softcover völlig okay. Story gefällig, kann man in einem Rutsch durchlesen. Ich hatt’s mir nach den Tiefpunkten Nr. 30 (A. & Maestria) und Nr. 32 (A. plaudert aus der Schule) deutlich schlimmer vorgestellt.

Antike Schlaglöcher und eine korrupte Verwaltung

Worum geht’s in Nr. 37? Der für den Bereich Verkehrswesen im römischen Reich zuständige Senator Lactus Bifidus soll in einem Ausschuss erklären, weshalb sich das Wegenetz im Kernland Italien in desaströsem Zustand befindet. Seine Kollegen bezichtigen ihn der Unterschlagung von Steuergeldern. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, schlägt Bifidus die Organisation eines Wagenrennens vor, das von Nord nach Süd  über den gesamten Stiefel führt, um somit der Bevölkerung und dem misstrauischen Senat zu demonstrieren,  dass die Straßen in weit besserem Zustand sind, als seine politischen Gegner böswillig behaupten. Cäsar bekommt Wind von der Sache und regt eine Erweiterung des Teilnehmerfelds auf alle Völker der von der Wölfin beherrschten Welt an. Allerdings unter der Voraussetzung, dass am Ende ein Römer gewinnen muss.  Unsere beiden Helden erfahren natürlich von dem in Kürze bevorstehenden Großereignis, kaufen eine gallische Sportkarosse und machen sich auf zum Startpunkt des antiken Giro d’Italia: Monza. Dort haben sich rund zwei Dutzend Wagenlenker aus sämtlichen Regionen des Imperium eingefunden. U.a. der als unbesiegbar geltende Lokalmatador Caligarius, der mit goldener Maske antritt, samt Copilot Bleifuß. Das Rennen startet sofort und führt über die Stationen Venedig, Parma, Florenz, Siena, mit längerem Zwischenstopp am Tiber bis zum Zielort Neapel. Zwischendurch wird natürlich von den Römern auf Teufel komm raus getrickst: Schilder weisen in die falsche Richtung, Räder werden angesägt, Öl auf der Straße verteilt, langwierige Verkehrskontrollen für sämtliche ausländischen Gespanne durchgeführt. Das Feld der Teilnehmer lichtet sich bedenklich. Caligarius rast derweil von einem  Etappensieg zum nächsten. Misstrauisch geworden, stellt Asterix den Römer, reißt ihm den Helm vom Kopf und erfährt vom abgefeimten Spiel, hinter dem Senator Bifidus als Planer und Bleifuß als sein Vollstrecker stecken. Obelix zerstört das Gefährt, Caligarius bleibt als Häufchen Elend am Straßenrand zurück. Nun eilen unsere Gallier dem Sieg entgegen, als sie plötzlich an den Hängen des Vesuvs vom Mann mit der goldenen Maske überholt werden. Wie konnte das geschehen? … mehr erzähle ich nicht, denn ich will den potenziellen Band 37-Käufern ja nicht alles vorher verraten.

Müder Abklatsch einer alten Story

Liest sich munter wie ein Donald-Duck-Abenteuer. ABER – und an dieser Stelle muss ein großgetipptes Aber erfolgen – der Story mangelt es an zwei wichtigen Zutaten: Witz und Originalität. Das Ganze gab’s nämlich schon mal: Band 6, Tour de France (in Deutschland erschienen 1970; im frz. Original 1965 als lfd. Nr. 5). Ich krame das Heft aus einem Umzugskarton hervor, nehme es nach gefühlt dreißig Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand. WAS für ein Unterschied! Goscinny war im Genre (Semi-) Funnies ein Comictextriese, prägte mit seiner Handschrift Serien wie Umpah-Pah, Lucky Luke, Isnogud und natürlich Asterix, die ohne seinen feinen Humor über Micky-Maus-Niveau nie hinausgelangt wären. Asterix nahm, vom leicht hölzernen Start mit „Der Gallier“ (1961) mal abgesehen, sofort in Band 2 „Die goldene Sichel“ (in Frankreich veröffentlicht 1962, Deutschland: 1970 als Nr. 5) gehörig Fahrt auf. Es folgten Kracher wie: Kleopatra, Legionär, Arvernerschild, Der Seher, um nur einige der Highlights von insgesamt 24 sehr guten bis hin zu hervorragenden Alben aufzuzählen.

Unvergessen die Bonmots:
„Die spinnen die Römer“ (in jedem Heft)
„Sie hat einen schwierigen Charakter, aber eine hübsche Nase“ (über Kleopatra)
„Warum Cäsar geben, was wir selbst behalten können?“ (bei den Belgiern)
„Zeit ist Sesterz“ (A. und die Normannen)
„Mit den Römern ist es wie mit den Austern: allzu viele sind ungesund“ (Tour de France)
„Das ist ein Essen für die Goten!“ (als Legionär)
„Ich erzähl ihm von Ruhm, und der kommt mir mit Pilzen“ (Arvernerschild).

Wer erinnert sich nicht an die Running gags:
• Die Fesselung von Troubadix vor dem Schlussbankett, damit dieser nicht singt
• Die Diskussionen zwischen Automatix und Fischverleihnix über den Frischegrad der vom Zweitgenannten angebotenen Produkte
• Die Eifersuchtsszenen des Methusalix
• Der Sekundenschlaf eines der beiden Träger von Majestix, woraufhin der Häuptling vom Schild fällt
• Das Versenken des Piratenschiffs
• „Wer ist dick? Ich sehe keinen Dicken. Du etwa Asterix?“

Die sparsam, aber regelmäßig, eingeflochtenen lateinischen Sprüche versöhnten uns mit dem drögen „de bello gallico“, den wir gerade in der Mittelstufe durchnahmen.

Dieses kunstvolle Gebilde, in dem Text und Illustrationen millimetergenau aufeinander abgestimmt waren, bröckelte bereits mit dem ersten Album, das nach Goscinnys Tod erschien: Der große Graben (1980, Nr. 25), um dann in beängstigender Schnelligkeit von Heft zu Heft weiter an textlicher Qualität einzubüßen, bis die Serie Ende der 80er Jahre auf der Talsohle des Fix- & Foxi-Niveaus angelangt war, von dem sie sich nicht mehr erholte, solange Uderzo in Pesonalunion für Bilder und Text verantwortlich zeichnete.

Goscinnys Witz bleibt unerreicht

Seit Nr. 35 (bei den Pikten) haben sich zwei neue Künstler der dahinsiechenden Reihe angenommen: Didier Conrad (Zeichnungen. Bekannt durch die Serie: Helden ohne Skrupel) und Jean-Yves Ferri (Text. Publizierte vorher vorwiegend im französischsprachigen Raum). Während Conrad scheinbar mühelos Uderzo kopiert, erkennt man bei Ferri, dass im Genre Funnies niemand mehr den Wortwitz Goscinnys erreicht. Neben dem gigantischen Altmeister wirken sämtliche Schüler wie Zwerge, bestenfalls durchschnittlich begabte Handwerker. Die Mittelmäßigkeit zieht sich zäh wie ein ausgelutschter Kaugummi durch den gesamten Band 37. An Stellen wie „Das war nun wirklich nicht nötig, sich massakrieren zu lassen, nur um hierher zurückzukehren“ (ein Legionär zum anderen vor dem Lazarettzelt im Lager Kleinbonum) in Nr. 6, bei denen man auch heute noch herzhaft lachen kann, herrscht in „Asterix in Italien“ stattdessen Humor à la Deutsche Comedians in einer ZDF-Spendengala vor: bemüht, aber nicht lustig.

Die Macher wollen zu viel gleichzeitig: Parallelen zum heutigen Zeitgeschehen aufzeigen, Figuren aus alten Bänden einflechten, uns durch jede Stadt der Apenninenhalbinsel führen (ganz überflüssig bei Venedig, das damals noch nicht existierte), eine Mischung aus antiker Formel 1 und Giro d’Italia kredenzen, erklären, dass es einen Unterschied zwischen Italikern und Römern gab, Cäsar auf Teufel komm raus integrieren und was ihnen sonst noch auf jeder Seite so an vordergründig Innovativem einfiel. Aber bei all diesen tausend Mosaiksteinen verlieren sie das Wichtigste aus dem Auge: nämlich eine gute Geschichte zu erzählen. Weniger wäre hier wirklich mehr gewesen. Ständig erscheinen neue Personen auf der Bildfläche. Die Charaktere bleiben deshalb oberflächlich. Es ist eine durchschnittliche Comicstory, wie sie auch aus dem Hause Disney stammen könnte. Flott gezeichnet, hastig erzählt, die Szenerie wechselt im Sekundentakt. Erinnert von der Vorgehensweise her an Fluch der Karibik. Man schaut es an, fühlt sich während der 90 Minuten ganz gut unterhalten, schaltet aus und vergisst die Handlung sofort wieder. Diese bittere Erkenntnis gilt leider für sämtliche Asterixalben, die nach dem Tode Goscinnys auf den Markt geworfen wurden. Nr. 37 macht da keine Ausnahme. Das Publikum schmunzelt und applaudiert aus Freundlichkeit. Zu mehr reicht es nicht.

Asterix liegt auf der Intensivstation und wird dort künstlich am Leben erhalten

Als trauriges Fazit bleibt zu sagen, dass die beiden Helden mittlerweile nicht nur stark angestaubt wirken, sondern sich auch längst überlebt haben und schon seit vielen Jahren auf dem Friedhof der Comicgeschichte ruhen müssten. Es ist jedoch wie bei James Bond: der Patient will einfach nicht sterben. Ständig wird eine neue Folge rausgehauen und die altersschwache Kuh solange gemolken, bis sie völlig ausgesaugt und ihres letzten Fitzelchens Attraktivität beraubt vom Verlag den Gnadenschuss erhält.  Vielleicht hilft ein kompletter Relaunch: Beibehaltung des Settings, jedoch andere Protagonisten, frische Zeichnungen und neue Texte. Den Wortwitz des Altmeisters kann man nicht kopieren; es trotzdem probieren zu wollen, ist eine Mission impossible. Das Klügste wäre gewesen, die Reihe mit Band 24 (bei den Belgiern) – die letzte Nummer für die Goscinny textete – zu stoppen. Alles, was danach kam, erreichte nie mehr auch nur annähernd den vorherigen Qualitätsstandard. Es geschah nun das, wogegen die gallischen Helden stets ankämpften: vollständige Kommerzialisierung der Marke: Filme, Asterixfunpark, Fanartikel, Übersetzung in zahlreiche Sprachen bei gleichzeitiger Nivellierung des Produkts auf Disney-Level. Fehlt noch ein Asterix-Musical, um das Grauen perfekt zu machen. Man kann der Serie bloß wünschen, dass sie spätestens mit Nr. 40 eingestellt und nicht bis Nr. 100 vollends zu Schanden geritten wird. Goscinny würde im Grab rotieren, wenn er lesen müsste, was sein früherer Kompagnon Uderzo aus dem einstigen Flagschiff-Comic gemacht hat. Der ist mittlerweile so tief im Morast der Banalität versunken, dass auch das neue Duo (die Herren gehen übrigens beide stramm auf die 60 zu) ihn da nicht mehr wird rausziehen können.

Leseempfehlung „Asterix in Italien“: 4 von 10 möglichen Punkten bis hin zu: man verpasst nichts, wenn man es nicht tut. Eventuell was für Nostalgiker, die sich an den Bildern mehr erfreuen als am Text. Ich werde das Heft nun in einen Karton im Keller legen, wo es vergilbt und irgendwann zu Staub zerfällt, denn ich werde es hundertpro nicht nochmal in die Hand nehmen.

 

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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